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Schulz-Story im Spiegel verkaufte sich überdurchschnittlich gut – Die Blattkritik

Geschrieben am 13. November 2017 von Paul-Josef Raue.
Heft 40/2017 - Eines der meistverkauften Spiegel-Hefte in 2017 - dank der Story über den gescheiterten Kanzlerkandidaten Martin Schulz.

Heft 40/2017 – Eines der meistverkauften Spiegel-Hefte in 2017 – dank der Story über den gescheiterten Kanzlerkandidaten Martin Schulz.

Rund 800.000 Hefte hat der Spiegel verkauft mit „Schulz Story – 150 Tage an der Seite des Kanzlerkandidaten – eine große Erzählung über Politik im Jahr 2017“. Am Kiosk verkaufte das Heft  40/2017 weit mehr als der Durchschnitt in diesem Jahr. Auch bei Blendle war die Schulz-Story der am besten verkaufte Artikel im Oktober. Exzellenter Journalismus ist also auch ökonomisch wertvoll.

In meiner JOURNALISMUS!-Kolumne bei kress.de  habe ich in einer Blattkritik analysiert, warum die Reportage so fasziniert – und warum sie wichtig ist für Bürger,  Demokratie und Journalismus.

Spiegel-Reporter Markus Feldenkirchen begleitete den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz fast ein halbes Jahr und war überall dabei – auch bei Gesprächen, von denen sonst Journalisten ausgeschlossen sind. Die Reportage ist mit rund 13.000 Wörtern umfangreich wie ein kleines Buch; die Hörfassung mit gut anderthalb Stunden Dauer würde nicht einmal auf eine CD passen. Hier die Kolumne, leicht überarbeitet:

 

Wahlabend. Merkel und Schulz verlassen die TV-Elefantenrunde. Mit der eindrucksvollsten Passage der Geschichte endet die Langzeit-Reportage von Markus Feldenkirchen über den Kandidaten Martin Schulz:

Nach der Sendung gibt er der Frau, die er eigentlich ablösen wollte, kurz die Hand und verschwindet ohne ein weiteres Wort. Er läuft auf den nächstbesten Aufzug zu, aber er darf nicht einsteigen, eine Frau verweigert ihm den Zutritt: „Dieser Aufzug ist für die Frau Bundeskanzlerin reserviert.“

„Ach so, klar, da kann das gemeine Volk natürlich nicht mitfahren“, sagt Schulz. „Ich nehme dann den normalen Aufzug.“

In diesen Sätzen konzentrieren sich die Stärken der Reportage: Der Journalist nimmt sich zurück, beobachtet genau und lässt seinen Helden sprechen, der zum Anti-Helden geworden ist. Der Reporter kommentiert nicht, er lässt die Szene unvermittelt auf den Leser prallen. Die Auswahl ist der Kommentar des Reporters, das, was er aus Tausenden von möglichen Szenen für seinen Artikel nutzt.

Markus Feldenkirchen hätte sicher gerne das letzte Wort gehabt: Fast sechs Monate hat er den Kandidaten Schulz begleitet, war bei Gesprächen dabei, von denen ihn die Berater des Kandidaten gerne ausgeschlossen hätten. Feldenkirchen formuliert den letzten Satz nicht selber, er zeichnet kein sprachliches Bild, das bei Preisverleihungen zitiert würde: Er lässt im Kopf des Lesers einen kleinen Film entstehen, mit Martin Schulz in der Hauptrolle. Dieser Film bleibt im Kopf.

Und wenn Martin Schulz sogar Kanzler geworden wäre – als Wahlsieger?

Der Reporter, der im Hintergrund bleibt, ähnelt einem Schiedsrichter beim Fußballer, der nicht auffällt, der einfach mitläuft und denen, die spielen, die Hauptrolle überlässt. Das gelingt Markus Feldenkirchen über weite Passagen der Reportage, aber immer mal wieder setzt sich Kommentator durch, der dem Leser unbedingt mitteilen will, wie eine Geste, ein Satz, eine Szene zu deuten ist.

Um 15 Uhr trifft Schulz am Flughafen Schönefeld ein. Er steht vor seinem Wagen, schaltet sein Handy an. Es dauert einen Moment, dann sieht er auf dem Display die Frühprognosen der Meinungsforscher. Es ist, nun auch offiziell, das Ende seiner Kanzlerträume.

Das ist eine solide Beschreibung der entscheidenden Szene am Sonntag der Wahl. Der Leser weiß Bescheid, er braucht keinen Kommentar, auch keine Analyse, dass dies das Ende ist.  Aber da kann sich der Reporter nicht mehr zurückhalten, es bricht aus ihm heraus, er schreibt, was der Leser denken soll:

Es ist nicht seine Schuld, dass er den europaweiten Trend nicht umkehren konnte, wonach viele der Sozialdemokratie nicht mehr zutrauen, die richtigen Antworten auf das Zeitalter der Digitalisierung zu haben. In den knapp 200 Tagen, die er nun Parteivorsitzender ist, ist das nicht zu leisten, erst recht nicht in den irren Zeiten des Wahlkampfs. Vielleicht wäre ein Kandidat mit weniger Stehvermögen und Leidenschaft in dieser Stimmungslage sogar noch sehr viel tiefer ins Ziel gekommen.

Über diese Fragen können Journalisten lange streiten: Wie viel Deutung darf in eine Reportage fließen, wie viele kommentierende Sätze? Wie stark darf man den Leser führen? Soll man ihm nicht sein Urteil selber finden lassen?

Eine starke Reportage fasziniert durch ihre Erzählung und einen Ton, der nicht belehrend klingt. Das fällt jedem schwer, der ein halbes Jahr einen Politiker begleitet, der am Ende schon so denkt und fühlt wie er: Da löst sich die Distanz auf.

Wenn ständig schlechte Nachrichten auf einen einprasseln, erhalten die wenigen positiven eine umso größere Bedeutung. Sie wirken wie Antidepressiva gegen die Strapazen und das Gefühl von Vergeblichkeit. Auch wenn Schulz bisweilen in emotionale Löcher sackt, schafft er es immer wieder, sich selbst zu begeistern.

Da beobachtet der Reporter nicht mehr, da spricht schon ein Alter Ego – ebenso wie in diesem Satz:

Er hält eine mitreißende Rede, die Leute feiern ihn. Niemand ahnt, wie es in ihm aussieht.

Der Reporter ahnt es nicht nur.

Es gibt Szenen, in denen der Leser nicht mehr weiß, wer spricht: Schulz oder Feldenkirchen? Als nach der Schleswig-Holstein-Wahl Jörg Schönenborn von der „regionalen Komponente“ spricht, die den Wahlausgang  bestimmte:

„Aha“, ruft Schulz. Er hält den Finger in die Luft. „Das ist ’ne interessante Analyse.“ Regionale Komponente bedeutet: SPD-Ministerpräsident Torsten Albig, der auf die falschen Themen gesetzt und ein unfassbar dämliches Interview zu seiner gescheiterten Ehe gegeben hat, ist schuld. Nicht er. Es ist ein klitzekleines Stück Hoffnung an einem trostlosen Tag.

Keinen Konjunktiv nutzt der Autor, diese Eigenart der deutschen Grammatik, eine indirekte Rede markierend: Da denken und fühlen offenbar Schulz und Reporter ähnlich „an einem trostlosen Tag“.

Markus Feldenkirchen schreibt durchgehend im Präsens, er geht chronologisch vor: Das mögen Reporter nicht, ist den meisten zu brav, zu simpel. Doch in der Erzählung eines Wahlkampfs, die ein halbes Jahr umfasst, ist die Chronik der beste, weil einfache Weg: Der Aufstieg und Fall des Helden hat Shakespeare-Format. Das erspart dem Schreiber komplizierte Rückblenden und den wenig schönen Plusquamperfekt.

Er sitzt in seinem Büro. Wieder läuft der Fernseher, wieder eine Niederlage, diesmal die schlimmste, in Nordrhein-Westfalen, Kernland der SPD. „Das Leben ist wie eine Hühnerleiter“, sagt Schulz. „Beschissen.“ Niemand reagiert, Stille im Raum. „Ich bin jetzt königlicher Niederlagenkommentator.“

Feldenkirchen verlässt zwar selten, aber unnötig, den Chronik-Modus und wechselt die Perspektive, interpretiert Episoden mit dem Wissen dessen, der den Ausgang kennt – wie die Leser. Zur Kampagnen-Unterbrechung während der Landtagswahlkämpfe lässt der Reporter Schulz aus dem Off des Nachhinein sprechen:

„Das war falsch“, sagt Schulz im Rückblick. „Wir hätten das weitermachen müssen.“

„Wie man inzwischen weiß“, so wird auch das TV-Duell aus dem Nachhinein beurteilt: So verlässt Markus Feldenkirchen den Strom der Erzählung. Die Reportage ist aber keine Analyse einer verlorenen Wahl, es ist die Geschichte von Aufstieg und Fall, von Wegen, Umwegen und Holzwegen. Der Vorteil von gradlinig erzählten Geschichten ist: Das Erzählen ohne erhobenen Zeigefinger, ohne dies „Ich weiß alles besser“. Im Nachhinein ist jeder klüger: Das ist die Haltung der Leitartikler, der Besserwisser.

Trotz einiger Einwände, die ein guter Redigierer hätte entdecken müssen:

Diese Langzeit-Reportage im „Spiegel“ ist ein journalistischer Glücksfall – mehr noch: Eine Liebeserklärung an die Politik in diesen unruhigen Zeiten, eine Verbeugung vor der Demokratie. Sie holt die Politiker vom Sockel, macht dem letzten AfD-Anhänger klar, dass Politik Menschenwerk ist – und so gesehen und respektiert werden sollte.

Markus Feldenkirchen sollte aus der Reportage ein Buch machen mit all den Geschichten, die es noch zu erzählen gibt.

 


 

„Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer über die Schulz-Story: Eine Geschichte, von der Reporter träumen

Feldenkirchen konnte mit Schulz im Taxi, im Flugzeug und zu Fuß reisen, ihn zu 50 Terminen begleiten; Strategiesitzungen, späte Currywurst-Dinner, ein letzter Kaffee (beziehungsweise Kräutertee, durch Inge Schulz ausgetauscht) am Wahlsonntag auf der Terrasse in Würselen inklusive. Fünf Monate lang war Feldenkirchen immer auf Abruf, Spontaneität ist ja alles im Wahlkampf. Häufig bekam er von Schulz oder einem seiner Leute 15 Minuten vor einem Treffen, einer Besprechung, einem Aufbruch einen Anruf. Am Ende der langen Tage war der Reporter stärker erschöpft als der Kandidat. „Wie soll das später eigentlich heißen, was Sie da schreiben: So wird man Oppositionsführer?“, fragte Schulz im August.

Es gab keine Tabus, nur die Wirklichkeit der Politik im Jahr 2017 und die eine Absprache, dass der Text erst nach der Wahl erscheinen dürfe. Und so ist eine dieser Geschichten entstanden, von denen Reporter und Chefredakteure träumen. Weil sie bleiben werden. Weil sie erzählen, was wirklich geschah.

Anfangs war Martin Schulz übrigens, natürlich, zögerlich gewesen. Der Kollege Feldenkirchen und ich hatten den Kandidaten in Hannover getroffen und ihm von der Idee erzählt; ich hatte einen Text des „New Yorker“-Chefredakteurs David Remnick in der Tasche, den dieser über die letzten Amtstage Barack Obamas geschrieben hatte, eben weil Obama dem Kollegen Remnick die Möglichkeit dazu gegeben hatte.

So etwas funktioniert ja nur mit Zugängen. Und mit Ernsthaftigkeit. Und wenn beide Seiten glauben, dass Politik, dass überhaupt Macht sich nicht abschotten darf. Zugänglich sein muss. Verletzlich sein darf. Dass eben hierin Mut liegt. Schulz‘ Umfeld war gegen das Projekt: viel zu riskant. Das war selbstverständlich nachvollziehbar.

Also vergingen drei Wochen. Dann sagte Schulz: „Wir machen das.“ Und in Zeiten wachsender Politikverdrossenheit hielte ich es für gut, wenn sehr viel mehr Politiker sehr viel mehr Transparenz und Einblicke zuließen. Damit die Bürger erkennen könnten, dass es sich bei denen da oben um Menschen handelt, mit Stärken und Schwächen, mit Zweifeln und Überzeugungen; und damit die Politiker erkennen könnten, dass es nur der AfD hilft, wenn Imageberater und Pressestellen die Schwächen und die Zweifel verdecken wollen.

(Klaus Brinkbäumer in „Zur Lage“, dem Morgen-Newsletter des „Spiegel“ am 30. September 2017)

 

„Das Interview ist weitgehend zur Sparmaßnahme verkommen“

Geschrieben am 9. September 2017 von Paul-Josef Raue.
Bundestagspräsident Norbert Lammert (bis zum September 2017).

Bundestagspräsident Norbert Lammert (bis zum September 2017): „Interviews dienen heute vorrangig der Produktion von Agenturmeldungen.“

„Es war einmal: Das Interview“, so überschreibt Rene Zeyer, Unternehmensberater und Journalist in Zürich, seinen Essay im aktuellen „Schweizer Journalist“ (8-9/2017):

Die Verwandlung des gesprochenen Wortes in das geschriebene oder gesendete Wort. Früher war es die hohe Kunst des Journalismus. Heute ist das Interview weitgehend zur Sparmaßnahme verkommen.

Zeyer zitiert Markus Spillmann, Chefredakteur der „Neuen Zürcher Zeitung“, der schon 2012 die eingebetteten Interviews beklagte:

Interviews werden heute sehr oft einem Medium von den Interviewten bzw. ihren Pressestellen angedient. Des Öfteren wird im Vorfeld festgelegt, über was gesprochen werden darf.

Den Schaden hat, so Zeyer, das Publikum, das statt Analyse, Einordnung und Orientierungshilfe Geplauder mit dem Geruch nach Authentizität und Kompetenz erhält. Dabei ist das Interview die ursprünglichste und authentischste  Form des Journalismus. Zeyer erinnert an Sternstunden des Interviews:

  • Das Interview der „New York Times“ mit Fidel Castro am 24. Februar 1957; dabei kam es weniger auf den Inhalt an, sondern dass es stattgefunden hat;
  • das Interview 2002 von Bloomberg-TV mit Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer und einem Zitat, das mit einer Milliarde Euro der teuerste Satz aller Zeiten ist;
  • das Interview von Oriana Fallaci mit Henry Kissinger und dem Satz, dass der Vietnam-Krieg nutzlos gewesen sei.

Am Fallaci-Interview macht Zeyer deutlich, was ein guter Interviewer zu leisten hat: Er fragt nicht ab, er ist bestens vorbereitet und bringt, auch mit emotionaler Wucht, den Interviewten dazu, das zu sagen, was er eigentlich nicht sagen wollte.

Dem Schweizer Journalist folgt auch der scheidende Bundestagspräsident Norbert Lammert, der in einem Gespräch mit der FAS beklagte:

Interviews dienen heute vorrangig der Produktion von Agenturmeldungen, und es gibt fast keine Chance mehr, was zu einem Thema zu sagen, ohne dass daraus wird ‚Lammert fordert‘, ‚Lammert kritisiert‘, ‚Lammert wirft vor‘, ‚Lammert weist zurück‘.

Nun klagen schon Politiker jenseits der AfD, dass Journalisten ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen. Interviews hoppeln dahin, kritisiert Bundestags-Präsident Norbert Lammert (CDU), sie sind nicht mehr interessant, sondern nur der Anlass, eine Meldung für die Agenturen zu produzieren. In meiner Kress-Kolumne JOURNALISMUS lobe ich das Interview als das schillernde Format des Journalismus, informativ und attraktiv zugleich; aber beklage auch, dass dem Interview der Absturz in die Belanglosigkeit oder gar die Unterwerfung droht, wenn Journalisten in Politiker-PR eingebettet und von Marketing-Abteilungen eingelullt werden.

Journalisten wehren sich erstens gegen den Vorwurf der Lügenpresse, zweitens gegen den Verdacht willfährig zu sein gegenüber den Mächtigen und drittens gegen den Vorwurf allerorten immer das Gleiche zu schreiben. Doch nähren sie diese Vorwürfe, etwa bei der großen Bundespressekonferenz der Kanzlerin. Der Korrespondent der „Welt“ kritisiert das „Themenhopping“:

Merkel muss keine Nachfragen fürchten, es wird nicht ’nachgebohrt‘ und schon gar nicht ‚gegrillt‘, wie es in angelsächsischen Ländern in solchen Situationen üblich ist.

In Anspielung auf die „Meute“, so nannte Herlinde Koelbl die Korrespondenten, seien sie in der Fragestunde mit der Kanzlerin keine Raubtiere. „Im Gegenteil: Bisweilen spielt Merkel sogar mit ihnen.“ Das ernste Gesellschafts-Spiel mit Fragen und Antworten ist langweilig geworden.

Eingebettete Journalisten – „embedded journalists“ – kennen wir aus dem Golf-Krieg, als US-Truppen Journalisten zu ausgewählten Orte an die Front mitnahmen: Sie sollten das sehen und hören, was die Armee zeigen wollte – also Kriegs-PR.

Die Wort-Schöpfung „eingebettete Interviews“ schmiegt sich an den Begriff an: Journalisten sollen fragen, was Politiker oder andere Funktionäre antworten wollen. Die herausragende Nachricht, die im Zentrum des Interviews stehen wird, legen die Politiker vorab fest. Der Rest ist schmückendes Beiwerk.

Früher verfasste die Presseabteilung einen PR-Text und faxte oder mailte ihn an alle großen Redaktionen. Heute ruft sie eine der Großstadt-Redaktionen an, ob Interesse bestehe – andernfalls könne man auch eine andere Redaktion einladen. Der Vorteil für Minister, Oppositionsführer und andere aus der Welt der Macht liegt auf der Hand: Die Meldung einer seriösen Zeitung steigert Aufmerksamkeit, Glaubwürdigkeit und Wertigkeit.

Das eingebettete Interview verstößt allerdings gegen die Regeln für ein professionelles Interview, wie sie das „Handbuch des Journalismus“ nennt:

  1. Auf alle Interviews sollte der Journalist sich gründlich vorbereitet haben. Wer sich einbettet, überlässt die Vorbereitung dem Interviewten und seiner PR-Abteilung.
  2. Der Journalist muss eine Zielvorstellung mitbringen und durchzusetzen versuchen. Wer sich einbettet, übernimmt die Zielvorstellung des Interviewten und setzt sie für ihn durch.
  3. Die Fragen müssen jenen Widerspruch enthalten, den vermutlich mindestens ein Teil der Leser gern geäußert hätte. Wer sich einbetten lässt, kann diesen Widerspruch in die Langfassung des Interviews unterbringen, mit zwei Einschränkungen:  Der durchschnittliche Leser kennt die Nachricht aus den TV- und Hörfunk-Nachrichten und liest kaum mehr das lange Interview; zum anderen will er’s sich nicht mit dem Minister verderben und unangenehme Fragen stellen, da er sonst riskiert, aus dem Kreis der Exklusiven ausgeschlossen zu werden.

Norbert Lammert kritisiert im Deutschlandfunk-Gespräch mit Stefan Fries die Praxis des eingebetteten Interviews – und erwähnt aus wohl vertraulichen Gesprächen: Auch die Journalisten sind unzufrieden. Ein Redakteur, der gerne in Berlin arbeitet, dürfte kaum seinen Verlag für diese Praxis kritisieren; der Präsident tut es für ihn: Korrespondenten erfüllen die Erwartung des eigenen Verlages und der eigenen Zeitung. Chefredakteure, Verleger und Geschäftsführer schätzen exklusive Interviews, sie sind stolz, wenn ihr Verlag in der „Tagesschau“ zitiert wird.

Erfunden hat das Zitate-Rennen wohl die „Neue Osnabrücker Zeitung“ (NOZ), die schon vor gut einem Jahrzehnt das Wochenende, also die nachrichtenarmen Tage, für Gespräche mit Mächtigen nutzte, vornehmlich aus der zweiten und dritten Reihe. Es waren in der Regel keine eingebetteten Interviews, sondern oft nur ein paar Zeilen, ein Zweispalter  in der Zeitung  – also nicht viel mehr als das, was die Agenturen sendeten.

Wirken sich die Zitate in anderen Medien, vornehmlich Fernsehen und Radio, positiv auf die Auflage aus? Die „NOZ“ beendete das Rennen nach einem Wechsel in der Chefredaktion, konzentrierte sich wieder mehr auf das Lokale, also das Kerngeschäft,  und wird heute nicht mehr so oft zitiert. Als sie in den vergangenen Tagen zitiert wurde, ging es um eine Nachricht aus der eigenen Region: Die Verteidigungsministerin reagierte auf Untersuchungen zum Kollaps vom Soldaten in einer Kaserne in Munster.

Wer die Meldung bei Google-News las, fand den Kölner-Stadtanzeiger vorn, der die „NOZ“ erwähnte. Exklusive Meldungen sind im Online-Zeitalter weniger wert als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. In einem kress-de.Gespräch sagte Funkes Sport-Chefredakteur Pit Gottschalk über exklusive Meldungen im Sport:

Keine Ahnung, ob die Leser diese Arbeit heute noch würdigen. Sie lesen die News bei uns oder bei unseren Kollegen von ‚Bild‘ oder ‚Kicker‘ und wissen wohl schon nach ein paar Minuten nicht mehr, wo die Information zuerst gestanden hat.

Gottschalk empfiehlt, statt des Rennens um die schnelle Nachricht auf klassische Recherchen zu setzen.

Für Regionalzeitungen scheint das Zitate-Rennen außer Ruhm und Ehre wenig zu bringen. Media Tenor veröffentlicht regelmäßig die Hitparade der Nennungen: Selbst im ersten Halbjahr mit einigen Landtagswahlen kam keine Regionalzeitung unter die besten Zehn. Überregionale Zeitungen und Magazine dominieren: „Spiegel“, „Bild“, „Süddeutsche“ und „FAZ“, „Handelsblatt“ und „Welt“; noch in der „Bundesliga“ der meistzitierten Medien, also auf den ersten 16 Plätzen,  platziert sich mit dem „Tagesspiegel“ eine Hauptstadt-Zeitung und die „Rheinische Post“ die einzige aus der Provinz.

(Hier präsentiert Bülend Ürük die 20 meistzitierten Medien des ersten Halbjahres.)

Mit der „New York Times“ und der „Washington Post“ platzieren sich sogar US-Zeitungen unter den ersten sechs der meistzitierten. Das ist der Trump-Effekt, den auch die meisten Regionalzeitungen nutzen. Trump statt Lokales? Das irritiert auch Roland Schatz, den Chef von Media Tenor:

Viele deutsche Medien haben es bislang versäumt, sich in einem Wahljahr wie 2017 gezielt als Meinungsführer für bestimmte innenpolitische Sachthemen zu positionieren. Hier können sich vor allem Regionalzeitungen hervortun. Vor dem Hintergrund der Dominanz außenpolitischer Themen entsteht allerdings der Eindruck, die Medien lassen sich von der Politik treiben.

Also wieder der Einwand, Journalisten lassen sich von der Politik treiben, und der Vorschlag, wie bei Pit Gottschalk: Mehr Recherche als PR! Klopft den Mächtigen auf die Finger! Rennt ihnen nicht nach!

Es gibt auch Journalisten, die ihre Profession immer noch in der Kontrolle der Mächtigen sehen. Johannes M. Fischer, Chefredakteur der „Thüringer Allgemeine„, druckte ein Interview nicht, als der thüringische Innenminister die wichtigen Aussagen streichen wollte und sogar die Fragen der Redaktion veränderte. Wenig später musste der Minister aus der Ramelow-Regierung sein Amt verlassen.

Der „TA“-Chefredakteur schrieb den Lesern, er werde das verfälschte Interview nicht drucken und nannte es einen „Verlautbarungs-Wortschwall“. Er legte sich auch mit dem Presserat an und veröffentlichte Teile des Interviews, die der Redaktion wichtig erschienen – ohne Autorisierung, was der Pressekodex ausdrücklich untersagt. Aber es diente der Kontrolle der Macht. Und ein entlassener Minister dürfte sich kaum beschweren.

Das Fischer-Interview erinnert an ein Interview von „Facts„, dem 2007 eingestellten Schweizer Nachrichtenmagazin: Der Politiker Anton Cottier veränderte beim Autorisieren 64 von 75 Antworten, strich 6 und formulierte 2 neu. Der Schweizer Presserat sah keine Verletzung der journalistischen Ethik, als Facts so reagierte: Auszugsweise veröffentlichte die Redaktion die Original- und die Redigier-Fassung.

Bundestagspräsident Lammert will die Krise des Vertrauens überwinden, „wenn jeder in seiner Profession vielleicht noch gründlicher als bislang begründet, warum er Dinge tut und andere Dinge lässt“. Ob der Leser versteht, wenn die Redaktion eingebettete Interviews druckt?

Der erste Ombudsmann bei „Bild“ oder: Vom Boulevard lernen

Geschrieben am 23. August 2017 von Paul-Josef Raue.
Ernst Elitz ist der erste Ombudsmann der Bildzeitung. Foto: Bild

Ernst Elitz ist der erste Ombudsmann der Bildzeitung. Foto: Bild

Wer für Journalisten über die Bildzeitung schreibt, tut gut daran, um seines Seelenfriedens willen zumindest entschlossen kritisch zu schreiben, noch besser abwertend oder gar hämisch. Die Redakteure gelten als Schmuddelkinder der Branche. Dabei arbeiten bei den sogenannten seriösen Medien immer mehr Chefredakteure und Ressortleiter, die von der Bildzeitung kommen. Drei Beispiele:

  • Sven Goesmann, Chefredakteur der dpa, war – vor seiner Zeit bei der Rheinischen Post – stellvertretender Chefredakteur bei Bild;
  • Uwe Vetterick war auch stellvertretender Bild-Chefredakteur, bevor er Chefredakteur der Sächsischen Zeitung in Dresden wurde und heute als bester in der Regionalzeitungs-Branche gilt;
  • auch Ulrich Becker war stellvertretender Chefredakteur bei Bild,  als er Chefredakteur der Südwest-Presse in Ulm wurde, die er offensichtlich erfolgreich modernisiert.

Die Bildzeitung scheint also etwas zu besitzen, was Zeitungen, vor allem Regionalzeitungen, fehlt – und was sie zum Erfolg gut gebrauchen können. Als wir vor über zwanzig Jahren das „Handbuch des Journalismus“ schrieben, erregten wir schon den Unmut mancher Redakteure mit den Zeilen:

Die kurze, klare Sprache, ein Themen-Mix, der die Leser anspricht – das sind die Stärken der Boulevardzeitung. Und es sollten auch die Stärken aller Zeitungen sein, die sich zum Ziel setzen, den Leser ernst zu nehmen… In der Tat nähern sich Boulevard-  und Tageszeitungen immer stärker an.

(Mehr im Kapitel 35 der aktuellen Handbuch-Auflage: Der Boulevardjournalismus)

Als sich vor kurzem zwei Dutzend Ombudsleute bei dpa in Berlin trafen, fehlte einer: Ernst Elitz (76), der als erster Ombudsmann der Bildzeitung gleich nebenan im Springer-Hochhaus sitzt. Ich habe ihn in der Mittagspause besucht: Es wurde ein langes Gespräch. In der kress-Kolumne JOURNALISMUS! schreibe ich, warum der Ex-Intendant des seriösen Deutschlandradios zum Boulevard ging; welche Macht er hat, bei Bild Fehler aufzudecken und öffentlich zu machen; und was er über die denkt, die ihn als Feigenblatt disqualifizieren.

Elitz war immer ein Journalist, der auch als SDR-Chefredakteur, Professor oder Intendant nie auf die Redakteure bei Lokalzeitungen hinabsah, der zu ihnen ging – und wie selbstverständlich für die Jubiläumsausgabe der „Drehscheibe“ einen Text schrieb, der auch im „Jahrbuch für Journalisten 2012“ erschienen ist. Einige Zitate aus dem Beitrag weisen schon auf den Ombudsmann Elitz hin:

  • Der Journalismus muss sich von dem Dünkel verabschieden, Dienstleister allein für die gebildeten Stände zu sein. Er darf nicht auf hohem Kothurn die Welt durchschreiten und mit Verachtung auf jene blicken, die seinen intellektuellen Ansprüchen nicht genügen. (Anmerkung Raue: Kothurn war der Jagdstiefel des Dionysos und wird vom Duden als „bildungssprachlich“ eingeordnet für „pathetisch, hochtrabend reden“.)
  • Fachjargon und subtile Erklärungen können vielen das Weltgeschehen nicht näher bringen. Im Kern des Kontrakts, das der Kunde täglich neu mit den Medien schließt, stehen Verständlichkeit, persönliche Nähe und Emotion. Die trockene Nachricht war noch nie des Lesers Leibgericht.
  • Der Leserreporter erspart dem Journalisten keine Arbeit. Er ist kein Sparprogramm. Wer investigativen Journalismus betreiben will, braucht auch künftig akribische Arbeiter, gute Kriminalisten und einen Steher als Chefredakteur. Guter Journalismus ist nicht beim billigen  Jakob zu haben.
  • Der Journalist ist weder Schönschreiber noch Schwarzmaler. Er schreibt, was er sieht; wägt, was er hört; erklärt, was dem Leser sonst ein Rätsel mit sieben Siegeln bliebe. Das Kennzeichen seines Berufs sind Wahrheitsliebe und Welterklärung. Aber die Glaubwürdigkeit ist und bleibt sein persönlicher Markenkern.

Das ist die Geschichte vom ersten Ombudsmann der Bildzeitung, erschienen als Kress-Kolumne JOURNALISMUS! vom 21. August 2017: https://kress.de/mail/news/detail/beitrag/138363-ombudsmann-bei-bild-die-redaktion-hat-sich-verantwortungslos-verhalten.html

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Der Text der Kolumne:

Es dürfte angenehmere Aufgaben geben, als nach einer erfolgreichen Karriere als Journalist der erste Ombudsmann der „Bildzeitung“ zu werden. Ernst Elitz protestiert:

Nein, für mich ist es eine ausgesprochen interessante Aufgabe, als Mittler zwischen Lesern und Redaktion bei der erfolgreichsten deutschen Zeitung mit einer Reichweite von neun Millionen zu arbeiten, die eine so vielfältige Leserschaft hat wie wohl kaum eine andere: Vom Bauarbeiter bis zur Kanzlerin, von der Putzfrau bis zum Wirtschaftsboss. Das soll keine angenehme Aufgabe sein?

Wie kommt einer wie Ernst Elitz dazu, bei Bild anzuheuern? Er hat einen exzellenten Ruf, ist Honorarprofessor für Kultur- und Medienmanagement der FU Berlin und hat als Intendant des Deutschlandradios den Sender zur ersten Adresse des seriösen deutschen Rundfunks gemacht:  Wer morgens als Journalist informiert sein will, schaltet diesen Sender ein.

Elitz‘ Karriere zuvor war ebenso steil wie untadelig: Spiegel, ZDF, Moderator von „Kennzeichen D“ und „heute journal“, Chefredakteur beim Süddeutschen Rundfunk; Auszeichnungen vom Gustav-Heinemann-Bürgerpreis bis zum Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Ex-ZDF-Intendant Schächter würdigte ihn als „großen kommunikationsfreudigen Grandseigneur“.

Und nun als Krönung: Bild? Elitz widerspricht der „Krönung“:

Eine Anfrage, für Bild zu schreiben, hatte ich schon von Hans-Hermann Tiedje in den achtziger Jahre, hauptsächlich wohl wegen meiner pointierten ‚Tagesthemen‘-Kommentare. Aber ich habe das Bild-Angebot auf Wiedervorlage gelegt, zumal ich dann später die Chance hatte, den nationalen Hörfunk Deutschlandradio aufzubauen.

Wie kommt ein Journalist, der als die Seriosität in Person gepriesen wurde, zum Boulevard? „Kein anderes Medium wird so oft von Journalisten zitiert“, berichtet Elitz. „Einen besseren Vertrauens- und Qualitätsbeweis gibt es ja wohl kaum. Ein klares Leitmedium also wie der Deutschlandfunk.“

Die Bildzeitung habe schon immer morgens auf seinen Schreibtischen gelegen, wo auch immer er gearbeitet habe: Die Bildzeitung neben der New York Times. „Unbedingt“, sagt er. „Die erste für die umfassende weltpolitische Lagebeurteilung. Die zweite, um den Kollegen bei abgehobenen Diskussionen die Interessen und Bedürfnisse der normalen Bürger zu verdeutlichen.“

Sprechen wir über journalistische Qualität und abgehobene Diskussionen – beim Deutschlandfunk, bei der Zeit und der Bildzeitung. Gibt es keine Unterschiede?

Qualität ist, wenn es stimmt und wenn der Leser, Zuschauer oder Hörer sagt: Aha, ich habe verstanden. Das gilt für ‚Die Zeit‘ wie für ‚Bild‘. Die Ansprache aber muss zielgruppengerecht erfolgen. Und darin unterscheidet sich dann ‚Die Zeit‘ von einer Boulevardzeitung. Da sollte sich keiner über den anderen erheben.“

Aber – ist der Ruf der Bildzeitung nicht gerade der beste? Spricht der Presserat nicht oft eine Rüge aus? Nervt der Presserat nicht die Bild-Redaktion, zumal in den Beschwerde-Ausschüssen zwei Mitarbeiter des Springer-Verlags sitzen?

„Der Konzernspitze und den Redaktionen geht es um Transparenz“, sagt Elitz. Das dürfte ein Grund gewesen sein, den Ombudsmann zu berufen. „Selbstkritik gehört zum Zeitungsmachen.“ Noch wichtiger als die Ombudsmann-Instanz ist Elitz die Verpflichtung der Bild-Kommentatoren, jeden Morgen per Video auf Leserfragen zu reagieren, ihren Kommentar auf Facebook öffentlich zu verteidigen. Da ist Bild-Reporter Rolf Kleine zu sehen, der auf einen unsichtbaren Bildschirm schaut, Facebook-Fragen zu Erdogan und die Türkei aufnimmt und den Leser familiär duzt.

Tanit Koch, die Chefredakteurin, lässt auch Kritik an Kohls Ehefrau zu. „Die Witwe ist narzisstisch!“ , behauptet ein Leser. Tanit Koch erzählt von ihren Begegnungen mit Kohls Ehefrau und zeigt Bewunderung für jeden, der einen kranken Menschen pflegt.

Der Narziss trifft auch Helmut Kohl, von einem Leser per Facebook an die Kommentatorin gemailt.  „Ein heftiger Vorwurf“, entgegnet die Chefredakteurin, „ich habe Zweifel, ob man Bundeskanzler wird, ohne Machtmensch zu sein.“ Die Antworten kommen spontan; die Auswahl, welche Frage sie beantworten, treffen die Kommentatoren unmittelbar, es gibt offenbar keine Vorauswahl, offenbar auch keine Helfer im Hintergrund;  einige Sekunden Lese-Pausen sind nicht zu vermeiden, wenn der Kommentator die Facebook-Fragen durchscrollt, da wackelt auch mal das Bild.

Der Anlass für den Ombudsmann ist eine Story in der Frankfurter Ausgabe am 6. Februar: „37 Tage nach Silvester brechen Opfer ihr Schweigen – Sex-Mob in der Freßgass“. Die Story ist erfunden, die Fakten kann die Polizei nicht bestätigen. Gegen die angeblichen Zeugen der Übergriffe von angetrunkenen Ausländern ermittelt die Staatsanwaltschaft – wegen Vortäuschen einer Straftat.

Acht Tage später entschuldigt sich Julian Reichelt (36), Chef der Bild-Redaktionen, in der Zeitung: „Diese Berichterstattung entspricht in keiner Weise den journalistischen Standards von BILD.“ In einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ kündigt Julian Reichelt schärfere Kontrollen in der Redaktion an. Und es kommt der Ombudsmann. Der kritisiert die Redakteure in Frankfurt: „Die sind zu Recht gegeißelt worden.“

Der Ombudsmann Ernst Elitz kommentiert schon seit Jahren für Bild, gibt in der Springer-Medienakademie Seminare zu Mediengeschichte und Ethik, aber er ist einer, der von außen kommt.  Elitz steht außerhalb der Hierarchie, nimmt keine Weisungen entgegen, und das betont er: „Ich gehe direkt in die Redaktionen, kann mit allen unmittelbar sprechen und sogar bitten: Nehmen Sie den Satz online einfach raus.“

Die Kritiker der Bildzeitung sehen im integren Elitz nur ein Feigenblatt. „Der Bild-Ombudsmann ist ein schlechter Witz“, schreibt Moritz Tschermak im „Bildblog“ und zählt etliche Fälle auf, über die Ernst Elitz hätte schreiben können. „Stattdessen hat er die ‚Bild‘-Medien lieber gelobt.“

Elitz erklärt den Lesern, wie die Redaktion arbeitet. Diese Forderung nach Transparenz wird auch in seriösen Medien immer lauter, um auf Vorwürfe von Fake-News und Lügenpresse zu reagieren.

Nach dem Attentat in Manchester nimmt Elitz  die Vorwürfe von Lesern auf, Bild hätte die Fotos der ermordeten Kinder nicht zeigen sollen:

Ich war Zeuge, als die schrecklichen Bilder die Redaktion erreichten. Es herrschte große Betroffenheit. Viele Mitarbeiter haben Kinder im Alter der Ermordeten. Und so wurde die Auswahl der Fotos eben nicht nur von Journalisten getroffen, sondern von Müttern und Vätern, die sich fragten: Würde ich mein Kind so zeigen, wenn meine eigene Familie von diesem Grauen betroffen wäre?

Elitz resümiert: „Die Redaktion hat richtig entschieden“, aber nutzt die Gelegenheit nicht, auf Pressekodex und Presserat hinzuweisen; die Praxis, Fotos von Opfern zu zeigen, wird nicht nur im Boulevard kontrovers diskutiert, sondern auch in den sogenannten seriösen Medien.

Bild hat, jenseits des Organigramms, zwei Lager, man könnte meinen, es seien zwei Redaktionen:

  • Die eine, die den Aufzug nach oben bedient und Promis hofiert, die schreibt für die Voyeure des Leids und die Genießer von Gerüchten – und auch für Blogger und Medienjournalisten, die sich durchaus lustvoll stürzen auf „das alte ekelige Revolverblatt“ (so „Bildblog„).
  • Die andere, die tief recherchiert, den Aufzug nach unten bedient, den Bundespräsidenten stürzt (der von der einen in die andere Redaktion gereicht wurde), Kampagnen startet und die Rangliste der meistzitierten Medien im Griff hat.

Steht der Ombudsmann zwischen den beiden? Nein, beteuert Elitz, der Kontrolleur, „ich stehe nicht dazwischen, sondern bin Ansprechpartner für die Arbeit aller Redaktionen.“

Als am 2. Juni die Frankfurter Ausgabe „Danke, Polizei, für 150 Jahre“ veröffentlicht, druckt sie auch ein Foto des Polizeipräsidenten Adolf Beckerle, den die Nazis eingesetzt hatten. Geschichtsvergessen hat die Redaktion einfach die Festschrift der Polizei genutzt, die ebenso geschichtsvergessen den Nazi einfach in die Liste aufnahm. Ein wenig Recherche hätte gereicht: Kurz vor seinem Tod  hatte die Staatsanwaltschaft 1959 Beckerle wegen Beteiligung an Juden-Deportationen angeklagt.

Elitz schreibt in seiner Kolumne: „Der Verzicht auf eigene Recherche ist ein Verstoß gegen klassische journalistische Standards“, und kritisiert heftig im Blatt:

„In der Redaktion haben die Verantwortlichen weder den Verzicht auf Eigenrecherche noch den Mangel an historischer Einordnung erkannt und die Veröffentlichung in dieser kritikwürdigen Form zugelassen. Dieser Fall gibt Anlass darauf hinzuweisen, dass Eigenrecherche, Überprüfung der Quellen und verantwortungsvolle Kontrolle die Grundlage professioneller journalistischer Arbeit sind.“

Angefeuert durch eine Chatfreundin stürzt sich ein Selbstmörder in den Tod. Im Netz veröffentlicht Bild ein Video über den Selbstmord. Elitz weist auf die Regeln hin:

Bild berichtet in der Regel nicht über Selbsttötungen, um keinerlei Anreiz zur Nachahmung zu geben – es sei denn Suizide erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. In diesem Fall stand das moralische Versagen der Chat-Teilnehmerin im Mittelpunkt. Angesicht der im Beitrag geschilderten Verantwortungslosigkeit wiegt das Versäumnis der Redaktion umso schwerer (gemeint ist die Selbstverpflichtung der Chefredaktion, bei Suizid-Berichten zwingend Kontaktadressen zur Hilfe für Selbstmordgefährdete zu veröffentlichen). Auch sie hat sich verantwortungslos verhalten.“

Elitz kritisiert die Werbung im Umfeld von Terroranschlägen und fordert einen grundsätzlichen Verzicht: „In dieser Situation verletzen Werbespots die Würde der Opfer. Mehr Sensibilität ist geboten!“

Über einen frauenfeindlichen Satz schreibt Elitz: „Das war ungehörig!“ und bittet, ihn zu löschen.

125 Briefe bekommt Elitz in der Woche, zehn Prozent sind Dauerschreiber. Elitz antwortet oder reicht die Briefe weiter. Nur bei Beschimpfungen und Beleidigungen reagiert er nicht. Und gegen Kritik in Blogs? Da sei er unempfindlich, meint Elitz.

„Die journalistischen Blogger bestätigen sich nur ihre Vorurteile. Aber das ist ja nicht verboten.“

Man spricht eben nicht miteinander.

 

Warum vertraut ein Facebook-Nutzer einer Nachricht?

Geschrieben am 10. April 2017 von Paul-Josef Raue.
Dieter Golombek suchte die herausragenden Beiträge für das Journalisten-Jahrbuch heraus. Er war über drei Jahrzehnte Jury-Vorsitzender des Deutschen-Lokaljournalisten-Preises. Foto: KAS

Dieter Golombek sucht die herausragenden Beiträge für das Journalisten-Jahrbuch heraus. Er war über drei Jahrzehnte Jury-Vorsitzender des Deutschen-Lokaljournalisten-Preises. Foto: KAS

Die Frage, warum ein Facebook-Nutzer einer Nachricht vertraut, stellte das Nieman-Lab und gab als Antwort das Ergebnis einer Studie wieder, die für Journalisten niederschmetternd sein dürfte: Nicht der Autor, nicht die Quelle – also Magazin oder Zeitung -, sondern der „Freund“, der die Nachrichten weitergeleitet hat, ist der entscheidende Vertrauens-Faktor. In dem Experiment konnten sich nur zwei von zehn Facebookern überhaupt an die Quelle der Nachricht erinnern.

Die Wissenschaftler, die die Studie auswerteten, geben Facebook und anderen sozialen Netzwerken den Rat: Ihr könnt mehr tun, um die Quelle herauszustellen; Ihr müsst Informationen über die ursprünglichen Quellen liefern!

Wenn man sieht, wie sich „Fake news“ auf soziale Medien ausbreiten, bestätigt dieses Experiment nach Meinung der Forscher:

Die Menschen unterscheiden kaum zwischen bekannten und unbekannten, ja sogar erfundenen Quellen, wenn es darum geht, Nachrichten zu vertrauen und zu teilen. Sogar 19 Prozent der Leute, die unsere fiktive Nachrichtenquelle gesehen haben, wären bereit gewesen, die Nachricht einem Freund zu empfehlen.

Um die Kernfrage des Journalismus geht es auch in zwei herausragenden Artikeln des „Jahrbuch für Journalisten 2017“, erschienen im Oberauer-Verlag: Wohin steuert der Journalismus? Ein wenig verzweifelter könnten wir auch fragen: Wohin treibt er?

Mathias Müller von Blumencron, Digital-Chefredakteur der FAZ schreibt in „Verschlingt Facebook des Journalismus“ über die „medialen Drogen einer im  tiefsten Inneren verunsicherten Gesellschaft“:

„Bei Buzzfeed und ähnlichen Angeboten geht es primär nicht um Neuigkeiten, Nützliches oder Unterhaltsames. Es geht um die Selbstvergewisserung der Nutzer.“ Die Plattformen spielen einen Dreiklang: Sie verbinden Menschen zuerst mit sich selbst, dann mit den engsten Freunden und schließlich mit ihrer Subkultur. Die Gesellschaft und ihre Themen spielen kaum eine Rolle.

Facebook wird für viele zur ersten Nachrichtenquelle: „So wird Subjektivität verobjektiviert“, schreibt Blumencron. Was in den sozialen Netzwerken am meisten gelesen wird, hat nur noch wenig mit den Nachrichten gemein, die man in der alten Welt Nachrichten nannte – also all das, was die Welt bewegt.

Hier liegt die weitreichendste gesellschaftliche Folge der sozialen Netzwerke: Ihr Tun dient nicht primär der Welterkenntnis, sondern der Selbsterkenntnis.

Mathias Müller von Blumencron zitiert Mat Yarow, Direktor einer Abteilung für „Audience Development“ bei der New York Times, die unzählige Artikel direkt für Facebook oder Snapchat produziert mit dem Ziel: „Das System fluten und dann Facebook den Job machen lassen.“ Geld sei damit nur wenig zu verdienen, aber die Hoffnung bleibe, dass die Facebooker am Ende doch auf den Seiten der Zeitung landen. „Aber es bedeutet auch, die Ego-Maschinen weiter zu füttern“, schreibt Blumencron, „und das Informationsgefüge der Gesellschaft zu verändern.“

„Es gibt Momente, da wünsche ich mir, das Internet sei nie erfunden worden“, schreibt Zeit Online-Chef Jochen Wegner den Lesern seiner Wochenzeitung. Der zweite Lesetipp aus dem Jahrbuch gilt keinem Trend, sondern dem alltäglichen Wahnsinn mit der Online-Aktualität. „Das paradoxe Leben der Livemedien“, nennt Wegner seinen Artikel, in dem er fragt: Wie soll eine Online-Redaktion aktuell berichten, etwa bei einem Terror-Attentat, ohne solide, gut recherchierte Informationen zu besitzen?

Onlinejournalismus scheint inzwischen aus einem steten Strom von großen Lagen zu bestehen, in deren Zwischenräume wir noch etwas gute, alte Normalität füllen.

So fragt Wegner nach zehn Tagen 2016 mit vier Ereignissen, die jede Redaktion und vor allem die Bürger überforderten: Amoklauf in München; Axt-Attentat in Würzburg; Terror in Nizza und Putsch in der Türkei.  Die Zeit hat für solche „Lagen“, so ein dem Polizei-Jargon entliehener Begriff, eine Routine entwickelt: Ein Krisenteam in eigens eingerichteten Chatgruppen startet einen Liveblog und  recherchiert mit Korrespondenten und Reportern.

Solche Lagen sind also wie gemacht für Online-Redaktionen, die auf keinen Druckplan Rücksicht nehmen müssen. Nur – „diese Freiheit kann sich gegen sie wenden, und auf jedes Großereignis folgt verlässlich Kritik an der laufenden Berichterstattung.“ Wegner nennt fünf Paradoxien, mit denen eine Online-Redaktion  „schuldlos schuldig“ wird:

  1. Wir können nicht nicht kommunizieren.
  2. Wir sind Teil des Rauschens, das wir bekämpfen.
  3. Wir spielen mit bei einer Inszenierung, die wir durchschauen.
  4. Es ging uns so gut, es war noch nie so dramatisch.
  5. Unsere eigene Medienkritik denken wir bereits mit.

Im Jahrbuch diskutiert Wegner diese Paradoxien ausführlich und endet mit der Folgerung, die seine Redaktion aus vielen internen und öffentlichen Diskussionen gezogen hat: „In einigen Wochen werden wir damit beginnen, unsere Diskussionen und Fehler an zentraler Stelle zu dokumentieren.“

Werkstatt: Wie die New York Times das erste Interview mit Trump führte

Geschrieben am 15. Januar 2017 von Paul-Josef Raue.
Arthur Sulzberger ist Verleger der New York Times. (Foto: NYT)

Arthur Sulzberger ist Verleger der New York Times. (Foto: NYT)

Donald Trump mag Journalisten nicht:

Diese Menschen sind die niedrigste Form des Lebens, ich sag’s euch. Sie sind die niedrigste Form der Menschheit,

schmähte er in einer Wahlrede. In seiner ersten Pressekonferenz nach der siegreichen Wahl durfte ein Journalist von CNN, „dieser schrecklichen Organisation“ , erst gar keine Frage stellen. Das ging auch der New York Times zu weit, sie sprach von einer Kriegserklärung an die Medien, aber hatte wenige Wochen zuvor mit Trump in ihrer Zentrale nicht nur ein langes Interview geführt, sondern auch Wort für Wort protokolliert.

Ein Interview (die „Bild“ hat es übersetzt und online gestellt) so zu veröffentlichen, wie es wirklich geführt wurde, ist in Deutschland umstrittener als in den Staaten. Als Jill Abramson, Ex-Chefredakteurin der New York Times, vor sechs Jahren entschied, es gebe keine Autorisierung von Zitaten mehr, diskutierten dies deutsche Journalisten heftiger als angelsächsische.

Was fällt auf beim Blick in die Interview-Werkstatt der New York Times:

  • Der Verleger Arthur Sulzberger führt zuerst das Gespräch, dem Chefredakteur erteilt er später das Wort. Sulzberger beginnt das Interview so nett, als hätte es nie eine Verstimmung gegeben. Diese Nettigkeit ist professionelle Routine: Nicht mit der Tür ins Haus fallen, dem Gesprächspartner respektvoll begegnen und ihn in Sicherheit wiegen.
  • Auch Trump umgarnt die Redakteure – um wenig später all seinen Unmut über die Journalisten zu wiederholen. Was für rhetorische Kniffe in knapp einem Dutzend Sätzen: Erst Respekt, dann Angriff, schließlich Angebot zur Zusammenarbeit!

Okay. Also, ich weiß das Treffen wirklich zu schätzen und habe großen Respekt vor der ‚New York Times‘. Riesigen Respekt. Sie ist etwas ganz Besonderes. War schon immer etwas ganz Besonderes. Ich finde, dass ich sehr grob behandelt worden bin. Es ist ganz offensichtlich, dass ich auf gewisse Weise, im wahrsten Sinne sehr ungerecht behandelt worden bin. Ich möchte mich nicht nur über die „Times“ beschweren. Ich würde aber sagen, dass die Times am gröbsten zu mir war… Schauen Sie, ich habe großen Respekt für die Times, und ich möchte Ihre Meinung ändern. Ich glaube, das würde mir meine Arbeit stark erleichtern.

  • Trump ist gut vorbereitet, lobt Konkurrenz-Zeitungen und versucht, die Redakteure einzuschüchtern. Die reagieren nicht darauf. Das ist professionell: Tapse nicht in jede Falle, die aufgestellt wird.
  • Trump spricht die Redakteurin Maggie, die wohl auf Clintons Seite war, direkt mit Vornamen an: „Hören Sie, Maggie, ich will ihnen nicht wehtun. Ich finde, sie haben eine Menge durchgemacht. Sie haben eine Menge durchgemacht.“
  • Trump weicht aus, ist nicht zu fassen. Der Trick ist einfach und wird von Politikern geschätzt: Trump erklärt ein Thema für ein Rand-Thema und lenkt den Blick auf ein anderes Thema, das er für wichtig erklärt.
  • Kommentatoren in den USA schreiben nicht ihre Meinung, sie sind ausgewählt, die offizielle Haltung des Verlegers darzulegen. Thomas L. Friedman, den Leitartikler, spricht Trump mit „Tom“ an. Friedman will die Haltung zum Klimawandel erkunden und erwähnt, dass Trump „einige der schönsten Golfplätze der Welt“ besitzt. Alle lachen, reden durcheinander. Trump nimmt den Ball auf, prahlt mit seinen Golfplätzen, wieder verzeichnet das Protokoll „Lachen“.
    Friedman, der Leitartikler, findet das Lachen gar nicht lustig, wird sauer: „Es ist mir sehr wichtig – und ich glaube, auch vielen unserer Leser – zu wissen, was Sie in dieser Hinsicht tun werden.“ Trump weicht aus: „Ich schaue mir das ganz genau an, Tom. Ich sag Ihnen was. Das ist ein interessantes Thema, denn es gibt nur wenig, was umstrittener ist als der Klimawandel.“
    Der Verleger greift ein, stellt sich auf die Seite seines Leitartiklers: „Nun, da wir auf einer Insel leben, möchte ich Ihnen dafür danken, unvoreingenommen zu sein. Wir haben gesehen, was diese Stürme mittlerweile anrichten, stimmt’s? Wir haben es mit eigenen Augen gesehen. Ganz direkt.“
  • Trump nutzt die Vertrautheit mit dem Verleger und demonstriert sie vor den Redakteuren: „Ich bin wirklich unvoreingenommen. Und wir hatten schon immer Stürme, Arthur.“ Und er erzählt von seinem Onkel, der Professor war, von Wissenschaftlern, die sich schreckliche Mails schreiben, von seinen Golfplätzen, für die er Umweltschutz-Preise bekommen hat  – und schließt seine langen Vortrag: „Manchmal sage ich, dass ich in Wirklichkeit ein Umweltschützer bin und in manchen Fällen lächeln die Leute darüber. Und andere Leute, die mich kennen, wissen, dass es stimmt. Unvoreingenommen.“
  • Das Protokoll vermerkt auch, wenn das Mikrofon ausgeschaltet wird – einmal geschieht es, als Trump über Syrien nur unter Drei sprechen will: „Wir müssen den Wahnsinn in Syrien beenden. Eine Sache, die mir zugetragen wurde – kann ich das vertraulich sagen, oder wird alles protokolliert?“ Der Verleger stimmt zu: „Wenn Sie etwas Vertrauliches sagen wollen, haben wir abgemacht, dass Sie das tun können. Meine Damen und Herren, wir reden einen Augenblick lang vertraulich miteinander.“ Das Protokoll vermerkt: „(Trump sagt etwas Vertrauliches)“
  • Trump sortiert die Redakteure nach dem Motto des Aschenputtel-Märchens: „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.“ Michael D. Shear, der Korrespondent im Weißen Haus, ist ein Guter: „Wir sehen uns dort! „, scherzt Trump mit ihm und alle lachen. Der Verleger ist ein Guter: „Sie können mich anrufen, Arthur, Sie können mich anrufen.“ Die Leitartiklerin Maureen Dowd kommt ins Kröpfchen: „Die einzige, die mich nicht anrufen kann, ist Maureen. Sie packt mich zu hart an. Ich weiß nicht, was mit Maureen los ist!“
    Keiner protestiert.
  • Die letzte Frage stellt Geschäftsführer Mark Thompson: Wird Trump den Verfassungsrang der Pressefreiheit respektieren? Und Trump, wie ein guter Kumpel, antwortet: „Ich denke, es wird Ihnen gut gehen.“ Der Verleger dankt: „Ich weiß das wirklich zu schätzen.“ Und Trump dankt zuckersüß zurück: „Es ist eine große Ehre. Die Times ist ein großartiges, großartiges amerikanisches Juwel. Ein weltweites Juwel. Und ich hoffe, wir werden alle miteinander auskommen. Wir wollen dasselbe, und ich hoffe, wir werden alle miteinander auskommen.“

Dann gehen alle mit einem sichtbar entspannten Trump zum Mittagessen. Es gibt Lachs und Steak.

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Der komplette Beitrag in der Kolumne JOURNALISMUS! auf kress.de:

/ https://kress.de/news/detail/beitrag/136537-hi-julie-wie-die-new-york-times-ein-gespraech-mit-trump-fuehrt.html

Das Trump-Interview der New York Times hat Bild übersetzt und online gestellt.

 

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Petry und der Schießbefehl: Ein Plädoyer für die Autorisierung von Interviews

Geschrieben am 3. Februar 2016 von Paul-Josef Raue.

Frauke Petry sei Dank: Sie macht uns Journalisten klar, welche Errungenschaft das Autorisieren von Interviews ist! Das war auch in Deutschland ins Gerede gekommen, als Jill Abramson, die Chefredakteurin der New York Times, 2012 erklärt hatte –  angelsächsischer Tradition folgend: Wir schreiben, was gesagt ist! Wir lassen keine Zitate mehr autorisieren!

Frauke Petry, die Vorsitzende der AfD, hat dem Mannheimer Morgen ein Interview gegeben, die Druckfassung autorisiert und darin einen Schießbefehl auf illegal einreisende Flüchtlinge gefordert. Als die Kritik zu heftig wurde, auch in der eigenen Partei, besann sich Petry auf ihren bewährten Slogan „Lügenpresse“ und sagte dem MDR:

Wir erleben in den Medien das, was so häufig passiert: Dass der Kontext dessen, was gesagt wird, sträflich missachtet wird und dass sich dann die politische Konkurrenz auf verkürzte Zitate wirft.

Laut dpa erklärte Petry: „Man wollte die Schlagzeile produzieren, dass die AfD auf Flüchtlinge schießen will.“ Das halte sie „für journalistisch total inakzeptabel“. Das Interview sei im „Stil eines Verhörs“ geführt worden.

Dirk Lübke, Chefredakteur des Mannheimer Morgen, erklärte Bülend Ürük von Kress:

Was ist daran nötigend, wenn Frauke Petry uns selber das Interview angeboten hat, sie und ihr Sprecher jedes Wort zur Autorisierung vorgelegt bekommen haben, jedes Wort und jeden Satz mehrmals gelesen und schließlich zur Veröffentlichung freigegeben haben?

Hätte Lübke auf eine Autorisierung verzichtet, stünde Aussage gegen Aussage und Pegida hätte ein neues Beispiel für die „Lügenpresse“.

 

Der am intensivsten gelesene Online-Beitrag der New York Times: Fast eine Million Stunden für ein Liebes-Quiz

Geschrieben am 10. Dezember 2015 von Paul-Josef Raue.

Welche Artikel faszinierten die Online-Leser der New York Times am meisten? Mit welchen Reportagen und Nachrichten verbrachten sie meiste Zeit? Vorne liegt in diesem Jahr eine Liebes-Geschichte – mit 36 Fragen zur Liebe „No. 37: Big Wedding or Small? / Quiz: The 36 Questions That Lead to Love“

Die Leser verbrachten rund 900.000 Stunden in dieser Geschichte. Die 36 Fragen hat der Psychologe Arthur Aron entworfen. Sie sind in drei Kapiteln versammelt. Einige Beispiele zu Kapitel 1:

  1. Wen in der Welt wünschst Du Dir als Dinner-Gast?
  2. Möchtest Du berühmt sein? Und wie?
  3. Überlegst Du vor einem Telefonat, was Du sagen möchtest? Warum?
  4. Was bedeutet für Dich ein perfekter Tag?

Beispiele aus dem Kapitel 2:

  1. Wenn eine Kristallkugel die Wahrheit über Dich preisgibt, über Dein Leben, die Zukunft oder anderes mehr: Was möchtest Du wissen?
  2. Wenn es etwas zu tun gibt, wovon Du schon lange träumst: Warum hast Du es nicht getan?
  3. Was ist die größte Leistung Deines Lebens?
  4. Was schätzt Du am meisten in einer Freundschaft?

Beispiele aus Kapitel 3:

  1. Wann hast Du das letzte Mal geweint vor einem anderen Menschen? Und allein?
  2. Was ist zu ernst, um darüber einen Scherz zu machen?
  3. Wenn Du heute Abend stirbst ohne Möglichkeit, mit irgendjemanden zu sprechen: Was bedauerst Du, nie jemandem erzählt zu haben? Und warum hast Du es bis heute nicht erzählt?
  4. Dein Haus brennt. Wenn Du alles Persönliche gerettet hast, hast Du die Chance, noch etwas zu retten: Was wäre es? Und warum?

Auf dem vierten Rang der am längsten gelesenen Geschichten ist noch eine Liebes-Geschichte: Mandy Len Catron, Schreibtrainerin an der Universität in Vancouver, erzählt, wie sie sich verliebte:

„Vor mehr als zwanzig Jahren hatte der Psychologe Arthur Aron (das ist der Wissenschaftler der 36 Liebes-Fragen) Erfolg damit, dass sich zwei Fremde in seinem Labor verliebten. Im letzten Sommer wandte ich dieselbe Technik für mein eigenes Leben an…“ Die Geschichte endet wenig romantisch: „Liebe überfiel uns nicht. Wir haben uns verliebt, weil wir uns beide für die Liebe entschieden haben.“

Catron arbeitet, wie der Autorenhinweis preisgibt, an einem Buch über die Gefahren von Liebesgeschichten.

Die Liste der 50 am intensivsten gelesenen Artikel ist eine Mischung aus ambitionierten Investigativ-Projekte (wie „Inside Amazon“, die Arbeitswelt des Versand-Giganten – Platz 3), großen aktuellen Nachrichten (German Wings-Absturz auf Platz 11 und 30) und Service (wie das Liebes-Quiz); dabei sind die großen Themen wie Rassismus (Massaker in der Emanuel- Kirche von Charleston, Platz 21) und Terrorismus (Anschläge in Paris auf Platz 18)– aber auch die Geschichte von George Bell: Ein einsamer Mann, der einsam starb (Platz 8)

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Quelle:

http://www.nytimes.com/interactive/2015/12/09/upshot/top-stories.html?_r=1

 

Protest gegen Zensur und Willkür: Eine kurze Geschichte des weißen Flecks in der Zeitung

Geschrieben am 2. Dezember 2015 von Paul-Josef Raue.
Links die Ausgabe der International New York Times mit Aufmacher über Thailand, rechts die Thailänder Ausgabe mit einem weißen Fleck statt Aufmacher.

Links die Ausgabe der International New York Times mit Aufmacher über Thailand, rechts die Thailänder Ausgabe mit einem weißen Fleck statt Aufmacher.

Am gestrigen Dienstag (1. Dezember 2015) ist die Thailänder Ausgabe der New York Times ohne Aufmacher erschienen. Außerhalb von Thailand erschien ein Text von Thomas Fuller „Thai spirits sagging with the economy“ (Stimmung und Wirtschaft in Thailand hängen durch), der sich kritisch mit der Militär-Diktatur befasst,  der stark eingeschränkten Pressefreiheit und dem schwierigen Alltag der Thais. Offenbar haben nicht Redakteure den Text entfernt, sondern die Drucker – ob unter Zwang oder in vorauseilendem Gehorsam, ist nicht erkennbar. Die Erklärung im Blatt:

Der Artikel, der hier stand, wurde von unserer Druckerei entfernt. Die International New York Times und ihre Belegschaft spielte keine Rolle bei dieser Entfernung.

 Der weiße Fleck war ursprünglich eine Demonstration der Macht:  Zensoren nahmen Texte und Bilder aus der Zeitung oder schwärzten Sätze und auch komplette Absätze, weil sie den Mächtigen missfielen. Der weiße Fleck signalisierte die Stärke der Diktatur.
Aus dem Instrument der Mächtigen machten Redakteure in der Demokratie ein Instrument zur Kontrolle der Mächtigen.Die taz brachte ein Interview mit Fragen, aber mit durchgestrichenen Antwort-Passagen, die so nicht mehr lesbar waren – als  SPD-Generalsekretär Olaf Scholz ein Interview bei der Autorisierung grundlegend  veränderte hatte.

 

Ähnlich verfuhr die taz 2013 nach einem Gespräch mit dem FDP-Vorsitzenden Philipp Rösler, der einen Abdruck der Druckfassung des Interviews abgelehnt hatte. Die taz  druckte eine weiße Zeitungsseite nur mit Fragen wie:
Wann haben Sie bewusst wahrgenommen, dass sie anders aussehen als die meisten Kinder in Deutschland?
 Allerdings gab es auch heftige Kritik in den Medien an der Art der Fragestellung. Die Chefredakteurin Ines Pohl meinte denn auch: Die Präsentation war missglückt, aber die Fragen waren in Ordnung.

Ähnlich verfuhr die Zeit auf ihrer Online-Seite, nachdem der DFB ein Interview mit Manager Oliver Bierhoff zurückgezogen hatte: Sie druckte nur die Fragen und ließ den Raum der  Antworten leer.

Joachim Braun, der Chefredakteur des Nordbayerischen Kurier, berichtet:

In einem Interview mit einem bayerischen Ministerpräsidenten (Stoiber)  pfuschten neun Leute bei der Autorisierung herum und veränderten sogar meine Fragen, damit sie besser passen. Ich habe die Seite daraufhin kurzfristig rausgeschmissen und dem Politiker geschrieben, dass ich sauer bin und nie wieder ein Interview mit ihm machen werde. Kurz darauf wurde das Interview erneut autorisiert – fast unverändert zu meinem Entwurf.

Alexander Marinos
, Vize-Chefredakteur der WAZ, schrieb als stellvertretender Chefredakteur des Bonner General-Anzeiger, in einer Umfrage der Drehscheibe:

Ich habe schon wiederholt Interviews nicht abgedruckt, nachdem Interviewpartner oder deren Pressesprecher versucht haben, die Texte im Zuge der Autorisierung komplett umzuschreiben und jeden kritischen Ansatz herauszunehmen – bis in die Struktur der Fragestellungen hinein. Namentlich betroffen waren der damalige Linkspartei-Chef Oskar Lafontaine und der frühere Bundesumweltminister und heutige SPD-Chef, Sigmar Gabriel.

2012 war eine Debatte in den deutschen Medien entfacht worden zu Sinn und Unsinn von Autorisierung, nachdem die New York Times generell ihren Verzicht auf Autorisierung erklärt hatte. Diese Debatte war auch Gegenstand eines Handbuch-Blogs: „Lass ich mein Interview autorisieren? Ja, es wird besser“.

 Weiße Flecken nannten Jugendliche eine Zeitung, die sie 2008 und 2009 recherchierten und produzierten und am Ende in einer Auflage von 30.000 Exmplaren druckten. Weiße Flecken so stellten die Jugendlichen ihr Projekt vor:
Weiße Flecken, das sind Geschichten, die während der NS-Zeit nicht erzählt werden durften. Die Erinnerung an sie ist für immer verloren, wenn die Zeitzeugen, die von Brno bis Zabrze, von Klagenfurt bis Mainz die NS-Zeit hautnah miterlebt haben, nicht von ihnen berichten. Auf Initiative von step21 interviewen Jugendliche die letzten Zeitzeugen, durchstöbern Archive und stellen Fragen, die nie zuvor gestellt wurden.

Die Eisbar-Knut-Affäre: Müssen Journalisten eine Sperrfrist befolgen?

Geschrieben am 7. September 2015 von Paul-Josef Raue.

Verstößt eine Redaktion, wenn sie die Sperrfrist nicht beachtet, gegen die „journalistische Sorgfalt“? Diesen Vorwurf erheben renommierte Wissenschaftler des „Forschungverbunds Berlin“ gegen die Berliner Zeitung und den Berliner Kurier und beschweren sich beim Presserat.

Worum geht’s? Am Montag, 24. August 2015, erzählten Wissenschaftler aus Berlin, woran Eisbär Knut gestorben sei; sie gaben vorab Informationen weiter unter der Bedingung, bis zur Pressekonferenz drei Tage später nichts zu veröffentlichen. Die beiden Berliner Zeitungen berichteten allerdings schon am Montag auf ihren Internet-Seiten und am Tag darauf in der Zeitung.

Die Wissenschaftler sehen darin einen Bruch „international gültiger Regeln in der Wissenschaftskommunikation“ und „publizistischer Grundregeln“. Die Zeitungsredakteure erhielten Hausverbot, durften an der Knut-Pressekonferenz nicht teilnehmen und bekommen ein halbes Jahr lang keine Informationen mehr. Chronologie der Ereignisse aus Sicht der Wissenschaftler hier. Wissenschaftsorganisationen wie die Präsidenten der Leibniz- und Helmholtz-Gemeinschaft protestierten bei Aufsichtsrat und Vorstand der „DuMont-Schauberg“-Mediengruppe:

Wir sind bestürzt über das Verhalten zweier Zeitungen aus der Mediengruppe M. DuMont Schauberg, die durch Alfred Neven DuMont zu großem Ansehen gelangt ist und sich für uns stets durch seriösen und qualitätsvollen Journalismus ausgezeichnet hat.  Da zum Zeitpunkt des Embargobruchs das o.g. wissenschaftliche Manuskript noch nicht veröffentlicht war, bestand für unsere Wissenschaftler die akute Gefahr, dass das Manuskript von der Nature Publishing Group als bereits veröffentlicht zurückgewiesen wird. Die jahrelange Forschung unserer international renommierten Arbeitsgruppen wäre damit entwertet worden.

„Fehler machen wir alle mal, man kann sie aber korrigieren“, so bewerten die Forscher den kurzfristigen Bruch der Sperrfrist durch den Fernsehsender rbb und Focus Online, die ihre Berichte aus der Mediathek und Internet wieder löschten – Focus mit der redaktionellen Bemerkung:

Ein anderes Medium hat die Sperrfrist für die Berichterstattung gebrochen. FOCUS Online wird sich daran halten und veröffentlicht am 27. August zum offiziellen Ende des Embargos ausführliche Informationen zu Knuts Todesursache.

Der Begriff „Embargo“ für Sperrfrist, den die Wissenschaftler hier nutzen, ist in der Schweiz gebräuchlicher, in Deutschland weitgehend unbekannt.

Der Presserat sieht den Bruch der Sperrfrist offenbar als ethisch irrelevant an und strich die Richtlinie 2.5 im Jahr 2007; offenbar berufen sich die Wissenschaftler deshalb bei der Beschwerde auf die Sorgfalts-Pflicht – und da bin ich schon gespannt, wie der Presserat das löst, denn mit Sorgfalt hat der Bruch überhaupt nichts zu tun, die Fakten stimmten ja.

Sie alte Sperrfrist-Richtlinie des Presserats lautete:

Sperrfristen, bis zu deren Ablauf die Veröffentlichung bestimmter Nachrichten aufgeschoben werden soll, sind nur dann vertretbar, wenn sie einer sachgemäßen und sorgfältigen Berichterstattung dienen. Sie unterliegen grundsätzlich der freien Vereinbarung zwischen Informanten und Medien. Sperrfristen sind nur dann einzuhalten, wenn es dafür einen sachlich gerechtfertigten Grund gibt, wie zum Beispiel beim Text einer noch nicht gehaltenen Rede, beim vorzeitig ausgegebenen Geschäftsbericht einer Firma oder bei Informationen über ein noch nicht eingetretenes Ereignis (Versammlungen, Beschlüsse, Ehrungen u.a.). Werbezwecke sind kein sachlicher Grund für Sperrfristen.

Es ist  eine Frage des Vertrauens. So schreibt die Leibniz-Gemeinschaft auch, sie sende vorab Studien an Journalisten, „damit diese sich in der Planung ihrer Berichterstattung darauf einstellen und Artikel recherchieren und vorbereiten können“. Sperrfrist gilt also als ein Service – auf Vertrauen.

Und wie reagieren die Redaktionen? Ein „DuMont“-Sprecher schiebt – laut Bülent Ürük im Kress Report – die Schuld auf die Lokalredaktion, die mit gängigen Regeln nicht vertraut sei, und die Wissenschaftler selber, weil die nicht nur Wissenschafts-Redakteure eingeladen habe. Im Hausverbot sieht der Unternehmenssprecher einen Angriff auf die Grundsätze der Pressefreiheit.

Brigitte Fehrle, Chefredakteurin der Berliner Zeitung, verwies laut Kress Report auf den harten Wettbewerb im Berliner Zeitungsmarkt.

Wie gehen andere Länder mit der Sperrfrist um? Während sich englische und amerikanische Zeitungen etwa über die Autorisierung von Interviews in Deutschland wundern, achten sie strikt auf die Einhaltung von gemeinsam vereinbarten Sperrfristen. Der spektakulärste Fall einer Sanktion ereignete sich am Ende des Zweiten Weltkriegs und zerstörte eine US-Reporter-Karriere:

Edward Kennedy, der Leiter des Pariser AP-Büros, berichtete am 7. Mai 1945 von der Kapitulation Deutschlands, so dass die New York Times titeln konnte: „The war in Europa is endet!“ Allerdings hatte Präsident Truman eine Sperrfrist verhängt – offenbar mit Rücksicht auf Stalin, der die Kapitulation in Berlin als seine Leistung herausstellen wollte. Zudem hatte General Dwight D. Eisenhower auf die dienende Rolle der Journalisten verwiesen: Ihr seid „auxiliary staff officers“!, also Hilfsarbeiter, um den Krieg zu gewinnen durch „objektive“ Berichterstattung. Die Amerikaner haben immer schon gerne die Journalisten in ihre Interessen eingebettet.

Die AP feuerte Edward Kennedy, der den Rest seines Reporter-Lebens verbittert in einer Lokalzeitung zubringen musste – nicht ohne 1948 dem Atlantic Magazin zu sagen: „Ich würde es wieder tun.“

Erst 2012 entschuldigte sich der AP-Präsident Tom Curley in einem Vorwort zu den Memoiren Ed Kennedys, die seine Tochter Julia nach seinem Tod herausgegeben hatte: „Ed Kennedy’s War: V-E Day, Censorship, and the Associated Press“.

„Es war ein schrecklicher Tag für die AP“, sagte Curley in einem Interview, „wir haben es in der schlechtest möglichen Weise gemacht. Kennedy hat alles richtig gemacht: Er war wirklich ein Held.“

 

 

 

Ethik nach dem Absturz (4): Es gibt respektable Gründe, den Namen des Kopiloten zu nennen

Geschrieben am 22. April 2015 von Paul-Josef Raue.

„Absurd“ nennt  FAZ-Onlinechef Mathias Müller von Blumencron die Diskussion über die Namens-Nennung des Kopiloten des German-Wings-Flugs 4U9525.  „Die ganze Diskussion darüber ist merkwürdig und wird außer in Deutschland auch nirgendwo geführt“, sagt er in einem W&V-Interview.

Absurd war die Diskussion, weil viele Medien wortreich begründeten, warum der Name genannt oder eben nicht genannt wurde. War dies quasi das Gegenstück zum Eskalationsjournalismus? Statt lautstarker Versuche, mit mehr oder weniger wichtigen Informationen große Resonanz zu erzeugen, die anbiedernde, fast peinliche Erklärung, warum man etwas so oder so sieht?

Auf die Frage von Volker Schütz: „Gehört zu dem von Ihnen beschworenen Qualitätsjournalismus auch die volle Namensnennung?“ antwortet Blumencron:

Selbstverständlich. Der Mann hat 149 Menschen in den Tod gerissen. Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf, zu erfahren, wer dieser Mann war. Denn nur seine Biografie kann uns helfen, diesen Irrsinn zu verstehen. Und dabei helfen, dass wir die Mechanismen verbessern, um eine Wiederholung zu verhindern.

Blumencron geht auf den Vorwurf ein, Medien bauschen auf, suhlen sich in der Sensation, eskalieren:

Bei der Berichterstattung über dieses Ereignis gab es nichts zum Eskalieren. Diese Tat selbst ist eine der größten vorstellbaren Eskalationen. Selbst wenn ich mich dem Ereignis ganz nüchtern nähere, und nichts anderes ist angemessen, entfalten die Berichte eine ungeheuerliche Wucht. Und das ist für viele Leser verstörend: Die Wirklichkeit ist kaum auszuhalten.

Aber wie sollen  wir umgehen mit den Lesern, die sich einmischen in unsere Debatten, die Medien beobachten wie nie zuvor, die kritisieren und verstören:

Das bedeutet: Journalisten müssen manchmal erklären, warum sie wie berichten. Das ist gut so, das ist nicht anbiedernd. Man darf allerdings keinesfalls das Gefühl erzeugen, permanent über sich selbst zu philosophieren. Unser Geschäft ist die Aufklärung über den Gang der Welt, nicht über den Gang einer Redaktion.

(W&V 16.4.)

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Das Dart-Center: Wachsendes Bewusstsein für Ethik

Es lohnt für uns Journalisten ein Blick ins „Dart-Center“, in dem sich Psychologen und Journalisten um traumatische Erfahrungen kümmern: Wie gehen Journalisten mit traumatisierten Menschen nach einer Katastrophe um? Wie erkennen sie Traumata? Wie gehen Journalisten mit ihren eigenen Traumata um?

Auf ihrer Homepage stellen die Dart-Center-Experten das neue Phänomen fest:

Die Berichterstattung der Tage direkt nach dem Unglück zeichnet sich auch dadurch aus, dass Medienkritiker fast zeitgleich mit der akuten Berichterstattung schon zu Achtsamkeit und zum differenzierten Umgang mit den Informationen und Angehörigen mahnten. In den sozialen Medien wurde der Absturz selbst fast genauso leidenschaftlich besprochen, wie die Berichterstattung über den selben.

Das „Dart Center für Journalismus und Trauma“ kommt zu dem Ergebnis: „Der Germanwings-Absturz war nicht unbedingt “ein Absturz des Journalismus” war, sondern auch ein Zeichen  für ein wachsendes Bewusstsein für Ethik in der Berichterstattung.“

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Hatte der Co-Pilot gute Absichten? 

Ein ungewöhnliches Argument finde ich in einem Kommentare auf persoenlich.com: War der Copilot „vielleicht war er sogar in der Meinung ,gut‘ zu handeln?“ Deshalb könne man den Co-Piloten ein Opfer nennen.

Ein Kommentator entgegnete: „‚Gut‘ zu handeln“ – wie krank ist das? Damit kann man alles entschuldigen. Hitler war dieser Meinung, Stalin, Breivik. Alle meinten es nur gut.“

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Beim 11. September nannten wir die Namen der (muslimischen) Attentäter

Warum haben wir bei dem Absturz ein Problem, den Namen zu nennen? fragt Wolfgang Kretschmer auf Facebook: 

Erinnert sich noch jemand an die Terroranschläge auf das World Trade Center? Damals hatte niemand in keiner Redaktion ein Problem damit, die bald darauf bekannten Klarnamen der Attentäter abzudrucken, deren Hauptakteure Studierende in Deutschland waren.

Warum handeln wir bei vergleichbaren Katastrophen unterschiedlich? 

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BILD und der Absturz

Zum Abschluß sei Bild-Chefredakteur  Kai Dieckmann zitiert, der mit Julian Reichelt die Berichterstattung von Bild rechtfertigt, sie „für völlig selbstverständlich und absolut zwingend hält“. Auch wenn wir anderer Meinung sind als Dieckmann, finde ich es respektabel, dass sich Dieckmann äußert und seine Gründe ausführlich darlegt. Man muss schon sehr überzeugt von der eigenen Rechtschaffenheit sein, um sie nicht wahrnehmen und diskutieren zu wollen:

Argument 1: Es war ein Ritualmord von historischem Ausmaß

Nach Erkenntnissen der ermittelnden Staatsanwaltschaft hat Andreas Lubitz „die Zerstörung des Flugzeugs bewusst eingeleitet“ und somit 149 mit in den Tod gerissen – ermordet. Er hat selbst gewählt, ein Verbrechen von historischen Ausmaßen zu begehen. Er ist ein Amokläufer, der mehr Menschen auf dem Gewissen hat als jeder Einzeltäter der deutschen Nachkriegsgeschichte. 

Seine Waffe war keine Pistole, kein Gewehr, sondern – wie bei den Terroristen des 11. September – ein Passagierflugzeug. Er hat seinen Opfern nicht mal die „Gnade“ eines schnellen Todes gewährt, sondern sie qualvollen acht Minuten Sinkflug in den Tod ausgesetzt. Wenn man versucht zu erahnen, was diese acht Minuten für die Menschen an Bord bedeutet haben müssen, kann man das durchaus als grausam, als Folter, als Ritualmord bezeichnen.

Argument 2: Der größte Verbrecher des Jahrhunderts

Wir haben es mit einem Mann aus der Mitte unserer Gesellschaft zu tun, der als Figur des Grauens, als bisher größter deutscher Verbrecher des (jungen) 21. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen wird. Die Aufgabe von Journalismus ist es, Geschichte zu erkennen, zu dokumentieren, zu erzählen, während sie entsteht. Das ist zwar deutlich schwieriger als der Rückblick, wenn alle historischen Fakten bekannt sind, aber es ist der Kern unseres Berufs. 

Argument 3: Menschen, auch Amokläufer , haben Namen und machen Geschichte

Wir halten es für legitim, die Hauptbeteiligten von historischen Ereignissen beim Namen zu nennen. Der Amokläufer von Erfurt hieß Robert Steinhäuser, der Amokläufer von Winnenden hieß Tim Kretschmer. Die Geiselgangster von Gladbeck hießen Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski. Geschichte wird von Menschen gemacht. Menschen haben Namen. Namen sind Geschichte.

Argument 4: Personen der Zeitgeschichte haben ein Gesicht

Wir glauben auch, dass es richtig ist, den Täter Andreas Lubitz zu zeigen. Als Person der Zeitgeschichte muss er – auch im Tod – hinnehmen, dass er mit seiner vollen Identität, seinem Namen und auch seinem Gesicht für seine Tat steht. 

 Wir machen Andreas Baader, Mohammed Atta und Anders Behring Breivik nicht unkenntlich. Und genau so wenig tun wir es mit Andreas Lubitz, dessen Name der französische Staatsanwalt in einer dramatischen und historischen Pressekonferenz vor der Weltpresse buchstabierte. 

Argument 5: Psychische Krankheit macht einen nicht weniger historisch

Natürlich war Andreas Lubitz psychisch krank. Wer nicht psychisch krank ist, entschließt sich nicht zu einer solchen Tat, aber das macht Andreas Lubitz nicht weniger historisch.

Argument 6: Fast alle großen Medien nennen den Namen

Der überwältigende Anteil traditioneller Medien auf der ganzen Welt hat dieselbe Entscheidung getroffen wie wir. Darunter ausnahmslos alle Medien, die den journalistisch-ethischen Standard unseres Berufes seit Jahrzehnten prägen: Der Guardian, die BBC, die New York Times, die Washington Post, CNN, die Nachrichtenagentur Reuters, das Wall Street Journal, der Stern in Deutschland. Wir sagen damit nicht, dass wir so handeln, weil andere so handeln. Wir kommen nach langen inner-redaktionellen Debatten nur zu derselben Entscheidung wie unsere Kollegen weltweit. 

Argument 7: Social Media nennt millionenfach den Namen

Sowieso ist es abwegig zu glauben, dass die traditionellen Medien in Zeiten von Social Media Informationen kontrollieren, zurückhalten könnten. Der vollständige Name Andreas Lubitz wurde seit gestern über 120.000 Mal getwittert und ist ein weltweiter Trend. Auf Google gab es gestern allein in Deutschland eine Million Suchanfragen zu „Andreas Lubitz“. Die Vorstellung, wir könnten auch nur ansatzweise Einfluss darauf nehmen, ob der Täter idenifizierbar ist oder nicht, ist schlicht absurd.

Resumee: Es war richtig, den Namen zu nennen

Nach unserem journalistischen Selbstverständnis kann es nur eine Antwort auf die Frage geben, ob Menschen, die historisch Großes leisten und historisch Schreckliches anrichten, mit ihrer vollen Identität dafür stehen und einstehen sollten: Ja.

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