Alle Artikel der Rubrik "H. Unterhaltende Information"

Wie Redaktionen mit Pressereisen umgehen und was der Pressekodex regelt

Geschrieben am 17. März 2017 von Paul-Josef Raue.
Höhlenkloster Garedshi in Georgien - Foto Raue

Pressereisen in attraktive Regionen sind beliebt: Das Höhlenkloster Garedshi in Georgien – Foto (nicht von einer Pressereise): Raue

„Ein Schaf für Gott, ein Schnaps für den Menschen“, titelte die FAZ am 9. März in ihrem Reiseteil über eine Fahrt in den Osten Georgiens. Eine halbes Jahr vorher hatte dieselbe Autorin von einer Reise nach Georgien in der Welt berichtet: „Die Urheimat des Weins“ (15. Oktober 2016). Die beiden Reportagen unterschieden sich zwar deutlich, doch fußten sie offenbar auf einer Pressereise des Veranstalters Via Verde.

Die Welt setzte unter die Reportage den Hinweis:

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Via Verde. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

Die Regeln für Pressereisen hat der Springer-Verlag, zu der die Welt gehört, so festgeschrieben:

Einladungen, Geschenke und Pressereisen

Die Gefährdung unabhängiger journalistischer Arbeit durch persönliche Vorteilsnahme ist Gegenstand der Ziffer 15 des Pressekodex. Schon der Anschein, die Entscheidungsfreiheit von Journalisten könne durch Gewährung von Einladungen oder Geschenken beeinträchtigt werden, ist zu vermeiden.

Die Journalisten bei Axel Springer

  • tragen dafür Sorge, dass alle Kosten (Reisekosten, Bewirtungen etc.), die im Zusammenhang mit Recherchen entstehen, grundsätzlich durch die Redaktion übernommen werden. Ausnahmen sind von der Chefredaktion zu genehmigen und in der Berichterstattung entsprechend kenntlich zu machen.
  • nehmen keine Geschenke an, die den Charakter einer persönlichen Vorteilsnahme haben, oder geben diese – falls die Annahme unvermeidbar ist – an den Verlag weiter, der diese karitativen Zwecken zuführt.

Ein solcher Hinweis fehlt bei der FAZ-Reportage. Der Leser kann dies indirekt dem Info-Kasten entnehmen „In der Wildnis Georgiens“: Dort wird auf den Veranstalter hingewiesen mit Preisen und Web-Adresse. Reicht das?

In Ziffer 15, Richtlinie 15.1, schreibt der Pressekodex vor:

Wenn Journalisten über Pressereisen berichten, zu denen sie eingeladen wurden, machen sie diese Finanzierung kenntlich.

Im  seinem Jahresbericht 2013  geht der Presserat ausführlich auf Pressereisen ein:

Ohne Transparenz geht es nicht. Die Offenlegung, auf wessen Kosten ein Journalist auf Recherche unterwegs war, ist erforderlich. Nur durch dieses Grundprinzip kann die Glaubwürdigkeit der Presse gewahrt werden.

Nur wenige Beschwerden gingen beim Presserat ein, „weil der Leser einen möglichen versteckten Einfluss bei der Berichterstattung schwer erkennen kann. Lediglich ein Hinweis wurde ausgesprochen, weil eine Regionalzeitung eine Reportage über eine Flusskreuzfahrt, zu der er von einem Veranstalter eingeladen wurde, nicht entsprechend gekennzeichnet hatte“.

Für den Presserat ist dies nicht nur ein Problem des Reisejournalismus. Sollen Recherchen überhaupt von Dritten finanziert werden? Es geht um Einladungen von Wirtschaftsunternehmen zu Bilanzpressekonferenzen im Ausland, Produktvorstellungen in der Elektronikbranche oder Vorstellungen von neuen Automodellen.

Christopher Schmidt, der SZ-Sprachgewaltige, ist tot

Geschrieben am 2. März 2017 von Paul-Josef Raue.
Christopher Schmidt, Literaturchef der Süddeutschen Zeitung, ist tot. SZ-Foto: Allessandra Schellnegger

Christopher Schmidt, Literaturchef der Süddeutschen Zeitung, ist mit gerade mal 52 Jahren gestorben. SZ-Foto: Allessandra Schellnegger

Er pflegte eine manchmal mürrische, immer unbestechliche, auf bedauerliche Weise etwas aus der Mode gekommene Distanz.

Kann man Schöneres über einen Journalisten schreiben? Sonja Zekri  ehrt so heute (2. März 2017) Christopher Schmidt, den Literaturchef der Süddeutschen Zeitung; er ist mit gerade mal 52 Jahren gestorben.

Sonja Zekri zeichnet auch das Gegenbild des abgehobenen Feuilletonisten, dem Schmidt eben nicht glich:

Es wäre für ihn ein Leichtes gewesen, aus seiner Nähe zu den Berühmten der Bühne, des Films, der Literatur Kapital zu schlagen, ihren Glanz auf sich abstrahlen zu lassen, ein strahlender Name hier, ein Fernsehauftritt dort, eine Whiskey-Runde nach der Vorstellung.

Schmidt war ein besonderer Journalist, ein besonders guter, mehr als ein Profi. „Viele Journalisten haben ein schwieriges Verhältnis zur Sprache, seines war obsessiv“, schreibt Sonja Zekri im Nachruf:

Seine Texte verrieten eine Sprachgewalt, die reichte, um Romane zu füllen, kein Bild war schief, gebraucht, auch nur vage bekannt. Für die Entlarvung des alltäglichen politischen, medialen oder sonstigen Sprachmülls erfand er eine eigene kleine Feuilleton-Rubrik, den „Phrasenmäher“, wo er das „Pimpen“, den „Spoiler-Alarm“ oder den „Atmenden Deckel“ in ihre Einzelteile zerlegte und wieder zusammensetzte.

Sie erinnert an sein schönstes Essay, das der schreibende Heimwerker der Schraube widmete: „Ein Lob an die Schraube – Kopf hoch!“, erschienen vor sieben Jahren. Schmidt beschreibt einen Schrauben-Laden in München:

Hier wird man gemaßregelt. Hier bemüht man sich nicht um den Kunden, hier beugen sich Gleichgesinnte über das obskure Objekt ihrer Begierde. Und Laien werden nur geduldet. Jeder Besuch im Schraubengeschäft: eine Lektion in Demut.

Das Ende des Essays taugt, wie der gesamte Text, zur Ausbildung von Redakteuren: Wie man über einem scheinbar unbedeutenden Gegenstand einen bedeutenden Artikel schreibt:

Es gehört zur spröden Poesie der Schraube, dass sie eines der wenigen Dinge ist, die unendlich sind in einer von Endlichkeiten beherrschten Welt, dass man bei ihr weiß, „um was es sich dreht“, und dass es Ozeane von Erfinderschweiß kostete, um härtesten Stahl so filigran zu formen, dass er an der Spitze ins Nichts übergeht.

Übersprungen sei hier das delikate Verhältnis zwischen der männlichen Schraube und ihrem weiblichen Gegenstück: der Mutter – wie die meisten Mutter-Sohn-Bindungen eine der wenigen perfekten Beziehungen. Aber auch, nachdem die Schraube zu ihrer heutigen Gestalt herangereift war, konnte man ihr noch zweihundert Jahre lang aus dem Weg gehen. Erst als das schwedische Möbelhaus „Ikea“ mit seinen Bausätzen das Wohnen revolutionierte, musste sich fast jeder irgendwann mit der Schraube auseinandersetzen. Denn sie öffnete den Weg in die Emanzipation.

Die instabilen Spezialschrauben von Ikea sind allerdings der Sündenfall in der Geschichte der Schraubverbindungen, und deshalb wurde Ikea zur Strafe an den Stadtrand verbannt.

Wie sich „Brand Eins“ aus der Asche von „Econy“ erhob (Journalismus-Geschichte)

Geschrieben am 25. Januar 2017 von Paul-Josef Raue.

Gabriele Fischer war stellvertretende Chefredakteurin des Manager Magazin, als sie den Spiegel-Verlag überzeugte, ein neues, ganz neues Wirtschaftsmagazin zu gründen:

Ein Magazin für Leute, die aufbrechen; die etwas unternehmen; die Wirtschaft noch als Abenteuer begreifen und nicht ständig über Steuerlast und Bürokratie klagen. Ein Magazin für die Mutigen eben – und gegen die Bremser,

so schrieb sie im ersten Editorial von Econy; Vorbilder gab es in den USA mit Fast Company  und Wired.

Nicht einmal drei Monate brauchte sie von der Idee bis zum ersten Heft. War dies einer der Gründe, warum Econy keine Freunde fand im Verlag und in der Spiegel-Redaktion?  Ein Schnellschuss, ohne lange Debatten über Sinn, Unsinn und Ziel – und dann noch mit einer winzigen Redaktion: Das kann nichts Rechtes geben, dachte die Spiegel-Redaktion, die gerne monumental denkt. Auf jeden Fall schmunzelte sie über ein Magazin, das mit drei, vier Redakteuren 220 Seiten anständig füllen wollte.

Aber selbst das war wegweisend: Eine kleine Redaktion sucht die Themen und dafür die besten Autoren.

So werden bald die meisten Zeitungen und Magazine arbeiten, wenn sie es nicht heute schon tun: Kleine Teams, die strategisch denken, mit wenigen Redakteuren, die recherchieren, was nur unabhängige Redakteure recherchieren können, und Freien, die gut bezahlt werden und Qualität liefern.

Der Respekt vor den Freien, deren gute Bezahlung und eine exzellente Textredaktion – damit fing Econy an; das bietet Brand Eins immer noch. Wenn Manager heute sparen wollen, sparen sie meist am falschen Ende: Sie senken radikal die Etats für die Freien. Das führt zu einem fatalen Qualitätsverlust: Weniger Redakteure, kaum Geld für Freie – wie soll das funktionieren?

Gabriele Fischer stellte weder Layouter ein noch einen Art-Direktor, sondern nahm einen wenig bekannten Freien: Mike Meire war ein junger Grafiker, der mit völlig neuem Blick auf zu bedruckendes Papier schaute. Auf seinen Fotos saßen Manager nicht hinterm aufgeräumten Schreibtisch, sondern schaukelten, leicht verwischt, auf einer Schaukel; die Leser blickten nicht in Superbüros, sondern aus dem Fenster auf eine Brache mit Bagger. Eigentlich war es einfach: Die Fotos zeigten die Welt und die Menschen, wie sie wirklich sind; sie nahmen den Personen die Rollen, in die sie gezwängt  sind – aber ohne sie bloßzustellen.

Mike Meire war ein Glücksfall, er entwickelte ein völlig anderes Design, das Abschied nahm von allem, was üblich war – und das dann mit vielen Preisen gekrönt wurde. Die Entscheider in den Medienagenturen, die Gabriele Fischer auf einer Roadshow einfing, waren begeistert – ein neuer Stil im Journalismus! In kurzer Zeit waren alle Anzeigen-Seiten für ein komplettes Jahr verkauft. Das müsste eigentlich die Erfüllung eines Manager-Traums sein – aber nicht beim Spiegel.

Als die Druckmaschine für die zweite Ausgabe lief, verkündete der Verlag schon das Aus – angeblich weil der Verkauf der ersten Ausgabe die Erwartungen nicht erfüllt habe. Die Gründe lagen wohl tiefer: Die Philosophie von Econy war nicht die Philosophie von Spiegel und „Manager Magazin“. In Redaktion und Verlag bezogen sie einen Satz aus dem Fischer-Editorial durchaus auf sich und ersetzten „Zeitung“ mit „Der Spiegel“: „Wer morgens seine Zeitung liest, könnte glauben, diese Gesellschaft sei erstarrt und festgefahren.“

Im Spiegel herrschte die „Saturiertheit“, von der Professor Volker Lilienthal gerade zum 70-Jahr-Jubiläums schrieb – und die Lilienthal noch nicht als beendet ansieht. Lilienthal spricht auch vom persönlichen Wohlstand der Redakteure als Mitbesitzer des Verlags: Auch der, in Form von hohen Tantiemen,  drohte geschmälert zu werden durch Verluste von Econy, die weder zu erwarten waren und wohl nie eingetreten wären.

Spiegel-Redakteure wissen kaum noch etwas vom Leben einfacher Menschen, auch davon schreibt Lilienthal. Und genau von diesen Menschen, die unterhalb der Spiegel-Wahrnehmung liegen, handelte Econy. Kurzum: Es ging um Geld, auf das die Redakteure nicht verzichten wollten, und um eine Veränderung, die man sich vom Hals halten musste. „Nicht für Bremser“ stand auf einer Werbetafel für Econy und „Ich bin kein Erbsenzähler“ auf einem T-Shirt. Das reichte.

Wer wissen will, warum sich der Spiegel heute noch schwer tut mit Veränderung, gar Aufbruch, der schaue auf das Ende von Econy: Die Angst vor der Veränderung sitzt neurotisch tief.

Was Gabriele Fischer nach dem Aus durchmachte, war ein Albtraum:

Zuerst kaufte ein anderer Verlag Namensrechte und Redaktion, aber rechnete nicht mit einer selbstbewussten und unabhängigen Chefredakteurin Fischer. Man trennte sich schnell, der neue Verlag machte mit neuer, durchaus renommierten Chefredakteurin und neuer Redaktion weiter – und scheiterte. Fischer war die Seele von Econy; und eine Seele kann man nicht kopieren.

Dann kam das Management-Buyout ohne großes Geld, aber mit großen Plänen. Der neue Name war der Name, der schon vor Econy auf der Liste stand – und der nichts mit „Marke 1“ zu tun hatte, was Spiegel-Anwälte abschreckte, sondern mit der Adresse der Redaktion: Brandstwiete 1.

Vom Ende her betrachtet, sieht die Story von Brand Eins wie eine einzige Erfolgsstory aus.  „restart“ stand auf dem Titel der ersten Ausgabe: „Die Lust am Neubeginn“. Dieser Neubeginn war allerdings näher an „Schweiß, Tränen und Mühen“ als an Lust, und der Erfolg lag nicht griffbereit.

Auch das Platzen der Dotcom-Blase, das Ende der New Economy – ein halbes Jahr nach der ersten Brand Eins-Ausgabe – verhinderte nicht den Erfolg. Warum? Econy und Brand Eins waren der Spiegel der New Economy, ihr Sprachrohr. Aber beim Verglühen der New Economy gingen nur Firmen zugrunde,  die im nicht selten kriminellen Übermut alle Regeln verletzt hatten; aber nicht zugrunde ging der Gründer-Geist und die Haltung, Mut zur Veränderung zu haben: Dafür stand Gabriele Fischer, dafür stand ihr Magazin – das war entscheidend.

Die Chronik des Neubeginns hat Gabriele Fischer auf zwei Seiten des ersten Hefts aufgeschrieben. Die komplette Chronik dieses einzigartigen Journalistinnen-Lebens wäre ein Buch wert, nicht umweht von Weihrauch, sondern als Lehrbuch für Menschen, die an den Journalismus glauben; als Mutmacher für Manager und Redakteure, die den Journalismus für eine demokratische Gesellschaft retten wollen; und als spannenden Roman, den nur das Leben schreiben kann.

Neben dem Editorial der ersten Hefts steht ein ungewöhnliches Porträtfoto von Gabriele Fischer: Sie wird am Rande von der Blüte einer Blume angelächelt, obwohl ihr sichtbar nicht zum Lächeln zumute ist; das Bild könnte aus einem Familienalbum stammen. Heute steht neben dem Editorial eine strenge, vielleicht zu strenge Frau, mehr Ikone als Familienalbum: Das Gesicht halb im Licht, halb im Schatten – wie eine Metapher zur Geschichte von Brand Eins.

Brand Eins war die letzte nennenswerte Gründung eines Magazins mit Anspruch, danach kamen nur noch Cicero“, mittlerweile auch verkauft wie ehedem Econy, kamen Landlust und Barbara („kein normales Frauenmagazin“) und kam eine endlose Folge von Plagiaten, die bei den TV-Zeitschriften oft schon über keine Redaktion mehr verfügen. Könnte die Ideenlosigkeit der Verlags-Manager dem Journalismus und der Gesellschaft mehr zusetzen als Google, Facebook & Co?

Es ist großartig, etwas geschaffen zu haben. Weil es auch Spaß macht, Widerstände zu überwinden. Und weil uns nur dann die Zukunft gehört“,

steht am Ende des Editorials vom Juni-Heft 2016 mit dem Schwerpunkt „Einfach machen“. Der schönste Satz der Fischer-Editorials steht allerdings im ersten Heft:

Etwas, das alle Restart-Geschichten eint: In ihnen steckt ein Teil des alten Menschheitstraums, man könne alle seine Erfahrungen bewahren – und noch einmal von vorne beginnen. Vielleicht ist es das, was Menschen treibt, trotz Niederlagen und Rückschlägen nicht aufzugeben.

Das „vielleicht“ in diesem Satz hat Gabriele Fischer in ihrem Leben gestrichen.

 

Die komplette Kolumne bei kress.de:

https://kress.de/mail/news/detail/beitrag/136882-gabriele-fischers-lebenswerk-der-alte-menschheitstraum.html

 

Ein guter Journalist belehrt seinen Leser nicht, manipuliert ihn nicht“ (Stephanie Nannen – Zitat der Woche)

Geschrieben am 13. Oktober 2016 von Paul-Josef Raue.
Stephanie Nannen und ihr Großvater Henri Nannen, etwa 1990. Foto: Kress

Stephanie Nannen und ihr Großvater Henri Nannen, etwa 1990. Foto: Kress

Heute vor zwanzig Jahren starb Henri Nannen, einer der prägenden Journalisten der Nachkriegszeit. „Du musst eine Geschichte erzählen“,  erinnert sich Enkelin Stephanie Nannen an ihren Großvater. „Nimm deinen Leser mit auf die Reise und lass ihn mit erleben, mit erfahren, mit schmecken, mit leiden und mit lieben!“

In einem Beitrag für Kress Pro schreibt Stephanie Nannen über die Einsamkeit des Journalisten, der mit seinem Leser ein Zwiegespräch führe:

Gesprächspartner sei nicht die anonyme Masse, sondern der einzelne Leser,  der Mann, der im Zug die Zeitung liest, der Arbeiter in der Pause, die Frau, wenn sie am Abend endlich Zeit dazu findet – immer nur ein einzelner Mensch, der beim Lesen so allein ist wie der Journalist beim Schreiben. Diese beiden seien Partner eines Gesprächs. Ob sich diese Szene tausend oder wie beim Stern seinerzeit in der Woche neun Millionen Mal ereigne: In jedem Fall ist der Journalist mit seinem Leser allein.

Und sie nennt den Grundsatz ihres Großvaters:

Ein guter Journalist versuche seinen Leser weder zu belehren noch zu manipulieren.

 

 

 

Journalisten im Krieg: Eine Reportage aus Kolumbien, dem Land des Friedensnobelpreises

Geschrieben am 7. Oktober 2016 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 7. Oktober 2016 von Paul-Josef Raue in Aktuelles, H 32 Reportage, Lokaljournalismus.
Ulrich Wickert verleiht Yefferson Ospina Bedoya aus Kolumbien den Internationalen Preis für Kinderrechte 2016 (Foto: Plan International/ Alexander Schumann)

Ulrich Wickert verleiht Yefferson Ospina Bedoya aus Kolumbien den Internationalen Preis für Kinderrechte 2016; Bedoya bedankte sich bei Wickert mit einem Sommerhut.  (Foto: Plan International/ Alexander Schumann)

Auch die Journalisten in Kolumbien haben den Friedensnobelpreis verdient: Sie recherchieren oft unter Lebensgefahr, sie schreiben gegen das Vergessen. Wer über den Krieg schreibt, wer über die Menschen schreibt, die im Krieg leben, der schreibt für den Frieden – wie Yefferson Ospina Bedoya, Redakteur der kolumbianischen Zeitung El País in Cali. Er fährt durch das vom Krieg zerfurchte Kolumbien und schreibt auf, was wirklich ist, jenseits der Propaganda von Regierung und Rebellen. Sein Lokaljournalismus ist bizarr, so bizarr wie das Land.

Für eine Reportage fuhr Bedoya in das Dorf Corinto im Südwesten und besuchte einen Fußballklub, den F.C. Cxha Cxha Wala. Er kennt Justiniano Julián Medina, den Manager und Trainer, der erst eine Fußballschule für Kinder, dann den Verein gegründet hat. Der Reporter fragt ihn:

„Die Vorstellung, dass es in diesen Bergen, inmitten des Konflikts, eine Fußballschule gibt, ist schon etwas seltsam.“ Ja, antwortet Medina. „Genau deswegen haben wir den Club ja gegründet. Wir wollen die Kinder vor dem Krieg, vor Drogen, dem Koka und dem Tod bewahren.“

Bedoya veröffentlichte seine Reportage am 14. Juni 2015: „Cxha Cxha Wala F.C. – der Fußball und der Krieg im Norden von Cauca“. Er nahm  für diese Reportage den „Ulrich-Wickert-Preis für Kinderrechte“ entgegen  – einer der wenigen  Journalistenpreise in Deutschland, die an Journalisten aus der „Dritten Welt“ verliehen wird.

Ulrich Wickert vergibt jedes Jahr den Preis seiner Stiftung, die er unter dem Dach des Kinderhilfswerks „Plan“ gegründet hat. Die Reportage aus Kolumbien rühmte Wickert bei der Preisverleihung Ende September in Berlin:

Sie hat eine beeindruckende journalistische Qualität und sensibilisiert für die Situation von Kindern in ärmeren Ländern. Aber was viel wichtiger ist: Der Preis hat eine positive Wirkung. Er ermutigt Journalisten, unbequemen Fragen nachzugehen und Zivilcourage zu zeigen. Die Veröffentlichungen sorgen dafür, Missbrauch und Ausbeutung von Kindern aufzudecken. Darüber hinaus geben die Preisträger den Mädchen und Jungen eine Stimme und ermutigen sie, ihr Leben in die Hand zu nehmen.

Wie der 10-jährige Frank in Bedoyas Reportage über den Fußballclub in dem Dorf, in dem die Guilleras kämpfen – direkt neben dem Fußballplatz. Frank weiß, wie die meisten Kinder, Schüsse aus Gewehren und Pistolen zu unterscheiden. Der Krieg gehört zu ihrem Alltag: FARC-Rebellen sowie Militär haben genau dort Stützpunkte errichtet, wo die indigenen Siedlungen liegen. Laufend finden Gefechte statt. Das Fußballspiel ist der einzige Lichtblick für die Kinder in Corinto.

Ein Auszug aus Bedoyas Reportage:

An diesem Tag begann das Training um drei Uhr nachmittags. Um halb fünf, eine halbe Stunde vor Trainingsende, erzählte mir Trainer Capaz, dass das Training fast hätte abgesagt werden müssen, da es am Vortag in 100 m Entfernung zum Fußballplatz zu Gefechten zwischen dem Militär und den FARC gekommen war. Mehrere Eltern hatten ihren Kindern daraufhin verboten, zum Training zu gehen, und Capaz musste sogar mit einem der Guerilla-Kommandanten verhandeln, damit sie sich zurückziehen. „Für die Kinder ist es manchmal sehr schwer. Die Gefechte nehmen sie sehr mit, aber das Fußballspielen ist auch so etwas wie eine Therapie dagegen.“, sagt Capaz…

Der Platz liegt oben auf einer der Bergkuppen. Mit seinem dicht wachsenden Rasen aus feinen Gräsern liegt er genau gegenüber einem unübersehbaren Marihuana-Gewächshaus. Die Kinder beachten es kaum und konzentrieren sich auf den Ball. Nur zwei oder drei von den über 40 trainierenden Kindern haben Fußballschuhe an. Alle anderen spielen mit Stoffschuhen. Keiner hat Schienbeinschoner, der Torwart spielt ohne Handschuhe…

Und plötzlich, als mir der Trainer von den Gefechten erzählt und von den Rekrutierungstricks der FARC, wird mir mit aller Deutlichkeit und Brutalität bewusst, wie paradox diese ganze Szenerie, dieses Spiel, dieser von Marihuana-Plantagen umgebene Fußballplatz, diese hinter ihren Bällen her rennenden Kinder eigentlich sind. Eine Szenerie, die gleichzeitig tragisch, hoffnungsvoll, brutal und ergreifend ist: Unschuldige Kinder, die  inmitten der Erbarmungslosigkeit und Grausamkeit, die jederzeit zuschlagen kann, Fußball spielen und sich gar nicht bewusst sind, dass der Ball sie davor schützt, in den Krieg zu müssen.

Die Reportage hat komplett der Mannheimer Morgen veröffentlicht:

http://www.morgenweb.de/wochenende/reportage/kicken-gegen-den-krieg-1.2981783

 

 

 

Das Selbstverständnis von Sportjournalisten: Sieben Thesen

Geschrieben am 25. August 2016 von Paul-Josef Raue.
So wies das Erste auf die Berichte zu Olympia hin. Foto: DasErste.de

So wies das Erste auf die Berichte zu Olympia hin. Foto: DasErste.de

In meiner Diplomarbeit habe ich vor knapp 10 Jahren das Qualitätsverständnis von Sportjournalisten untersucht. An eine Aussage eines Sportjournalisten werde ich mich stets erinnern, denn sie war und ist kennzeichnend für den Sportjournalismus. Frage: Wie wichtig ist Ihnen Objektivität? Antwort: „Ich bin objektiv, ja, aber mit Begeisterung für den eigenen Verein“

„Axel“ kommentiert so meine nacholympische Journalismus!-Kolumne bei kress.de über Medienhengste, das ewige Duzen und die Angst des Journalisten vor dem Sportler.

Bei großen Sportereignissen werden – aus Sicht der meisten Kritiker – Sportreporter ihrem Ruf als Schmuddelkinder des Journalismus gerecht. Nicht nur die Verhunzung der Sprache, die schiefen Bilder, die endlose Folge der Phrasen und Plattitüden beklagen die Kollegen Kritiker, sondern auch das ewige Geduze und die große Nähe zu den Sportlern, ob jubelnd im Sieg oder zersetzend in der Niederlage – treu dem Boulevard-Motto: Wer mit uns im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch wieder runter; dabei ist die Fahrt abwärts meist ein Sturz ins Bodenlose.

Der FAZ-Redakteur Steffen Haffner klagte schon vor einem Jahrzehnt über den Sport im Fernsehen:

Mit Journalismus hat das meist nichts mehr zu tun. Die Moderatoren sind selbst Showstars geworden, die gleich Marktschreier das teuer gekaufte Produkt ihres Senders hochzujubeln haben.

Wer stundenlang Olympia schaut, spürt die Angst der Reporter vor den Sportlern: Kommen sie ihnen zu nah, wird ihnen PR unterstellt und Kotau vor ihren Sendern, die zig Millionen für die Rechte bezahlt haben. Bleiben sie distanziert, gelten sie als gefühlsarme heimatlose Gesellen, die den Stolz der Deutschen vor dem TV-Gerät nicht teilen wollen.

Welches Selbstverständnis haben Sportjournalisten? Ist es der Opportunismus des Boulevards: Läuft es gut, siegen die Moderatoren immer schön mit; geht’s schlecht aus, wissen Journalisten, woran es gelegen hat?

Ein Vorschlag wäre, TV-Interviews direkt nach einem Spiel oder Olympia-Gold mit einem Warnhinweis zu versehen, wie wir ihn aus der Medikamenten-Werbung kennen: „Zu Risiken und Nebenwirkungen von Sportler-Interview fragen Sie Intendanten und Leitende Redakteure.“

Sportjournalisten sollten sich  als Profis profilieren. Deshalb dieser Entwurf einer Charta für das Selbstverständnis von Sportjournalisten:

  1. Habe Respekt vor Sportlern wie Publikum (vor dem TV und hinter der Zeitung)!
    2. Sei Stellvertreter des Publikums, das sich freut und leidet – aber aus der Distanz des Journalisten! Meide Euphorie und Verachtung!
    3. Erkläre dem Publikum, was es sieht – verständlich, fachkundig und gut vorbereitet!
    4. Lass Dich von Funktionären nicht vereinnahmen, sondern kontrolliere und kritisiere!
    5. Schätze unsere Sprache, die unendlich schön ist und reich!
    6. Meide Phrasen, Klischees und dumme Fragen!
    7. Habe keine Angst vor dem Schweigen!

Steven Spielberg: Das Urgesetz des Erzählens (Zitat der Woche)

Geschrieben am 17. Juli 2016 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 17. Juli 2016 von Paul-Josef Raue in Aktuelles, H 32 Reportage.
Das SZ Magazin 28/2016 mit dem Steven-Spielberg-Interview.

Das SZ-Magazin 28/2016 mit dem Steven-Spielberg-Interview.

Das Urgesetz des Erzählens: Um Dramatik zu erzeugen, braucht man Dunkelheit – aber auch Licht.

Steven Spielberg im Interview mit dem SZ-Magazin. Vorbildlich an dieses Urgesetz hielten sich laut Spielberg Roald Dahl und Walt Disney.

Erfundene und gefälschte Interviews: Kummer ohne Ende

Geschrieben am 13. Juli 2016 von Paul-Josef Raue.
Tom Kummer bei Twitter: @tomkummer

Tom Kummer bei Twitter: @tomkummer

Wer fragt, was Journalisten unter Wahrheit verstehen, bekommt schillernde, bisweilen pseudo-philosophische  Antworten: Es kann die Wahrheit gar nicht geben; alles ist konstruiert oder manipuliert. Doch in einem sind sich Journalisten und Öffentlichkeit einig: Wer bewusst fälscht, betrügt Leser wie Redaktion.

Der Schweizer Journalist Tom Kummer, Jahrgang 1963, schrieb vor zwei Jahrzehnten als Hollywood-Reporter für das Magazin der Süddeutschen Zeitung und andere einige Interviews, etwa mit Brad Pitt, die er frei erfunden hatte oder aus anderen Veröffentlichungen abgeschrieben. Roger Köppel, einer der betrogenen Chefredakteure, sagte  2011 in einem Interview:

„Kummer erzählte  gerne, dass er seine Stücke mit Wissen der Chefredaktoren als Kunstform verkaufte – das ist eine dreiste Lüge. Schliesslich verrechnete er dafür Spesen – die waren sehr real und kein artistisches Konzept.“

In dem Interview geht Köppel auch auf eine Variante des erfundenen Interviews ein:

„Vielleicht haben sich die Interviews nicht immer genau so zugetragen, aber sie wurden so autorisiert vom Interviewten. Das ist ja heute, beispielsweise beim Spiegel, auch eine legitime Praxis.“

Auch der Boulevard setzt bisweilen das erfundene, aber autorisierte Interview ein. Die Redakteure lassen sich einige Zitate einfallen, die als Schlagzeile auf der Titelseite taugen, bieten sie beispielsweise einem Politiker an und drucken sie, wenn er sie freigibt. So mancher Hinterbänkler, der den Parteivorsitzenden kritisieren soll, stimmt gerne der Erfindung zu.

Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen fragt im Tagesspiegel nach der Enthüllung von neuen Kummer-Täuschungen: „Der Fake ist die neue Realität?“, und er forscht, warum nach dem Skandal vor 16 Jahren Tom Kummer immer wieder gedruckt wird:

Der Autor ist zur Marke geworden. Sein eigentliches Kapital aber ist der auf Entlarvung angelegte Betrug, sein Geschäftsmodell die Enttäuschung derjenigen, die an ihn glauben wollen, weil damit ihre Profession selbst in das Glamourlicht einer freien, künstlerischen, irgendwie dramatisch wirkenden Existenz getaucht wird. Und: Ist nicht alles irgendwie verhandelbar, auch diese öde, blöde Welt der Fakten?…

Tom Kummer will Medientheoretiker sein, Konzeptkünstler, praktizierender Konstruktivist. Und Wahrheit ist Lüge. Und Lüge Wahrheit. Und Betrug Philosophie. Er braucht jetzt ganz bald mal wieder eine zweite, dritte, vierte, fünfte Chance.

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Quelle: Tagesspiegel 13. Juli 2016

 

„Die Welt geht doch nicht unter“: Ein Lob dem letzten Satz (Die Reportage)

Geschrieben am 10. Juli 2016 von Paul-Josef Raue.
Süddeutsche Zeitung, 9. Juli 2016: Seite 3 mit der EM-Reportage von Holger Gertz

Süddeutsche Zeitung, 9. Juli 2016: Seite 3 mit der EM-Reportage von Holger Gertz

Der erste Satz! Wie viele Dichter und Journalisten haben Angst vor ihm, denken stunden-, gar tagelang über ihn nach, bekommen Schreibblockaden, schrumpfen innerlich zusammen, wenn der Chef sagt: Wenn sie den ersten Satz vermasseln, liest keiner mehr den Rest. Reißen Sie sich zusammen!

Aber kaum einer bekommt eine Schreibblockade, wenn er an den letzten Satz denkt, den Rausschmeißer. Zwar steht in den Reportage-Ratgebern: Er ist wichtig, bleibt im Kopf, regt zum Weiterdenken an! Aber bei den meisten Reportern ist die Luft am Ende raus, alle Sprachbilder aufgebraucht, die wirklichen Bilder erst recht. Man stiehlt sich irgendwie aus der Reportage raus, feuilletonisiert ein wenig, öffnet das Fenster einen Spalt für den Weltgeist – Ende.

Holger Gertz‘ Reportage über Frankreich bei der Europameisterschaft beweist das Gegenteil: Ein müder Einstieg, ein umwerfender Schluss, dazwischen eine starke, weil nachdenkliche Reportage, die von Terror und Fußball, dem Lebensgefühl der Franzosen und Schweinsteigers Hand im Strafraum erzählt. Allein die Zwischentitel reizen zum Lesen, einer verführerischer als der andere – und stärker als „Am Ende der Tage“, einer langweiligen Überschrift aus dem Text-Baukasten:

  • Wie viel innere Stärke muss eine Stadt haben, die nach allem, was war, wieder so offen sein kann

  • Der Fußball erdrückt sich mit seinem immer pralleren Programm gerade selbst

  • Und in der Welt passiert so viel, dass manche gar nicht wissen, warum jetzt Schweigeminute ist

  • Deutsche Effizienz? Wir packen uns die Bälle im Strafraum neuerdings mit der Hand

Und dann der letzte Absatz, der sogar mit Assoziationen an Sieg-Heil spielen kann, ohne peinlich zu wirken; der an die Isländer und ihren derb-neckischen Schlachtruf erinnert und im letzten Satz mit dem Terror und unserer Angst ironisch ins Gericht geht:

Die deutschen Fußballfans haben die furchtbarsten Lieder und Rufe, aber vor einer Bar in einer warmen Nacht in Bordeaux brüllen sie nicht „Sieg!“, sie rufen „Hu!“ Ein Fortschritt. Und ein Hinweis darauf, dass die Welt doch noch nicht untergeht.

 

 

Killer-Sprache im Sportjournalismus – nicht nur zur EM: „Instinktlos“

Geschrieben am 7. Juli 2016 von Paul-Josef Raue.
Leserbrief in der FAZ vom 18. Juni

Leserbrief in der FAZ vom 18. Juni 2016

Bei großen Sportereignissen kennen Sportjournalisten keine Freunde mehr, zumindest in der Sprache. „Kein Killerinstinkt“ titelte die FAZ, oft für den besten Sportjournalismus ausgezeichnet, einen Bericht über die Schweizer Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft. Ein Leser empörte sich – nicht nur über den „Killerinstinkt“, sondern auch über den Tag, an dem die Überschrift in seine Zeitung kam:

Instinktlos

Wer ist nicht entsetzt über die brutalen Hooligans bei der Europameisterschaft in Frankreich, und Sie überschreiben in Ihrer Ausgabe vom 15. Juni einen Artikel über die Schweizer Fußballmannschaft dick mit „Kein Killerinstinkt“. Welch unerhörte Instinkt- und Verantwortungslosigkeit!

Schon vor der Europameisterschaft war der „Killerinstinkt“ in die Sport-Sprachmode gekommen. „Kein Killerinstinkt“ überschrieb Sport-Bild einen Online-Bericht im Februar, nachdem sich Eintracht Frankfurt und der HSV in der Bundesliga torlos verabschiedet hatten.

Auch Trainer mögen „Kein Killerinstinkt“: Jose Mourinho klagte so medienwirksam, nachdem sein FC Chelsea nur 1:1 in Istanbul gespielt hatte; wenig später wurde er entlassen.

Auch Sportler mögen den „Killerinstinkt“. Die FAZ zitierte Roger Federer im März 2014 vor einem Tennismatch mit seinem Freund Tommy Haas: „Gegen einen Freund ist der Killerinstinkt nicht so da.“ NBA-Star Stephen Curry erzählt, wie er sich verwandelt: „Wenn ich spiele, bin ich eine ganz andere Persönlichkeit. Dann bin ich konzentriert, verbissen und hungrig nach Erfolg. Diesen Killerinstinkt brauchst du, dann respektieren dich deine Mitspieler und der Gegner.“

Selbst in solch friedlicher Sportart wie Volleyball vermisst der Bundestrainer den nötigen Killerinstinkt (vor wenigen Tagen in der FAZ).

Martialische Sprachbilder waren gebräuchlich im Sportjournalismus, aber sie sind weitgehend aus dem Wortschatz verschwunden. In diesem Blog war die Sprache des Sports beim vorletzten Großereignis, der WM in Brasilien, schon mal ein Thema:

Zur Ehrenrettung der Sportreporter sei angefügt: Vor einigen Jahrzehnten waren die Bilder vom Krieg und vom Lärm der Schlachten noch übermächtig; heute verschwinden sie gemächlich aus dem Wortschatz der Sportjournalisten, in deren Reihen sich offenbar mehr Friedensfreunde tummeln als Leutnants.

Heute suchen Sportreporter ihre Sprachbilder eher in der Bibel. „Griezmann erlöst Frankreich“, schrieb die Süddeutsche Zeitung nach dem EM-Sieg gegen Irland in der Vorrunde. Nach der Erlösung kam „Im Fegefeuer“: So titelte die SZ in derselben Ausgabe einen Bericht über die italienische Mannschaft.

Buße, um nicht ins Fegefeuer zu kommen, leistete die FAZ-Redaktion vorbildlich: Sie veröffentlichte den kritischen Leserbrief, und sie veröffentlichte ihn ungewöhnlich schnell.

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