Was ist guter Lokaljournalismus? Themen setzen, die die Menschen bewegen
Alle Redaktions-Projekte, ausgezeichnet mit dem Deutschen Lokaljournalistenpreis, haben nichts mit Terminkalender-Journalismus zu tun, sind nicht Ergebnis irgendeiner Pressekonferenz.
Alle Redaktionen brillieren, weil sie Themen setzen.
So Jury-Sprecher Dieter Golombek in seinen Schlussgedanken beim Gespräch mit den Preisträgern im Bonner Post-Tower; dies Gespräch findet traditionell am Vorabend der Preisverleihung statt und wird von Preisträgern als der heimliche Höhepunkt gepriesen. Die Redakteure, die sich den Preis erarbeitet haben, erzählen von der Lust, aber auch von den Schwierigkeiten bei ihrem Projekt. Auf einer DVD fände man es unter: The Making Of.
In all den Jahren fällt auf: Da die meisten Konzepte und Aktionen neu sind, als Idee noch unvollkommen, zudem so nirgends verwirklicht, kommen die meisten Widerstände aus den Redaktionen selbst. Wer die gewohnten Wege verlässt, muss in vielen Redaktionen offenbar mit Unverständnis rechnen. Davon ist bei der Preisverleihung aus guten Gründen selten etwas zu hören; da überwiegt, auch aus guten Gründen, die Freude über ein großes Projekt.
Was zeichnet konkret die Preisträger in diesem Jahr aus? Dieter Golombek:
Alle Preisträger waren viel unterwegs, die Freiburger Badische Zeitung über tausend Kilometer bei ihren Touren durch die Stadtteile, die Thüringer Allgemeine dreihundert Kilometer bei ihren Wanderungen die alte innerdeutsche Grenze entlang, die Augsburger Allgemeine bei ihren Ausflügen in über zweitausend Jahre Zeitgeschichte, der Bremer Weser Kurierbei seinem Versuch, ein Schwein ein Schweineleben lang zu begleiten. Und nicht zuletzt die Reporter aus Hameln (Deister-und-Weserzeitung) und der Stuttgarter Zeitung, die sich zu Reisen in die Zeit aufgemacht haben.
Sie tun es nicht, weil sie unbedingt Lust auf das Thema haben, sie tun es im Interesse ihrer Leser. Sie greifen die Themen auf, die die Menschen bewegen, den regionalen Verkehrskollaps ebenso wie die Energiepolitik der Stadtwerke, die Alltagsprobleme von Familien ebenso wie das E-Auto, das die Wirtschaftskraft einer Region bedroht.
Die Redakteure nehmen also nicht die Themen, die ihnen, ihren Bekannten und Freunden gefallen, sondern sie hören zu, worüber die meisten Menschen in ihrer Stadt und ihren Dörfern reden oder reden wollen. Sie bewältigen die größte Schwierigkeit der Lokalredakteure: Sie müssen sich außerhalb ihrer Gemeinschaft umhören, dort wo sich nicht die hoch gebildeten Eliten versammeln, den Meinungsträger, die Bestimmer.
Mehr zu den Konzepten der Preisträger auf www.drehscheibe.de
Die Preisträger, ausgesucht unter 588 Einsendungen (so viele wie nie zuvor):
1. Preis: Bonner General-Anzeiger für das Konzept einer Familienzeitung.
Die Zeitung macht Familien, deren Alltagsprobleme und Herausforderungen, deren Wünsche und Träume zur Richtschnur für ihre redaktionelle Arbeit. Die Redaktion liefert in einer gigantischen Serie, die über Jahre läuft, Familien Gesprächsstoff und Lebenshilfe und macht sie zu Mitgestaltern der Zeitung.
2. Preis, geteilt: Die Mittelbayerische Zeitung für das Konzept der Themenwochen
Die Westfälische Rundschau für ihr Konzept der Themenpräsentation.
Kategorien-Preisträger:
Augsburger Allgemeine für die Serie „Augsburgs starke Geschichte“ (Kategorie Geschichte),
Badische Zeitung für das Projekt „BZ-Stadtteilcheck“ (Kategorie Service),
Deister- und Weserzeitung für die Serie „Zeitgeschichten“ (Kategorie Alltag),
Rhein-Zeitung für die Reportage „Lobo, der Wolf vom Zentralplatz“ (Kategorie Reportage),
Süderländer Tageblatt für die Serie „Höchst elektrisierend – die neue Mobilität“ (Kategorie Wirtschaft),
Saarbrücker Zeitung für die Serie „Nix verstehen?!“ (Kategorie Integration),
Stuttgarter Zeitung für die Serie zur Zeit (Kategorie Alltag),
Thüringer Allgemeine für die Serie „Auf dem Kolonnenweg“ (Kategorie Zeitgeschichte),
Weser Kurier für das Projekt „Ein Schweineleben“ (Kategorie Verbraucher).
(zu: Handbuch-Kapitel 55 Der neue Lokaljournalismus + Service C Erste Adressen: Journalistenpreise, Seite 381)
Deutsche Lokaljournalistenpreise: Glückwunsch nach Bonn, Dortmund und Regensburg!
Die Deutschen Lokaljournalistenpreise sind die Oscars der Zeitungsbranche. Sie werden für große Projekte, Konzepte und Serien vergeben – wie für das Konzept der Familienzeitung, mit dem Chefredakteur Andreas Tyrock den ersten Preis für den Bonner Generalanzeiger holt.
Nach Regensburg und zur Mittelbayrischen Zeitung, die erstmals auf das Treppchen steigt, geht der zweite Preis für das Konzept der Themenwochen.
Der zweite Preis wird geteilt und geht auch an die Westfälische Rundschau in Dortmund und somit vor allem an Frank Fligge, den stellvertretenden Chefredakteur und Vater der großflächigen Themenpräsentation im Lokalen.
In den einzelnen Kategorien gehen die Preise an:
- Augsburger Allgemeine (Kategorie Geschichte)
- Badische Zeitung (Service)
- DeWeZet (Alltag)
- Rhein-Zeitung (Reportage „Lobo, der Wolf vom Zentralplatz“)
- Süderländer Tageblatt (Wirtschaft)
- Saarbrücker Zeitung (Integration)
- Stuttgarter Zeitung (Alltag)
- Thüringer Allgemeine (Zeitgeschichte)
- Weser Kurier (Verbraucher)
(zu: Handbuch-Kapitel 55 „Der neue Lokaljournalismus“)
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