Alle Artikel der Rubrik "G 22 Warum Informieren schwierig ist"

Ex-Verfassungsschützer: Verbot einer Internet-Seite bewirkt wenig

Geschrieben am 30. August 2017 von Paul-Josef Raue.
Pippi Langstrumpf ist ein beliebtes Motiv auf Seiten der Linksautonomen. Foto: BpB / Indymedia

Pippi Langstrumpf ist ein beliebtes Motiv auf Seiten der Linksautonomen. Foto: BpB / Indymedia

„Einige Touristen suchten das Weite“, schreibt die Badische Zeitung über die Demonstration gegen das Verbot der Internet-Plattform www.linksunten.indymedia.org („Wir sind zur Zeit offline…“). Die dreihundert Demonstranten zeigten Transparente wie „Pressefreiheit statt Polizeistaat“ oder „Kein Forum ist illegal“. Eine Sprecherin der „Soligruppe unabhängiger Medien in Freiburg“ bezeichnete laut Badischer Zeitung das Verbot als massiven Angriff auf die Pressefreiheit.

Haben die Polizisten bei der Durchsuchung im Freiburger Autonomen Kulturzentrum KTS wirklich Waffen gefunden? So berichteten dpa und andere im Anschluss an eine Pressekonferenz des Innenministeriums. Zweifel hegte die Netzpolitik-Redaktion: „Durchsuchungen wegen Linksunten: Doch keine Waffen bei Journalisten gefunden.“

Die Tagesschau-Faktenfinder recherchierten und erfuhren von einer Sprecherin des Bundesinnenministeriums: Die Waffenfunde sind Zufallsfunde im Zusammenhang mit dem Vollzug des Verbotes und spielen daher im Zusammenhang mit dem Verbot eine nachgeordnete Rolle. Unbeantwortet blieb eine Frage der Faktenfinder, warum diese „Zufallsfunde“ bei der Pressekonferenz am Freitag direkt zu Beginn erwähnt wurden.

Das Stuttgarter Landeskriminalamt hatte laut Netzpolitik-Redaktion bei der Pressekonferenz  Sprühdosen, Handschuhe, Schlagstöcke, Böller, vier Messer, vier Zwillen und ein Elektroschockgerät gezeigt.

Ein Verbot bewirkt wenig, meint der Politikwissenschaftler Rudolf von Hüllen, der zwanzig Jahre lang das Linksextremismus-Referat beim Verfassungsschutz geleitet hat. Auf einer Internet-Seite der Bundeszentrale schrieb er vor einigen Jahren: „Der Urheber auch strafbarer Inhalte kann sich über Domains im Ausland mit etwas Geschick wirksam vor Strafverfolgung schützen.“  Stimmt diese Einschätzung wäre das Verbot durch den Innenminister eher ein symbolischer Akt.

Von Hüllen vergleicht das deutsche Indymedia mit der vom Innenminister verbotenen Abspaltung www.linksunten.indymedia.org:

  • Bei Indymedia kann jeder Beiträge einstellen. Moderatoren achten darauf, dass „hierarchische, etablierte oder kommerzielle Gruppierungen“ den Auftritt nicht nutzen ebenso dass „sexistische, rassistische, faschistische u./o. antisemitische Beiträge jeder Art“ nicht gepostet werden; Abgrenzung gegen Gewalt fehlt.
  • „linksunten.Indymedia“ präsentiert laut von Hüllen linksextreme Menschenverachtung in offener Form mit Fotos, Hinweisen zu Beruf und Adresse von „Nazi-Schweinen“ sowie Hinweisen, was man bei einem Anschlag vor Ort beachten sollte.

In meiner Kolumne JOURNALISMUS! surfe ich durch die Online-Seiten der „Bundeszentrale für politische Bildung“, einer Behörde des Bundesinnenministeriums und entdecke dabei auch das Bild von  Pippi Langstrumpf, das Linksautonome gerne auf ihren Seiten zeigen.

Mit ihrer Lebensweise entspricht Pippi Langstrumpf linksautonomen Vorstellungen von einem selbstbestimmten Leben ohne Regeln, ohne Staat und ohne Hierarchien,

schreibt Udo Baron aus dem niedersächsischen Innenministerium.

Vor gut zwanzig Jahren informierten sich Linksautonome vor allem über Zeitschriften wie die in Berlin herausgegebenen „Interim“ oder „radikal“, in denen laut Baron auch mal eine Anleitung zum Bau von Brandsätzen stand;  beide hatten eine geschätzte Auflage von je etwa 2000 und erschienen offenbar nicht mehr.

Online ersetzt mittlerweile das Papier. Das habe aus Sicht der Extremen einige Vorteile, meint Rudolf von Hüllen: Flächendeckend zugänglich, kostengünstig, in doppelter Hinsicht anonym, da weder Betreiber noch Nutzer kaum erkennbar sind. Von Hüllen:

Für Linksextremisten, die mit Fragen des ‚ideologischen Kampfes‘ vertraut sind, ist das Internet im Kampf um die Hegemonie in den Köpfen heute mindestens so bedeutend wie die Straße.

Vor sechs Jahren beschäftigte sich Marie-Isabel Kane in ihrem Buch „Linksextremismus in der Bundesrepublik Deutschland“, herausgegeben von der Bundeszentrale, schon mit dem Wechsel vom Papier zum Netz. Noch im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts hatten Zeitschriften eine wichtige Integrationsfunktion in der zersplitterten autonomen Szene. Sie wurden beobachtet und tauchten regelmäßig in Verfassungsschutz-Berichten auf, wurden beschlagnahmt und verboten.

Was der Innenminister mit dem Verbot der Internet-Seite aktuell verfügt, steht also in der Tradition der Verbote von Zeitschriften in der Vergangenheit. Kane warnte damals  schon vor den Internetforen, die „keine Grenzen“ markierten.

Indymedia – Abkürzung für unabhängige Medien (Independent media) – ist ein Kind der Proteste gegen die G20-Gipfel, entstanden 1999  in Seattle, als sich 700 NGOs in 87 Ländern zusammenschlossen, wie Rainer Winter berichtet, der an der Universität in Klagenfurt Medien- und Kulturtheorie lehrt. Die Überschrift seines Artikels: „Das Erfolgsrezept: Lokal verankert, global und digital vernetzt.“

Für Professor Axel Bruns ist die Strategie der Linksextremen ein Indiz für den „Journalismus im Umbruch.“ Für den Wissenschaftler, der in Australien über Online-Journalismus forscht, zeigen Phänomene wie Indymedia einen grundlegenden Wandel in unserem Umgang mit Informationen:

Die traditionellen Massenmedien waren (und sind vielfach immer noch) industriell organisiert: Die Produktion und Verbreitung von Inhalten benötigt technische Hilfsmittel und spezialisiertes Personal und kann daher nur von entsprechend ausgerüsteten Verlagen und Sendern unternommen werden. Im Internet gelten diese Regeln dagegen nur noch sehr begrenzt: sind die Plattformen erst einmal verfügbar, ist das Erstellen und Verbreiten von Inhalten eine Aktivität, an der auch ganz normale Nutzer erfolgreich teilnehmen können. Die Trennlinien zwischen Nutzern und Produzenten von Inhalten verblassen, und es entwickelt sich ein Hybrid: ein ‚productive user‘ bzw. produktiver Nutzer, den ich als ,produser‚ bezeichnet habe – auf Deutsch ‚Produtzer‘, und wenn das ein wenig nach ‚Revoluzzer‘ klingt, ist das schon ganz richtig.

Der Soziologie-Professor Dieter Rucht weist auf ein Dilemma der Medien hin, wenn sie über Proteste berichten:

Protestgruppen und soziale Bewegungen erzeugen den größten Teil ihrer Aufmerksamkeit über die Medien. Damit ist auch ihre Wirkung abhängig von medienwirksamen Inszenierungen und sie unternehmen große Anstrengungen, um medial sichtbar zu werden und zu bleiben.

Für ihn haben die Gruppen, die Indymedia weltweit nutzen, „inzwischen aber wohl ihren Zenit überschritten“. Kommt der Innenminister also zu spät?

Was bedeutet der Generalbegriff „Linksextremismus“ überhaupt? Wer erfand und fördert ihn? Welche Milieus verbergen sich dahinter? Vor dem G20 in Hamburg veranstaltete die Bundeszentrale eine Tagung zu „Linksextremismus und linke Militanz – Phänomene, Kontroversen und Prävention“, bei der Experten schon unüberhörbar vor der Gewalt während des Gipfels warnten.

Professor Hans-Gerd Jaschke von der „Hochschule für Wirtschaft und Recht“ empfahl, schon in der Wortwahl zu differenzieren und statt „Linksextremismus“ lieber einzelne Milieus zu analysieren und zu beschreiben. In der Debatte zum Jaschke-Vortrag wurde – laut Tagungsdokumentation – beklagt: Der Begriff Linksextremismus sei aus dem Umfeld der Sicherheitsbehörden heraus entstanden und habe keine soziale Entsprechung; gerade daher sei ein sensibler Umgang mit Internetforen wie Indymedia unbedingt nötig. In der Tat: „Ein sensibler Umgang“.

 

Die Pressekonferenz: „Sie sind hier, um Antworten zu geben“

Geschrieben am 30. Juni 2017 von Paul-Josef Raue.

Im Business Punk werden Donald Trump und seine Pressesprecherin  daran erinnert, was eine Pressekonferenz ist:

Keine Beschimpfung der Presse, sondern die Kommunikation des Präsidenten mit der Öffentlichkeit. Business Punk zitiert Playboy-Korrespondent  Brian J. Karem, der in einer Pressekonferenz des Weißen Hauses auf Trumps Pressesprecherin Sarah Huckabee reagiert hatte („Ich glaube wir sind dort angekommen, dass wenn man den Medien nicht mehr vertrauen kann zu berichten, dann ist das gefährlich für Amerika“):

„Kommen Sie schon, Sie hetzen hier gerade jeden auf. Diese Regierung hat das auch getan. Warum um Himmels willen! Jeder von uns ist ersetzbar, und jeder von uns, falls wir etwas falsch machen. Das Publikum hat die Möglichkeit umzuschalten oder uns nicht zu lesen.

Sie sind für mindestens vier Jahre gewählt worden. Da gibt es keine andere Option. Wir sind hier, um Fragen zu stellen. Sie sind hier, um Antworten zu liefern. Und was Sie gerade getan haben, ist Menschen im ganzen Land aufzuhetzen, die das sehen und sagen ‚Schau, schon wieder hat der Präsident recht und alle anderen hier sind Fake-Medien.‘ Und jeder hier versucht nur, seinen Job zu machen.“

Quelle: Business Punk, 28.6.2107, zitiert von Xing News

Was ist eine „gelenkte Reportage“?

Geschrieben am 30. Mai 2017 von Paul-Josef Raue.
Die Skyline von Pjöngjang, Hauptstadt Nordkoreas, sieht aus wie die einer westlichen Metropole. Foto: Uwe Brodrecht / Wikipedia

Die Skyline von Pjöngjang, Hauptstadt Nordkoreas, sieht aus wie die einer westlichen Metropole. Foto: Uwe Brodrecht / Wikipedia

Das Programm von Journalisten in Nordkorea besteht aus Pflichtterminen unter Dauerbeobachtung durch Beamte des Aussenministeriums – freie Recherche gibt es nicht.

So schreibt Matthias Müller, Reporter der Neuen Zürcher Zeitung in seiner Reportage. Er schaut also genau hin, um die Widersprüche zu entdecken:

Der Angestellte der Taschen-Fabrik wurde rhetorisch nicht ganz so gut geschult: Auf die Frage, ob man eines Tages Gewinne erwirtschaften möchte, antwortet er unsicher, die Stimme wird immer leiser, bis er nur noch flüstert. Kapitalistisches Gedankengut verschlägt offenbar manchem Nordkoreaner die Sprache.

Im Newsletter am Morgen nennt die NZZ dies eine „gelenkte Reportage“, angelehnt an den Begriff des „Embedded Journalist“, der eingebettet ist in eine meist militärische Struktur; diese lässt ihm keinen Freiraum, schützt aber auch in einem Krieg. Erfunden hat diese „Einbettung“ die US-Armee im Irakkrieg 2003.

Gelenkter wie eingebetteter Journalismus widersprechen zwar den Regeln eines freien, von keinem beeinflussten Journalismus; gleichwohl unterwerfen sich Reporter der Gängelung, um in extremen Lagen der Wahrheit auf die Spur zu kommen und Widersprüche zwischen Schein und Wirklichkeit aufzudecken.

 

Warum vertraut ein Facebook-Nutzer einer Nachricht?

Geschrieben am 10. April 2017 von Paul-Josef Raue.
Dieter Golombek suchte die herausragenden Beiträge für das Journalisten-Jahrbuch heraus. Er war über drei Jahrzehnte Jury-Vorsitzender des Deutschen-Lokaljournalisten-Preises. Foto: KAS

Dieter Golombek sucht die herausragenden Beiträge für das Journalisten-Jahrbuch heraus. Er war über drei Jahrzehnte Jury-Vorsitzender des Deutschen-Lokaljournalisten-Preises. Foto: KAS

Die Frage, warum ein Facebook-Nutzer einer Nachricht vertraut, stellte das Nieman-Lab und gab als Antwort das Ergebnis einer Studie wieder, die für Journalisten niederschmetternd sein dürfte: Nicht der Autor, nicht die Quelle – also Magazin oder Zeitung -, sondern der „Freund“, der die Nachrichten weitergeleitet hat, ist der entscheidende Vertrauens-Faktor. In dem Experiment konnten sich nur zwei von zehn Facebookern überhaupt an die Quelle der Nachricht erinnern.

Die Wissenschaftler, die die Studie auswerteten, geben Facebook und anderen sozialen Netzwerken den Rat: Ihr könnt mehr tun, um die Quelle herauszustellen; Ihr müsst Informationen über die ursprünglichen Quellen liefern!

Wenn man sieht, wie sich „Fake news“ auf soziale Medien ausbreiten, bestätigt dieses Experiment nach Meinung der Forscher:

Die Menschen unterscheiden kaum zwischen bekannten und unbekannten, ja sogar erfundenen Quellen, wenn es darum geht, Nachrichten zu vertrauen und zu teilen. Sogar 19 Prozent der Leute, die unsere fiktive Nachrichtenquelle gesehen haben, wären bereit gewesen, die Nachricht einem Freund zu empfehlen.

Um die Kernfrage des Journalismus geht es auch in zwei herausragenden Artikeln des „Jahrbuch für Journalisten 2017“, erschienen im Oberauer-Verlag: Wohin steuert der Journalismus? Ein wenig verzweifelter könnten wir auch fragen: Wohin treibt er?

Mathias Müller von Blumencron, Digital-Chefredakteur der FAZ schreibt in „Verschlingt Facebook des Journalismus“ über die „medialen Drogen einer im  tiefsten Inneren verunsicherten Gesellschaft“:

„Bei Buzzfeed und ähnlichen Angeboten geht es primär nicht um Neuigkeiten, Nützliches oder Unterhaltsames. Es geht um die Selbstvergewisserung der Nutzer.“ Die Plattformen spielen einen Dreiklang: Sie verbinden Menschen zuerst mit sich selbst, dann mit den engsten Freunden und schließlich mit ihrer Subkultur. Die Gesellschaft und ihre Themen spielen kaum eine Rolle.

Facebook wird für viele zur ersten Nachrichtenquelle: „So wird Subjektivität verobjektiviert“, schreibt Blumencron. Was in den sozialen Netzwerken am meisten gelesen wird, hat nur noch wenig mit den Nachrichten gemein, die man in der alten Welt Nachrichten nannte – also all das, was die Welt bewegt.

Hier liegt die weitreichendste gesellschaftliche Folge der sozialen Netzwerke: Ihr Tun dient nicht primär der Welterkenntnis, sondern der Selbsterkenntnis.

Mathias Müller von Blumencron zitiert Mat Yarow, Direktor einer Abteilung für „Audience Development“ bei der New York Times, die unzählige Artikel direkt für Facebook oder Snapchat produziert mit dem Ziel: „Das System fluten und dann Facebook den Job machen lassen.“ Geld sei damit nur wenig zu verdienen, aber die Hoffnung bleibe, dass die Facebooker am Ende doch auf den Seiten der Zeitung landen. „Aber es bedeutet auch, die Ego-Maschinen weiter zu füttern“, schreibt Blumencron, „und das Informationsgefüge der Gesellschaft zu verändern.“

„Es gibt Momente, da wünsche ich mir, das Internet sei nie erfunden worden“, schreibt Zeit Online-Chef Jochen Wegner den Lesern seiner Wochenzeitung. Der zweite Lesetipp aus dem Jahrbuch gilt keinem Trend, sondern dem alltäglichen Wahnsinn mit der Online-Aktualität. „Das paradoxe Leben der Livemedien“, nennt Wegner seinen Artikel, in dem er fragt: Wie soll eine Online-Redaktion aktuell berichten, etwa bei einem Terror-Attentat, ohne solide, gut recherchierte Informationen zu besitzen?

Onlinejournalismus scheint inzwischen aus einem steten Strom von großen Lagen zu bestehen, in deren Zwischenräume wir noch etwas gute, alte Normalität füllen.

So fragt Wegner nach zehn Tagen 2016 mit vier Ereignissen, die jede Redaktion und vor allem die Bürger überforderten: Amoklauf in München; Axt-Attentat in Würzburg; Terror in Nizza und Putsch in der Türkei.  Die Zeit hat für solche „Lagen“, so ein dem Polizei-Jargon entliehener Begriff, eine Routine entwickelt: Ein Krisenteam in eigens eingerichteten Chatgruppen startet einen Liveblog und  recherchiert mit Korrespondenten und Reportern.

Solche Lagen sind also wie gemacht für Online-Redaktionen, die auf keinen Druckplan Rücksicht nehmen müssen. Nur – „diese Freiheit kann sich gegen sie wenden, und auf jedes Großereignis folgt verlässlich Kritik an der laufenden Berichterstattung.“ Wegner nennt fünf Paradoxien, mit denen eine Online-Redaktion  „schuldlos schuldig“ wird:

  1. Wir können nicht nicht kommunizieren.
  2. Wir sind Teil des Rauschens, das wir bekämpfen.
  3. Wir spielen mit bei einer Inszenierung, die wir durchschauen.
  4. Es ging uns so gut, es war noch nie so dramatisch.
  5. Unsere eigene Medienkritik denken wir bereits mit.

Im Jahrbuch diskutiert Wegner diese Paradoxien ausführlich und endet mit der Folgerung, die seine Redaktion aus vielen internen und öffentlichen Diskussionen gezogen hat: „In einigen Wochen werden wir damit beginnen, unsere Diskussionen und Fehler an zentraler Stelle zu dokumentieren.“

AfD schließt Reporter aus: OP in Marburg verzichtet auf Bericht

Geschrieben am 3. April 2017 von Paul-Josef Raue.

Eigentlich haben wir an dieser Stelle einen Bericht über die Vortragsveranstaltung mit der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry eingeplant. Wir haben uns für den Verzicht auf die Berichterstattung entschieden. Der Grund: Der AfD-Kreisverband Marburg-Biedenkopf hat die Akkreditierung für eines unserer Redaktionsmitglieder verweigert – ohne Angabe von Gründen.

So steht es seit Freitagabend auf der Online-Seite der in  Marburg erscheinenden Oberhessischen Presse. In einem Kommentar schreibt Till Conrad, der stellvertretende Chefredakteur, zu der Veranstaltung in Gladenbach weiter:

Die Redaktion wertet dies als einen schweren Angriff auf die Freiheit der Berichterstattung. Wir würden uns auch von keiner anderen Partei gefallen lassen, wenn sie offenbar missliebige Journalisten von ihren Veranstaltungen ausschließt. Wer die Verfolgung von Journalisten etwa in der Türkei kritisiert, wer den Umgang mit kritischen Journalisten durch den US-Präsidenten Donald Trump kritisiert, kann den Ausschluss eines OP-Redaktionsmitglieds von der Veranstaltung der AfD oder einer anderen Partei nicht dulden.

Wer ist der bessere Journalisten in einer Stadt, einem Land: Der Fremde? Der Heimische?

Geschrieben am 20. Februar 2017 von Paul-Josef Raue.
Michael Martens, FAZ-Korrespondent in Athen, vorher auch in Istanbul. Foto: Bülend Ürük

Michael Martens, FAZ-Korrespondent in Athen, vorher auch in Istanbul. Foto: Bülend Ürük

Soll man einen Journalisten mit türkischen Wurzeln als Korrespondent in die Türkei schicken? So fragt Michael Martens, selbst einmal Türkei-Korrespondent, in einem Kommentar der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, nachdem der Welt-Korrespondenten Yücel in der Türkei verhaftet worden ist. Weiter schreibt Martens: „Vielleicht sollte man auch darauf hoffen, dass deutsche Verlage ihre Entsendungspolitik überdenken und neu überlegen, welche Korrespondenten sie in welches Land schicken.“

Ist eine enge emotionale Verbundenheit ein Vorteil? Das bezweifelt Martens: „Können ‚Türken‘ nur über die Türkei schreiben? Warum hat die Welt Deniz Yücel nicht nach Russland geschickt, damit er den Lesern Putin erklärt? Warum berichtet eine deutsche Journalistin mit türkischen Wurzeln nicht über Südamerika? Warum diese Herkunftsgettoisierung im deutschen Journalismus?“

Wir kennen diese Frage auch aus unserem Land, am stärksten ausgeprägt im Osten. Immer wieder klagen nicht wenige Leser in Erfurt und Dresden und anderswo über Journalisten aus dem Westen: Sie dürften nicht schreiben, erst recht nicht kommentieren, weil sie nicht in der DDR gelebt haben und die Menschen, ihre Probleme und ihren Lebenspläne nicht kennen; nur wer die DDR erlebt hat, ist legitimiert, darüber zu schreiben.

Wir kennen diese Frage auch aus dem Lokaljournalismus: Ist der Fremde, der eine Stadt nicht kennt, der bessere Journalist, weil er unvoreingenommen und mit unverstelltem Blick schaut? Ist der Einheimische, der schon lange in der Stadt lebt, der bessere Journalist, weil er leichten Zugang zu den Menschen hat und sich auskennt?

In größeren Redaktionen ist der Konflikt leicht zu lösen: Man mischt Fremde und  Einheimische – und nimmt einen Fremden, der gut zuhören kann, als Chef, weil er über den Dingen steht, nicht in heimischen  Netzen verstrickt ist und keine Rücksicht nehmen muss.

Auch in Fachredaktionen tobt der Streit: Kann nur einer, der Physik oder anderes studiert hat, über Wissenschaft kompetent schreiben? Kann nur einer, der meisterhaft Geige spielt, über ein Konzert schreiben? Kann nur einer, der mindestens in der Regionalliga gespielt hat, über Fußball urteilen?

Die Gegner argumentieren: Da bleibt oft die Verständlichkeit auf der Strecke; die Experten in der Redaktion schreiben nur für andere Experten und Liebhaber.

Wer ein besonders kräftiges Argument gegen die Einer-von-uns-Theorie finden will, der frage: Kann nur ein Mörder über einen Mord schreiben? Nur ein Politiker über Politik? Nur ein Astronaut über die Reise zum Mars?

Besonders schwierig wird die Frage bei Korrespondenten, vor allem in einer Diktatur: Der Journalist sollte die Sprache beherrschen (was aber in Afrika kaum möglich ist oder etwa in Asien, wenn ein Korrespondent aus vielen Staaten berichten muss); aber er muss nicht aus dem Land oder der Region stammen, und er muss nicht lange dort gelebt haben.

Er muss aber eines können, er muss wissen, wie er verlässliche Quellen finden kann, wie er jenseits von Regierungs-PR der Wahrheit auf die Spur kommt. So arbeiten gute Agenturen, die auch aus Ländern berichten, in denen sie sich nicht auf die Freiheit der Presse stützen können. Reuters-Chefredakteur Steve Adler beispielsweise nennt als Voraussetzung: Wir sprechen nicht über die Probleme bei unserer Arbeit und berichten, ohne in den Verdacht der Voreingenommenheit zu geraten.

Wenn man über den Einsatz von Korrespondenten in der Türkei urteilt, wäre bedenkenswert: Nutzt man einen Journalisten mit türkischen Wurzeln, um die Herrschenden in der Türkei zu entlarven, die Unterdrückung der Journalisten zu offenbaren? Dagegen würde der Reuters-Chefredakteur seinen Einwand vorbringen: Unvoreingenommen ist besser!

Zudem muss man die Mächtigen in der Türkei nicht mehr entlarven: Das besorgen sie selber. Berichten reicht, unvoreingenommen.

**

Mehr dazu auf kress.de

Was tun, wenn ein Interview entgleist?

Geschrieben am 18. Februar 2017 von Paul-Josef Raue.
Kellyanne Conway ist Trumps Beraterin und eine Frau, die fast jedes Interview entgleisen lässt. Foto: Vox

Kellyanne Conway ist Trumps Beraterin und eine Frau, die fast jedes Interview entgleisen lässt. Foto: Vox

Kellyanne Conway war Trumps Kampagnen-Managerin und ist heute seine Beraterin. US-Journalisten fürchten Conway: Sie hat eine übernatürliche Fähigkeit, harte Interviews über Trump entgleisen zu lassen, sie weicht mühelos klaren Fragen aus, redet unentwegt von Fake-News und läßt alles entgleisen, was ihrem Präsidenten schaden könnte, sagt Carlos Maza bei Vox.

Der Interview-Experte Seth Gannon gibt zu: „Conways Talent für das Überleben von harten Interviews ist schwer zu leugnen“, aber er fragt auch: „Lohnt überhaupt ein Interview mit ihr? Sobald sie beschlossen hat, keine sinnvollen Antworten auf Fragen zu geben, gibt es keine Möglichkeit mehr, erfolgreiche Interviews zu führen.

Es gibt nur Abstufungen des Versagens, nur Abstufungen von Nicht-Antworten.“

Es sei faszinierend und mitunter unterhaltsam zu sehen, wie sie es vermeidet, einfache Fragen zu beantworten, aber: „Sie liefert Zuschauern keine nützlichen Informationen über das, was die Trump-Regierung tut oder zu tun beabsichtigt.“ So wirft Gannon schon die Frage auf: Was ist der Zweck eines solchen Interviews?

Das Vox-Video sollte jeder anschauen, der es mit schwierigen Gesprächspartnern, auch in Deutschland, zu tun hat:

http://www.vox.com/videos/2017/2/13/14597968/kellyanne-conway-tricks

 

Trump, Politiker und die Lüge (Zitat der Woche)

Geschrieben am 24. Januar 2017 von Paul-Josef Raue.

Unsere Absicht ist es, Sie nie anzulügen. Manchmal werden wir die Fakten unterschiedlich interpretieren.

(Sean Spicer, Sprecher von US-Präsident Donald Trump, laut dpa)

 

Habermas beklagt: Journalisten passen sich zu sehr der Politik an

Geschrieben am 18. Dezember 2016 von Paul-Josef Raue.
Jürgen Habermas bei einer Diskussion in der Hochschule für Philosophie München, 2008 (Foto: Wolfram Huke / Wikipedia)

Jürgen Habermas bei einer Diskussion in der Hochschule für Philosophie München, 2008 (Foto: Wolfram Huke / Wikipedia)

„Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten“, sagte vor fünfzig Jahren Paul Sethe, der als Herausgeber die FAZ gründete. Wer Verleger sein wollte und die Massen mit seinen Zeitungen erreichen, brauchte teure Druckmaschinen. Das änderte sich mit dem Internet. Endlich wird der Traum der Achtundsechziger wahr: Jeder kann von vielen gelesen werden. Die Demokratie ist bei sich angekommen, Öffentlichkeit endlich verwirklicht.

Und nun? Jürgen Habermas, Philosoph der Achtundsechziger, beklagt in einem Interview, die Bürger bedienten sich der neuen Freiheit nicht im Sinne der Aufklärung, sondern kehrten sie gegen die Freiheit und würden zum „Saatboden für einen neuen Faschismus“.

Im Jubiläums-Heft der Blätter für deutsche und internationale Politik, vor sechzig Jahren gegründet, verdächtigt er etablierte Politiker wie Journalisten, „von Anfang an die falsche Richtung eingeschlagen“ zu haben:

Der Fehler besteht darin, die Front anzuerkennen, die der Rechtspopulismus definiert: „Wir“ gegen das System.

Wer mit Rechtspopulisten öffentlich debattiere, nehme sie ernst, verschaffe ihnen Aufmerksamkeit und mache den Gegner stärker – wie Justizminister Heiko Maas, der sich im Oktober mit Alexander Gauland von der AfD in einer ZDF-Talkshow duellierte.

Es sei Schuld der Medien, dass „nach einem Jahr nun jeder das gewollt ironische Grinsen von Frauke Petry kennt und das Gebaren des übrigen Führungspersonals dieser unsägliche Truppe“. Rechtspopulismus verdiene Verachtung statt Aufmerksamkeit. Im Juli hatte Habermas schon in einem Interview mit der Zeit aus der „Perspektive eines teilnehmenden Zeitungslesers“ die Anpassungsbereitschaft der Journalisten gegenüber Merkel und der Politik beklagt: „Der gedankliche Horizont schrumpft, wenn nicht mehr in Alternativen gedacht wird.“

Medien wie Parteien informierten die Bürger nicht mehr „über relevante Fragen und elementare Tatsachen, also über die Grundlagen einer vernünftigen Urteilsbildung“. Das Argument ist nicht weit entfernt von der Kritik bei den Pegida-Spaziergängen in Dresden.

Habermas bringt als weiteres Indiz für den Zerfall der Öffentlichkeit die Wahlmüdigkeit der jungen Leute. „Das klingt so, als sei wieder die Presse schuld“, wirft der „Zeit“-Redakteur Thomas Assheuer ein. „Nein“, zieht sich Habermas zurück, „aber das Verhalten dieser Altersgruppe wirft ein Schlaglicht auf die Mediennutzung jüngerer Leute im digitalen Zeitalter und auf den Wandel der Einstellung zu Politik überhaupt. Nach der Ideologie des Silicon Valley werden ja Markt und Technologie die Gesellschaft retten und so etwas Altmodisches wie Demokratie überflüssig machen.“

Die Forderung nach „Dethematisierung“ verbindet Habermas mit der Forderung an Journalisten und Politiker:

Die Bürger müssen erkennen können, dass jene sozialen und wirtschaftlichen Probleme angepackt werden, die die Verunsicherung, die Angst vor sozialem Abstieg und das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, verursachen.

** Mehr in meiner JOURNALISMUS!-Kolumne auf kress.de: Gebt Rechtspopulisten keine Bühne

 

Was ist Objektivität im Journalismus?

Geschrieben am 13. November 2016 von Paul-Josef Raue.
Peter Kerstans Buch "Der journalistische Film" erschien bei Zweitausendeins.

Peter Kerstans Buch „Der journalistische Film“ .

„Die sogenannte Objektivität können wir getrost vergessen“, schreibt Peter Kerstin in seinem 2000 erschienenen Buch „Der journalistische Film“. Er schlägt vor, objektiv durch fair oder angemessen zu ersetzen. Diesem Ideal nähere sich ein Journalist an, wenn er als Berichterstatter die eigene Subjektivität eingestehe:

Ein Standpunkt wird für den Zuschauer verständlich, wenn eine persönliche Sicht der Realität beschrieben wird… Die höchste Form der Objektivität ist durch das Eingeständnis einer subjektiven Sicht zu erreichen. Nur die Kenntnis vom Standpunkt des Berichterstatters ermöglicht dem Zuschauer, die Informationen sinnvoll einzuordnen.

**

Quelle: Peter Kerstan: „Der journalistische Film. Jetzt aber richtig.“ Frankfurt 2000, Seite 31

Seiten:123456789»

Journalisten-Handbuch.de ist ein Marktplatz für journalistische Profis. Wir debattieren über "Das neue Handbuch des Journalismus", kritisieren, korrigieren und ergänzen die einzelnen Kapitel, Thesen und Regeln, regen Neues an, bringen gute und schlechte Beispiele und berichten aus der Praxis.

Kritik und Anregungen bitte an: mail@journalisten-handbuch.de

Rubriken

Letzte Kommentare

  • Henry Trefz: Ich finde den Verweis auf frühere Aussagen nicht ehrenrührig, würde ihm aber eine Funktion im Text...
  • Paul-Josef Raue: Zweimal geht ja noch, aber dreimal, viermal… Es ist nicht unsere Aufgabe, das zu wiederholen,...
  • Carsten Beckmann: Wer sich für wichtig genug hält, interviewt und zitiert zu werden, muss es ertragen können, wenn...
  • Paul-Josef Raue: Das ist leider oft noch so. Aber Journalisten kann man zumuten, dass sie sich von ihren...
  • Mirko Krüger: Schlimm daran ist vor allem, dass es Generationen von Deutschlehrern ihren Schülern genau so...

Meistgelesen (Monat)

Noch keine Daten vorhanden.