Alle Artikel der Rubrik "G 29 Journalisten manipulieren"

Weihnachten komplett ohne Fernsehen – Ein Feldversuch vor 39 Jahren

Geschrieben am 24. Dezember 2016 von Paul-Josef Raue.
"Weihnachten ohne Fernsehen" ist zu lesen im Suhrkamp-Taschenbuch.

„Weihnachten ohne Fernsehen“ ist zu lesen im Suhrkamp-Taschenbuch.

Als das Fernsehen in Deutschland, das öffentlich-rechtliche, 25 Jahre alt wurde, ruhte es drei Tage. Das war vor 39 Jahren: Intendanten und Aufsichtsräte beschlossen, vom Heiligen Abend bis zum 2. Feiertag kein Programm auszustrahlen. Vor allem die Kirchen plädierten für die Abschaltung, weil die Gottesdienst-Übertragungen die Menschen vom Besuch der Kirchen abhielten. Dagegen hätten nur die Pfarrer gestimmt, die für die Fernseh-Predigten vorgesehen waren.

Den Beschluss, Weihnachten nur ein Testbild zu senden, machten ARD und ZDF erst am 23. Dezember öffentlich – auf Wunsch des Einzelhandels, der sich um sein Weihnachtsgeschäft sorgte. Die FAZ schrieb: „Nach sorgfältiger Abwägung der Verantwortung für den einzelnen Zuschauer und der für das Ganze habe man sich auch entschlossen, zum Schein ein Weihnachtsprogramm anzukündigen.“

Dies war eine Falschmeldung, oder genauer: sie ist teilweise eine Fälschung. Den Bericht über „Weihnachten ohne Fernsehen“ veröffentlichte die FAZ in der Tat am 23. Dezember 1977, aber die Meldung war erfunden, oder genauer: Sie war eine Satire, die aber nicht als solche erkennbar war.

Falschmeldungen gab es also lange vor Facebook, und sie lösten auch vor 39 Jahren eine Lawine aus: Die Telefone standen nicht still, weder in der FAZ noch bei den Sendern. Als die Menschen von der Falschmeldung erfahren hatten, kamen Hunderte von Briefen an – auch weil die Zeitungsleser eine neue Erfahrung machten: Die Redaktion gilt nicht mehr unbedingt als eine Institution der Wahrheit und Verlässlichkeit. Zum ersten Mal spürten die Bürger, dass auch Medien in einer Demokratie mit der Wahrheit spielen können, dass sie fähig sind zu manipulieren. Das war das Ziel von Michael Schwarze, dem Autor der Satire – neben der Lust an der Provokation; die Redaktion spielte nicht nur mit, sie schaute gespannt auf die Wirkung.

Joachim Fest, Herausgeber und Mentor Schwarzes, schrieb von der „arrangierten Wirklichkeit und der Lüge, die die Realität produziert“, von „Fernsehen und Film als die großen, noch kaum zureichend erfassten Veränderungsimpulse in der gegenwärtigen Welt“. Das schrieb Fest sieben Jahre später im Nachruf auf Schwarze, der mit nicht einmal vierzig Jahren am Krebs starb.

„Weihnachten ohne Fernsehen“ ist ein historisches Stück, eines der ersten medienkritischen, in dem ein neues Medium, das Fernsehen, entzaubert wird – und das nicht in einem entlegenen Fachmagazin, sondern unübersehbar in einer großen Tageszeitung. Der Artikel hat keine Patina angesetzt, er lohnt immer noch eine Lektüre: Man muss nur „Fernsehen“ mit „Internet“ tauschen und staunen, wie sehr sich die Diagnosen ähneln.

Schwarze schrieb „Weihnachten ohne Fernsehen“ als einen Beitrag zum Silber-Jubiläum: 25 Jahre vorher, am 1. Weihnachtstag 1952, begann das tägliche TV-Programm in Deutschland. Es ist frappierend, wie sehr sich die Erwartungen in den Anfängen gleichen: So wie das Internet als die große Kommunikation von Mensch zu Mensch gepriesen, nahezu verklärt wurde, so würdigte der Intendant des Nordwestdeutschen Rundfunks den Anfang der Fernseh-Ära:

Das Fernsehen schlägt Brücken von Mensch zu Mensch.

Wir schauen heute auf eingestürzte Brücken, in beiden Medien. Michael Schwarze sah die Einstürze voraus, ja er diagnostizierte sie schon. In seiner Satire prägt er den Begriff vom „Typus des Masseneremiten“, der die Welt, aber nicht seinen Nachbarn kennt. Sperrte sich der frühe Masseneremit noch in seinem Wohnzimmer ein, so geht er heute, aufs Smartphone schauend, durch die Fußgängerzone und verwechselt die Wirklichkeit auf dem Schirm mit der tatsächlichen, durch die er geisterhaft geht.

Was waren das für Zeiten! Gerade mal zwei Stunden durchschnittlich schaute der Bundesbürger auf den Fernseher, heute sind es deutlich mehr. Schon sprach man von „Abhängigkeit“ und malte die Zukunft noch düsterer mit Blick auf die Entwicklung in den USA, wo die Menschen vor vierzig Jahren schon über sechs Stunden schauten, also dreimal so viel wie in Deutschland. Deshalb sollte Schwarze auch für die FAZ als Korrespondent in die USA gehen, sollte analysieren, was die neuen Medien aus den Menschen und der Gesellschaft machen. Der Tod war schneller.

Michael Schwarze, wenige Monate vor Kriegsende geboren,  war ein Achtundsechziger, der die Lust an der Utopie verloren hatte. Doch manchmal scheint die Utopie noch auf, etwa wenn er die demokratischen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des neuen Mediums abklopft:

Muss kommen, was technisch machbar ist? Brauchen wir die Verkabelung von Großstädten – Spötter sprechen vom vollverkabelten Analphabeten -, die dreißig Programme in die Wohnstuben bringen kann? Ist ein Rückkanal wünschenswert, der es Zuschauern ermöglicht, per Knopfdruck Programme zu beurteilen, und am Ende womöglich zu einer merkwürdigen Fernsehdemokratie führen wird?

Wir schmunzeln heute: Wir haben Hunderte von Programmen, haben Einschaltquoten als Rückkanal und „Gefällt mir“-Buttons auf Facebook. Eine merkwürdige Fernsehdemokratie?

Als Michael Schwarze Anfang 1977 Sidney Lumets Film „Network“ rezensierte, schrieb er Sätze, wie sie heute einer über das Internet schreiben könnte:

Wir haben uns daran gewöhnt, dass die Grenzen zwischen Sein und Schein, zwischen Kunstwelt und Wirklichkeit fließend geworden sind, dass wir Erfahrungen überwiegend nicht mehr machen, sondern zugerichtet geliefert bekommen, dass eine Röhre unser Bild von der Welt formt. Hingenommen haben wir auch jene ungeheure Macht, die jene in den Händen halten, die das übermächtige Medium beherrschen, hoffend, sie würden es schon zum Besten aller nutzen.

Als Michael Schwarze dies schrieb, war Marc Zuckerberg gerade in die Schule gekommen.

 

Der komplette Beitrag in der kress-Kolumne JOURNALISMUS!: https://kress.de/news/detail/beitrag/136714-weihnachten-ohne-fernsehen-der-albtraum-des-massen-eremiten.html

 

Habermas beklagt: Journalisten passen sich zu sehr der Politik an

Geschrieben am 18. Dezember 2016 von Paul-Josef Raue.
Jürgen Habermas bei einer Diskussion in der Hochschule für Philosophie München, 2008 (Foto: Wolfram Huke / Wikipedia)

Jürgen Habermas bei einer Diskussion in der Hochschule für Philosophie München, 2008 (Foto: Wolfram Huke / Wikipedia)

„Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten“, sagte vor fünfzig Jahren Paul Sethe, der als Herausgeber die FAZ gründete. Wer Verleger sein wollte und die Massen mit seinen Zeitungen erreichen, brauchte teure Druckmaschinen. Das änderte sich mit dem Internet. Endlich wird der Traum der Achtundsechziger wahr: Jeder kann von vielen gelesen werden. Die Demokratie ist bei sich angekommen, Öffentlichkeit endlich verwirklicht.

Und nun? Jürgen Habermas, Philosoph der Achtundsechziger, beklagt in einem Interview, die Bürger bedienten sich der neuen Freiheit nicht im Sinne der Aufklärung, sondern kehrten sie gegen die Freiheit und würden zum „Saatboden für einen neuen Faschismus“.

Im Jubiläums-Heft der Blätter für deutsche und internationale Politik, vor sechzig Jahren gegründet, verdächtigt er etablierte Politiker wie Journalisten, „von Anfang an die falsche Richtung eingeschlagen“ zu haben:

Der Fehler besteht darin, die Front anzuerkennen, die der Rechtspopulismus definiert: „Wir“ gegen das System.

Wer mit Rechtspopulisten öffentlich debattiere, nehme sie ernst, verschaffe ihnen Aufmerksamkeit und mache den Gegner stärker – wie Justizminister Heiko Maas, der sich im Oktober mit Alexander Gauland von der AfD in einer ZDF-Talkshow duellierte.

Es sei Schuld der Medien, dass „nach einem Jahr nun jeder das gewollt ironische Grinsen von Frauke Petry kennt und das Gebaren des übrigen Führungspersonals dieser unsägliche Truppe“. Rechtspopulismus verdiene Verachtung statt Aufmerksamkeit. Im Juli hatte Habermas schon in einem Interview mit der Zeit aus der „Perspektive eines teilnehmenden Zeitungslesers“ die Anpassungsbereitschaft der Journalisten gegenüber Merkel und der Politik beklagt: „Der gedankliche Horizont schrumpft, wenn nicht mehr in Alternativen gedacht wird.“

Medien wie Parteien informierten die Bürger nicht mehr „über relevante Fragen und elementare Tatsachen, also über die Grundlagen einer vernünftigen Urteilsbildung“. Das Argument ist nicht weit entfernt von der Kritik bei den Pegida-Spaziergängen in Dresden.

Habermas bringt als weiteres Indiz für den Zerfall der Öffentlichkeit die Wahlmüdigkeit der jungen Leute. „Das klingt so, als sei wieder die Presse schuld“, wirft der „Zeit“-Redakteur Thomas Assheuer ein. „Nein“, zieht sich Habermas zurück, „aber das Verhalten dieser Altersgruppe wirft ein Schlaglicht auf die Mediennutzung jüngerer Leute im digitalen Zeitalter und auf den Wandel der Einstellung zu Politik überhaupt. Nach der Ideologie des Silicon Valley werden ja Markt und Technologie die Gesellschaft retten und so etwas Altmodisches wie Demokratie überflüssig machen.“

Die Forderung nach „Dethematisierung“ verbindet Habermas mit der Forderung an Journalisten und Politiker:

Die Bürger müssen erkennen können, dass jene sozialen und wirtschaftlichen Probleme angepackt werden, die die Verunsicherung, die Angst vor sozialem Abstieg und das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, verursachen.

** Mehr in meiner JOURNALISMUS!-Kolumne auf kress.de: Gebt Rechtspopulisten keine Bühne

 

Ein guter Journalist belehrt seinen Leser nicht, manipuliert ihn nicht“ (Stephanie Nannen – Zitat der Woche)

Geschrieben am 13. Oktober 2016 von Paul-Josef Raue.
Stephanie Nannen und ihr Großvater Henri Nannen, etwa 1990. Foto: Kress

Stephanie Nannen und ihr Großvater Henri Nannen, etwa 1990. Foto: Kress

Heute vor zwanzig Jahren starb Henri Nannen, einer der prägenden Journalisten der Nachkriegszeit. „Du musst eine Geschichte erzählen“,  erinnert sich Enkelin Stephanie Nannen an ihren Großvater. „Nimm deinen Leser mit auf die Reise und lass ihn mit erleben, mit erfahren, mit schmecken, mit leiden und mit lieben!“

In einem Beitrag für Kress Pro schreibt Stephanie Nannen über die Einsamkeit des Journalisten, der mit seinem Leser ein Zwiegespräch führe:

Gesprächspartner sei nicht die anonyme Masse, sondern der einzelne Leser,  der Mann, der im Zug die Zeitung liest, der Arbeiter in der Pause, die Frau, wenn sie am Abend endlich Zeit dazu findet – immer nur ein einzelner Mensch, der beim Lesen so allein ist wie der Journalist beim Schreiben. Diese beiden seien Partner eines Gesprächs. Ob sich diese Szene tausend oder wie beim Stern seinerzeit in der Woche neun Millionen Mal ereigne: In jedem Fall ist der Journalist mit seinem Leser allein.

Und sie nennt den Grundsatz ihres Großvaters:

Ein guter Journalist versuche seinen Leser weder zu belehren noch zu manipulieren.

 

 

 

Luther, Journalisten und die Kunst, Unverständliches zu übersetzen

Geschrieben am 4. September 2016 von Paul-Josef Raue.
Burghauptmann Günter Schuchardt und Kuratorin Julia Krauß in der Wartburg-Ausstellung "Luther und die deutsche Sprache"

Burghauptmann Günter Schuchardt und Kuratorin Julia Krauß in der Wartburg-Ausstellung „Luther und die deutsche Sprache“

Politiker, Wissenschaftler und Bürokraten reden gern unverständlich – und protestieren, wenn Journalisten Unverständliches und Gestelztes übersetzen. Zu Luthers Zeiten riskierte einer, der die Bibel  allzu frei übersetzte, den Ausschluss aus der Kirche und das Ende seiner Existenz. Luther brauchte also auch Mut, wir würden es heute Zivilcourage nennen, wenn er seine Methode durchzog, die Bibel verständlich ins Deutsche zu übertragen.

Doch beim Übersetzen geriet Luther schnell, aber durchaus gewollt ins Interpretieren und Kommentieren. Dies kennen auch heute Journalisten, wenn sie frei eine Politiker-Rede wiedergeben und heftig gescholten werden – zurzeit vorzugsweise von AfD-Politikern wie Frauke Petry, etwa nach dem „Schießbefehl auf Flüchtlinge“ im Mannheimer Morgen, oder nach Alexander Gaulands Boateng-Vergleich in der FAS.

Oft reicht ein Wort – wie bei Luthers Übersetzung einer Passage des Paulus-Briefs an die Römer. „Allein durch den Glauben wird der Mensch gerecht“, schreibt Luther, das Wort „allein“ steht allerdings nicht im Originaltext. Die Theologen schäumen, aber Luther rechtfertigt sich: „Es steht so nicht in der Bibel, aber es gehört eben im Deutschen hinein um der Klarheit willen.“

Luther musste auch Wörter finden und erfinden. Auch vor Luther gab es eine Reihe von deutschen Übersetzungen wie die von Johannes Mentelin, ein gutes halbes Jahrhundert vor Luther. Viele Wörter in Mentelins Text kannte Luther nicht wie „Trom“, das Luther nach langem Nachdenken mit „Balken“ umschrieb, oder „agen“, das er mit Splitter übersetzte: „Du siehst den Splitter (agen) im Auge deines Bruders, aber nicht den Balken (trom) in deinem Auge.“

Journalisten lest viel! Erweitert Euren Wortschatz! Das wäre Luthers Rat an Volontäre wie gestandene Redakteure: „Wer dolmetschen will, muss einen großen Vorrat von Worten haben“, ist im „Sendbrief vom Dolmetschen“ zu lesen. Luther schätzte zudem eine Sprache mit Gefühl – eben „auf dass es dringe und klinge ins Herz, durch alle Sinne“.

* Die komplette Kolumne JOURNALISMUS! „Hummeln im Arsch: Die Sprache der Journalisten“ bei kress.de:
http://kress.de/news/detail/beitrag/135792-hummeln-im-arsch-die-sprache-der-journalisten.html

INFO

Die Ausstellung „Luther und die deutsche Sprache“

Die gut besuchte Ausstellung ist die letzte von sechs Ausstellungen der Wartburg vor dem Lutherjahr 2017, in dem die Ausstellung „Luther und die Deutschen“ von Mai bis November 2017 zu sehen sein wird. Das Welterbe Wartburg ist die meistbesuchte Lutherstätte.

Die Sonderausstellung „Luther und die deutsche Sprache“ ist bis zum 8. Januar 2017 auf der Wartburg zu besichtigen (im Sommer von 8.30 bis 17 Uhr); der Katalog kostet 12,95 Euro.

Amok, Terror & Gewalt (2): Immergleiches Muster, wie Netz und Medien reagieren

Geschrieben am 31. Juli 2016 von Paul-Josef Raue.
Das BR-Jugendradio Puls entdeckt das Muster der Reaktionen

Das BR-Jugendradio Puls entdeckt das Muster der Reaktionen

Nach den Eilmeldungen macht sich auf Facebook das Entsetzen breit, es folgen…

Die Medien reagieren – wie die sozialen Netzwerke – nach stets gleichem Muster, wenn Terroristen oder Amokläufer die Menschen aufwühlen. Den Teufelskreis beschreibt Lisa Altmeier im Jugendradio Puls; hier in Auszügen zusammengefasst:

  1. Entsetzen nach den Eilmeldungen: Entsetzen, Gerüchte, Falschmeldungen – und noch mehr Entsetzen.
  2. Solidarität, Mitgefühl: #JeSuisCharlie #PrayForMunich.
  3. Religionskritik: Muslim? Im vorauseilendem Ärger werden alle beschimpft, die sagen: Hat bestimmt nichts mit dem Islam zu tun
  4. Das muss ein Psycho sein!
  5. Deutungen und Religionskritik: „Der Islam ist eigentlich eine friedliche Religion“ oder Religionen sind überhaupt schlecht (siehe Kreuzzüge der Christen). „Ein Schauspiel, bei dem jeder seinen Text anhand der vielen vorangegangenen Vorführungen längst auswendig kann.“
  6. Medienkritik 1: Die Medien sind zu langsam! Wollen die etwa etwas verschweigen?
  7. Medienkritik 2: Die Medien sind zu schnell und machen dabei Fehler! Besser eine ausgewogene Analyse statt hektischer Live-Berichterstattung.
  8. Medienkritik 3: Warum berichten die Medien überhaupt?
  9. Anschläge gibt es, weil Täter sich Aufmerksamkeit erhoffen. Medien sind irgendwie mitverantwortlich. „Im Gegensatz zum Islam hat die Medienbranche kaum prominente Fürsprecher.“
  10. Solidaritätskritik: Scheinheilig! Überall im Internet dieselben Mitleidsbekundungen. Seltsamerweise passiert das nur bei Anschlägen im Westen. „Scheinheilig!“ finden die Solidaritätskritiker und attackieren die Mitleidigen.
  11. Politikerbashing: Merkel muss weg
  12. Verschwörungstheorie: Sagt mal, findet ihr es nicht auch komisch… Dass der Pass des Täters gleich gefunden wurde, ist nun merkwürdig. Sind wir alle Opfer einer Inszenierung.

**

Am Sonntag, 31. Juli 2016, um 18 Uhr auch im TV: „Puls“,  ARD Alpha

Quelle: http://www.br.de/puls/themen/welt/zwoelf-phasen-der-reaktionen-nach-anschlaegen-und-terror-100.html

Selbstkritik nach dem Amok-Abend: Ich weiß nicht mehr, warum ich Falschmeldungen abgesetzt habe

Geschrieben am 24. Juli 2016 von Paul-Josef Raue.
Screenshot von CNN: "Ich höre Allahu Akbar".

Screenshot von CNN: „Ich höre Allahu Akbar“.

„Lediglich BBC World und CNN berichteten, dass jemand vor den Schüssen im Olympia-Einkaufszentrum laut rief ,Allah ist groß‘, und zwar auf Arabisch“, mailt mir ein guter Freund, schickt ein Screenshot von CNN, vermutet bewusste Nachrichten-Unterdrückung bei deutschen Medien und argwöhnt: „Es bleibt eine merkwürdige Differenz zwischen nationalen und internationalen Medien in der Berichterstattung. Oder sehe ich da Spuren, die keine sind?“

Ja, sieht er. Christian Jakubetz beschreibt auf Twitter, auch mit bemerkenswerter Selbstkritik,  wie Berichterstattung der ausländischen Medien funktioniert. Er habe so viel wie noch nie über Journalismus gelernt, schreibt er:

Ich war gestern Abend und heute Nacht für Stunden bei BBC World und Deutsche Welle TV on air. Jeden zweiten Satz musste ich mit „not confirmed“ beenden. Und obwohl ich mich natürlich bemüht habe, ausschließlich (vermeintliche) Fakten zu schildern, habe ich Falschmeldungen in die Welt gepustet: nämlich die, dass es auch am Stachus zu einer Schießerei gekommen ist und dass drei Männer am OEZ geschossen haben… Jetzt, mit dem Abstand von einer paar Stunden, weiß ich nicht mehr, warum ich diese Meldungen abgesetzt habe, ohne sie gegenzuchecken. Allerdings, ohne dass das eine Ausrede sein soll: Man steht da plötzlich mehr oder weniger unvorbereitet und Radio- und TV-Stationen aus der ganzen Welt wollen von dir im Minutentakt etwas Neues haben.

Jabubetz Erkenntnisse über die Sozialen Medien sind zwiespältig nach dem Münchner Amok-Abend:

Großartig! Der Hashtag #offeneTür, die unaufgeregten Informationen der Polizei und die Facebook-Funktion, mit der man markieren konnte: Ich bin in Sicherheit.

Hassenswert: All der Dreck, der ausgekotzt wird;  Gerüchte (Bombenanschlag mit 250 Toten); die üblichen Hetzer; Journalisten wie vom Münchner Merkur, die kommentierten, wie perfide es sei, ausgerechnet München zum Ziel des bestialischen islamischen Terrorismus zu machen.

Ist das nicht ein Plädoyer für einen Journalismus, der recherchiert, einordnet und zum Auge des Orkans wird, zum Ruhepunkt?

Erfundene und gefälschte Interviews: Kummer ohne Ende

Geschrieben am 13. Juli 2016 von Paul-Josef Raue.
Tom Kummer bei Twitter: @tomkummer

Tom Kummer bei Twitter: @tomkummer

Wer fragt, was Journalisten unter Wahrheit verstehen, bekommt schillernde, bisweilen pseudo-philosophische  Antworten: Es kann die Wahrheit gar nicht geben; alles ist konstruiert oder manipuliert. Doch in einem sind sich Journalisten und Öffentlichkeit einig: Wer bewusst fälscht, betrügt Leser wie Redaktion.

Der Schweizer Journalist Tom Kummer, Jahrgang 1963, schrieb vor zwei Jahrzehnten als Hollywood-Reporter für das Magazin der Süddeutschen Zeitung und andere einige Interviews, etwa mit Brad Pitt, die er frei erfunden hatte oder aus anderen Veröffentlichungen abgeschrieben. Roger Köppel, einer der betrogenen Chefredakteure, sagte  2011 in einem Interview:

„Kummer erzählte  gerne, dass er seine Stücke mit Wissen der Chefredaktoren als Kunstform verkaufte – das ist eine dreiste Lüge. Schliesslich verrechnete er dafür Spesen – die waren sehr real und kein artistisches Konzept.“

In dem Interview geht Köppel auch auf eine Variante des erfundenen Interviews ein:

„Vielleicht haben sich die Interviews nicht immer genau so zugetragen, aber sie wurden so autorisiert vom Interviewten. Das ist ja heute, beispielsweise beim Spiegel, auch eine legitime Praxis.“

Auch der Boulevard setzt bisweilen das erfundene, aber autorisierte Interview ein. Die Redakteure lassen sich einige Zitate einfallen, die als Schlagzeile auf der Titelseite taugen, bieten sie beispielsweise einem Politiker an und drucken sie, wenn er sie freigibt. So mancher Hinterbänkler, der den Parteivorsitzenden kritisieren soll, stimmt gerne der Erfindung zu.

Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen fragt im Tagesspiegel nach der Enthüllung von neuen Kummer-Täuschungen: „Der Fake ist die neue Realität?“, und er forscht, warum nach dem Skandal vor 16 Jahren Tom Kummer immer wieder gedruckt wird:

Der Autor ist zur Marke geworden. Sein eigentliches Kapital aber ist der auf Entlarvung angelegte Betrug, sein Geschäftsmodell die Enttäuschung derjenigen, die an ihn glauben wollen, weil damit ihre Profession selbst in das Glamourlicht einer freien, künstlerischen, irgendwie dramatisch wirkenden Existenz getaucht wird. Und: Ist nicht alles irgendwie verhandelbar, auch diese öde, blöde Welt der Fakten?…

Tom Kummer will Medientheoretiker sein, Konzeptkünstler, praktizierender Konstruktivist. Und Wahrheit ist Lüge. Und Lüge Wahrheit. Und Betrug Philosophie. Er braucht jetzt ganz bald mal wieder eine zweite, dritte, vierte, fünfte Chance.

**

Quelle: Tagesspiegel 13. Juli 2016

 

Wer ist der Mann auf dem Brexit-Foto? Ein Handelsblatt-Chef! Regeln für Fotografen und Redakteure

Geschrieben am 28. Juni 2016 von Paul-Josef Raue.
Dies Foto von Matthias Brüggmann sendete EPA/dpa mit der Zeile:„A man reacts to a vote count results screen at an 'Leave.EU Referendum Party' in London, Britain, 23 June 2016. Britons await the results on whether they remain in, or leave the European Union (EU) after a referendum on 23 June.“ Das Foto ist mittlerweile gelöscht.

Dies Foto von Matthias Brüggmann sendete EPA/dpa mit der Zeile:„A man reacts to a vote count results screen at an ‚Leave.EU Referendum Party‘ in London, Britain, 23 June 2016. Britons await the results on whether they remain in, or leave the European Union (EU) after a referendum on 23 June.“ Das Foto ist mittlerweile gelöscht.

Journalisten gehen bisweilen recht seltsame Recherche-Wege: Matthias Brüggmann, Handelsblatt-Auslandschef, mischte sich in London unter jubelnde Brexit-Anhänger auf der Ukip-Wahlparty. Sein Porträtbild mit Nationalfarben-Papphut auf dem Kopf sendeten Reuters, AP und andere Agenturen rund um die Welt.

Brüggmann ließ offenbar Fotografen wie Reporter im Unklaren, wer er wirklich sei. Brüggmann auf Handelsblatt online:

Ich habe es sogar in den Aufmacher der Onlineausgabe des Londoner „Evening Standard“ geschafft – eine verrückte Geschichte. Und sie lässt tief blicken in Britanniens Medienlandschaft…
Fast alle Boulevard-Blätter und Gratis-Tabloids wollten ein Interview mit mir als vermeintlichem Brexit-Fan. Ungefragt nutzen sie nun die Bilder für ihre Geschichten…
Die britischen Medien fotografieren und filmen einfach, und veröffentlichen die Bilder mit ihren Geschichten dazu – ohne je gefragt zu haben, wer derjenige auf dem Bild ist. So bereut man dann angeblich, für Brexit gestimmt zu haben, ohne jemals auch nur in England stimmberechtigt gewesen zu sein.“

Drei Fragen zur journalistischen Moral schließen sich an:

  1. Darf sich ein Journalist in eine Wahlparty anonym einschleichen, um an Informationen zu kommen?
  2. Darf er anonym bleiben, wenn er selbst Objekt von Recherchen anderer Journalisten wird – oder muss er sie aufklären?
  3. Soll er sich über Fotografen und Reporter nachher lustig machen?

Die Antworten:

Zu 1) Ja

Zu 2) Nein, zumal der Ertrag der Recherche überaus dürftig war.

Zu 3) Das ist überheblich und hoffentlich nicht typisch deutsch.

Und wie gehen Redaktionen mit einem solchen Bild um? dpa war die einzige Agentur, die den unbekannten Mann auf dem Bild nicht als Brexit-Befürworter auswies, sondern geradezu britisch unterkühlt schrieb:

 A man reacts to a vote count results screen at an ‚Leave.EU Referendum Party‘ in London, Britain, 23 June 2016. Britons await the results on whether they remain in, or leave the European Union (EU) after a referendum on 23 June.

Das Foto haben mittlerweile alle Agenturen gelöscht.

Dies sind die Regeln für Fotografen und Redakteure, denen auch dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger folgt:

  1. Wer gezielt, quasi porträthaft, Personen oder kleinere Personengruppen fotografiert, gibt sich als Fotograf zu erkennen, der für Medien arbeitet.
  2. Er fragt nach den Namen und dem Grund, warum sie an diesem Ort sind.
  3. Es gibt Ausnahmen, etwa Großveranstaltungen wie die Fußball-Europameisterschaft: Dort kann man Fans, bisweilen bunt gekleidet, nicht jedes Mal fragen, ob sie tatsächlich Fußballfans des Landes sind, dessen Trikot sie tragen.
  4. In Zweifelsfällen steht in der Bildzeile präzise nur das, was die Redaktion ganz sicher weiß.

Wer stiftet einen Preis für Journalisten, die Journalismus kritisch sehen?

Geschrieben am 30. Mai 2016 von Paul-Josef Raue.
Frank A. Meyer, Cicero-Kolumnist (Foto: cicero.de)

Frank A. Meyer, Cicero-Kolumnist (Foto: cicero.de)

Es gibt Preise für Journalisten, die über Wölfe schreiben oder „Die Apotheke in der Gesellschaft“, es gibt Preise für wirtschaftliche Bildung und Natur-Arzneien – aber keine für Journalisten, die über den Journalismus nachdenken. Solch einen Preis müsste es  für Journalisten geben, die sich kritisch mit Journalismus auseinandersetzen, schlägt Frank A. Meyer in der aktuellen Ausgabe von Cicero vor.

Cicero-Kolumnist Frank A. Meyer ist einer, der sich stört am elitären Blick vieler Journalisten auf die Wirklichkeit.  Drei Gründe nennt er für die Abgehobenheit von Journalisten:

  1. „Die Gesellschaft spiegelt sich nicht mehr in den Lebensläufen der Medienarbeiter.“ Das ist korrekt und deckt sich mit den Lebensläufen der meisten Politiker. Mein erster Lokalchef lenkte im ersten Beruf Straßenbahnen; so schrieb er auch, aber die Leser mochten ihn, weil er wusste, wie sie denken.

  2. Zu starke Nähe zu den Mächtigen der Gesellschaft: „Dazugehören ist alles.“

  3. „Schwarm-Mentalität ist stilbildend. Dem Kollegen gefallen und keineswegs missfallen zu wollen.“

Meyer fragt und irrt: „Wenn die Medien aber keine vierte Gewalt sind und keine Kontrollinstanz sind, was sind sie dann?“ Sie sind nach unserer Verfassung Kontrollinstanz. Ob man sie deshalb vierte Gewalt nennt, darüber kann man streiten. Juristisch sind sie es nicht, faktisch sind sie es – und werden auch so vom Verfassungsgericht gesehen.

Im Spiegel-Urteil stellt das Bundesverfassungsgericht fest: „In der repräsentativen Demokratie steht die Presse zugleich als ständiges Verbindungs- und Kontrollorgan zwischen dem Volk und seinen gewählten Vertretern in Parlament und Regierung.“

Das ist aber kein Grund für Arroganz, das ist ein Grund für Meyers Forderung im Juni-Heft von Cicero: Seid demütig!

**

Quelle: Das neue Handbuch des Journalismus, Seite 21

 

Schreibe wahr! Die sechs Regeln der journalistischen Ethik (Journalismus der Zukunft – 13)

Geschrieben am 9. Mai 2016 von Paul-Josef Raue.

 Was ist Wahrheit? Philosophen streiten seit Jahrhunderten – und Journalisten? Immer wieder flammt der Streit auf, was Wahrheit im Journalismus ist, warum der Pressekodex von Wahrhaftigkeit spricht (was ist das?) und warum wir oft die einfachen Regeln nicht beachten. Darum geht es in der 13. Folge der Kress-Serie „Der Journalismus der Zukunft“, in der auch die Wahrhaftigkeit erklärt wird.

Das sind die einfachen Regeln für einen Journalisten, der wahr informieren will:

1. Lüge nicht, also schreibe nicht das Gegenteil von dem, was Du als richtig erkannt hast.

2. Verschweige nichts, was Deine Mitbürger wissen müssen, um die Demokratie lebendig zu halten.

3. Misstraue allen, die die Wahrheit verkünden, und kontrolliere die, die wahr reden sollten.

4. Schreibe so klar, dass Du nicht missverstanden wirst.

5. Lasse Dich nie vor einen Karren spannen, ob Politik, Werbung, Wirtschaft oder Propaganda gleich welcher Art.

6. Folge dem Pressekodex, es sei denn, Du kannst eine andere Entscheidung begründen und vor Dir rechtfertigen.

Diese Regeln lassen sich in einem Satz zusammenfassen, den Hajo Friedrichs im letzten Interview vor seinem Tod gesprochen hat und der zur ersten Journalisten-Weisheit geworden ist: „Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken.“

Mehr lesen:

http://kress.de/news/detail/beitrag/134768-kressde-serie-journalismus-der-zukunft-schreibe-die-wahrheit-der-2-pfeiler.html

Seiten:123456»

Journalisten-Handbuch.de ist ein Marktplatz für journalistische Profis. Wir debattieren über "Das neue Handbuch des Journalismus", kritisieren, korrigieren und ergänzen die einzelnen Kapitel, Thesen und Regeln, regen Neues an, bringen gute und schlechte Beispiele und berichten aus der Praxis.

Kritik und Anregungen bitte an: mail@journalisten-handbuch.de

Rubriken

Letzte Kommentare

  • Paul-Josef Raue: Das ist leider oft noch so. Aber Journalisten kann man zumuten, dass sie sich von ihren...
  • Mirko Krüger: Schlimm daran ist vor allem, dass es Generationen von Deutschlehrern ihren Schülern genau so...
  • Andreas Nöthen: Wenn man sich Reiseteile in Zeitungen anschaut, stellt man fest, dass Gebahren wie dieses, bis auf...
  • Günter Platzdasch: Zum Thema eine Reminiszenz aus der Ära unmittelbar nach der deutschen Wiedervereinigung, zum...
  • Prinzinger, Roland (Prof. Dr.): Ich finde die Diskussion etwas verwirrend und mit einem Neidfaktor belastet. Ich...

Meistgelesen (Monat)