Alle Artikel der Rubrik "B. Die Journalisten"

Brinkbäumer über Ausgewogenheit: Man muss nicht immer einerseits-andererseits sagen

Geschrieben am 15. September 2018 von Paul-Josef Raue.

Noch bis Ende 2018 Spiegel-Chefredakteur: Klaus Brinkbäumer. Foto: Spiegel

Redaktionen in Deutschland trennen konsequent Nachrichten und Meinung, hat der große Qualitäts-Report der Lokalzeitungen festgestellt, aber Ausgewogenheit ist nicht allgemein verbreitet. Für Klaus Brinkbäumer, Noch-Spiegel-Chefredakteur, sei das eher ein Vorteil gegenüber US-Medien. In einem Interview mit „detektor fm“ sagt er, der lange in den USA gearbeitet hat: In den Staaten sei die Ausgewogenheit „geradezu manisch“:

„Beide Seiten müssen nicht immer zu Wort kommen. Wenn einer sagt, die Erde ist rund, dann gibt es irgendjemanden, der behauptet, sie sei doch eine Scheibe: Dann bekommt der in ganz vielen Zeitungen den gleichen Raum. Aber es gibt so etwas wie Wahrheit. Es gibt Dinge, die wissenschaftlich geklärt sind: Dann muss man nicht jedes Mal einerseits-andererseits sagen.“

Und welche Fähigkeiten haben uns US-Medien voraus? Hartnäckigkeit, Präzision und Furchtlosigkeit. Das zeigen laut Brinkbäumer in Deutschland nicht ganz viele Medien.

Unversöhnlichkeit als Grundhaltung – auch bei Journalisten

Geschrieben am 12. September 2018 von Paul-Josef Raue.
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Prof. Gertrud Höhler. Foto: Udo Grimberg (Wikipedia 2011)

„Es gibt eine Aufgeregtheit gibt, von der man sich nicht mehr trennen möchte.  Hier ist eine Unversöhnlichkeit zur Grundverhaltensweise geworden, die den Journalisten als einen inquisitorisch beharrenden Gesprächspartner zeigt.”

Professorin Gertrud Höhler rät im „Morning Briefing“ von Gabor Steingart zu mehr Versöhnlichkeit.

 

 

Geschichten über Wandel und Veränderung (1): Spione und Redakteure

Geschrieben am 3. September 2018 von Paul-Josef Raue.

Robert Littells Spionage-Thriller „Die kalte Legende“ erhielt den Deutschen Krimi-Preis 2007.

Angst vor der Veränderung gibt es nicht nur bei Redakteuren, die das Ende des Journalismus mit dem Ende der Druckmaschinen verwechseln. Auch Spione nach dem Kalten Krieg verging das Lachen. Robert Littell schreibt in dem Thriller „Die kalte Legende“ über Agenten und Verwaltern bei CIA und KGB:

„Das sind alles Opportunisten, die sich mit den Fingerspitzen an einer Welt festklammern, die sie nicht mehr begreifen. Wenn sie sich lange genug festhalten können, haben sie die Pension durch und züchten bis ans Ende ihrer Tage Bohnen im Garten ihres Reihenhauses. Die vorherrschende Emotion  ist bei ihnen Nostalgie. Die seltenen Male, dass sie sich wirklich entspannen, fangen sie alle ihre Sätze an mit ,Wisst ihr noch, wie wir…'“

In Redaktionen gibt es ähnlich viele Opportunisten, die sicher sind, gerade noch das Ende zu erreichen, die auf die Altersteilzeit hoffen und einen silbernen Handschlag und die über die Zeiten sprechen, die gut waren, weil sie gut waren.

Ausgewogenheit oder Das Ende des politischen Journalismus

Geschrieben am 31. August 2018 von Paul-Josef Raue.

Georg Restle ist Moderator der ARD-Sendung „Monitor“: „Wir müssen nicht jeden Mist abbilden.“ Foto: NDR

Minister X. ruft die Hauptstadt-Redaktion Y. an, die viele Zeitungen beliefert:

„Ich habe eine Nachricht für sie, mit der Sie in die Tagesschau kommen.“ –

„Worum geht es?“ –

„Was mit Rente, mehr kann ich noch nicht sagen.“

„Okay, wann? Wir kommen, wie gewohnt, mit drei, vier Leuten zum Interview. Bereiten Sie bitte schon mal eine Kurzfassung der Nachricht vor.“

In der Tat: Die Nachricht erscheint in der Tagesschau – „nach Informationen von Y. will Minister X. die Rente…“ Der Minister freut sich, die Redakteure freuen sich, die Verleger und Gesellschafter freuen sich, weil sie in der „Tagesschau“ erwähnt werden. Und alle sagen sich: Wir sind wichtig!

Zwei Zitate aus Ulrike Kaisers Newsletter der „Initiative Qualität“:

„Eine Berichterstattung, die es für Objektivität hält, den Politikern möglichst ausgewogen das Mikrofon hinzuhalten, und für Wahrheit, möglichst schnell und unverfälscht zu verbreiten, was sie sagen, ist kein Journalismus, sondern nur die Exekution einer politischen Agenda.“ (Harald Staun in der FAZ über politischen Journalismus)

„Wir müssen eben nicht jeden Mist abbilden, nur weil er aus dem Mund eines Bundestagsabgeordneten oder eines Parteivorsitzenden kommt.“ (Monitor-Chef Georg Restle im „journalist“)

„Zeit“-Redakteure: Faktenfuzzis und Selbstironie-Verweigerer

Geschrieben am 27. August 2018 von Paul-Josef Raue.

Franz Sommerfeld war Chefredakteur bei der „Mitteldeutschen“ in Halle und beim „Kölner Stadtanzeiger“ und anschließend Zeitungsvorstand von Dumont. Foto: Kress

Die Zeit kann in der aktuellen Ausgabe über sich schmunzeln: Dimitrij Kapitelman beschreibt in seinem Wespen-Artikel die  „Zeit-Redaktion als einen Haufen ins ökologische Gleichgewicht vernarrter Faktenfuzzis“.

Ist das eine Reaktion auf Ex-Dumont-Zeitungsvorstand Franz Sommerfeld? Der schrieb im European  über die „gesunde Form der Selbstironie“ als einer Gabe, „mit der Mit­ar­bei­ter der ,Zeit‘ nicht im Über­maß ge­seg­net sind“. Sommerfeld ging dabei auf die Liberalität der „Zeit“ ein:

 „Theo­re­tisch kann je­der über al­les schrei­ben, die Zeit ver­steht sich schließ­lich als li­be­ra­les Blatt. In der Pra­xis hat die­se Frei­heit al­ler­dings Gren­zen, und zwar ge­nau dort, wo der Be­reich be­ginnt, den (Vize-Chefredakteur) Ul­rich für sich be­an­sprucht: also gro­ße Tex­te über die Kanz­le­rin und die lan­gen Li­ni­en der Po­li­tik. Flücht­lings­po­li­tik ist Chef­sa­che, Ideo­lo­gie­kri­tik erst recht.“

In Sommerfelds Artikel ging es um Mariam Lau, die im Auftrag der Redaktion einen Contra-Beitrag über Seenot-Rettung im Mittelmeer geschrieben hatte. Nach Protesten der Leser distanzierte sich die Chefredaktion von der Redakteurin. „Fürsorgepflicht schwerwiegend verletzt“, kommentierte Sommerfeld.

Das Wissen eines Journalisten

Geschrieben am 6. August 2018 von Paul-Josef Raue.
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„Das Wissen eines Journalisten ist weit wie der Ozean und tief wie eine Pfütze.“ (Ein Journalist)

Tweet von Stephan Dörner, Chefredakteur von Online

Journalisten und politischer Opportunismus (Zitat der Woche)

Geschrieben am 6. August 2018 von Paul-Josef Raue.
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Gabor Steingart 2018 – Foto: Wikipedia

Jedes Thema ist recht, bei dem es nicht um Flüchtlinge und Seehofer geht. Die „FAZ“ lobt heute auf Seite eins das vermeintliche „Gespür der CDU-Generalsekretärin“, die hier „ein gesellschaftliches Großthema identifiziert“ habe. Dieser Kommentar ist dem journalistischen Opportunismus geschuldet. In Berlin gilt: 3 Schmeicheleinheiten = 1 Interview. Bei Dauerton lockt – ähnlich dem Prämienprogramm der Lufthansa – sogar ein Business-Class-Sitz im Regierungsflieger der Kanzlerin. Die „ZEIT“-Chefredaktion weiß, wie das funktioniert.

Gabor Steingart, Morning Briefing 6.8.18, über Kramp-Karrenbachers Vorschlag, die Wehrpflicht und den Zivildienst wieder einzuführen

Sind Journalisten die besseren Politiker?

Geschrieben am 10. Juli 2018 von Paul-Josef Raue.

Helmut Markwort, Ex-Chefredakteur von Focus, geht in die Politik und kandidiert für die FDP in Bayern. Foto (2005): Wikipedia

fragt die Abendzeitung (AZ) in München. Helmut Markwort antwortet:

Nein. Ich hoffe nur, dass wir uns verständlicher ausdrücken können. Ich lese jetzt manchmal Gesetzentwürfe. Die sind in einem Kanzleikauderwelsch verfasst – da können Sie jetzt schon erkennen, dass irgendwann einmal zehn Juristen darüber streiten werden. Sowas kann man doch in verständlicher Sprache schreiben. Es gibt ja Politiker, die vorher Journalisten waren, wie Willy Brandt oder Theodor Heuß …

… oder Markus Söder …

Ja, der hat jahrelang beim Bayerischen Rundfunk das Intrigieren gelernt.

„Literarisierende Ausgriffe“ – Der neue Reportagen-Ton?

Geschrieben am 19. Juni 2018 von Paul-Josef Raue.
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Alexander Kützfeldts „Acht Häftlinge“ ist als E-Buch bei Rowohlt erschienen (2,99 Euro)

Oliver Jungen bespricht in der empfehlenswerten FAZ-Rubrik „e-LEKTÜREN“ das E-Buch von Alexander Krützfeldt: „Acht Häftlinge – Leben in einer Parallelwelt“, er lobt die „spannenden, crowdfinanzierten Reportagen“, aber kritisiert als „leicht störend… gelegentliche literarisierende Ausgriffe (die Droge Crystal Meth als eifersüchtige Geliebte), zu denen sich das Genre seit dem New Journalism berufen fühlt“.

Nun ist der deutsche „New Journalism“ eine Feuilleton-Erfindung, doch weist Jungen auf eine wohl deutsche Reportage-Eigenart hin: Der Reporter wäre gerne ein Schriftsteller, einer aus der gehobenen Klasse der Literaten, so wie der Politik-Reporter heimlich gerne Politiker wäre.

Der „New Journalism“ kommt aus den USA, wo sich Journalisten und Literaten schon immer nahe standen und von einem ins andere Lager hüpften. Ist man in Deutschland schon ein Literat, wenn man als guter Reporter ein E-Buch schreibt?

Krützfeldts Buch lobt Jungen zu Recht:

„Das Gefängnis ist nicht einfach ein Abbild der Gesellschaft, sondern eine Verzerrung in Richtung Naturzustand, eine atavistisch nach Kampfstärke strukturierte Gemeinschaft.“

Rowohlt Rotation, E-Book 2,99 €

Die „Vorbereitung eines Angriffskriegs“: Johannes Willms zum 70.

Geschrieben am 25. Mai 2018 von Paul-Josef Raue.
Johannes Willms schrieb auch eine Balzac-Biografie, die im Diogenes-Verlag erschienen ist. Foto: © Evelyn Schels/ Diogenes

Johannes Willms schrieb auch eine Balzac-Biografie, die im Diogenes-Verlag erschienen ist. Foto: © Evelyn Schels/ Diogenes

Es zeugt von Stil, dem Kollegen aus dem Konkurrenzblatt zum 70. Geburtstag zu gratulieren: Claudius Seidl würdigt in der FAZ heute (25. Mai 2018) Johannes Willms, den ehemaligen Feuilleton-Chef der „Süddeutschen Zeitung“.  Solche Gratulationen sind ein netter Anlass, Anekdoten aus dem Leben zu erzählen – die oft mehr über den Jubilar verraten als manch umstrittene Entscheidung.

„Man lebt im Feuilleton ja oft über seine geistigen Verhältnisse; dass man zum Ausgleich auch mal über seine finanziellen Verhältnisse leben sollte, zum Beispiel in  anständigen Restaurants“, schreibt Seidl, der einst auch für die SZ gearbeitet hatte,  und erzählt: „Einmal führte er einen sehr schmächtigen Korrespondenten aus, und auf die Spesenquittung schrieb er als Bewirtungsgrund: „Vorbereitung eines Angriffskriegs“.“

Seidl nennt dies einen „profunden Unernst“.

Der Leser ahnt, welche Kämpfe in den Feuilletons tobten in den achtziger Jahren: Willms, so Steidl, setzte „das sogenannte politische Feuilleton durch; auch wenn die (durchaus mächtigen) Stammleser sich mehr Musikkritiken wünschten und die Kollegen aus dem politischen Ressort manchmal vom „Zeugs“ sprachen, das im Feuilleton stehe“. „Zeugs“, das merken wir uns.

Willms blieb ruhig, so Seidl,  und reizte seine Gegner, wohlgemerkt in der Redaktion, mit „seiner geistigen Nonchalance“.

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