Wie miserabel Kommunikations-Wissenschaft kommuniziert (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 22. Februar 2014 von Paul-Josef Raue.

Wie informieren sich Bürger über Politik? Wie kommen Politiker mit Bürgern ins Gespräch? Wie reagieren die Bürger, viele verdrossen, auf Politik?

Intensiv informieren sich Bürger in ihren Zeitungen, vor allem wenn es um die lokale Politik geht. Nur lesen die Jungen immer weniger und wandern ab ins Internet. Verändert das nicht nur die Gesellschaft, also unser Zusammenleben, sondern auch die Politik?

Solche und ähnliche Fragen soll die Wissenschaft von der „Politischen Kommunikation“ beantworten – und zwar so, dass sie jeder in einer Demokratie verstehen kann.

Schauen wir in ein Buch, dass der Chef der „Thüringer Landesmedienanstalt“ herausgibt und vom Bürger, genauer: vom TV-Gebührenzahler, bezahlen lässt. Das Versprechen des Buchtitels ist groß: „Die politische Kommunikation in Deutschland“.

Wer so angespornt durch 350 Seiten stolpert, liest vom „plastischen Bild der Typologie individueller politischer Kommunikation“, von der „Stabilität auf der Aggregatebene“, von „Internetdiffusion“, von der „begrenzten Zukunft für den Organisierten Extrovertierten und eine bedeutende Zukunft für den Bequemen Modernen“ – und das und noch viel mehr in einem 108 Wörter umfassenden Satz. Der Rest des Buchs ist ähnlich, ist wortschwallendes Schweigen, ist „liquide Demokratie“, die irgendwo ins Nichts fließt.

Am Ende bekommt das liquide Schweigen einen „Ausblick“: Die Welt ändert sich, die Gesellschaft ändert sich – aber wie? Das sind sich „an diese Arbeit schließende Forschungsfragen“. Es gibt also eine Fortsetzung, und die Landesmedienanstalt wird schon zahlen.

Zum guten Ende der komplette 108-Wörter-Satz aus „Politische Kommunikation in Deutschland – Eine typologische Längsschnittanalyse individuellert politischer Kommunikation“ von Angelika Füting (Vistas-Verlag), Seite 285:

Die Zusammenfassung der Ergebnisse zeichnet das plastische Bild der Typologie individueller politischer Kommunikation in Deutschland, resümiert die Stabilität auf der Aggregatebene und weist auf die wenigen Stammmitglieder auf der Individualebene hin, stellt den internetaffinen und jungen Bequemen Modernen vor dem Hintergrund der Internetdiffusion als den relevantesten Typ heraus, leitet aus der Altersstruktur eine begrenzte Zukunft für den Organisierten Extrovertierten und eine bedeutende Zukunft für den Bequemen Modernen ab, zeigt mit der Gegenüberstellung des Bequemen Modernen und des Organisierten Extrovertierten den Wandel in der politischen Kommunikation durch das Hinzutreten des Internets und weist auf die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Bequemen Modernen und Digital Natives bzw. der Internet-Generation hin (Kapitel 6.6.)

Thüringer Allgemeine 24. Februar 2014, Kolumne „Friedhof der Wörter“: Wenn Demokratie flüssig wird (hier erweiterte Fassung)

FACEBOOK-Kommentare

Raphael Raue (22.2.14)

Wenn man nichts versteht, dann sind immer die anderen Schuld? Sicher ist der im Artikel zitierte Satz mehr als unglücklich, aber daraus ein Vorfahrtsschild des journalistischen Schreibens zu konstruieren ist es ebenso. Eine Welt, in der nur der für jedermann verständliche Satz Bedeutung haben darf, wäre doch eine äußerst arme Welt, oder nicht?

Paul-Josef Raue (22.2.14)

Ach, Ihr Philosophen! Es kommt darauf an, die Welt zu verstehen. Also gebe ich mir Mühe, so zu schreiben, dass all die verstehen, die ich erreichen will. Ja, ich bin es schuld, wenn ich nicht verstanden werde: Ich gebe mir Mühe, und ich verlange nicht, dass sich der andere Mühe geben muss – um mich überhaupt zu verstehen.

Schreibe ich für eine Fachwelt, dann will ich auch nur von Wenigen verstanden werden: Also darf ich oder muss sogar eine eindeutige Spezialistensprache nutzen, so wie es Ärzte tun oder Piloten im Landeanflug.

Wer aber über Kommunikation in der Demokratie schreibt, wer sich seine Forschung vom Bürger bezahlen lässt, der hat sich gefälligst Mühe zu geben, um von allen verstanden zu werden. Und wenn er – wie in diesem Buch – nichts zu sagen hat, sollte er schweigen – und sich nicht hinter Soziologen-Jargon verstecken.

Das gilt übrigens in besonderem Maße für Journalisten: Schreib, damit sie Dich verstehen!

Ulf-Jochen Froitzheim (22.2.14)

„Eine Welt, in der nur der für jedermann verständliche Satz Bedeutung haben darf, wäre doch eine äußerst arme Welt, oder nicht?“
Eine arme Welt ist eine, in der sich Menschen keinerlei Mühe geben, für jedermann verständlich zu reden oder zu schreiben. Noch ärmer ist eine, in der Menschen etwas „ins Soziologische“ übersetzen, um ihre Fachwelt abzuschotten gegenüber denen, die mit ihren Steuern das Gehalt bezahlen.

Raphael Raue (22.2.14)

Zu Paul: Zustimmung. Deshalb wirkt das Buch unglücklich und Luhmann eben nicht.

Zu Froitzheim: Ich verstehe Sie einfach nicht.

Ulf-Jochen Froitzheim (22.2.14)

+Raphael Raue: Wenn Sie mich nicht verstehen, wie können Sie dann Füting oder Luhmann verstehen?

Um noch eins draufzusetzen: Wer einen Satz aus 108 Wörtern drechselt, muss(te) schon Dieter Hildebrandt heißen, damit kein Affront gegenüber seinem Publikum draus wird.

Manuela Cranz (22.2.14)

wobei unverständliche Schreibe, kryptische Fachsprechsatz-Versatzteile meiner Erfahrung nach praktisch immer auf Faulheit des Schreibers hindeuten. Oder darauf, dass er selbst nicht verstanden hat, was er anderen Menschen eigentlich erklären sollte (und zu feige war, oft genug nachzufragen). Das Fach-Chinesisch wird oft aus Unsicherheit verwendet, weil Kollegen es für eine Art Sicherheitsnetz halten, das davor bewahrt, sich beim Schreiben als Nichtversteher zu outen. Manchmal muss man halt drei Mal fragen: Es kann ja auch dran liegen, dass der Experte nicht gut im Erklären ist.

2 Kommentare

  • So ein Geschwalle muss schon sein. Woher sollen unsere Soziologen sonst die Schubläden kennen, in die sie uns einsortieren müssen? Frau Füting setzt nur konsequent Luhmanns Gedanken um, dass man Klartext „ins Soziologische“ übersetzen muss (also in eine Fremdsprache), damit ihn kein gewöhnlicher Steuerzahler mehr versteht:

    „Ins Soziologische übersetzt, besagt Öffentlichkeit soviel wie Neutralisierung von Rollenanforderungen, die aus engeren Teilsystemen der Gesellschaft stammen, damit auch eine Lockerung, wenn nicht Aufhebung der Selbstbindungen, die der Einzelne durch Verhalten in engeren Systemen eingegangen ist.“

    http://wp.ujf.biz/?p=1267

  • Der „relevanteste Typ“ ist der Leser. Und der ist mit Sicherheit spätestens nach dem 13. Wort der 108-Worte-Monster-Satzschlange weg: und tschüss…

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