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Schulz-Story im Spiegel verkaufte sich überdurchschnittlich gut – Die Blattkritik

Geschrieben am 13. November 2017 von Paul-Josef Raue.
Heft 40/2017 - Eines der meistverkauften Spiegel-Hefte in 2017 - dank der Story über den gescheiterten Kanzlerkandidaten Martin Schulz.

Heft 40/2017 – Eines der meistverkauften Spiegel-Hefte in 2017 – dank der Story über den gescheiterten Kanzlerkandidaten Martin Schulz.

Rund 800.000 Hefte hat der Spiegel verkauft mit „Schulz Story – 150 Tage an der Seite des Kanzlerkandidaten – eine große Erzählung über Politik im Jahr 2017“. Am Kiosk verkaufte das Heft  40/2017 weit mehr als der Durchschnitt in diesem Jahr. Auch bei Blendle war die Schulz-Story der am besten verkaufte Artikel im Oktober. Exzellenter Journalismus ist also auch ökonomisch wertvoll.

In meiner JOURNALISMUS!-Kolumne bei kress.de  habe ich in einer Blattkritik analysiert, warum die Reportage so fasziniert – und warum sie wichtig ist für Bürger,  Demokratie und Journalismus.

Spiegel-Reporter Markus Feldenkirchen begleitete den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz fast ein halbes Jahr und war überall dabei – auch bei Gesprächen, von denen sonst Journalisten ausgeschlossen sind. Die Reportage ist mit rund 13.000 Wörtern umfangreich wie ein kleines Buch; die Hörfassung mit gut anderthalb Stunden Dauer würde nicht einmal auf eine CD passen. Hier die Kolumne, leicht überarbeitet:

 

Wahlabend. Merkel und Schulz verlassen die TV-Elefantenrunde. Mit der eindrucksvollsten Passage der Geschichte endet die Langzeit-Reportage von Markus Feldenkirchen über den Kandidaten Martin Schulz:

Nach der Sendung gibt er der Frau, die er eigentlich ablösen wollte, kurz die Hand und verschwindet ohne ein weiteres Wort. Er läuft auf den nächstbesten Aufzug zu, aber er darf nicht einsteigen, eine Frau verweigert ihm den Zutritt: „Dieser Aufzug ist für die Frau Bundeskanzlerin reserviert.“

„Ach so, klar, da kann das gemeine Volk natürlich nicht mitfahren“, sagt Schulz. „Ich nehme dann den normalen Aufzug.“

In diesen Sätzen konzentrieren sich die Stärken der Reportage: Der Journalist nimmt sich zurück, beobachtet genau und lässt seinen Helden sprechen, der zum Anti-Helden geworden ist. Der Reporter kommentiert nicht, er lässt die Szene unvermittelt auf den Leser prallen. Die Auswahl ist der Kommentar des Reporters, das, was er aus Tausenden von möglichen Szenen für seinen Artikel nutzt.

Markus Feldenkirchen hätte sicher gerne das letzte Wort gehabt: Fast sechs Monate hat er den Kandidaten Schulz begleitet, war bei Gesprächen dabei, von denen ihn die Berater des Kandidaten gerne ausgeschlossen hätten. Feldenkirchen formuliert den letzten Satz nicht selber, er zeichnet kein sprachliches Bild, das bei Preisverleihungen zitiert würde: Er lässt im Kopf des Lesers einen kleinen Film entstehen, mit Martin Schulz in der Hauptrolle. Dieser Film bleibt im Kopf.

Und wenn Martin Schulz sogar Kanzler geworden wäre – als Wahlsieger?

Der Reporter, der im Hintergrund bleibt, ähnelt einem Schiedsrichter beim Fußballer, der nicht auffällt, der einfach mitläuft und denen, die spielen, die Hauptrolle überlässt. Das gelingt Markus Feldenkirchen über weite Passagen der Reportage, aber immer mal wieder setzt sich Kommentator durch, der dem Leser unbedingt mitteilen will, wie eine Geste, ein Satz, eine Szene zu deuten ist.

Um 15 Uhr trifft Schulz am Flughafen Schönefeld ein. Er steht vor seinem Wagen, schaltet sein Handy an. Es dauert einen Moment, dann sieht er auf dem Display die Frühprognosen der Meinungsforscher. Es ist, nun auch offiziell, das Ende seiner Kanzlerträume.

Das ist eine solide Beschreibung der entscheidenden Szene am Sonntag der Wahl. Der Leser weiß Bescheid, er braucht keinen Kommentar, auch keine Analyse, dass dies das Ende ist.  Aber da kann sich der Reporter nicht mehr zurückhalten, es bricht aus ihm heraus, er schreibt, was der Leser denken soll:

Es ist nicht seine Schuld, dass er den europaweiten Trend nicht umkehren konnte, wonach viele der Sozialdemokratie nicht mehr zutrauen, die richtigen Antworten auf das Zeitalter der Digitalisierung zu haben. In den knapp 200 Tagen, die er nun Parteivorsitzender ist, ist das nicht zu leisten, erst recht nicht in den irren Zeiten des Wahlkampfs. Vielleicht wäre ein Kandidat mit weniger Stehvermögen und Leidenschaft in dieser Stimmungslage sogar noch sehr viel tiefer ins Ziel gekommen.

Über diese Fragen können Journalisten lange streiten: Wie viel Deutung darf in eine Reportage fließen, wie viele kommentierende Sätze? Wie stark darf man den Leser führen? Soll man ihm nicht sein Urteil selber finden lassen?

Eine starke Reportage fasziniert durch ihre Erzählung und einen Ton, der nicht belehrend klingt. Das fällt jedem schwer, der ein halbes Jahr einen Politiker begleitet, der am Ende schon so denkt und fühlt wie er: Da löst sich die Distanz auf.

Wenn ständig schlechte Nachrichten auf einen einprasseln, erhalten die wenigen positiven eine umso größere Bedeutung. Sie wirken wie Antidepressiva gegen die Strapazen und das Gefühl von Vergeblichkeit. Auch wenn Schulz bisweilen in emotionale Löcher sackt, schafft er es immer wieder, sich selbst zu begeistern.

Da beobachtet der Reporter nicht mehr, da spricht schon ein Alter Ego – ebenso wie in diesem Satz:

Er hält eine mitreißende Rede, die Leute feiern ihn. Niemand ahnt, wie es in ihm aussieht.

Der Reporter ahnt es nicht nur.

Es gibt Szenen, in denen der Leser nicht mehr weiß, wer spricht: Schulz oder Feldenkirchen? Als nach der Schleswig-Holstein-Wahl Jörg Schönenborn von der „regionalen Komponente“ spricht, die den Wahlausgang  bestimmte:

„Aha“, ruft Schulz. Er hält den Finger in die Luft. „Das ist ’ne interessante Analyse.“ Regionale Komponente bedeutet: SPD-Ministerpräsident Torsten Albig, der auf die falschen Themen gesetzt und ein unfassbar dämliches Interview zu seiner gescheiterten Ehe gegeben hat, ist schuld. Nicht er. Es ist ein klitzekleines Stück Hoffnung an einem trostlosen Tag.

Keinen Konjunktiv nutzt der Autor, diese Eigenart der deutschen Grammatik, eine indirekte Rede markierend: Da denken und fühlen offenbar Schulz und Reporter ähnlich „an einem trostlosen Tag“.

Markus Feldenkirchen schreibt durchgehend im Präsens, er geht chronologisch vor: Das mögen Reporter nicht, ist den meisten zu brav, zu simpel. Doch in der Erzählung eines Wahlkampfs, die ein halbes Jahr umfasst, ist die Chronik der beste, weil einfache Weg: Der Aufstieg und Fall des Helden hat Shakespeare-Format. Das erspart dem Schreiber komplizierte Rückblenden und den wenig schönen Plusquamperfekt.

Er sitzt in seinem Büro. Wieder läuft der Fernseher, wieder eine Niederlage, diesmal die schlimmste, in Nordrhein-Westfalen, Kernland der SPD. „Das Leben ist wie eine Hühnerleiter“, sagt Schulz. „Beschissen.“ Niemand reagiert, Stille im Raum. „Ich bin jetzt königlicher Niederlagenkommentator.“

Feldenkirchen verlässt zwar selten, aber unnötig, den Chronik-Modus und wechselt die Perspektive, interpretiert Episoden mit dem Wissen dessen, der den Ausgang kennt – wie die Leser. Zur Kampagnen-Unterbrechung während der Landtagswahlkämpfe lässt der Reporter Schulz aus dem Off des Nachhinein sprechen:

„Das war falsch“, sagt Schulz im Rückblick. „Wir hätten das weitermachen müssen.“

„Wie man inzwischen weiß“, so wird auch das TV-Duell aus dem Nachhinein beurteilt: So verlässt Markus Feldenkirchen den Strom der Erzählung. Die Reportage ist aber keine Analyse einer verlorenen Wahl, es ist die Geschichte von Aufstieg und Fall, von Wegen, Umwegen und Holzwegen. Der Vorteil von gradlinig erzählten Geschichten ist: Das Erzählen ohne erhobenen Zeigefinger, ohne dies „Ich weiß alles besser“. Im Nachhinein ist jeder klüger: Das ist die Haltung der Leitartikler, der Besserwisser.

Trotz einiger Einwände, die ein guter Redigierer hätte entdecken müssen:

Diese Langzeit-Reportage im „Spiegel“ ist ein journalistischer Glücksfall – mehr noch: Eine Liebeserklärung an die Politik in diesen unruhigen Zeiten, eine Verbeugung vor der Demokratie. Sie holt die Politiker vom Sockel, macht dem letzten AfD-Anhänger klar, dass Politik Menschenwerk ist – und so gesehen und respektiert werden sollte.

Markus Feldenkirchen sollte aus der Reportage ein Buch machen mit all den Geschichten, die es noch zu erzählen gibt.

 


 

„Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer über die Schulz-Story: Eine Geschichte, von der Reporter träumen

Feldenkirchen konnte mit Schulz im Taxi, im Flugzeug und zu Fuß reisen, ihn zu 50 Terminen begleiten; Strategiesitzungen, späte Currywurst-Dinner, ein letzter Kaffee (beziehungsweise Kräutertee, durch Inge Schulz ausgetauscht) am Wahlsonntag auf der Terrasse in Würselen inklusive. Fünf Monate lang war Feldenkirchen immer auf Abruf, Spontaneität ist ja alles im Wahlkampf. Häufig bekam er von Schulz oder einem seiner Leute 15 Minuten vor einem Treffen, einer Besprechung, einem Aufbruch einen Anruf. Am Ende der langen Tage war der Reporter stärker erschöpft als der Kandidat. „Wie soll das später eigentlich heißen, was Sie da schreiben: So wird man Oppositionsführer?“, fragte Schulz im August.

Es gab keine Tabus, nur die Wirklichkeit der Politik im Jahr 2017 und die eine Absprache, dass der Text erst nach der Wahl erscheinen dürfe. Und so ist eine dieser Geschichten entstanden, von denen Reporter und Chefredakteure träumen. Weil sie bleiben werden. Weil sie erzählen, was wirklich geschah.

Anfangs war Martin Schulz übrigens, natürlich, zögerlich gewesen. Der Kollege Feldenkirchen und ich hatten den Kandidaten in Hannover getroffen und ihm von der Idee erzählt; ich hatte einen Text des „New Yorker“-Chefredakteurs David Remnick in der Tasche, den dieser über die letzten Amtstage Barack Obamas geschrieben hatte, eben weil Obama dem Kollegen Remnick die Möglichkeit dazu gegeben hatte.

So etwas funktioniert ja nur mit Zugängen. Und mit Ernsthaftigkeit. Und wenn beide Seiten glauben, dass Politik, dass überhaupt Macht sich nicht abschotten darf. Zugänglich sein muss. Verletzlich sein darf. Dass eben hierin Mut liegt. Schulz‘ Umfeld war gegen das Projekt: viel zu riskant. Das war selbstverständlich nachvollziehbar.

Also vergingen drei Wochen. Dann sagte Schulz: „Wir machen das.“ Und in Zeiten wachsender Politikverdrossenheit hielte ich es für gut, wenn sehr viel mehr Politiker sehr viel mehr Transparenz und Einblicke zuließen. Damit die Bürger erkennen könnten, dass es sich bei denen da oben um Menschen handelt, mit Stärken und Schwächen, mit Zweifeln und Überzeugungen; und damit die Politiker erkennen könnten, dass es nur der AfD hilft, wenn Imageberater und Pressestellen die Schwächen und die Zweifel verdecken wollen.

(Klaus Brinkbäumer in „Zur Lage“, dem Morgen-Newsletter des „Spiegel“ am 30. September 2017)

 

Eine vorbildliche Reportagen-Reihe: Die 10 Gebote, in die Gegenwart übertragen

Geschrieben am 31. Oktober 2017 von Paul-Josef Raue.
Luthers Beitrag zur Neid-Debatte: Eine Tafel aus der Ausstellung "Luther und die Sprache" auf der Wartburg 2016

Luthers Beitrag zur Neid-Debatte: Eine Tafel aus der Ausstellung „Luther und die Sprache“ auf der Wartburg 2016

Lasst uns über die Veränderung in der Gesellschaft nachdenken, über den Verlust der Werte! Das gelingt Zeitungen nur sporadisch, sie sind immer noch auf Aktualität ausgerichtet – und je unruhiger die Zeiten, umso mehr konzentrieren sich Zeitungen auf die Aufregung und Erregung des Tages.

Die  Braunschweiger Zeitung hat eine nachahmenswerte Idee: Wir produzieren eine Zeitung auch für den Feiertag, an dem die Menschen Zeit und Muße zum Lesen haben, also beispielsweise heute am Reformationstag – nicht über Luther  (über ihn gab’s mehr als genug), sondern über Werte, Veränderung und das Beständige, eben über das, was auch immer wieder Luthers Thema war.

Auf 22 Seiten, nahezu frei von Anzeigen, geht es um Werte und Wandel – allerdings nur am Rande mit Analysen, Theorien und Wertungen. Die Reporterin Katrin Schiebold erzählt auf der Hälfte der Seiten von Menschen: Was verändern sie? Wie werden sie verändert? Was macht ihnen Mut? Was lässt sie verzweifeln?

Der rote Faden ist ein uralter Werte-Kanon: Die Zehn Gebote – auf einer Seite geht es um je ein Gebot, wird ein altes Gesetz in die Gegenwart und ihre Geschichten übertragen:

1 – Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Die Reporterin trifft sich mit Christen und Atheisten und lässt sie erzählen: Warum glaubt ein Mensch? Warum widersteht er?

Das 2. Gebot, das wohl schwierigste: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.“

Katrin Schiebold erzählt von Jugendlichen, die den Verlockungen von Islamisten erliegen, und ihren Familien.

3 – Du sollst den Feiertag heiligen.

Ein Pfarrer und ein Ex-Fußballprofi von Eintracht Braunschweig erzählen, warum der Sonntag als Ruhetag wichtig ist. Docj die Gesellschaft ist gespalten: Viele Geschäfte wollen am liebsten jeden Sonntag öffnen.

4 – Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.

Wie geht es Kindern, die nur noch Mutter oder Vater stets in ihrer Nähe haben oder vom Jugendamt „erzogen“ werden.

5 – Du sollst nicht töten.

Eine Oberstaatsanwältin versucht zu verstehen, warum Menschen töten. Es sind erzählende Sätze wie diese, die den Wert der Reportagen ausmachen, kühl, aber nicht kalt, nicht wertend, denn dies gelingt dem Leser besser im Gespräch mit sich selbst:

Der Angeklagte hält sein Holzkreuz in den Händen, er zeigt keine Reue, kaum eine Regung. Dabei wäre das so wichtig gewesen für seine zehn Kinder, die während des gesamten Prozesses vor dem Braunschweiger Landgericht vergeblich auf eine Erklärung des 54-Jährigen warten. Warum hat er ihre Mutter in der katholischen Kirche in Braunlage getötet? Warum hat er versucht, sie mit Medikamenten zu vergiften, schließlich das Gewehr auf sie gerichtet und geschossen, warum hat er einen seiner Söhne und seine zwölfjährige Tochter dazu gezwungen, das Blut wegzuwischen und die Leiche fortzuschaffen? Warum macht ein Mensch so etwas?

Warum?

Es gibt Taten, die so grausam sind, dass sie selbst routinierte Kriminalisten und Ermittler fassungslos machen. Der Mord an der Küsterin in Braunlage vor fünf Jahren gehört dazu. Kirsten Böök hatte damals als Oberstaatsanwältin die Ermittlungen geleitet. „Der Fall war auch deshalb so ungeheuerlich, weil der Täter eiskalt vorging“, sagt sie. Er habe seine Kinder instrumentalisiert, sie dazu gezwungen, die Spuren seiner Tat zu beseitigen. Außerdem habe er seinen Sohn belastet, um die Schuld von sich zu nehmen.

6 – „Du sollst nicht ehebrechen“.

Eine Wolfsburger Standesbeamtin erzählt von der Trauung – und ein Braunschweiger Familienrichter von Scheidungen.

7-  „Du sollst nicht stehlen.“

Vom Datendiebstahl berichtet  ein Verfassungsschützer in einem Interview.

8 – „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“

Cybermobbing trifft viele junge Menschen, aber nicht nur sie. Wer Opfer wird, kann sich nur schwer von der Schmach befreien.

Paul und Celina sind ein Paar, doch dann trennt sich der 16-Jährige von seiner Freundin, weil er eine andere kennengelernt hat. Für Celina bricht eine Welt zusammen, sie ist gekränkt, verletzt, eifersüchtig. Abends sitzt sie in ihrem Zimmer, sucht nach einem Ventil, ihrer Wut und Verzweiflung Luft zu machen. Sie nimmt ihr Smartphone, öffnet eine WhatsApp-Gruppe und tippt: ,Paul hat mich vergewaltigt.‘ Der Satz verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Es kommt zu strafrechtlichen Ermittlungen. Am Ende stellt sich heraus: An dem Vorwurf ist nichts dran, Celina hat sich dafür rächen wollen, dass Paul sie verlassen hat. Doch der Vorwurf ist in der Welt.“

9 – „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.“

Ein Neidforscher erklärt, warum sich Menschen ständig miteinander vergleichen – und wann ein Vergleich zum Neid  wird.

10 – „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat“.

Partnervermittlungen im Internet – und der Seitensprung, der doch die Ausnahme ist.

 

Eine Reportagen-Reihe – zum Nachahmen empfohlen – nicht nur an Feiertagen. Wer keine komplette Ausgabe damit produzieren kann, dem ist eine Serie über Tage und Wochen zu empfehlen. Sie kommt den Lesern  sogar mehr entgegen: Wie viele nehmen sich die Zeit, stundenlang eine Zeitung zu lesen, prall mit exzellenten Geschichten gefüllt?

 

Schlag nach im „Handbuch des Journalismus“: Leser-Kritik an einer Wahlkampf-Reportage

Geschrieben am 15. Oktober 2017 von Paul-Josef Raue.
Ausriß der Braunschweiger Zeitung: Eine Leserin kritisiert diese Wahlkampf-Reportage.

Braunschweiger Zeitung: Eine Leserin kritisiert diese Wahlkampf-Reportage.

Wer im Wahlkampf eine Reportage schreibt, sogar locker, vielleicht auch flockig mit Kandidaten und Emotionen umgeht, den kritisieren Leser schnell: Das ist kein guter Journalismus; der sei sachlich, objektiv und langweilig.

In der Braunschweiger Zeitung schrieb eine Leserin zu der Reportage „Martin Schulz – wie ein Popstar umjubelt“ (15.  September 2017):

„Betrachte alles von der guten Seite“, ist meine Devise. Bei oben genanntem Artikel ist das allerdings unmöglich. Dass alles, was in den verschiedenen Medien geschrieben oder gesprochen wird, nicht der Meinung aller entspricht, ist nicht zu ändern und gut so. Gleichwohl gilt auch für Journalisten, sich an Regeln zu halten, die guten Journalismus ausmachen. Den publizistischen Grundsätzen im Pressekodex ist zu entnehmen, dass Journalisten ihre publizistische Aufgabe fair, nach bestem Wissen und Gewissen, unbeeinflusst von persönlichen Interessen und sachfremden Beweggründen wahrnehmen sollten.

Trifft das auf den genannten Artikel zu? Dort schreibt Frau Richter (die Reporterin)  unter anderem: „kühner Herausforderer“, „selbst ein dänischer Journalist“, „keck im offensichtlichen Parkverbot“, „außergewöhnliche Vorgänge“, „lugen … finster drein“, „heftig am Bierzelt zerrt“, „behilft sich mit Spickzettel“, „korrigiert er auf Zuruf“, „spult seine Rede nicht herunter“.

Der Ombudsrat der Zeitung nahm sich des Falls an und bat die Reporterin Ann Claire Richter, Stellung zu nehmen (14. Oktober 2017):

Ich bedauere sehr, dass der Leserin mein Text zum Wahlkampfauftritt von Martin Schulz missfällt. Möglicherweise hat sie zu diesem Anlass einen nüchternen nachrichtlichen Bericht erwartet, wie er vielfach auf unseren Politikseiten zu finden ist. Mein Auftrag aber war es, eine Reportage für den Lokalteil zu schreiben, die die Atmosphäre bei diesem Politiker-Besuch einfangen sollte.

Während eine Nachricht oder ein Bericht Distanz wahren müssen, dürfen Reportagen ausdrücklich sehr nah und bildhaft an das Geschehen heranrücken. Es gilt sozusagen, mit Worten einen Film im Kopf des Lesers zu erschaffen. Im „Handbuch des Journalismus“ von Wolf Schneider und Paul-Josef Raue ist die Reportage unter der Rubrik „Die unterhaltende Information“ zu finden.

Formulierungen wie „er spult seine Rede nicht herunter“ oder „Wind, der heftig am Bierzelt zerrt“ in meinem Text widersprechen meines Erachtens also nicht den Regeln, die guten Journalismus ausmachen.

In der Kritik wird jedoch deutlich, woran sich Leser reiben:

  • Wertungen des Redakteurs, also versteckte Kommentare, mögen nur Leser, die die Perspektive des Redakteurs teilen. „Keck im offensichtlichen Parkverbot“ liest sich flott und neckisch, aber macht deutlich, dass der Journalist den Politiker als hochmütig bewertet: Er kümmert sich nicht wie ein einfacher Bürger um ein Verbot. Bei solchen Adjektiv- und Adverb-Ansammlungen lohnt die Gegenprobe: „Der Politiker stellt sich ins Parkverbot“ – das ist genau beobachtet und überlässt die Wertung dem Leser, der „keck“ urteilt oder „frech“ oder „arrogant“.
  • Nicht-Sätze meist vermeiden, stattdessen das beschreiben, was man sieht. „Schulz spult seine Rede nicht herunter“ schreibt der Redakteur. Nur – wie redet er wirklich?
  • Adjektive meiden, die dem Leser den Standpunkt des Redakteurs aufdrängen wie „kühn“, „keck“, „außergewöhnlich“ und „finster“. Am besten nutzt man nur Adjektive, die beschreiben, wie ein rotes Buch oder ein weißes Hemd.

Die Reportage, vor allem in Kampfzeiten, soll anschaulich beschreiben, was ist, damit sich der Leser ein eigenes Bild machen  – und sein eigenes Urteil bilden kann.

 

Ist eine Gegendarstellung gegen Unsinn möglich?

Geschrieben am 24. August 2017 von Paul-Josef Raue.
Ex-Minister Karl-Theodor zu Guttenberg. Foto: Karl Mörk / Wikipedia

Ex-Minister Karl-Theodor zu Guttenberg. Foto: Karl Mörk / Wikipedia

Haben Richter Humor, wenn sie über Schlagzeilen urteilen? Ja, zumindest ein Münchner Richter: „Es ist zwar grober Unsinn, aber keine Tatsachenbehauptung“, sagt er zur Schlagzeile der Bunte: „Guttenberg: Millionengeschäfte im Steuerparadies“. Der Bericht sei „von Unschärfen durchzogen“, aber nicht zugänglich einer Gegendarstellung. Folglich: Unsinn ist keine Tatsache, sondern eine Meinung, wenn auch eine unscharfe.

Wie wird aus Unsinn in einer Schlagzeile eine Tatsache? „Uns fehlt das Tu-Wort“, sagt der Münchner Richter. Vor der Pressekammer in Hamburg hätte es für Ex-Minister Karl-Theodor zu Guttenberg wohl eine Gegendarstellung auch ohne Tu-Wort gegeben.

Gegen die Zeile auf dem Cover der Bunte klagt Gutenberg.

Gegen die Zeile auf dem Cover der Bunte klagt Gutenberg.

Nachtrag:

Der Widerspruch der Bunte gegen die zwei Einstweilige Verfügungen, die Gutenberg erwirkt hatte, ist erfolgreich. Das Landgericht München I hat die EV am Donnerstag, 24. August, aufgehoben.

 

Quelle:  Süddeutsche Zeitung, 24. August 2017 /

 

 

 

Der erste Ombudsmann bei „Bild“ oder: Vom Boulevard lernen

Geschrieben am 23. August 2017 von Paul-Josef Raue.
Ernst Elitz ist der erste Ombudsmann der Bildzeitung. Foto: Bild

Ernst Elitz ist der erste Ombudsmann der Bildzeitung. Foto: Bild

Wer für Journalisten über die Bildzeitung schreibt, tut gut daran, um seines Seelenfriedens willen zumindest entschlossen kritisch zu schreiben, noch besser abwertend oder gar hämisch. Die Redakteure gelten als Schmuddelkinder der Branche. Dabei arbeiten bei den sogenannten seriösen Medien immer mehr Chefredakteure und Ressortleiter, die von der Bildzeitung kommen. Drei Beispiele:

  • Sven Goesmann, Chefredakteur der dpa, war – vor seiner Zeit bei der Rheinischen Post – stellvertretender Chefredakteur bei Bild;
  • Uwe Vetterick war auch stellvertretender Bild-Chefredakteur, bevor er Chefredakteur der Sächsischen Zeitung in Dresden wurde und heute als bester in der Regionalzeitungs-Branche gilt;
  • auch Ulrich Becker war stellvertretender Chefredakteur bei Bild,  als er Chefredakteur der Südwest-Presse in Ulm wurde, die er offensichtlich erfolgreich modernisiert.

Die Bildzeitung scheint also etwas zu besitzen, was Zeitungen, vor allem Regionalzeitungen, fehlt – und was sie zum Erfolg gut gebrauchen können. Als wir vor über zwanzig Jahren das „Handbuch des Journalismus“ schrieben, erregten wir schon den Unmut mancher Redakteure mit den Zeilen:

Die kurze, klare Sprache, ein Themen-Mix, der die Leser anspricht – das sind die Stärken der Boulevardzeitung. Und es sollten auch die Stärken aller Zeitungen sein, die sich zum Ziel setzen, den Leser ernst zu nehmen… In der Tat nähern sich Boulevard-  und Tageszeitungen immer stärker an.

(Mehr im Kapitel 35 der aktuellen Handbuch-Auflage: Der Boulevardjournalismus)

Als sich vor kurzem zwei Dutzend Ombudsleute bei dpa in Berlin trafen, fehlte einer: Ernst Elitz (76), der als erster Ombudsmann der Bildzeitung gleich nebenan im Springer-Hochhaus sitzt. Ich habe ihn in der Mittagspause besucht: Es wurde ein langes Gespräch. In der kress-Kolumne JOURNALISMUS! schreibe ich, warum der Ex-Intendant des seriösen Deutschlandradios zum Boulevard ging; welche Macht er hat, bei Bild Fehler aufzudecken und öffentlich zu machen; und was er über die denkt, die ihn als Feigenblatt disqualifizieren.

Elitz war immer ein Journalist, der auch als SDR-Chefredakteur, Professor oder Intendant nie auf die Redakteure bei Lokalzeitungen hinabsah, der zu ihnen ging – und wie selbstverständlich für die Jubiläumsausgabe der „Drehscheibe“ einen Text schrieb, der auch im „Jahrbuch für Journalisten 2012“ erschienen ist. Einige Zitate aus dem Beitrag weisen schon auf den Ombudsmann Elitz hin:

  • Der Journalismus muss sich von dem Dünkel verabschieden, Dienstleister allein für die gebildeten Stände zu sein. Er darf nicht auf hohem Kothurn die Welt durchschreiten und mit Verachtung auf jene blicken, die seinen intellektuellen Ansprüchen nicht genügen. (Anmerkung Raue: Kothurn war der Jagdstiefel des Dionysos und wird vom Duden als „bildungssprachlich“ eingeordnet für „pathetisch, hochtrabend reden“.)
  • Fachjargon und subtile Erklärungen können vielen das Weltgeschehen nicht näher bringen. Im Kern des Kontrakts, das der Kunde täglich neu mit den Medien schließt, stehen Verständlichkeit, persönliche Nähe und Emotion. Die trockene Nachricht war noch nie des Lesers Leibgericht.
  • Der Leserreporter erspart dem Journalisten keine Arbeit. Er ist kein Sparprogramm. Wer investigativen Journalismus betreiben will, braucht auch künftig akribische Arbeiter, gute Kriminalisten und einen Steher als Chefredakteur. Guter Journalismus ist nicht beim billigen  Jakob zu haben.
  • Der Journalist ist weder Schönschreiber noch Schwarzmaler. Er schreibt, was er sieht; wägt, was er hört; erklärt, was dem Leser sonst ein Rätsel mit sieben Siegeln bliebe. Das Kennzeichen seines Berufs sind Wahrheitsliebe und Welterklärung. Aber die Glaubwürdigkeit ist und bleibt sein persönlicher Markenkern.

Das ist die Geschichte vom ersten Ombudsmann der Bildzeitung, erschienen als Kress-Kolumne JOURNALISMUS! vom 21. August 2017: https://kress.de/mail/news/detail/beitrag/138363-ombudsmann-bei-bild-die-redaktion-hat-sich-verantwortungslos-verhalten.html

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Der Text der Kolumne:

Es dürfte angenehmere Aufgaben geben, als nach einer erfolgreichen Karriere als Journalist der erste Ombudsmann der „Bildzeitung“ zu werden. Ernst Elitz protestiert:

Nein, für mich ist es eine ausgesprochen interessante Aufgabe, als Mittler zwischen Lesern und Redaktion bei der erfolgreichsten deutschen Zeitung mit einer Reichweite von neun Millionen zu arbeiten, die eine so vielfältige Leserschaft hat wie wohl kaum eine andere: Vom Bauarbeiter bis zur Kanzlerin, von der Putzfrau bis zum Wirtschaftsboss. Das soll keine angenehme Aufgabe sein?

Wie kommt einer wie Ernst Elitz dazu, bei Bild anzuheuern? Er hat einen exzellenten Ruf, ist Honorarprofessor für Kultur- und Medienmanagement der FU Berlin und hat als Intendant des Deutschlandradios den Sender zur ersten Adresse des seriösen deutschen Rundfunks gemacht:  Wer morgens als Journalist informiert sein will, schaltet diesen Sender ein.

Elitz‘ Karriere zuvor war ebenso steil wie untadelig: Spiegel, ZDF, Moderator von „Kennzeichen D“ und „heute journal“, Chefredakteur beim Süddeutschen Rundfunk; Auszeichnungen vom Gustav-Heinemann-Bürgerpreis bis zum Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Ex-ZDF-Intendant Schächter würdigte ihn als „großen kommunikationsfreudigen Grandseigneur“.

Und nun als Krönung: Bild? Elitz widerspricht der „Krönung“:

Eine Anfrage, für Bild zu schreiben, hatte ich schon von Hans-Hermann Tiedje in den achtziger Jahre, hauptsächlich wohl wegen meiner pointierten ‚Tagesthemen‘-Kommentare. Aber ich habe das Bild-Angebot auf Wiedervorlage gelegt, zumal ich dann später die Chance hatte, den nationalen Hörfunk Deutschlandradio aufzubauen.

Wie kommt ein Journalist, der als die Seriosität in Person gepriesen wurde, zum Boulevard? „Kein anderes Medium wird so oft von Journalisten zitiert“, berichtet Elitz. „Einen besseren Vertrauens- und Qualitätsbeweis gibt es ja wohl kaum. Ein klares Leitmedium also wie der Deutschlandfunk.“

Die Bildzeitung habe schon immer morgens auf seinen Schreibtischen gelegen, wo auch immer er gearbeitet habe: Die Bildzeitung neben der New York Times. „Unbedingt“, sagt er. „Die erste für die umfassende weltpolitische Lagebeurteilung. Die zweite, um den Kollegen bei abgehobenen Diskussionen die Interessen und Bedürfnisse der normalen Bürger zu verdeutlichen.“

Sprechen wir über journalistische Qualität und abgehobene Diskussionen – beim Deutschlandfunk, bei der Zeit und der Bildzeitung. Gibt es keine Unterschiede?

Qualität ist, wenn es stimmt und wenn der Leser, Zuschauer oder Hörer sagt: Aha, ich habe verstanden. Das gilt für ‚Die Zeit‘ wie für ‚Bild‘. Die Ansprache aber muss zielgruppengerecht erfolgen. Und darin unterscheidet sich dann ‚Die Zeit‘ von einer Boulevardzeitung. Da sollte sich keiner über den anderen erheben.“

Aber – ist der Ruf der Bildzeitung nicht gerade der beste? Spricht der Presserat nicht oft eine Rüge aus? Nervt der Presserat nicht die Bild-Redaktion, zumal in den Beschwerde-Ausschüssen zwei Mitarbeiter des Springer-Verlags sitzen?

„Der Konzernspitze und den Redaktionen geht es um Transparenz“, sagt Elitz. Das dürfte ein Grund gewesen sein, den Ombudsmann zu berufen. „Selbstkritik gehört zum Zeitungsmachen.“ Noch wichtiger als die Ombudsmann-Instanz ist Elitz die Verpflichtung der Bild-Kommentatoren, jeden Morgen per Video auf Leserfragen zu reagieren, ihren Kommentar auf Facebook öffentlich zu verteidigen. Da ist Bild-Reporter Rolf Kleine zu sehen, der auf einen unsichtbaren Bildschirm schaut, Facebook-Fragen zu Erdogan und die Türkei aufnimmt und den Leser familiär duzt.

Tanit Koch, die Chefredakteurin, lässt auch Kritik an Kohls Ehefrau zu. „Die Witwe ist narzisstisch!“ , behauptet ein Leser. Tanit Koch erzählt von ihren Begegnungen mit Kohls Ehefrau und zeigt Bewunderung für jeden, der einen kranken Menschen pflegt.

Der Narziss trifft auch Helmut Kohl, von einem Leser per Facebook an die Kommentatorin gemailt.  „Ein heftiger Vorwurf“, entgegnet die Chefredakteurin, „ich habe Zweifel, ob man Bundeskanzler wird, ohne Machtmensch zu sein.“ Die Antworten kommen spontan; die Auswahl, welche Frage sie beantworten, treffen die Kommentatoren unmittelbar, es gibt offenbar keine Vorauswahl, offenbar auch keine Helfer im Hintergrund;  einige Sekunden Lese-Pausen sind nicht zu vermeiden, wenn der Kommentator die Facebook-Fragen durchscrollt, da wackelt auch mal das Bild.

Der Anlass für den Ombudsmann ist eine Story in der Frankfurter Ausgabe am 6. Februar: „37 Tage nach Silvester brechen Opfer ihr Schweigen – Sex-Mob in der Freßgass“. Die Story ist erfunden, die Fakten kann die Polizei nicht bestätigen. Gegen die angeblichen Zeugen der Übergriffe von angetrunkenen Ausländern ermittelt die Staatsanwaltschaft – wegen Vortäuschen einer Straftat.

Acht Tage später entschuldigt sich Julian Reichelt (36), Chef der Bild-Redaktionen, in der Zeitung: „Diese Berichterstattung entspricht in keiner Weise den journalistischen Standards von BILD.“ In einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ kündigt Julian Reichelt schärfere Kontrollen in der Redaktion an. Und es kommt der Ombudsmann. Der kritisiert die Redakteure in Frankfurt: „Die sind zu Recht gegeißelt worden.“

Der Ombudsmann Ernst Elitz kommentiert schon seit Jahren für Bild, gibt in der Springer-Medienakademie Seminare zu Mediengeschichte und Ethik, aber er ist einer, der von außen kommt.  Elitz steht außerhalb der Hierarchie, nimmt keine Weisungen entgegen, und das betont er: „Ich gehe direkt in die Redaktionen, kann mit allen unmittelbar sprechen und sogar bitten: Nehmen Sie den Satz online einfach raus.“

Die Kritiker der Bildzeitung sehen im integren Elitz nur ein Feigenblatt. „Der Bild-Ombudsmann ist ein schlechter Witz“, schreibt Moritz Tschermak im „Bildblog“ und zählt etliche Fälle auf, über die Ernst Elitz hätte schreiben können. „Stattdessen hat er die ‚Bild‘-Medien lieber gelobt.“

Elitz erklärt den Lesern, wie die Redaktion arbeitet. Diese Forderung nach Transparenz wird auch in seriösen Medien immer lauter, um auf Vorwürfe von Fake-News und Lügenpresse zu reagieren.

Nach dem Attentat in Manchester nimmt Elitz  die Vorwürfe von Lesern auf, Bild hätte die Fotos der ermordeten Kinder nicht zeigen sollen:

Ich war Zeuge, als die schrecklichen Bilder die Redaktion erreichten. Es herrschte große Betroffenheit. Viele Mitarbeiter haben Kinder im Alter der Ermordeten. Und so wurde die Auswahl der Fotos eben nicht nur von Journalisten getroffen, sondern von Müttern und Vätern, die sich fragten: Würde ich mein Kind so zeigen, wenn meine eigene Familie von diesem Grauen betroffen wäre?

Elitz resümiert: „Die Redaktion hat richtig entschieden“, aber nutzt die Gelegenheit nicht, auf Pressekodex und Presserat hinzuweisen; die Praxis, Fotos von Opfern zu zeigen, wird nicht nur im Boulevard kontrovers diskutiert, sondern auch in den sogenannten seriösen Medien.

Bild hat, jenseits des Organigramms, zwei Lager, man könnte meinen, es seien zwei Redaktionen:

  • Die eine, die den Aufzug nach oben bedient und Promis hofiert, die schreibt für die Voyeure des Leids und die Genießer von Gerüchten – und auch für Blogger und Medienjournalisten, die sich durchaus lustvoll stürzen auf „das alte ekelige Revolverblatt“ (so „Bildblog„).
  • Die andere, die tief recherchiert, den Aufzug nach unten bedient, den Bundespräsidenten stürzt (der von der einen in die andere Redaktion gereicht wurde), Kampagnen startet und die Rangliste der meistzitierten Medien im Griff hat.

Steht der Ombudsmann zwischen den beiden? Nein, beteuert Elitz, der Kontrolleur, „ich stehe nicht dazwischen, sondern bin Ansprechpartner für die Arbeit aller Redaktionen.“

Als am 2. Juni die Frankfurter Ausgabe „Danke, Polizei, für 150 Jahre“ veröffentlicht, druckt sie auch ein Foto des Polizeipräsidenten Adolf Beckerle, den die Nazis eingesetzt hatten. Geschichtsvergessen hat die Redaktion einfach die Festschrift der Polizei genutzt, die ebenso geschichtsvergessen den Nazi einfach in die Liste aufnahm. Ein wenig Recherche hätte gereicht: Kurz vor seinem Tod  hatte die Staatsanwaltschaft 1959 Beckerle wegen Beteiligung an Juden-Deportationen angeklagt.

Elitz schreibt in seiner Kolumne: „Der Verzicht auf eigene Recherche ist ein Verstoß gegen klassische journalistische Standards“, und kritisiert heftig im Blatt:

„In der Redaktion haben die Verantwortlichen weder den Verzicht auf Eigenrecherche noch den Mangel an historischer Einordnung erkannt und die Veröffentlichung in dieser kritikwürdigen Form zugelassen. Dieser Fall gibt Anlass darauf hinzuweisen, dass Eigenrecherche, Überprüfung der Quellen und verantwortungsvolle Kontrolle die Grundlage professioneller journalistischer Arbeit sind.“

Angefeuert durch eine Chatfreundin stürzt sich ein Selbstmörder in den Tod. Im Netz veröffentlicht Bild ein Video über den Selbstmord. Elitz weist auf die Regeln hin:

Bild berichtet in der Regel nicht über Selbsttötungen, um keinerlei Anreiz zur Nachahmung zu geben – es sei denn Suizide erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. In diesem Fall stand das moralische Versagen der Chat-Teilnehmerin im Mittelpunkt. Angesicht der im Beitrag geschilderten Verantwortungslosigkeit wiegt das Versäumnis der Redaktion umso schwerer (gemeint ist die Selbstverpflichtung der Chefredaktion, bei Suizid-Berichten zwingend Kontaktadressen zur Hilfe für Selbstmordgefährdete zu veröffentlichen). Auch sie hat sich verantwortungslos verhalten.“

Elitz kritisiert die Werbung im Umfeld von Terroranschlägen und fordert einen grundsätzlichen Verzicht: „In dieser Situation verletzen Werbespots die Würde der Opfer. Mehr Sensibilität ist geboten!“

Über einen frauenfeindlichen Satz schreibt Elitz: „Das war ungehörig!“ und bittet, ihn zu löschen.

125 Briefe bekommt Elitz in der Woche, zehn Prozent sind Dauerschreiber. Elitz antwortet oder reicht die Briefe weiter. Nur bei Beschimpfungen und Beleidigungen reagiert er nicht. Und gegen Kritik in Blogs? Da sei er unempfindlich, meint Elitz.

„Die journalistischen Blogger bestätigen sich nur ihre Vorurteile. Aber das ist ja nicht verboten.“

Man spricht eben nicht miteinander.

 

Interne Spiegel-Kritik: Wir müssen raus aus der Komfortzone der Redaktion?

Geschrieben am 7. August 2017 von Paul-Josef Raue.
Barbara Hans, Jahrgang 1981, ist Chefredakteurin von Spiegel Online. Foto: Iris-Carstensen / Spiegel

Barbara Hans, Jahrgang 1981, ist Chefredakteurin von Spiegel Online. Foto: Iris-Carstenseniegel/Spiegel

Mittelalte, weiße Männer, gutverdienende Akademiker definieren und prägen die journalistische Realität und damit unsere Weltsicht. Was sie am besten kennen, das sind andere mittelalte, weiße Männer, mit Abitur und schicker Altbauwohnung. Was sie weniger gut kennen, das ist das Leben als Arbeiter in Herne Crange. Oder das Leben als lesbische junge Frau.

Spiegel-Online-Chefin Barbara Hans in einem Interview mit dem journalist (8/2017)  – vielleicht an ihre Chefredakteure denkend? Sie fordert:

Wir müssen dahin, wo es weh tut. Raus aus der redaktionellen Komfortzone. Wir können nicht alles so lassen und hoffen, dass einige wenige Neueinstellungen zum Wandel führen werden.

Ist oder war der Spiegel nicht dafür bekannt, dass er zu den Rändern der Gesellschaft ging? Dass er sich Autoren leistete, als Storytelling noch ein unbekannter Anglizismus war? Was hat sich verändert?

Wir müssen Dinge für möglich halten, auch wenn wir sie für falsch halten. Und die Frage, was wir für richtig und was wir für falsch halten, sollte nicht unser Leitmotiv sein.

Das ist ein guter journalistischer Standpunkt. Aber passt er auch auf den Spiegel? Ist er nicht zur Institution aufgestiegen, weil er eine Meinung hatte, eine Haltung, wie es heute heißt? Oder haben sich die Leser gewandelt, die nicht mehr eine Haltung erwarten, sondern ein Pro&Kontra, also die Breite der Meinungen?

 

Was ist eine „gelenkte Reportage“?

Geschrieben am 30. Mai 2017 von Paul-Josef Raue.
Die Skyline von Pjöngjang, Hauptstadt Nordkoreas, sieht aus wie die einer westlichen Metropole. Foto: Uwe Brodrecht / Wikipedia

Die Skyline von Pjöngjang, Hauptstadt Nordkoreas, sieht aus wie die einer westlichen Metropole. Foto: Uwe Brodrecht / Wikipedia

Das Programm von Journalisten in Nordkorea besteht aus Pflichtterminen unter Dauerbeobachtung durch Beamte des Aussenministeriums – freie Recherche gibt es nicht.

So schreibt Matthias Müller, Reporter der Neuen Zürcher Zeitung in seiner Reportage. Er schaut also genau hin, um die Widersprüche zu entdecken:

Der Angestellte der Taschen-Fabrik wurde rhetorisch nicht ganz so gut geschult: Auf die Frage, ob man eines Tages Gewinne erwirtschaften möchte, antwortet er unsicher, die Stimme wird immer leiser, bis er nur noch flüstert. Kapitalistisches Gedankengut verschlägt offenbar manchem Nordkoreaner die Sprache.

Im Newsletter am Morgen nennt die NZZ dies eine „gelenkte Reportage“, angelehnt an den Begriff des „Embedded Journalist“, der eingebettet ist in eine meist militärische Struktur; diese lässt ihm keinen Freiraum, schützt aber auch in einem Krieg. Erfunden hat diese „Einbettung“ die US-Armee im Irakkrieg 2003.

Gelenkter wie eingebetteter Journalismus widersprechen zwar den Regeln eines freien, von keinem beeinflussten Journalismus; gleichwohl unterwerfen sich Reporter der Gängelung, um in extremen Lagen der Wahrheit auf die Spur zu kommen und Widersprüche zwischen Schein und Wirklichkeit aufzudecken.

 

Wie Redaktionen mit Pressereisen umgehen und was der Pressekodex regelt

Geschrieben am 17. März 2017 von Paul-Josef Raue.
Höhlenkloster Garedshi in Georgien - Foto Raue

Pressereisen in attraktive Regionen sind beliebt: Das Höhlenkloster Garedshi in Georgien – Foto (nicht von einer Pressereise): Raue

„Ein Schaf für Gott, ein Schnaps für den Menschen“, titelte die FAZ am 9. März in ihrem Reiseteil über eine Fahrt in den Osten Georgiens. Eine halbes Jahr vorher hatte dieselbe Autorin von einer Reise nach Georgien in der Welt berichtet: „Die Urheimat des Weins“ (15. Oktober 2016). Die beiden Reportagen unterschieden sich zwar deutlich, doch fußten sie offenbar auf einer Pressereise des Veranstalters Via Verde.

Die Welt setzte unter die Reportage den Hinweis:

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Via Verde. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

Die Regeln für Pressereisen hat der Springer-Verlag, zu der die Welt gehört, so festgeschrieben:

Einladungen, Geschenke und Pressereisen

Die Gefährdung unabhängiger journalistischer Arbeit durch persönliche Vorteilsnahme ist Gegenstand der Ziffer 15 des Pressekodex. Schon der Anschein, die Entscheidungsfreiheit von Journalisten könne durch Gewährung von Einladungen oder Geschenken beeinträchtigt werden, ist zu vermeiden.

Die Journalisten bei Axel Springer

  • tragen dafür Sorge, dass alle Kosten (Reisekosten, Bewirtungen etc.), die im Zusammenhang mit Recherchen entstehen, grundsätzlich durch die Redaktion übernommen werden. Ausnahmen sind von der Chefredaktion zu genehmigen und in der Berichterstattung entsprechend kenntlich zu machen.
  • nehmen keine Geschenke an, die den Charakter einer persönlichen Vorteilsnahme haben, oder geben diese – falls die Annahme unvermeidbar ist – an den Verlag weiter, der diese karitativen Zwecken zuführt.

Ein solcher Hinweis fehlt bei der FAZ-Reportage. Der Leser kann dies indirekt dem Info-Kasten entnehmen „In der Wildnis Georgiens“: Dort wird auf den Veranstalter hingewiesen mit Preisen und Web-Adresse. Reicht das?

In Ziffer 15, Richtlinie 15.1, schreibt der Pressekodex vor:

Wenn Journalisten über Pressereisen berichten, zu denen sie eingeladen wurden, machen sie diese Finanzierung kenntlich.

Im  seinem Jahresbericht 2013  geht der Presserat ausführlich auf Pressereisen ein:

Ohne Transparenz geht es nicht. Die Offenlegung, auf wessen Kosten ein Journalist auf Recherche unterwegs war, ist erforderlich. Nur durch dieses Grundprinzip kann die Glaubwürdigkeit der Presse gewahrt werden.

Nur wenige Beschwerden gingen beim Presserat ein, „weil der Leser einen möglichen versteckten Einfluss bei der Berichterstattung schwer erkennen kann. Lediglich ein Hinweis wurde ausgesprochen, weil eine Regionalzeitung eine Reportage über eine Flusskreuzfahrt, zu der er von einem Veranstalter eingeladen wurde, nicht entsprechend gekennzeichnet hatte“.

Für den Presserat ist dies nicht nur ein Problem des Reisejournalismus. Sollen Recherchen überhaupt von Dritten finanziert werden? Es geht um Einladungen von Wirtschaftsunternehmen zu Bilanzpressekonferenzen im Ausland, Produktvorstellungen in der Elektronikbranche oder Vorstellungen von neuen Automodellen.

Christopher Schmidt, der SZ-Sprachgewaltige, ist tot

Geschrieben am 2. März 2017 von Paul-Josef Raue.
Christopher Schmidt, Literaturchef der Süddeutschen Zeitung, ist tot. SZ-Foto: Allessandra Schellnegger

Christopher Schmidt, Literaturchef der Süddeutschen Zeitung, ist mit gerade mal 52 Jahren gestorben. SZ-Foto: Allessandra Schellnegger

Er pflegte eine manchmal mürrische, immer unbestechliche, auf bedauerliche Weise etwas aus der Mode gekommene Distanz.

Kann man Schöneres über einen Journalisten schreiben? Sonja Zekri  ehrt so heute (2. März 2017) Christopher Schmidt, den Literaturchef der Süddeutschen Zeitung; er ist mit gerade mal 52 Jahren gestorben.

Sonja Zekri zeichnet auch das Gegenbild des abgehobenen Feuilletonisten, dem Schmidt eben nicht glich:

Es wäre für ihn ein Leichtes gewesen, aus seiner Nähe zu den Berühmten der Bühne, des Films, der Literatur Kapital zu schlagen, ihren Glanz auf sich abstrahlen zu lassen, ein strahlender Name hier, ein Fernsehauftritt dort, eine Whiskey-Runde nach der Vorstellung.

Schmidt war ein besonderer Journalist, ein besonders guter, mehr als ein Profi. „Viele Journalisten haben ein schwieriges Verhältnis zur Sprache, seines war obsessiv“, schreibt Sonja Zekri im Nachruf:

Seine Texte verrieten eine Sprachgewalt, die reichte, um Romane zu füllen, kein Bild war schief, gebraucht, auch nur vage bekannt. Für die Entlarvung des alltäglichen politischen, medialen oder sonstigen Sprachmülls erfand er eine eigene kleine Feuilleton-Rubrik, den „Phrasenmäher“, wo er das „Pimpen“, den „Spoiler-Alarm“ oder den „Atmenden Deckel“ in ihre Einzelteile zerlegte und wieder zusammensetzte.

Sie erinnert an sein schönstes Essay, das der schreibende Heimwerker der Schraube widmete: „Ein Lob an die Schraube – Kopf hoch!“, erschienen vor sieben Jahren. Schmidt beschreibt einen Schrauben-Laden in München:

Hier wird man gemaßregelt. Hier bemüht man sich nicht um den Kunden, hier beugen sich Gleichgesinnte über das obskure Objekt ihrer Begierde. Und Laien werden nur geduldet. Jeder Besuch im Schraubengeschäft: eine Lektion in Demut.

Das Ende des Essays taugt, wie der gesamte Text, zur Ausbildung von Redakteuren: Wie man über einem scheinbar unbedeutenden Gegenstand einen bedeutenden Artikel schreibt:

Es gehört zur spröden Poesie der Schraube, dass sie eines der wenigen Dinge ist, die unendlich sind in einer von Endlichkeiten beherrschten Welt, dass man bei ihr weiß, „um was es sich dreht“, und dass es Ozeane von Erfinderschweiß kostete, um härtesten Stahl so filigran zu formen, dass er an der Spitze ins Nichts übergeht.

Übersprungen sei hier das delikate Verhältnis zwischen der männlichen Schraube und ihrem weiblichen Gegenstück: der Mutter – wie die meisten Mutter-Sohn-Bindungen eine der wenigen perfekten Beziehungen. Aber auch, nachdem die Schraube zu ihrer heutigen Gestalt herangereift war, konnte man ihr noch zweihundert Jahre lang aus dem Weg gehen. Erst als das schwedische Möbelhaus „Ikea“ mit seinen Bausätzen das Wohnen revolutionierte, musste sich fast jeder irgendwann mit der Schraube auseinandersetzen. Denn sie öffnete den Weg in die Emanzipation.

Die instabilen Spezialschrauben von Ikea sind allerdings der Sündenfall in der Geschichte der Schraubverbindungen, und deshalb wurde Ikea zur Strafe an den Stadtrand verbannt.

Wie sich „Brand Eins“ aus der Asche von „Econy“ erhob (Journalismus-Geschichte)

Geschrieben am 25. Januar 2017 von Paul-Josef Raue.

Gabriele Fischer war stellvertretende Chefredakteurin des Manager Magazin, als sie den Spiegel-Verlag überzeugte, ein neues, ganz neues Wirtschaftsmagazin zu gründen:

Ein Magazin für Leute, die aufbrechen; die etwas unternehmen; die Wirtschaft noch als Abenteuer begreifen und nicht ständig über Steuerlast und Bürokratie klagen. Ein Magazin für die Mutigen eben – und gegen die Bremser,

so schrieb sie im ersten Editorial von Econy; Vorbilder gab es in den USA mit Fast Company  und Wired.

Nicht einmal drei Monate brauchte sie von der Idee bis zum ersten Heft. War dies einer der Gründe, warum Econy keine Freunde fand im Verlag und in der Spiegel-Redaktion?  Ein Schnellschuss, ohne lange Debatten über Sinn, Unsinn und Ziel – und dann noch mit einer winzigen Redaktion: Das kann nichts Rechtes geben, dachte die Spiegel-Redaktion, die gerne monumental denkt. Auf jeden Fall schmunzelte sie über ein Magazin, das mit drei, vier Redakteuren 220 Seiten anständig füllen wollte.

Aber selbst das war wegweisend: Eine kleine Redaktion sucht die Themen und dafür die besten Autoren.

So werden bald die meisten Zeitungen und Magazine arbeiten, wenn sie es nicht heute schon tun: Kleine Teams, die strategisch denken, mit wenigen Redakteuren, die recherchieren, was nur unabhängige Redakteure recherchieren können, und Freien, die gut bezahlt werden und Qualität liefern.

Der Respekt vor den Freien, deren gute Bezahlung und eine exzellente Textredaktion – damit fing Econy an; das bietet Brand Eins immer noch. Wenn Manager heute sparen wollen, sparen sie meist am falschen Ende: Sie senken radikal die Etats für die Freien. Das führt zu einem fatalen Qualitätsverlust: Weniger Redakteure, kaum Geld für Freie – wie soll das funktionieren?

Gabriele Fischer stellte weder Layouter ein noch einen Art-Direktor, sondern nahm einen wenig bekannten Freien: Mike Meire war ein junger Grafiker, der mit völlig neuem Blick auf zu bedruckendes Papier schaute. Auf seinen Fotos saßen Manager nicht hinterm aufgeräumten Schreibtisch, sondern schaukelten, leicht verwischt, auf einer Schaukel; die Leser blickten nicht in Superbüros, sondern aus dem Fenster auf eine Brache mit Bagger. Eigentlich war es einfach: Die Fotos zeigten die Welt und die Menschen, wie sie wirklich sind; sie nahmen den Personen die Rollen, in die sie gezwängt  sind – aber ohne sie bloßzustellen.

Mike Meire war ein Glücksfall, er entwickelte ein völlig anderes Design, das Abschied nahm von allem, was üblich war – und das dann mit vielen Preisen gekrönt wurde. Die Entscheider in den Medienagenturen, die Gabriele Fischer auf einer Roadshow einfing, waren begeistert – ein neuer Stil im Journalismus! In kurzer Zeit waren alle Anzeigen-Seiten für ein komplettes Jahr verkauft. Das müsste eigentlich die Erfüllung eines Manager-Traums sein – aber nicht beim Spiegel.

Als die Druckmaschine für die zweite Ausgabe lief, verkündete der Verlag schon das Aus – angeblich weil der Verkauf der ersten Ausgabe die Erwartungen nicht erfüllt habe. Die Gründe lagen wohl tiefer: Die Philosophie von Econy war nicht die Philosophie von Spiegel und „Manager Magazin“. In Redaktion und Verlag bezogen sie einen Satz aus dem Fischer-Editorial durchaus auf sich und ersetzten „Zeitung“ mit „Der Spiegel“: „Wer morgens seine Zeitung liest, könnte glauben, diese Gesellschaft sei erstarrt und festgefahren.“

Im Spiegel herrschte die „Saturiertheit“, von der Professor Volker Lilienthal gerade zum 70-Jahr-Jubiläums schrieb – und die Lilienthal noch nicht als beendet ansieht. Lilienthal spricht auch vom persönlichen Wohlstand der Redakteure als Mitbesitzer des Verlags: Auch der, in Form von hohen Tantiemen,  drohte geschmälert zu werden durch Verluste von Econy, die weder zu erwarten waren und wohl nie eingetreten wären.

Spiegel-Redakteure wissen kaum noch etwas vom Leben einfacher Menschen, auch davon schreibt Lilienthal. Und genau von diesen Menschen, die unterhalb der Spiegel-Wahrnehmung liegen, handelte Econy. Kurzum: Es ging um Geld, auf das die Redakteure nicht verzichten wollten, und um eine Veränderung, die man sich vom Hals halten musste. „Nicht für Bremser“ stand auf einer Werbetafel für Econy und „Ich bin kein Erbsenzähler“ auf einem T-Shirt. Das reichte.

Wer wissen will, warum sich der Spiegel heute noch schwer tut mit Veränderung, gar Aufbruch, der schaue auf das Ende von Econy: Die Angst vor der Veränderung sitzt neurotisch tief.

Was Gabriele Fischer nach dem Aus durchmachte, war ein Albtraum:

Zuerst kaufte ein anderer Verlag Namensrechte und Redaktion, aber rechnete nicht mit einer selbstbewussten und unabhängigen Chefredakteurin Fischer. Man trennte sich schnell, der neue Verlag machte mit neuer, durchaus renommierten Chefredakteurin und neuer Redaktion weiter – und scheiterte. Fischer war die Seele von Econy; und eine Seele kann man nicht kopieren.

Dann kam das Management-Buyout ohne großes Geld, aber mit großen Plänen. Der neue Name war der Name, der schon vor Econy auf der Liste stand – und der nichts mit „Marke 1“ zu tun hatte, was Spiegel-Anwälte abschreckte, sondern mit der Adresse der Redaktion: Brandstwiete 1.

Vom Ende her betrachtet, sieht die Story von Brand Eins wie eine einzige Erfolgsstory aus.  „restart“ stand auf dem Titel der ersten Ausgabe: „Die Lust am Neubeginn“. Dieser Neubeginn war allerdings näher an „Schweiß, Tränen und Mühen“ als an Lust, und der Erfolg lag nicht griffbereit.

Auch das Platzen der Dotcom-Blase, das Ende der New Economy – ein halbes Jahr nach der ersten Brand Eins-Ausgabe – verhinderte nicht den Erfolg. Warum? Econy und Brand Eins waren der Spiegel der New Economy, ihr Sprachrohr. Aber beim Verglühen der New Economy gingen nur Firmen zugrunde,  die im nicht selten kriminellen Übermut alle Regeln verletzt hatten; aber nicht zugrunde ging der Gründer-Geist und die Haltung, Mut zur Veränderung zu haben: Dafür stand Gabriele Fischer, dafür stand ihr Magazin – das war entscheidend.

Die Chronik des Neubeginns hat Gabriele Fischer auf zwei Seiten des ersten Hefts aufgeschrieben. Die komplette Chronik dieses einzigartigen Journalistinnen-Lebens wäre ein Buch wert, nicht umweht von Weihrauch, sondern als Lehrbuch für Menschen, die an den Journalismus glauben; als Mutmacher für Manager und Redakteure, die den Journalismus für eine demokratische Gesellschaft retten wollen; und als spannenden Roman, den nur das Leben schreiben kann.

Neben dem Editorial der ersten Hefts steht ein ungewöhnliches Porträtfoto von Gabriele Fischer: Sie wird am Rande von der Blüte einer Blume angelächelt, obwohl ihr sichtbar nicht zum Lächeln zumute ist; das Bild könnte aus einem Familienalbum stammen. Heute steht neben dem Editorial eine strenge, vielleicht zu strenge Frau, mehr Ikone als Familienalbum: Das Gesicht halb im Licht, halb im Schatten – wie eine Metapher zur Geschichte von Brand Eins.

Brand Eins war die letzte nennenswerte Gründung eines Magazins mit Anspruch, danach kamen nur noch Cicero“, mittlerweile auch verkauft wie ehedem Econy, kamen Landlust und Barbara („kein normales Frauenmagazin“) und kam eine endlose Folge von Plagiaten, die bei den TV-Zeitschriften oft schon über keine Redaktion mehr verfügen. Könnte die Ideenlosigkeit der Verlags-Manager dem Journalismus und der Gesellschaft mehr zusetzen als Google, Facebook & Co?

Es ist großartig, etwas geschaffen zu haben. Weil es auch Spaß macht, Widerstände zu überwinden. Und weil uns nur dann die Zukunft gehört“,

steht am Ende des Editorials vom Juni-Heft 2016 mit dem Schwerpunkt „Einfach machen“. Der schönste Satz der Fischer-Editorials steht allerdings im ersten Heft:

Etwas, das alle Restart-Geschichten eint: In ihnen steckt ein Teil des alten Menschheitstraums, man könne alle seine Erfahrungen bewahren – und noch einmal von vorne beginnen. Vielleicht ist es das, was Menschen treibt, trotz Niederlagen und Rückschlägen nicht aufzugeben.

Das „vielleicht“ in diesem Satz hat Gabriele Fischer in ihrem Leben gestrichen.

 

Die komplette Kolumne bei kress.de:

https://kress.de/mail/news/detail/beitrag/136882-gabriele-fischers-lebenswerk-der-alte-menschheitstraum.html

 

Seiten:12345678»

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