Wieviel Spielerei verträgt eine Überschrift?
Wanne heikel
Überschriften sollen den Leser informieren und so klar machen, ob die Lektüre des Artikels für ihn lohnt. Überschriften sollen auch locken – mit raffinierter Sprache und kleinen Spielereien. Aber die Reihenfolge muss stimmen: Erst die Information, dann die feuilletonistischen Reize.
Wer weiß, wie Leser lesen – zuerst das Bild, dann die Überschrift -, wer also die Anziehung eines Bildes kennt, kann die Kraft des Bildes auch nutzen und in der Überschrift spielen – wie die Süddeutsche Zeitung heute auf der Panorama-, der vermischten Seite:
„Wanne heikel“ spielt auf die teure Badewanne des ehemaligen Limburger Bischofs Tebartz-von-Elst an und nimmt kalauernd den Städtenamen Wanne-Eickel auf. Gab es zuvor mal die Überschrift: Wanne eitel?
Christian Lindner, Chefredakteur der Koblenzer Rhein-Zeitung, hat sogar eine „Hall of Fame der „#rzHeadlines“ auf Twitter eingerichtet, aktuell ist er bei Folge 1273:
„Lochte geht baden“ = Zeile auf Sport zur Abkehr der Sponsoren von US-Schwimmer Ryan Lochte.
Weitere Koblenzer Hall-of-Fame-Kandidaten aus jüngerer Zeit:
- „Deutsche finden Anglizismen eher uncool“ | Zeile auf Panorama zu Sprach-Umfrage
- „Wir wollen doch nur spielen“ | Zeile auf Wirtschaft zur Gamescom
- „Früher waren mehr BHs“ | Zeile auf Kultur extra über den Wandel bei NatureOne
- „Deutsch, deutscher, Dackel“ | Zeile auf Panorama zur Dackelschau des Deutschen Teckelclubs
- „Wo man den Wald vor lauter Bäumen sieht “ | Zeile im Reiseteil zu Überblick über Baumwipfelpfade
- „Erdogan im Ausnahmezustand“ | Zeile auf Tagesthema
- „Lochte geht baden“ | Zeile auf Sport zur Abkehr der Sponsoren von US-Schwimmer Ryan Lochte
- Und ein Blick nach nebenan: Goldverdächtige Schlagzeile der Bild zur pro-russischen IOC-Entscheidung im Sinne Thomas Bachs: „So geht Olympia den Bach runter“.
Auf der Panorama-Seite zitiert die SZ heute (30. August 16) die Überschrift einer nicht genannten Lokalzeitung, die über den Bericht zu einer 68-köpfigen Gänse-Schar schrieb, die alle vom Blitz getroffen stürzten:
Das Schlaraffenland liegt in Niedersachsen – Gänse fielen gegrillt vom Himmel
Schlagzeile in Koblenz: Hetzjagd gegen Flüchtlinge oder notwendige Information?
„Kassenpatienten zahlen für Flüchtlinge“
Mit dieser Zeile machte die Rhein-Zeitung in Koblenz am Samstag die Titelseite auf. Einige Leser protestierten: „Hetzjagd gegen Flüchtlinge“. Chefredakteur Christian Lindner reagiert darauf in seinem montäglichen Newsletter:
Wenn wir aus Furcht vor Stimmungen nicht mehr das sagen, was Sache ist, bekommen wir auf Sicht noch ganz andere Probleme. Wir werden uns deshalb weiter an den Fakten orientieren – und Schlagzeilen formulieren, die Entwicklungen auf den Punkt bringen. Auch wenn diese nicht jedem gefallen.
So nennt die Rhein-Zeitung auch die Nationalität eines 19-jährigen Asylbewerbers aus Afghanistan, der, mit einem Messer bewaffnet, in einer Spielhalle eine Frau als Geisel genommen und die Zusicherung einer Aufenthaltserlaubnis gefordert hatte. „Wir nennen die Nationalität des Täters – weil das untrennbar zur Beurteilung der Tat gehört“, schreibt der Chefredakteur.
Ein neues Verb: „lügenpressen“
Christian Lindner, Chefredakteur der Rhein-Zeitung in Koblenz, prägt ein neues Verb: „lügenpressen“ – also ich lügenpresse dich, du lügenpresst mich usw.. So geschehen in einem Tweet, nachdem Frauke Petry, die AfD-Vorsitzende, während der Autorisierung den Schießbefehl gegen Flüchtlinge nicht mehr erwähnte. Lindner machte dies öffentlich und twittert nun:
Für die AfD ist es also „übelste Verleumdung“, wenn transparent wird, wie Frauke Petry lügenpressen wollte…
Petry bei der Lügenpresse – diesmal Autorisierungs-Ärger bei der Rhein-Zeitung
Den Wagemut der AfD-Vorsitzende könnte man bewundern: Nach dem Interview beim Mannheimer Morgen mit verheerender Wirkung, weil Petry den Schießbefehl an der Grenze empfahl, besuchte sie nun die Rhein-Zeitung in Koblenz. Es ist Wahlkampf im Südwesten, und im Interview sagt sie entwaffnend: „Was dem Land jeden Tag schadet, meist durch illegale Einwanderung, das nützt der AfD parteipolitisch aktuell.“
Und wieder kracht es bei der Autorisierung. RZ-Chefredakteur Christian Lindner beklagt: Petry hat ein Interview „dreist“ umgeschrieben. Im Gespräch habe sie „eindeutig“ den Einsatz von Waffen an der deutschen Grenze gefordert, aber in der zur Autorisierung vorgelegten Fassung spreche sie nur noch von der Verantwortung der Grenzbeamten und vom „Grundsatz der Verhältnismäßigkeit“. Autorisierung hin, Autorisierung her: Der Chefredakteur macht die Änderungen öffentlich, kommentiert und erklärt dem Leser die Vor- und Nachteile der Autorisierung.
Nachtrag (6. Februar 2016)
AfD-Parteisprecher Christian Lüth zu Meedia.de:
Wir hatten vor dem Interview eine Autorisierung vereinbart, aber daran hat sich die Zeitung nicht gehalten… Wenn man Probleme mit der Autorisierung eines Interviews hat, dann klärt man das danach im vertraulichen Gespräch. Was die Rhein-Zeitung jetzt getan hat, ist nichts anderes als übelste Verleumdung.
Wer entdeckt das längste Wort des Jahres? 31 Buchstaben – oder mehr?
„Direktluft-Zuschauer“ ist eine Wort-Entdeckung von Christian Lindner, Chefredakteur der Rhein-Zeitung; er fand sie im Theater auf einem Schild in den Kulissen, gemeint ist wohl ein technischer Hinweis auf Direktluft in den Zuschauerraum.
Beim Theaterbesuch erfindet Lindner gleich ein neues Wort, mit dem wir den Wettbewerb um das längste Wort des Jahres eröffnen:
Bei unserem Wettbewerb geht es, wie im Sport, um die Jahresbestleistung. Den Allzeit-Duden-Rekord hält die „Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung“ mit 36 Buchstaben; im Duden-Korpus steht ein Wort mit 104 Buchstaben, das allerdings nur einmal gesichtet wurde.
Noch ein paar Zahlen: Im Durchschnitt umfasst ein deutsches Wort elf Buchstaben. Das am meisten gebrauchte Substantiv ist – Jahr, gefolgt von Uhr, Prozent, Euro und Million. „Frau“ wird häufiger genannt als „Mann“.
Wie Leser mit Facebook & Co den Redakteuren helfen
Lars Wienand (38), Social-Media-Redakteur der Rhein-Zeitung, gibt in einem Interview mit „istlokal.de“ Beispiele, wie Leser den Redakteuren helfen können mit Themen-Anregungen, Nachrichten und Meinungen, Bildern und Videos:
1. Videos von einem eindrucksvollen Unwetter kamen von Lesern; ein Drittel der Videos hatte die Redaktion allerdings auch selber im Netz gefunden.
2. Fünf Minuten nach der Meldung „Tankstellen verlangen jetzt Geld für Luft in Reifen“ hatten Leser zwei Fälle von Tankstellen im Verbreitungsgebiet gemeldet. Wienand: „Die Suche wäre ohne diese Hilfe wohl sehr mühsam gewesen. Das zeigt, dass Social Media nicht nur Arbeit, sondern auch Arbeitserleichterung bedeuten kann.“
3. Ein Dutzend Leser meldeten sich, als die Koblenzer Lokalredaktion der Rhein-Zeitung per Tweet erfahren wollte, wie Amazon mit seinen Beschäftigen umgeht.Nach dem Artikel in derZeitung meldeten sich auch zufriedene Amazon-Mitarbeiter.
4. Auf den Tweet der Kollision eines Autos mit einem Traktor reagiert eine Leserin: Ist die mehrspurige Straße überhaupt für Traktoren zugelassen? Die Redaktion postet die Frage bei Facebook und fragt gleichzeitig bei der Polizei. Doch auf die Antwort der Polizei, der Traktor dürfe nicht fahren, reagiert ein Fahrlehrer: Die Polizei irrt. Die Redaktion ruft noch einmal bei der Polizei an, korrigiert den Text und macht den Ablauf transparent. Lars Wienand: „Der Zugriff auf das Informationsbedürfnis (Dürfen da Traktoren fahren?) und die Expertise (Auskunft der Polizei ist falsch!) vieler Quellen macht uns besser. Zur Ehrlichkeit gehört aber auch: Es nimmt auch die Zahl der Hinweise zu, die sich interessant anhören, sich aber bei Nachfragen in Luft auflösen.“
5. Auf „Google+“ können Leser Bilder posten, etwa bei einem Hochwasser, aber auch die schönsten „Sonnenuntergänge“.
Lars Wienand nennt als Regeln, wie genau man Leser-Reaktionen überprüfen muss, dieselben Regeln, die schon immer im Journalismus galten:
Wenn es ein leichtes Erdbeben gab, dann taugt auch die Dame, die sagt, dass ihr Hund eine halbe Stunde vorher bereits verrückt gespielt hat, für einen Satz – ohne weitere Überprüfung. Wenn aber eine Frau berichten will, dass ihr Nachbar ihr von unhaltbaren skandalösen Zuständen bei Amazon erzählt hat, dann bitten wir sie um Verständnis, dass wir das schon vom Nachbarn selbst hören möchten. Mit dem Gewicht einer Nachricht oder von Vorwürfen wachsen auch die Anforderungen an die Quelle und der Aufwand, die Glaubwürdigkeit zu checken.
Twittern mit und ohne Langostinos
Christian Lindner, Deutschlands eifrigster Twitterer unter den Chefredakteuren, möchte das neue Jahr mit einem kleinen Shitstorm beginnen. Er twitterte kurz vor Mitternacht seinen Lieblings-Vorsatz:
2013? Weniger twittern. Mehr leben.
Da waren um Mitternacht einige schon ganz wach und reagierten prompt, wohl ohne Sektglas in der Hand:
twittern ist leben! // Twitter ist Leben. 🙂 // Lebe und twittere! nur Mut! Ich habe erst begonnen // Lebendiger twittern!
Da lobe ich mir Anton Sahlender, Vize-Chefredakteur und Leseranwalt der Mainpost, der zweiteifrigste Twitterer. Er schreibt aus Katalonien in die Welt kurz vor Mitternacht:
Langostinos, gebraten in Knoblauch und Petersilie. Gleich gehts los
Dazu gibt’s ein Foto. Ja, das ist Leben!
Wortschöpfer: Löffelfertig, ticktacken und mähmähen
Christian Lindner, Chefredakteur der Rhein-Zeitung, hörte ein neues Wort und twitterte:
Wie heißt das Pendant zu „Schlüsselfertig“ bei Hotel-Projekten? „Löffelfertig„. (In Gespräch mit Makler gelernt)
Das Wort hatte ich auch noch nicht gehört, scheint bei Hauskäufern- und verkäufern geläufig zu sein: 27.000 Einträge bei Google.
Dirk Koch hat in „Murt“, seinem fulminanten Erzähl-Buch aus Irland, lautmalend zwei Verben erfunden:
- „ticktacken“ hat gerade mal 1600 Fundstellen, kommt wohl im Plattdeutschen vor;
- „mähmähen“ hat gerade mal eine Handvoll Google-Einträge, die zu entlegenen Stellen führen.
Der, die, das Gott (Friedhof der Wörter)
Ist Gott männlich oder weiblich? Die deutsche Sprache ist sich sicher: Gott ist ein Mann – eben: der Gott.
Die deutsche Familienministerin Schröder ist sich nicht sicher: „Man könnte auch sagen: das liebe Gott“, erklärt sie in einem Interview mit der Zeit. Da Interviews von Ministerinnen nicht einfach so in der Zeitung drängen, wird sich die Ministerin lange geprüft haben, ob sie eine sprachliche Panik-Attacke reiten soll.
Sie ist geritten – auch noch kurz vor Weihnachten, also in einer an Nachrichten armen Zeit. Es kam, wie es wohl geplant war: Ein kurzer Weihnachtssturm wütete. Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) hat die Ehre Gottes in der Bildzeitung gerettet, dem Zentralorgan der deutschen Männlichkeit: „Dieser verkopfte Quatsch macht mich sprachlos.“
Katherina Reiche, auch eine Parteifreundin, sprach nicht von ihrer Sprachlosigkeit, aber stellte den Weihnachtsfrieden wieder her: „Der liebe Gott bleibt der liebe Gott!“
Nein, verehrte Politikerinnen: Frau Schröder hat den Sturm nicht verdient. Der, die, das Gott? „Der Artikel hat nichts zu bedeuten“, sagt sie im Interview, bevor sie Gott zur Sache macht.
Recht hat sie. Warum ist die Bibel weiblich? Die Kirche ebenso? Das Christentum sächlich?
Der Artikel taugt wenig zu ideologischer Auseinandersetzung. Schröders Pressesprecher hat sogar die Bücher des Papstes lesen müssen und wurde fündig: „Natürlich ist Gott weder Mann noch Frau.“
So wird der Weihnachtssturm zur warmen Brise, passend zum Frühlingswetter an Heiligabend. Wenn die Ministerin beim nächsten Fest wirklich die Entrüstung stürmen lassen will, nehme sie den Stellvertretern Gottes ihren Artikel: Das Papst, das Bischof, das Priester – da ächzt das Kirchengebälk! Denn Gott ist alles, aber der Papst bleibt ein Mann.
(Die Überschrift ist der Rhein Zeitung entnommen. Christian Lindner hat sie gewittert und in seine „Hall of Fame“ der besten Überschriften aufgenommen)
Thüringer Allgemeine (geplant für 27. Dezember 2012)
Sind Deutschlands Chefredakteure bestechlich?
Christian Lindner, Chefredakteur der in Koblenz erscheinenden Rhein-Zeitung, zeigt sein Honorar bei Twitter an (18.11.12, 19:28):
Zeige hiermit mein Moderations-Honorar beim #forumWHU an: Eine Flasche Nahe-Riesling. Mit Blindenschrift auf Etikett.
(zu: Handbuch-Kapitel 38 Die Satire)
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