Hat ein Toter mit seinem Namen noch Persönlichkeitsrechte? Zur Debatte um den Namen des Kopiloten

Geschrieben am 30. März 2015 von Paul-Josef Raue.

Verbietet der Pressekodex die Namens-Nennung des Kopiloten? Ja und nein. Wie bisweilen auch bei den Grundrechten muss man zwischen zwei sich widersprechenden Regeln abwägen: Welche wiegt schwerer?

Annette Baumkreuz hat in ihrem Blog die Gründe aufgelistet, die nach Artikel 8 des Pressekodex für oder gegen eine Namensnennung sprechen:

Zwei Gründe sprechen dafür:
>Die Intensität des Tatverdachts, ausgesprochen durch den französischen Staatsanwalt, der auch den vollen Namen des Kopiloten nannte.
> Die Schwere der Vorwürfe: Der Staatsanwalt spricht von absichtlichem Mord.

Ob es Absicht allerdings war, ob der Mann krank war und schuldunfähig, das wird kein Richter mehr entscheiden; ein Selbstmörder entzieht sich dem irdischen Richter.

Die übrigen Gründe sprechen laut Baumkreuz gegen die Namensnennung:

> Der ungewisse Ausgang der weiteren Ermittlungen, zum Beispiel durch die Auswertung des Flugschreibers, so er gefunden werden sollte.
> Der fehlende Bekanntheitsgrad des Kopiloten sowie fehlende Vorstrafen.
> Der Kopilot hat nicht die Öffentlichkeit gesucht.

Ich halte die beiden ersten Punkte, die für eine Namensnennung sprechen, eher stärker als die Punkte, die dagegen sprechen, zumal ein Mann, der 150 Menschen in den Tod stürzt, die öffentliche Wirkung nicht verdrängt haben dürfte.

Um Persönlichkeitsrechte geht es nicht: Sie kann ein Toter nicht mehr geltend machen. Das “postmortale Persönlichkeitsrecht” bezieht sich nicht auf den Namen, sondern auf künstlerische Urheberschaft und Verunglimpfung, gegen die Angehörige klagen dürfen. Eine andere Frage ist die Frage der Moral:

> Kann man den Angehörigen des Kopiloten die Namensnennung zumuten?
> Hilft es den Angehörigen der Opfer, wenn sie möglichst genau erfahren, warum ihre Angehörigen oder Freunde gestorben sind?

Und juristisch?
Zur Nennung des Piloten-Namens wird die Rechtsanwalt-Kanzlei Nesselhauf tätig: Sie warnt in einem Schreiben an Redaktionen vor den Folgen der Namensnennung – wohlgemerkt: beim Piloten, der zu den Opfern des Attentats gehört.

Airbus-Absturz in Frankreich: Dürfen Redaktionen den Namen des Ko-Piloten nennen?

Geschrieben am 28. März 2015 von Paul-Josef Raue.
Zuerst war der Ko-Pilot des Airbus, abgestürzt in den französischen Alpen, einer von 150 Menschen, die ihr Leben verloren haben. Folgerichtig haben die meisten Redaktionen seinen Namen nicht genannt oder abgekürzt.

Nachdem aus dem Opfer laut Staatsanwalt ein Täter geworden ist, nennen fast alle Redaktionen seinen kompletten Namen. Vorbildlich erklärt Spiegel Online den Sinneswandel:

Nachdem wir den Nachnamen des Co-Piloten zunächst abgekürzt haben, schreiben wir ihn nun, ebenso wie der an diesem Freitagabend digital erscheinende Spiegel, aus. Die bisher veröffentlichten Ergebnisse der Ermittler lassen keine Zweifel zu: Andreas Lubitz führte diese Katastrophe herbei, aus welchen Gründen er auch immer handelte. Der Pressekodex fordert für eine identifizierende Berichterstattung, es müsse “eine außergewöhnlich schwere oder in ihrer Art und Dimension besondere Straftat” vorliegen. Diese Voraussetzung sehen wir erfüllt.
Was wir auf Spiegel Online auch weiterhin nicht zeigen, sind Nahaufnahmen von Angehörigen der Opfer. Denn dafür gibt es, solange die Personen nicht von sich aus an die Öffentlichkeit gehen, keinen Grund. Wir respektieren ihre Privatsphäre.

Von den Tücken der deutschen Sprache: Kindertauschbörsen und Stapel-Hauptwörter (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 27. März 2015 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 27. März 2015 von Paul-Josef Raue in Aktuelles.

Im Frühjahr werden nicht nur Kirschbäume und Gänseblümchen wach, sondern auch die Menschen. Alle, fast alle erwachen aus dem Winterschlaf – und räumen auf. Wer nicht zur Wegwerfgesellschaft gehören will, schließt sich der Tauschgesellschaft an.

Überall wird getauscht: Alte, aber nie gehörte CD, neuwertige Skihosen, Wasserpfeifen aus Istanbuls Basar und Matroschkas von der Krim. Immer beliebter werden „Kindertauschbörsen“. Was wird da getauscht? Bei der CD-Börse werden CD getauscht, bei der Matroschka-Börse die Matroschkas – aber bei den Kindertauschbörsen?

Als die Gemeinde Ostramondra kurz vor Weihnachten zu solch einem Basar einlud, wunderte sich Armin Burghardt über die Unlogik unserer Sprache. Er ist Lokalredakteur der Thüringer Allgemeine in Sömmerda und dachte über die Tücke der Sprache in der „Guten Morgen“-Kolumne nach:

„Schon klar dass da keine Kinder getauscht werden sollen, können, dürfen. Dass es auf einem Kuchenbasar Backwerk gibt, versteht sich von selbst. Dass auf einem Babybasar dagegen kein Handel mit Neugeborenen betrieben wird, ist auch jedem klar. Nur der Begriff unterstellt anderes.“

Wenn unsere Sprache nur immer logisch wäre! Gerade die Möglichkeit, Hauptwörter endlos stapeln zu können, unterscheidet die deutsche Sprache von den meisten anderen. Sie führt zu sinnvollen neuen Wörtern wie „Elterngeld“, umstrittenen wie „Unrechtsstaat“, widersprüchlichen wie „Jägerschnitzel“ und „Kalbsschnitzel“, praktischen wie „Hausschlüssel“, langen wie „Heuschreckenkapitalismus“, scherzhaften wie „Liebestöter“, schönen wie „Liebstöckel“ und zärtlichen wie „Lächelmund“, den Goethe erfunden hat.

Eindeutig ist keine Zusammensetzung, weder die „Kindertauschbörse“ noch das „Kindbett“, denn in dem liegt nicht das Kind, sondern die Mutter. Als jüngst in Dresden die witzigste Karikatur des Jahres gesucht wurde, zeigte eine den Arzt, der ein Haus abhorcht. Eine Frau fragt ihn: „Was machen Sie denn da?“ Er antwortet: „Ich bin der Hausarzt.“

 

**

 

Thüringer Allgemeine, Friedhof der Wörter, 30. März 2015 (Neufassung einer früheren Kolumne, die nicht erschienen war)

Wie soll eine Zeitung über die Beschwerde beim Presserat berichten? (Leser fragen)

Geschrieben am 23. März 2015 von Paul-Josef Raue.

Ein Leser der Thüringer Allgemeine hatte sich beim Presserat über den Bericht in einer Lokalausgabe beschwert; darin hatte ein freier Mitarbeiter in einer Serie über ein griechisches Restaurant und seinen Inhaber berichtet und den Inhaber mit Namen und Foto vorgestellt.

Ein Leser beschwerte sich beim Presserat über die fehlerhafte Recherche: Der Name des abgebildeten Mannes sei falsch; zudem sei der Wirt kein Grieche, sondern komme aus dem Kaukasus.

Der TA-Chefredakteur Paul-Josef Raue berichtete in seiner Samstag-Kolumne “Leser fragen”:

Warum soll ein Journalist einem Menschen, der als Wirt öffentlich bekannt ist, misstrauen, wenn er seinen Namen nennt? In einer harmlosen Recherche können und dürfen wir nicht die Vorlage eines Ausweises verlangen.

Als der Artikel erschienen war, rief eine Frau anonym an und wies auf den angeblich falschen Namen hin. Wir recherchierten und konnten die Behauptung nicht bestätigt finden. Uns drängte sich der Verdacht auf, ein missliebiger Konkurrent solle denunziert werden.

So sah es auch der Presserat, der die Beschwerde für unbegründet erklärte:

“Der Autor des Beitrages konnte dem Wirt des Restaurants Glauben schenken. Es bestand keinerlei Anlass, daran zu zweifeln bzw. die Identität zu hinterfragen. Eine Verletzung der Sorgfaltspflicht seitens der Redaktion kann daher nicht festgestellt werden.

Woher der Wirt komme, ist zudem für die Berichterstattung nicht so entscheidend, dass die Redaktion allein auf einen anonymen Hinweis hin im Nachhinein eine aufwendige Recherche zur Herkunft des Wirts hätte anstellen müssen.

**

Thüringer Allgemeine 21. März 2015

Ist Klatsch wichtiger als politische Information? (Leser fragen)

Geschrieben am 21. März 2015 von Paul-Josef Raue.

Nach welchen Kriterien erfolgt die Auswahl der Informationen, die Platzierung auf den Seiten und die Größe der Artikel?

So fragt ein Leser der Thüringer Allgemeine (TA) Als Beispiel nennt der Leser aus Weimar den einspaltigen Artikel “AfD klagt gegen Abschiebestopp” am 5. März; über das Thema hatte die nationale Zeitung „Die Welt“ ausführlicher berichtet. Dagegen berichtete die TA groß über den Fehltritt von Altkanzler Helmut Schmidt: „Liebe, Macht und Seitensprünge“. Der Leser stellt fest: „Auf einer Seite eine auf das Nötigste reduzierte Information und auf der anderen Seite eine übergewichtige Boulevardglosse. Ändert sich das Genre von Information auf Klatsch?“

Und der Leser fragt abschließend: „Warum erläutern sie nicht genau so wortreich den Hintergrund der Verfassungsklage? Und warum lesen wir darüber keinen Kommentar?“

Der Chefredakteur antwortet in seiner Samstag-Kolumne “Leser fragen”:

Wir wählen die Informationen aus, die wichtig sind für die Wähler in Thüringen, die das Leben und den Alltag unserer Leser in Thüringen beeinflussen und die zum Gespräch zu Hause oder bei der Arbeit taugen. Wir erklären das, was schwer zu verstehen ist, und wir kommentieren es, um unsere Leser zu Widerspruch oder Zustimmung zu reizen.

Über das Gutachten von Professor Schachtschneider, das die AfD zum Abschiebestopp bestellt hatte, berichteten wir ausführlich schon am 24. Februar, also zwei Wochen vor der „Welt“. Dass die AfD mit dem Gutachten vors Verfassungsgericht ziehen will, war deshalb nur eine Meldung; den Hintergrund hatten wir schon ausgeleuchtet.

Unser Reporter Martin Debes kommentierte ausführlich das Gutachten, die Klage und die Position der Regierung in seinem „Zwischenruf: Auf der rhetorischen Wippe“.

Die Enthüllungen der Liebesaffäre von Helmut Schmidt ist nur vordergründig Klatsch. Es geht vor allem um die Inszenierung und die Doppelmoral von Politikern: Schmidt zeigte der Öffentlichkeit das Bild einer guten, gar vorbildlichen Ehe. Wenn sich herausstellt, dass er seine Wähler getäuscht hatte, sprechen wir schon über eine wichtige Information.

Der Journalist Klaus Harpprecht schrieb in seinen Memoiren, die Ende vergangenen Jahres erschienen sind, von Schmidts Doppelmoral, der stets „schrecklich moralisierend“ dem Parteifreund Willy Brandt dessen offenkundige Liebschaften vorwarf. So etwas muss der Bürger erfahren, es wäre fahrlässig, wenn wir diese Nachricht unterdrückt hätten – gleich ob wir Helmut Schmidt mögen oder nicht.

**

Thüringer Allgemeine, 14. März 2015, Leser fragen

**

Die Kolumne “Zwischenruf” von Martin Debes zum Thema

Auf der rhetorischen Wippe

Der AfD in Thüringen hätte nichts Besseres passieren können als diese Koalition. Neulich zum Beispiel, bei der von der neuen Fraktion beantragten Landtagsdebatte zum Winterabschiebestopp, ließ sich dieses fast schon symbiotische Verhältnis gut beobachten.

Mit Lust hüpfte Rot-Rot-Grün auf die rhetorische Wippe, die von der AfD aufgebaut worden war. Hoch und runter ging es, immerzu. Vor allem Linke und Grüne waren sich einig: Die Gegnerschaft der AfD zum Abschiebestopp sei mindestens rassistisch, wenn nicht gar nazistisch.

Allerdings fiel bei all der Empörung den Beteiligten nicht auf, dass, wenn man dieser Logik bis zu ihrem überaus schlichten Ende folgt, auch der Bundesinnenminister, die Mehrheit des Bundestages und der Länder irgendwie rassistisch sein müssen. Schließlich finden auch die den Abschiebestopp falsch oder haben ihn zumindest nicht eingeführt.

Gewiss, man muss sich der von der AfD propagierten Meinung nicht anschließen: Aber man sollte sie ernst nehmen. Nicht nur, weil sich dies in einem demokratischen Land gehört, sondern auch, weil es klug wäre.

Es ist doch so: Rot-Rot-Grün hat mit dem Winterabschiebestopp, den sie als ihren ersten Regierungsakt geradezu zelebrierten, bewusst Symbolpolitik veranstaltet.

In der Realität handelt es sich nurmehr um einen temporären Erlass, der an dem Dasein der meisten Flüchtlinge nichts grundhaft ändert. Das Justizministerium, das jetzt vor allem Migrationsministerium heißen will, kann keine genauen Zahlen mitteilen. Aber es sind bislang wohl nur etwas mehr als 100 Menschen, die aufgrund des Abschiebestopps in Thüringen bleiben durften.

Doch die AfD kümmern die Fakten genauso wenig wie die Koalition. Sie bekämpft Symbolpolitik mit Symbolpolitik. Erst das Rechtsgutachten, dann die Debatte im Landtag, nun die Klage beim Verfassungsgericht: Die Partei reitet, so wie die Koalition, ein Prinzip – nur eben das gegenteilige.

Dass der Abschiebestopp so gut wie nichts damit zu tun hat, dass immer mehr Asylbewerber im Land unterkommen müssen, ja, dass die Maßnahme demnächst ausläuft – das interessiert weder die eine noch die andere Seite. Jeder bewegt sich ausschließlich in seinem politischen Universum und bedient jeweils die eigene Klientel.

Insgeheim beginnen die Koalitionsfraktionen zu ahnen, dass ihre Reflexe die AfD nur aufwerten. Tatsächlich hat sich die Partei in dem halben Jahr ihrer parlamentarischer Existenz durchaus professionalisiert. Die Mischung aus Provokation, Populismus und normalen Politikansätzen könnte funktionieren, vor allem dann, wenn den anderen nicht mehr einfällt, als wahlweise munter drauf zu hauen, auszugrenzen oder gar mal eben eine Veranstaltung zu zerstören. In all dem Getöse fällt es nicht weiter auf, dass die AfD zum großen Teil gar nicht weiß, was sie will, außer vielleicht ausrangierte Positionen von Union und FDP einzunehmen – zumal sie unterhalb der Fraktionsebene wenige arbeitsfähige Strukturen besitzt.

Das einzige echte eigene Thema, die Europapolitik, wird bei Landeswahlen kaum mehr ziehen – zumal keiner vorhersehen kann, was aus der Gesamtpartei wird. Eine neoliberal-konservative Lucke-Partei oder ein rechtsäußeres Ideologieprojekt? Wer weiß.

Natürlich, es stimmt ja: Dort, wo die Argumente fehlen, arbeitet die AfD mit Vorurteilen, schürt Ängste und bedient sich bei Sprüchen, die so auch bei der extremen Rechten Verwendung finden. Die Rhetorik des Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke grenzt oft genug ans Völkische. Er selbst besitzt dabei die unangenehme Anmutung eines Missionars, auf den Deutschland gerade noch gewartet hat, derweil sein Fraktionsvize Stephan Brandner den parlamentarischen Dauerrüpel gibt.

Doch wie Rot-Rot-Grün darauf reagiert, ist falsch. Wer meint, dass es ausreiche, die AfD pauschal in die Nazi-Ecke zu stellen, handelt intellektuell unredlich und politisch dumm. Man sollte wenigstens registrieren, dass die AfD schlau genug ist, Leute auszuschließen, die offen rassistisch argumentieren und zu versuchen, zwischen Asylrecht und Zuwanderung zu differenzieren.

Richtig, hierbei handelt es sich, genauso wie beim Angebot Höckes, seine Abgeordnetenwohnung an Flüchtlinge zu geben, insbesondere um Taktik. Aber wenigstens scheint die AfD so etwas zu besitzen.

“Geo”-Schaper: Groteske Geldvernichtung in der Nannen-Ära beim “Stern” (Zitat der Woche)

Geschrieben am 19. März 2015 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 19. März 2015 von Paul-Josef Raue in Aktuelles, B. Die Journalisten, L. Die Redaktion.

Ich habe die Nannen-Zeit beim Stern noch miterlebt, und die Verschwendung damals war wirklich unfassbar. Mag sein, dass der “stern” eine Zeitlang auch deshalb erfolgreich war, dennoch war das oft eine groteske Geldvernichtung. So arbeiten Chefredakteure aber schon seit mindestens 25 Jahren nicht mehr.

Michael Schaper, Chefredakteur von Geo Wissen, in einem Interview mit Peter Turi. Schaper gehörte dem legendären ersten Jahrgang der Hamburger Journalistenschule an, geleitet von Wolf Schneider, der am 7. Mai vor neunzig Jahren in Erfurt geboren wurde und in seinem nächsten Buch auf “mein langes, wunderliches Leben” zurückblickt (“Hottentotten Stottertrottel” erscheint am 24. April bei Rowohlt).

Zitat-der-Woche-verdächtig ist auch Schapers Antwort auf die Kress-Frage: “Sehnen Sie sich manchmal danach, einen schnellen, oberflächlichen Artikel zu schreiben?”

Ist das ein Angebot zur freien Mitarbeit?

Oberstes Verwaltungs-Gericht gegen die Pressefreiheit

Geschrieben am 18. März 2015 von Paul-Josef Raue.

Der ehemalige thüringische Innenminister Christian Köckert wird vom Landgericht Meiningen wegen Vorteilsnahme zu einer Strafe auf Bewährung verurteilt. Doch die Presse bekommt den Tenor des Urteils nicht: Das Handelsblatt hat die Herausgabe verlangt, das Landgericht hat sie verweigert, das Meininger Verwaltungsgericht hat die Herausgabe angeordnet (in einer anonymisierten und neutralisierten Fassung), das Thüringer Oberverwaltungsgericht hat die Anordnung wieder kassiert mit der Begründung: Eine Veröffentlichung könne Zeugen im weiteren Verlauf der Revision beeinflussen.

Diese Entscheidung ist eine massive Einschränkung der Pressefreiheit. Gestern (17. März 2015) hat der Bundesgerichtshof die Revision verworfen: Der Ex-Innenminister ist wegen Bestechung rechtskräftig verurteilt. Damit ist die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts zwar unbedeutend geworden, aber die grundsätzliche Entscheidung bleibt ein Skandal: Kann ein Gericht den Artikel 5 des Grundgesetzes aushebeln.

Offenbar hat der BGH darüber nicht verhandelt; es gibt zur Zeit nur eine Pressemitteilung und noch nicht das komplette Urteil. Im Zweifel sollte das Handelsblatt bis zum Verfassungsgericht gehen.

**

Quelle: Handelsblatt vom 17. März 2015

Der längste Buchtitel des Jahres? Aller Zeiten? oder: “Jetzt sprechen die Opfer” (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 15. März 2015 von Paul-Josef Raue.

Bei der Leipziger Buchmesse zeichnete das Magazin “Was liest Du” am Wochenende den “ungewöhnlichsten Titel” aus, der das Zeug hat, mit 18 Wörtern auch der längste Titel 2014 zu werden:

Wir sind glücklich, unsere Mundwinkel zeigen in die Sternennacht, wie bei Angela Merkel, wenn sie einen Handstand macht 

Autor ist der Regensburger Thomas Spitzer, der sich einen “Slammer” nennt. Das amerikanische Wort ist abgeleitet von dem Verb “to slam”, das der nutzt, der eine Tür zuknallt oder jemanden runtermacht.

Slammer treffen sich zum “Poetry Slam”, einem Dichter-Wettstreit, bei dem jeder in kurzer Zeit einen neuen Text  meist frei vorträgt und das Publikum am Ende den Sieger kürt. Im vergangenen Jahr siegte in Leipzig auch ein Slammer, dessen Buchtitel drei Wörter weniger hatte: “Das Mädchen mit dem Rohr im Ohr und der Junge mit dem Löffel im Hals”.

Während die großen Dichter früher kurze Titel schätzten wie “Lotte in Weimar” oder “Ulysses”, begann der Schwede Jonas Jonasson 2009 mit einem neun Wörter langen Titel die Bestseller-Liste zu erobern: “Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand”. Im schwedischen Original war der Titel allerdings ein Wort kürzer: “Hundraåringen som klev ut genom fönstret och försvann”.

Acht Wörter lang war auch der Buchtitel, den die Frankfurter Buchmesse einst als kuriosesten Buchtitel auszeichnete: “Begegnungen mit dem Serienmörder. Jetzt sprechen die Opfer”. Diese Ehrung gibt es nicht mehr. Leider.

Post vom Anwalt mit Unterlassungs-Forderung: Wie ein Chefredakteur damit offensiv umgehen kann

Geschrieben am 10. März 2015 von Paul-Josef Raue.

Bundesliga-Manager und Trainer müssen sich einiges gefallen lassen, wenn die Stürmer keine Tore mehr schießen. So erging es auch Hertha-Manager Michael Preets mit dem Tagesspiegel. Dort bekam er die Schuld für die Misere zugeschoben:

“Hoffen, bangen, hoffen. Trotz des Siegs vom Samstag gegen Augsburg könnte Hertha das fragwürdige Kunststück schaffen, in sechs Jahren dreimal abzusteigen. Manche glauben, den Grund für die Misere zu kennen: Manager Michael Preetz und seine Halbherzigkeit.”

Offenbar bemühte Michael Preetz einen Anwalt und forderte, der Tagesspiegel solle nicht mehr schreiben, er liege nachts wach vor Kummer. Lorenz Maroldt, Tagesspiegel-Chefredakteur, überlässt den Fall nicht allein seiner Rechtsabteilung, sondern berichtet darüber in einem Newsletter “Checkpoint” mit leisem Spott:

Schon wieder Post vom Anwalt von Michael Preetz. Jetzt will er nicht mehr nur, dass nicht mehr geschrieben wird, dass er 2012 nachts wach lag und über Schuld und Schicksal grübelte, nein – jetzt er will er auch noch, dass geschrieben wird, dass er nicht nachts wach lag und über Schuld und Schicksal grübelte. Also, wenn das stimmt, dann wäre das reichlich verantwortungslos: Dem Verein ging es doch damals echt dreckig – und da genießt der Manager den Schlaf der Selbstgerechten? Arme Hertha.

“Um Himmels Willen” – nein, “willen” wird klein geschrieben (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 9. März 2015 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 9. März 2015 von Paul-Josef Raue in Aktuelles, Friedhof der Wörter.

Sechs Millionen schauen “Um Himmels Willen”, die MDR-Serie mit Fritz Wepper als Bürgermeister und Janina Hartwig als Ordensschwester Hanna. Und sie sehen beim Vorspann einen Fehler, Dienstag für Dienstag: Der “willen” in der Wendung “Um Himmels willen” wird klein geschrieben! Ohne Wenn und Aber.

Da kennt selbst der Duden kein Mitleid, der sonst einen Fehler, wird er nur oft genug gemacht, als richtig anerkennt. Alle Wörter, die ähnlich gebildet werden, schreiben wir klein, so ist die Regel: “Du bist schuld am Unfall” oder “Mir ist angst”.

Allerdings beweist unsere Sprache mit konstanter Boshaftigkeit, dass sie eine schwere Sprache ist: Groß geschrieben wird die Angst in “Ich habe Angst”.

Im “Friedhof der Wörter” der vergangenen Woche haben wir das Sprachwissen getestet. Das ist richtig:

> “Über die Strenge schlagen” oder “Über die Stränge schlagen”? “Stränge” ist richtig, denn die Redewendung folgt einem Bild aus dem Reiter-Milieu: Das Pferd ist unruhig und schlägt über den Zugstrang hinaus. Pech für alle, die nicht reiten: Sie haben das Bild nicht im Kopf, sie müssen die richtige Schreibweise einfach lernen – oder, was am besten ist – das Sprachbild meiden.

> “Unentgeltlich” oder “unentgeldlich”? Das Adjektiv hat nichts mit dem Geld zu tun, sondern leitet sich vom Verb “entgelten” ab: “Unentgeltlich” ist also korrekt.

> Ein Fleißkärtchen bekommt, wer die Frage richtig beantwortet hat: “ohne einander” oder “ohneeinander”? Die zweite Fassung ist richtig – nahezu unglaublich, zudem auch hässlich anzusehen: “ohneeinander”. Am besten meidet man dieses Wort, das analog zu “miteinander” zusammengeschrieben wird.

Wer noch einmal die Schwere unserer Sprache spüren will, schaue sich noch diesen korrekt geschriebenen Satz aus einem Gedicht von Phil Bosmans an und sei verwirrt:

“Liebe heißt, einander nahe zu sein, ohne einander zu besitzen.”

**

Thüringer Allgemeine, Friedhof der Wörter, 9. März 2015

Seiten:1234567...88»

Journalisten-Handbuch.de ist ein Marktplatz für journalistische Profis. Wir debattieren über "Das neue Handbuch des Journalismus", kritisieren, korrigieren und ergänzen die einzelnen Kapitel, Thesen und Regeln, regen Neues an, bringen gute und schlechte Beispiele und berichten aus der Praxis.

Kritik und Anregungen bitte an: mail@journalisten-handbuch.de

Rubriken

Letzte Kommentare

  • Annette Baumkreuz: Zuerst einmal Danke, dass Sie sich meine Interpretation mit dem Pressekodex angeschaut haben,...
  • Wolfgang Kretschmer: Pediga hat sich nun mittlerweile selbst erledigt. Der inzwischen gut untersuchte soziale...
  • Thomas Siebert: Sehr geehrter Herr Raue, ich lese die TA zwar nicht, weil ich in einer anderen Gegend Deutschlands...
  • Paul-Josef Raue: Sehr geehrter Erfurter1968, ich mag keine anonymen Kommentatoren in meinem Blog. Wer in einer...
  • Ein Leser der Thüringer Allgemeine: Sehr geehrter Herr Raue, um es mit Goethe zu sagen: “Die Botschaft hör ich...