“Achtet darauf, zu welchem Inhalt die Leute zurückkehren!” (Zitat der Woche)

Seid nicht so fixiert auf die Klicks, das bringt viel Leid in die Branche. Die meisten Klicks haben immer die billigsten Inhalte und provokantesten Schlagzeilen. Achtet darauf, zu welchem Inhalt die Leute zurückkehren, nur mit Geschichten auf hohem Niveau gewinnt Ihr eine treue Leserschaft.

Die New Yorker Firma chartbeat in der Arte-Sendung “Journalismus von morgen”, die am 9.November um 8,55 Uhr in Arte wiederholt wird. Zitat nach Lothar Müllers Besprechung in der SZ “Bleibt alles anders” (26.8.14)

FACEBOOK-Kommentar

Raphael Raue

Man sollte sich von chartbeat nicht irre leiten lassen, die haben ein Produkt zu verkaufen. Ein gutes, was die interaktionsrate wirklich gut darstellt aber eben auch zeigt, dass klickstrecken und boulevardesker Inhalt ebenso gute Interaktionsraten bekommt wie gute Hintergründe und Reportagen. Habe das überprüft. In chartbeat.

Die SZ lobt “das Kriegsfahrzeug des kleinen Mannes”, gemeint sind IS-Terroristen und der Toyota Hilux

AP Foto in der SZ vom 23. August 2014

AP Foto in der SZ vom 23. August 2014

Das Foto sticht ins Auge: Wenige Tage nach der Ermordung des Journalisten James Foley zeigt die Süddeutsche Zeitung am Samstag das AP-Bild eines IS-Terroristen mit schwarzer Fahne und Kalaschnikow, der an einer Sanddüne auf einen Toyota Hilux schaut. Die Bildzeile, offenbar ernst gemeint:

IS-Kämpfer und Taliban, somalische Piraten und libysche Milizionäre – alle fahren Toyota Hilux. Warum Aufständische in aller Welt besonders gerne den japanischen Geländewagen nutzen.

Die Autorin Luisa Seeling kommt ins Schwärmen, man spürt ihre Emphase, am liebsten ins nächste Flugzeug gen Irak oder Syrien zu fliegen – und zu staunen über das “Symbol der asymetrischen Kriegsführung”:

Ob Tundra oder Wüstensand – mit dem Toyota Hilux lässt sich widriges Gelände sogar mit schweren Lasten bezwingen, behauptet zumindest der Hersteller. Diese Qualitäten wissen auch die Kämpfer des Islamischen Staats (IS) in Syrien und Irak zu schätzen: Auf Fotos und Videos, die ihren Vormarsch dokumentieren, ist der Hilux oft zu sehen. Und nicht nur dort.

Afghanische Taliban, somalische Piraten, libysche Milizionäre – sie alle schätzen das Fahrzeug, das der US-Sicherheitsexperte Andrew Exum im US-Magazin Newsweek das “fahrende Pendant zum AK-47″ nannte. Die Zeitschrift hatte einmal die Länder aufgelistet, in denen schon Toyota-Pick-ups in bewaffneten Konflikten eingesetzt wurden: Libyen, Sudan, Pakistan, Ruanda, Liberia, Irak und Somalia waren etwa dabei. Pick-ups sind das Kriegsfahrzeug des kleinen Mannes und vor allem der Hilux ist zu einem Symbol der asymmetrischen Kriegsführung geworden.

Es ist keine Satire, es ist ernsthafter Journalismus in Deutschlands führender Zeitung. Also – nichts wie hin zum nächsten Toyota-Händler!

In derselben Ausgabe der SZ ist ein exzellenter Essay von Tomas Avenarius zu lesen – über den Kriegsreporter. Ob der auch den Toyota Hilux fährt?

Mehr über den Kriegsreporter bald in diesem Blog.

Quelle: SZ 23. August 2014

Die ideale Organisation einer Regionalzeitung! Eine Provokation zu einer notwendigen Debatte

Lasst die Provinz hochleben! Schafft den Zentralismus ab! Habt Mut, Euch Eures eigenen Verstandes zu bedienen – statt das Massenprodukt aus Zentralredaktionen den Lesern überzustülpen!

Jahrzehntelang hatten wir eine Organisation in der Redaktionen, die auf die Ewigkeit ausgerichtet war: Ressorts im heiligen Mantel, die in Tarifverträgen festgeschrieben waren (und noch sind, aber immer seltener beachtet werden, weil im Norden kaum mehr Verlage noch im Tarif sind); daneben gab es noch die meist belächelten Lokalredaktionen, in denen fast alle vom sozialen Redaktions-Aufstieg träumten, und das war ein Platz in den Konferenzen des Mantels.

Seit Jahren ist nichts mehr von Ewigkeit. Da keiner so recht weiß, wie die Zeitung der Gegenwart, erst recht die der Zukunft aussehen muss, bastelt man an den Organisationen. Kein Verleger kann noch auf den Desk verzichten, und so stellen ihre Chefredakteure einen großen teuren Tisch in die Redaktion. Oft bleibt es beim Holzstück.

Die ersten entsorgen schon das gute Stück, meist mit der Begründung: Der Desk hat keine Kosten gespart! Als ob der Desk zum Sparen gedacht war und ist! Nein, er sollte die Redaktion besser organisieren, die Kräfte bündeln, die Qualität heben und so den Leser erfreuen und halten.

Wer Kosten sparen will oder muss, der braucht keinen Desk. Er kehrt die Ecken aus, in die seit Ewigkeiten keiner mehr geschaut hat; es soll noch Redaktionen geben, die eine Texterfassung haben oder Sekretärinnen, die Mails ausdrucken. Oder er sagt einfach: Zwanzig Prozent auf alles, koste es, was es wolle – dafür braucht man keinen Desk, sondern den Rasenmäher im Kopf.

Die Verachtung des Desks hat einen zweiten Grund: Er wird zu einer grobschlächtigen Zentralisierung missbraucht. Vorzugsweise in Berlin produziert ein Zentraldesk sogenannte überregionale Seiten und beglückt damit Redaktionen in Nord und Süd, sogar in Ost.

Dieser Desk    redigiert dpa und andere Agenturen, gießt einen Zuckerguss aus hübschen Reportagen darüber und kredenzt als Sahnehäubchen einmal im Jahr ein Exklusiv-Interview mit der Kanzlerin, das in Kurzform dann wieder von dpa zitiert wird – ohne dass sich eine Zeitung damit schmücken kann (“Wie die Redaktionsgemeinschaft Müller-Meier-Schulze in einem Interview mit der Kanzlerin…”)

Diese Desks sind nicht besser, meist deutlich schwächer als dpa. Alles, was diese Tische produzieren, probiert dpa schon lange aus, ist dabei immer besser geworden und arbeitet an  immer neuen Formaten, auch in der Desk-Organisation. Dpa reicht für alle Regionalzeitungen locker aus, wird sowieso von allen Redaktionen bezahlt und  hat mit “dpa-News” eine vorbildliche Plattform geschaffen: Exzellenter und schneller Überblick, Kommentar- und Frage-Funktion (auf die in spätestens 15 Minuten eine Antwort kommt) – Redakteursherz in der Provinz, was brauchst du mehr aus der  großen weiten Welt?

Der größte Nachteil der zentralen Desks: Er verhindert, dass sich die angeschlossenen Redaktionen noch mit der Welt beschäftigen! Regionalzeitung bedeutet ja nicht: ich berichte nur noch aus meinem Beritt. Regionalzeitung bedeutet: ich schaue auf die Welt aus der Perspektive meiner Leser.  Des Lesers Perspektive ist die einzig gültige.
Wenn ein Politiker fordert, wir müssen eine halbe Million Flüchtlinge aus dem Irak aufnehmen, dann fragt die Regionalzeitung Wie viele haben wir schon? Wie viele können wir unterbringen? Wie bereit sind die Bürger?  Das ist nicht neu: Runterbrechen auf meinen Leser; aber eine Zeitung muss es auch tun, bei allen Themen, so aktuell wie möglich.

Ein Vorschlag zur Debatte: So könnte die ideale Organisation einer Regionalzeitung aussehen:

> In den Lokalredaktionen arbeiten die Redakteure als Reporter und nur als Reporter – abgesehen vom Lokalchef, der auch Reporter ist, aber zudem  die Themen gewichtet und verteilt und bestimmt, wie seine Seiten aufgemacht werden.   

Im Lokalen und nur im Lokalen werden die Nachrichten und die Geschichten recherchiert und geschrieben, die unsere Leser wollen, die sie brauchen und die sie als unverzichtbar erkennen; nur hier wird kommentiert, was die Meinungsbildung der Leser wirklich beeinflusst; nur hier beginnen die großen Debatten, die die Menschen bewegen; nur hier starten die Initiativen, die Ehrenämter, die Gründer. Der Lokalteil ist das bedeutendste soziale Netzwerk, wenn wir es nur wollen, wenn wir es können, wenn wir es richtig organisieren.

> In der Zentrale werden an einem Desk – oder an regionalen Standorten, an denen mehrere Lokalteile zusammenfließen – die Seiten gestaltet, die Meldungen sortiert und geschrieben (auch schon für den Online-Auftritt), die Texte der Reporter redigiert. Der Blattmacher ist vor allem Textchef, er ist der Qualitäts-Manager und ein bisschen Gestalter, wobei das Layout und all die Relaunches weit überschätzt werden: Es kommt auf den Inhalt an; stimmt der nicht, ist alles andere Schnickschnack.

Im Regionalen ist Zentralisierung zweckmäßig. Die Nachbarschaft unserer Leser deckt sich selten mit dem Zuschnitt unserer Lokalredaktionen; zu schnell haben wir den Unsinn von Politikern übernommen, die Kreise ohne Sinn und Verstand am Bürokraten-Tisch entwarfen.

Der Zentral-Desk kann ohne lange Konferenzen wieder zusammenbringen, was zusammengehört; er kennt die Historie einer Region, weiß um Pendler- und Einkaufs- und Schul- und Freizeit-Ströme,  er kennt Zuneigung und Animosität von Nachbarn. Was Facebook kann, kann ein Desk schon lange (zumindest kann er es lernen). So überwinden wir auch den Nachteil von Lokalredaktionen, die sich gerne wie in einer Burg fühlen und die Zugbrücke hochziehen.

> Am Desk schaut der Chef alles an, nimmt die besten Geschichten und Nachrichten aus dem Lokalen und sortiert sie – für die Titelseite, für Wirtschaft und Kultur, für den Regionalteil usw.  Er regt an und manchmal  auch auf; er ist Drehscheibe, der gute Themen einer Redaktion den anderen ans Herz legt; er hilft weiter mit Hintergrund-Stücken zu lokalen Geschichten  (auch zusammen mit dpa), Info-Kästen, Grafiken u.ä.; er schaut in die Agenturen und das Netz, um aktuelle Themen zu entdecken, die schnell runterzubrechen sind.

Er verfügt über einige Reporter, die Themen recherchieren, die als Aufmacher der Titelseite taugen (so sie nicht schon lokal sind), sei es aus der Landespolitik, der Wissenschaft, der Wirtschaft, der Gesundheit usw. Im Idealfall hat er einen Korrespondenten in Berlin  - am besten auch in Brüssel -, der ihm Nachrichten und Geschichten für seine Region, für seine Lokalteile bringt und nicht einen Zweitaufguss von Artikeln. wie sie auch dpa schreibt und die Tagesschau sendet.

> Am Desk werden schnell und unaufwändig  auch die Seiten, meist aus dpa-Material, produziert, die unsere Leser wünschen, die aber nicht der Grund sind, warum sie unsere Zeitung abonnieren oder kaufen: Themen des Tages, Vermischtes usw. Was auf diese Seiten passt, ist aber auch von Region zu Region verschieden. 

In Erfurt kommt auch ein Ex-DDR-Star aufs Vermischte, den in Düsseldorf keiner kennt; in Bremerhaven steht das Werften-Problem auf der Themen-Seite, wenn es in Berlin diskutiert wird, aber im Allgäu interessiert es keinen. Und auf der Ratgeber-Seite ist der Tipp des heimischen Chefarztes wichtiger als der einer Koryphäe, der ein paar hundert Kilometer entfernt operiert.

> Der Desk ist auch vorbereitet auf die Zeit, wenn wir die Zeitung im Internet verkaufen. Wenn “Online to Print” kommt, geht es nur mit einem Tisch – erst recht lokal.

Es gibt einige gute Vorbilder. In Neubrandenburg trennte man sich von einem fremden Desk, weil er vielleicht Kosten sparte, aber Leser kostete. In den USA kaufte der Milliardär Warren Buffett für 350 Millionen Dollar Regional- und Lokalblätter, die sich der Gemeinschaft verpflichtet fühlen, eine richtige gute Provinzzeitung machen und nicht missionarischen    Ideen selbsternannter Qualitäts-Journalisten folgen.  “In Städten und Orten mit einem starken Gemeinschaftsgefühl gibt es keine wichtigere Einrichtung als die Lokalzeitung”, sagt Buffett. “Zeitungen haben eine gute Zukunft, wenn sie weiter Informationen liefern, die man nirgends sonst findet.”

Hören wir also auf den Milliardär! Hören wir auf, in Festreden die hohe Bedeutung des Lokalen zu loben! Organisieren wir es einfach, mit Herz und Verstand!

Der Tod des Journalisten James Foley: Hinrichtung oder Mord? (Friedhof der Wörter)

0 Kommentare / Geschrieben am 24. August 2014 von Paul-Josef Raue in Aktuelles.

Das Internet ist das Medium der Terroristen. Dort zeigen sie, was kein seriöser Journalist, noch nicht einmal der Boulevard, zeigt: Abhacken von Händen und Füßen, Auspeitschen von Frauen, Massen-Erschießungen von Gefangenen, Folterungen jeder Art.

Die Macht der Terroristen wäre weitaus geringer, wenn ihre Untaten und ihre Unmenschlichkeit nicht weltweit verbreitet würden. Sie überziehen ihre Lust am Morden und Foltern mit religiösem Zuckerhut, sie zeigen schwarze Fahnen und halten den Koran hoch – und sind doch nichts weiter als Mordgesellen, so übel wie es  sich keiner vorstellen konnte, bevor es das Internet gab.

Ein pathetisches Video im Internet zeigt den Tod des amerikanischen Journalisten James Foley, dem die Terroristen den Kopf abschlagen: Grausamer geht es nicht! Nur Sadisten können ihre Freude daran haben.

“US-Präsident Obama ist entsetzt über die Hinrichtung des Journalisten James Foley” schrieb eine Zeitung, andere folgten und nannten den gewaltsamen Tod eine Hinrichtung.  Nur – war er wirklich eine Hinrichtung?

Nein, eine Hinrichtung inszenieren nur Staaten nach einem Gerichts-Prozess. Die Terroristen im Irak und in Syrien, die sich IS nennen – das ist: Islamischer Staat – freuen sich, wenn freie Medien von “Hinrichtung” schreiben. Aber es sind und bleiben Terroristen, die unter religiösem Deckmantel morden: Sie handeln nicht als Staat – und werden es hoffentlich nie tun.

Den Terroristen auf den Leim geht auch AP-Präsident Gary Pruitt, wenn er schreibt:

Die Ermordung eines Journalisten in Kriegszeiten sollte international als ein Kriegsverbrechen geächtet werden.

Kriegsverbrechen begehen Staaten; Terroristen sind Mörder, einfach Mörder. Wer sie vor dem internationalen Gerichtshof anklagen will, folgt ihrer Propaganda: Wir sind ein Staat, wir bauen ein Kalifat auf und haben die von Allah verliehene Macht über Leben und Tod, vor allem über den Tod.

Im TV-”Tatort sprechen Kommissare gerne von Hinrichtung, wenn der Täter die Kugel aus kurzer Entfernung abgefeuert hat oder besonders brutal war. Aber auch diese Taten sind ein Mord und keine Hinrichtung.

Hinrichten ist eine Spezialität von Staaten, die in der Regel nach einer bürokratisch festgelegten Prozedur vorgehen und ihre Henker bezahlen. Morden ist Privatsache und wird in der Regel bestraft.

Am besten wäre es, wenn es der Unterscheidung nicht mehr bedarf: Staaten schaffen die Todesstrafe ab und richten einfach nicht mehr hin. Bis es soweit ist, sollten wir die Sadisten mit den schwarzen Fahnen schlicht “Mörder” nennen – und nicht als Henker aufwerten. 

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Thüringer Allgemeine, Kolumne “Friedhof der Wörter”, 25. August 2014

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FACEBOOK-Kommentar von Joachim Widmann

Die Steigerung schaffen dann jene sensiblen Kollegen, die das Wort noch mit dem häufig verwendeten Blähwort “regelrecht” kombinieren. Der Satz “Es war eine regelrechte Hinrichtung” soll heißen: Es war ein Mord inszeniert wie in einem richtig geilen Thriller. Merke: Wer so etwas schreibt, benutzt auch das Wort “Blutbad” in Polizeimeldungen.

Dürfen Chefredakteure beim Interview mit der Kanzlerin “entgleisen”?

“Fürchterliche und beleidigende Entgleisungen” entdeckt ein 84 Jahre alter und nach eigener Auskunft parteiloser Leser der Thüringer Allgemeine in den Fragen der Chefredakteure beim Interview mit der Kanzlerin.  Das Interview hatten die Chefredakteure der drei Thüringer Tageszeitungen (TA, OTZ, TLZ) gemeinsam geführt und wortgleich veröffentlicht.

Vor allem eine Frage empfindet der Leser als “unerhört und falsch” und erinnert ihn an Politiker in der alten BRD des kalten Kriegs:

Sehr wahrscheinlich werden stasibelastete Politiker für die Linke in den Thüringer Landtag einziehen. Nach Ansicht der Thüringer CDU ist die Linke ein Sammelbecken für Stalinisten, linke Gewalttäter und Stasi-Zuträger. Teilen Sie diese Meinung?

Unser Leser zweifelt sehr, “dass die Thüringer CDU so falsch geprägt ist, wie das in der Fragestellung behauptet wird”.

Chefredakteur antwortet:

Sehr geehrter Herr S., 

die Frage an die Kanzlerin nimmt das Zitat eines führenden CDU-Politikers in Thüringen auf. Der Fraktionsvorsitzende Mike Mohring sagte in einem Interview mit Bernd Hilder, dem Chef der TLZ:

Bodo Ramelow verstellt sich. Hinter der vermeintlich bürgerlichen Fassade des Fraktionsvorsitzenden der Thüringer Linken verbirgt sich eine Gruppe aus Stalinisten, aus Extremisten, aus Leuten, die beim Schwarzen Block aktiv sind, aus linken Gewalttätern und ehemaligen Stasi-Spitzeln.

< Hier werden wir Journalisten für eine "Entgleisung", so sie eine ist, in Haftung genommen, die wir lediglich zitieren - um zu erfahren, ob die Kanzlerin so denkt wie ihr Parteifreund in Thüringen. Wir sind nur die Boten, mehr nicht.

Es ist auch nicht Aufgabe von Journalisten, Werbung für Politiker zu machen und die Floskeln ihrer Pressesprecher und Wahlkampf-Manager zu drucken. Es ist unsere Aufgabe, mit unbequemen, gar frechen Fragen dem Politiker die Wahrheit seines Denkens zu entlocken. Das schulden wir unseren Lesern und den Bürgern.

Ist uns das mit dem Merkel-Interview gelungen? Im Gegensatz zu Ihnen fanden andere Leser das Interview als zu zahm. Ich gebe zu: Unerhört, falsch und entgleisend waren die Fragen  wohl nicht; im Gegenteil: Wir hätten schon ein bisschen bissiger sein können.

Thüringer Allgemeine, Samstag-Kolumne “Leser fragen” 23. August 2014

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Der Leserbrief in Auszügen, am 20. August 2014 auf der TA-Leserseite veröffentlicht:

Eine Stimme für die Linke

Frau Merkel wird gefragt: “Sehr wahrscheinlich werden stasibelastete Politiker für die Linke in den Thüringer Landtag einziehen. Nach Ansicht der Thüringer CDU ist die Linke ein Sammelbecken für Stalinisten, linke Gewalttäter und Stasi-Zuträger. Teilen Sie diese Meinung?”.

Hierzu antwortet ein 84-jähriger Bürger aus Erfurt, der in der DDR gelebt, ordentlich gearbeitet und seit 61 Jahren eine Familie mit einer Frau hat, seit 1989 parteilos ist und seit der Wende als Senior sehr aktiv ehrenamtlich tätig ist.

Die bereits erwähnte unerhörte, falsche Fragestellung von Chefredakteuren der drei Zeitungen in Thüringen zeigt eine Grundeinstellung dieser Chefs, die an den Kalten Krieg von vor 1989 erinnert, wie er von den Politikern und anderen klugen Leuten von der alten BRD öffentlich geführt wurde.

Ich zweifle sehr, dass die “Thüringer CDU” so falsch geprägt ist, wie das in der Fragestellung der Redakteure gesagt und behauptet wird.

Die Linke ist heute eine Partei, die besonders in den östlichen Bundesländern von zum Teil mehr Menschen vertrauensvoll angesehen und gewählt wird, da sie mit sauberen und demokratischen Mitteln für die Interessen der Menschen hier eintritt und dabei die soziale Gerechtigkeit und andere Grundinteressen der Menschen hoch angebunden vertritt.

Wo leben und arbeiten die Print-Grufties? (Zitat der Woche)

Die Redaktionen der Funke-Mediengruppe sind die “Heimstätte bemitleidenswerter Print-Grufties”, so zitiert der kressreport ungenannte Kritiker (22. August 2014).

Militärische Weichspül-Sprache: Von der Leyens nicht-letale Waffen (Friedhof der Wörter)

Der finale Rettungsschuss hört sich harmlos an, ist aber in der Regel tödlich. Der Kollateralschaden hört sich harmlos an, ist aber auch in der Regel tödlich. 

Wenn Offiziere, ob beim Militär oder der  Polizei, tödliche Waffen einsetzen, erfinden sie gerne Wörter, die eher an ein Fußballspiel in der Verlängerung denken lassen oder an zerbrechende Kaffeetassen – als an Menschen, die sterben, ob schuldig oder unschuldig. 

In die Wörter-Sammlung der Verharmloser bittet in dieser Woche die “nichtletale Waffe” um Aufnahme. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen will Nicht-Letales ins Kurdengebiet liefern, also Waffen, die nicht töten sollen – aber töten können. 

Nicht-letal ist beispielsweise Narkose-Gas, das in einen Raum gesprüht wird, um Menschen zu betäuben. Als Soldaten 2002 bei einer Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater eine zu hohe Dosis versprühten, starben 170 Menschen.

“Non-Lethal” ist ein englisches Wort, das  mit “nicht-tödlich” zu übersetzen ist. Aber Minister und Soldaten sprechen nicht gerne vom Tod. 
 
Das Fraunhofer Institut, eine angesehene Wissenschafts-Organisation, forscht nicht nur an neuen Waffen, sondern auch an der Sprache und schreibt auf seiner Internetseite: “Das Fraunhofer ICT sieht die aktuelle Aufgabe darin, die existierenden NLWs weiterzuentwickeln, zu verbessern und auszubauen.”

NLW sind nicht-letale Wirkstoffe, nur ein bisschen tödlich.

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Thüringer Allgemeine, Kolumne “Friedhof der Wörter”, 18. August 2014

Antisemitismus und Rechtsextremes im Leserbrief: Wie der Chefredakteur in der Zeitung antwortet

Wie können Sie behaupten, dass bei bis zu 100.000 Thüringern mit nationaler Gesinnung die NPD keine Chance hat?

So fragt ein Leser, nachdem er die Chefredakteurs-Kolumne “Leser fragen” gelesen hatte, in der ein Offener Brief der NPD zu Wahlkampf in Thüringen und Pressefreiheit eine Antwort fand. Der Leser fährt fort:

Sie zeigen uns, dass Sie voll auf politisch gewollter Linie liegen und es eine Pressefreiheit in Deutschland zur Zeit nicht gibt!

Ich kann den Zweck Ihrer offensichtlichen Manipulationen schon verstehen. Die Thüringer gehören mehrheitlich der christlichen Religion an bzw. sind Atheisten! In Ihrer Zeitung ist seit Ihrem Amtsantritt eine andere Religionsgemeinschaft überproportional vertreten.

Glauben Sie nicht, dass die Leser das nicht bemerkt haben? Hinter vorgehaltener Hand wird schon nicht mehr von der Thüringer Allgemeinen sondern von der “Jüdischen Allgemeinen” gesprochen!

Chefredakteur Paul-Josef Raue antwortet:

Sehr geehrter Herr S.,

Sie haben recht: Sie zählen zu den rund 250.000 Thüringern – also deutlich mehr als Ihre vermuteten 100.000 – mit rechtsextremer Einstellung. Das fand der “Thüringer Monitor” heraus, über den wir kurz vor Weihnachten berichtet hatten.

Offenbar wählen die Rechtsextremen aber nur zum geringen Teil die NPD, wie die Umfragen und die Wahlen der vergangenen Jahre zeigen. Thüringen ist das ostdeutsche Bundesland, in dem noch nie ein Rechtsradikaler in den Landtag gewählt worden ist.

Eine Redaktion, die Freiheit und Demokratie schätzt, wird sich bemühen, dass dies so bleibt. Lenin wird der Satz zugeschrieben: “Die Kapitalisten werden uns noch den Strick verkaufen, mit dem wir sie aufknüpfen.” Die Rechtsextremen mögen ähnlich denken, wenn sie von den Demokraten und der Pressefreiheit sprechen – und sie werden sich ebenso irren, wie es Lenin tat.

Wir schätzen keine Diktaturen, wir verachten den Faschismus. Damit wir nie wieder erleben, wie Deutsche ein Volk ermorden, darum erinnern wir immer wieder an den braunen Terror – aber debattieren auch über die Irrtümer in der Geschichte der Christen, wenn wir beispielsweise Luthers Judenhass zum Thema machen.

Wir wollen erreichen, dass der Antisemitismus in Thüringen keine Zukunft hat. Und Sie haben wieder Recht: Die Zahl der Rechtsextremen hat sich in den vergangenen Jahren halbiert – und das können sie bitte verbreiten ohne vorgehaltene Hand.

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Thüringer Allgemeine, 16. August 2014

Von Unzucht, dem Kuppel-Paragraphen und Kuppel-Problemen der Deutschen Bahn (Friedhof der Wörter)

Wer kann sich noch an Kuppel-Probleme erinnern? In den fünfziger und sechziger Jahren konnten solche Probleme einen Vermieter ins Gefängnis bringen: Wer einem unverheirateten Studenten-Paar ein Zimmer vermietete, leistete – so das Gesetz – der Unzucht Vorschub.  Wer duldete, dass eine unverheiratete Frau Herrenbesuch bekam – der konnte fünf Jahre ins Gefängnis gehen.

So sittenstreng und prüde war das Kaiserreich, in dem der Kuppel-Paragraph erfunden wurde, so sittenstreng und prüde blieb das Nachkriegs-Deutschland. Im Magazin Der Spiegel listete 1968 ein Oberlandesgerichtsrat beispielhaft auf, wer mit Zuchthaus, Entzug bürgerlicher Ehrenrechte und Polizeiaufsicht rechnen musste:

> Der Aufseher des Campingplatzes, der im Namen der Gemeinde bei unverheirateten Pärchen die Gebühr kassiert und sie “gewohnheitsmäßig” im Zelt gewähren läßt. 

> Der Vater, der dem Sohn Geld und Auto für die Ferienfahrt mit der Freundin zur Verfügung stellt.

Ende der achtziger Jahre war Schluss mit der gesetzmäßigen Prüderie – und eigentlich hätten wir Kuppel-Probleme auf dem Friedhof der Wörter begraben können. Wenn da nicht die Deutsche Bahn wäre!

“Wegen Kuppel-Problemen verlassen Sie bitte den hinteren Zugteil und steigen in den vorderen um”, hörten am Donnerstag genervte ICE-Insassen auf dem Leipziger Bahnhof. Unzucht in Wagen 38? Nein, zwei ICE ließen sich nicht vereinen.

Wer im Internet stöbert, entdeckt einige Kuppel-Probleme der Bahn. Im Nordbayern-Blog wird von Fahrgästen  berichtet, die nach den Kuppel-Problemen ungastlich wurden, gar garstig:

Ein wenig galanter Jüngling und eine Dame vorgerückten Alters gerieten aneinander. Sie fordert ihn auf, sein “Fahrgestell” einzufahren, weil er ja sicher nicht für zwei Plätze bezahlt habe. Der Jüngling erwidert trocken: “Gute Frau, ich habe ein Tages-Ticket, das gilt für bis zu zwei Erwachsene und vier Kinder.”

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Thüringer Allgemeine, Kolumne “Friedhof der Wörter” 11. August 2014

Antwortet eine Redaktion auf den offenen Brief der NPD zur Pressefreiheit? Und wenn ja: Wie?

NPD-Landesvorsitzender Patrick Wieschke schreibt als “Leser und Demokrat” einen offenen Brief an den Chefredakteur der Thüringer Allgemeine über die Pressefreiheit. Unter anderem ist zu lesen:

Mit Sorge beobachte ich, daß die Pressefreiheit zunehmend mißbräuchlich verwendet wird. Durch das Grundgesetz ist nicht nur die Freiheit der Presse garantiert, sondern eben auch das Grundrecht auf Information (Art. 5) für alle Staatsbürger und das Recht auf freie Wahlen (Artikel 28 Abs. 1 Satz 2 sowie Artikel 38 Abs. 1).

Dieses wird meines Erachtens dadurch unterlaufen, indem Journalisten nach rein subjektiven Einschätzungen und vielleicht auch privaten politischen Meinungen ihre Berichterstattung vornehmen.

Im laufenden Landtagswahlkampf gipfelt die Beeinträchtigung oben genannter Grundrechte darin, daß die von Ihnen verantwortete Thüringer Allgemeine eine eigene Einschätzung dergestalt vornimmt, welche Parteien „wichtig“ sind und folglich welche nicht.

Chefredakteur Paul-Josef Raue antwortet in seiner Samstags-Kolumne “Leser fragen”:

Sehr geehrter Herr Wieschke,

unsere Zeitung stellt alle Parteien vor. Ausführlich werden Parteien mit ihren Programmen verglichen nach folgenden Kriterien:

> Mitglieder des aktuellen Landtags (CDU, Linke, SPD, FDP und Grüne)
> und die AfD als Partei, die nach den Umfragen gute Chancen hat, in den Landtag einzuziehen. Die anderen sechs Parteien, darunter die NPD, haben offensichtlich kaum Chancen.

Gleichwohl können sich unsere Leser auch ausführlich in allen Partei-Programmen informieren. Der Wahl-O-Mat wird bald auf unserer Internet-Seite wieder Tausenden von Lesern die Chance geben, ihre eigenen politischen Anschauungen mit denen der Parteien in Thüringen – also auch der NPD – zu vergleichen.

Mit Verwunderung habe ich Ihre Belehrung zu Pressefreiheit gelesen. Pressefreiheit in einer Demokratie erlaubt, ja fordert und fördert sogar subjektive Einschätzungen.

Wenn Sie subjektive und private politische Meinungen als “Beeinträchtigung” ansehen, wollen Sie faktisch die Pressefreiheit abschaffen. So verfahren Sie auch: Die NPD verhindert immer wieder Berichterstattung von ihren Parteitagen.

Sie bemühen als Feind unserer Verfassung die Pressefreiheit, um sie abzuschaffen – so wie sie es mit den meisten unserer Grundrechten tun wollen. Jeder Redakteur der TA dagegen schätzt und schützt unsere Verfassung. Wir werden nicht untätig zusehen, dass Sie dies verhindern wollen.

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Thüringer Allgemeine 9. August 2014

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