Alle Artikel der Rubrik "53 Was die Leser wollen"

Das Paradox: US-Bürger misstrauen den Medien, aber nicht ihrer Lokalzeitung

Geschrieben am 26. Mai 2017 von Paul-Josef Raue.
Berichten die US-Nachrichten-Medien sehr genau? Das glauben nur 17 Prozent; doppelt so viele haben hohes Vertrauen in die lokalen Medien, die sie regelmäßig nutzen. Grafik: Niemanlab

Berichten die US-Nachrichten-Medien sehr genau? Das glauben nur 17 Prozent (blau); doppelt so viele haben hohes Vertrauen in die lokalen Medien (braun), die sie regelmäßig nutzen. Grafik: Niemanlab

Das Vertrauen der Amerikaner in die Medien ist auf den tiefsten Punkt gefallen, seitdem  Gallup vor 45 Jahren mit der regelmäßigen Befragung begonnen hat. Nur noch 24 Prozent vertrauen den Nachrichten-Medien im Allgemeinen, allerdings vertrauen laut Niemanlab 53 Prozent „ihren“ Medien, die sie regelmäßig lesen oder anschauen. Sogar 90 Prozent sind sicher, dass ihr lokales Medium genau oder sehr genau berichtet.

Die Hauptkritik der Leser?  Die Hälfte meint, Medien im Allgemeinen gestehen ihre Fehler nicht ein; aber der Wert sinkt auf ein Drittel bei den Medien, die Menschen regelmäßig nutzen.

Diese Unterschiede in der Bewertung wird als Fenno-Paradox bezeichnet nach dem Politikwissenschaftler Richard Fenno, der 1972 in einem Vortrag erläuterte:

Die Bürger hassen den Kongress als Institution, aber mögen ihre lokalen Abgeordneten. Ähnlich ist es mit den Medien: Man kann sie  generell verachten und gleichzeitig die lokalen mögen, die man kennt.

Es ist offenbar kaum möglich, alle Probleme der Bürger zu lösen: Die Schuld daran geben die Bürger der fernen, der nationalen Instanz, während der lokale Abgeordnete die konkreten Probleme in seiner Region kennt und darauf reagiert.

Wie Leser auf das Ende der Online-Kommentare reagieren: Das Beispiel NZZ

Geschrieben am 1. März 2017 von Paul-Josef Raue.
So illustriert die NZZ auf ihrer Webseite die Einführung des neuen Leserforums. NZZ-Foto: Dominic Steinmann

So illustriert die NZZ auf ihrer Webseite die Einführung des neuen Leserforums. NZZ-Foto: Dominic Steinmann

„Der erste Tag ohne Kommentarspalten: Völlig langweilig, uninteressant. Es fehlt Pfeffer und Paprika. Nur weiter so, NZZ. Dann wird es mit Sicherheit bald Schluss sein. Warum sollte ich noch 800.– Franken für das Jahresabonnement bezahlen??“

So kommentiert ein Leser der Neue Zürcher Zeitung (NZZ) den „Umbau“ der Online-Lesermeinungen vor einem Monat. Dem Vorbild von FAZ und Süddeutscher Zeitung folgend ermöglichen die Schweizer keine Kommentare mehr direkt zu einem Artikel. Als Ersatz bietet die Redaktion monatlich fünfzig Themen an, die kommentiert werden können wie aktuell:

Wie reagierten die Leser darauf? Sie schrieben rund tausend Kommentare, hier eine Auswahl:

  1. Die Redaktion ist zu empfindlich und politisch zu korrekt

    Eine bedauerliche Entscheidung der NZZ-Verantwortlichen. Wer bloggt, muss etwas aushalten können, nicht wegen jedem Angriff aus den Socken kippen. Das gilt ja auch für Politiker. Nun ist also ein geschätztes Ventil zu. Die NZZ hätte es ja wie beim Tagi machen können: Unanständige Beiträge einfach nicht publizieren, aber ohne Meinungszensur.

Oliver Fuchs, Jahrgang 1990, Teamleiter Socialmedia der NZZ, begründet den Wegfall der direkten Kommentierung unter anderem mit einem „zufällig herausgegriffenen“ Kommentar auf NZZ.ch; es handelt sich um die Reaktion auf einen Artikel über Transsexualität.

Dies ist der Leserkommentar:

Transsexualität ist die Abart des modernen Menschen, seinen Körper über die natürlichen Grenzen hinweg zu schikanieren. Es gibt keine Frau, die im Körper eines Mannes geboren wurde (oder vice versa). Das ist kompletter Humbug. Es gibt körperlich bzw. hormonell beeinträchtigte Männer und Frauen. C’est tout!» Was ist der Wert dieses Kommentars? Ist er wirklich ein wertvoller Diskussionsbeitrag – und noch wichtiger: Signalisiert der Absender mit seinen Worten nicht deutlich, dass er einen Austausch gar nicht will? Kommentare wie dieser erreichen uns unterdessen jeden Tag.

Eine Leserin reagierte darauf:

Nehmen wir doch den „zufällig herausgegriffenen Kommentar“ über Transsexualität etwas näher unter die Lupe. Was findet die NZZ-Redation daran störend?

Erster Grund: Unhöflicher Schreibstil, insbesondere der Satz „Das ist kompletter Humbug“. Zugegeben, kein besonders respektvoller Ausdruck, aber immerhin sachbezogen und nicht personenbezogen. Müsste man noch verkraften können.

Zweiter Grund: Der Kommentator ist zu sehr von der Richtigkeit seiner eigenen Meinung überzeugt („Signalisiert der Absender mit seinen Worten nicht deutlich, dass er einen Austausch gar nicht will?“). Mit Verlaub: Ist sich die NZZ-Redaktion nicht im gleichen Masse der gegenteiligen Meinung gewiss? Ist es überhaupt ein Vergehen, an die Richtigkeit der eigenen Meinung zu glauben?

Es scheint viel wahrscheinlicher, dass die obigen Gründe eine willkommene Ausrede sind, um den wahren Grund zu vertuschen: Der Absender hat ganz einfach eine „falsche“ Meinung zum Ausdruck gebracht. Ja, in der „liberalen“ Weltanschauung, in welcher die NZZ wortführend ist, ist Political Correctness König, da gibt es die „richtigen“ und da gibt es die „falschen“ Ansichten. Die Worte der NZZ-Redaktion benützend, ist unverweigerlich deutlich zu signalisieren, dass man einen Austausch mit der „falschen“ Meinung gar nicht will. Daher braucht es niemanden zu wundern, dass man künftig nicht mehr alle Artikel kommentieren kann.

Der Schritt der NZZ-Redaktion mag als gutes Beispiel eines schlechten Liberalismus gelten.

Ein anderer Leser dazu:

Gut auf den Punkt gebracht. Es handelt sich m.E. bei diesem NZZ -Umbau der Kommentarspalte nicht nur um einen falschen Liberalismus, sondern um einen „pädagogisierenden Liberalismus“.

 

  1. Selbstherrliche Schreiberlinge (zu der Begründung des NZZ für den Umbau: Die Redakteure lesen die Online-Kommentare nicht mehr)

„Viele Journalisten lesen die Kommentarspalte nicht mehr“ – welche Diskrepanz zur gelebten Kommentarkultur der interessierten Leserinnen und Leser. Natürlich – nicht jeder Schreiber ist ein Gelehrter oder hat einen Hochschulabschluss. Es gibt auch einfach Leute, welche ihre Meinung mitteilen möchten. Die NZZ sollte froh sein, dass ihre Kommentarfunktion rege genutzt wird.

Tja, nun wird hier wohl bald Ruhe einkehren

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Für ziemlich arrogant halte ich die Aussage, dass die NZZ-Redakteure diese Foren nicht mehr lesen. Sind sie zu selbstherrlichen Schreiberlingen mutiert? Wer nicht meiner Meinung ist, den beachte ich nicht?

  1. Was sind Leserkommentare? Speakers Corner oder gepflegte Konversation?

Die Katze (Umbau) ist aus dem Sack. So weit, so gut. Klar zeigt sich dabei, dass die Kommentarspalte VOR UMBAU nicht mit der Kommentarspalte NACH UMBAU vergleichbar ist.

Im Vergleich war Ersteres ein „Speakers corner“. Wo, frei ab der Leber, spontan der „offene Rede“ gehuldigt wurde. Ohne den Dissens zu scheuen. Zweiteres soll offenbar den gesitteten Meinungsaustausch, zu ausgewählten Themenbereiche, pflegen.

Bei Ersterem hatte des „Speakers opinion“ (die freie Rede!) oberste Priorität. Bei Zweiterem der gepflegte Meinungsaustausch (Konversation), auf der Suche nach Vertiefung und Konsens. Beide Kommunikationsformen haben ihre Berechtigung. Sind aber nicht gegeneinander austauschbar.

Da das Recht der freien Meinungsäusserung über allem steht, und die liberale NZZ sich seit ihren Anfängen diesem Recht verschrieben hat, wäre es doch eine Überlegung wert, ob nicht beiden Arten der Kommunikation (spontan / gepflegt) Raum gegeben werden sollte. Wer sich dabei vor den Gefahren der spontanen, offenen Rede (Fake-News, Populismus, rhetorische Flegeleien usw), trotz Netiquette-Filter, schützen will, hat so Option (jetzt nach Umbau) der „gepflegten Konversation“ hinzugeben. Alle anderen finden sich im Raum der „spontanen, offenen Rede“.

So könnte die NZZ die ganze Breite der Marktbedürfnisse abdecken. Denn immerhin handelt es sich bei (fast) allen um NZZ-Abonnenten / Leser. Zu denen doch Sorge zu
tragen ist. Zumindest hoffentlich.

Ein anderer Leser dazu:

Die beiden Forums-Arten, die Sie als „Speakers Corner“ und als „gesitteten Meinungsaustausch“ bezeichnen, möchte ich lieber als „Hochhalten von Plakaten“ und als „Gespräch“ bezeichnen. Das Hochhalten von Plakaten mag einigen Spaß machen, vor allem wenn sie damit die Gegenseite ärgern können.

Was es aber wirklich braucht, ist das Gespräch. Wie könnten wir uns ohne Gespräch auf Lösungen, die für alle akzeptierbar sind, einigen? Darum ist es verdienstvoll, wenn die NZZ die Gesprächskultur fördern will. Wenn sie das Hochhalten von Plakaten eindämmt, ist das keine Einschränkung des Rechts auf freie Meinungsäußerung. Im Gespräch machen wir ebenso Gebrauch vom Recht auf freie Meinungsäußerung wie beim Hochhalten von Plakaten.

Wenn man vom Hochhalten der Plakate nicht zum Gespräch übergehen kann, wird man sich am Schluss die Plakate um die Ohren hauen oder noch härtere Gewalt ausüben.

Zudem scheint mir das Feld der Meinungsbildung eine zu ernste Sache, als dass man hier von einem „Markt“ sprechen dürfte. Wenn die NZZ es riskiert, um der Gesprächskultur willen zahlende Kunden zu verlieren, ist auch das verdienstvoll. Ich glaube allerdings, dass die neue Debattenform vielen Lesern bald mehr Spass macht als die früheren Pöbeleien. Das könnte sich für die NZZ auch finanziell positiv auswirken.

  1. Endlich keine Gerüchte mehr

Nun auf manche Dinge (oder Intrigen), wie z.B., dass H. Clinton an Parkinson leide (und Pizzagate und konkrete Schüsse aufgrund von Lügen- und Intrigendingen) oder Barack Obama nicht direkt auf US-Boden geboren wurde, könnte ich auch verzichten.

  1. Das Ende der freien Meinung

Ein Leser schreibt direkt an den NZZ-Redakteur:

Lieber Herr Fuchs

Auch wenn der Entscheid teilweise nachvollziehbar sein mag. Gerade die NZZ als liberales Medium sollte für die freie Meinungsäußerung einstehen. Diese wird nun ohne Not eingeschränkt.

Viel besser hätten Sie klarere Regeln aufgestellt, um so alle „unanständigen“ Meldungen zu löschen. Die ganze „Fake News Abteilung“ wurde bisher sowieso immer von den in grosser Mehrzahl vorhandenen, vernünftigen Kommentatoren zerzaust.

Jedenfalls glaube ich, dass Sie resp. das Entscheidungsgremium sich hier übernommen hat. Ein bedauerlicher Entscheid, der dem Anspruch ein liberales Medium zu sein, nicht gerecht wird.

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Andere Leser:

Das ist ein bedenklicher Schritt. Offenbar verträgt sich das Konzept des Leserkommentars schlecht mit dem Konzept des Leitmediums. Wir kehren zurück zu einem geozentrischen Weltbild (um nicht zu sagen: egozentrischen Weltbild), oder anders ausgedrückt: Die NZZ ist wieder eine Scheibe.

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Wo die Meinungen anderer mit dem eigenen Bild der Welt kollidieren, sind sie plötzlich nicht mehr gefragt. Drehen wir die Uhr der medialen Welt zurück und stellen die eingefärbten Nachrichten wieder unkommentiert und damit unkritisiert ins Netz.
Natürlich ist der Ton hinter der angenehmen Anonymität rauer. Natürlich gibt es immer ‚Trolle‘. Aber ein Mensch, der nichts zu befürchten hat, spricht am freiesten, oder?
Dies ist hier anscheinend nicht gewollt.

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Schade. Wenn man die Kommentare in Relation zum Artikel liest, weiss man oft erst, wie die Bevölkerung wirklich darüber denkt (im Gegensatz zum Autor). Dieser Realitätsabgleich fehlt dann eben, und es wird einseitig. Man kann das dann eben kritiklos lesen, oder Alternativen suchen.

Dazu ein anderer Leser:

Es ist ein Fehler anzunehmen, die Äusserungen in den Kommentarspalten würden „die Bevölkerung“ widerspiegeln.

  1. NZZ ist zu nachsichtig gegen Pöbler

Die NZZ hat die Chance verpasst, pöbelnde Kommentarschreiber auszuschließen oder deren Kommentare zu entfernen. Ein kleines Beispiel: Wie oft wurde mir unterstellt, ich sei ein Putin-Troll, bloß weil ich mich seit der Ukraine-Krise dagegen stemmte, dass Russland als neues Feindbild aufgebaut wird. Diese gegen die Person gerichteten Argumente wurden immer dreister.

Als das mit dem Putin-Troll nicht mehr reichte, wurde meine Religionszugehörigkeit als Waffe gegen meine Kommentare verwendet. Nichts passierte, kein Verweis gegen diese pöbelnden Kommentarschreiber seitens NZZ. Dies hinterließ natürlich den schalen Beigeschmack, dass die NZZ nicht unparteiisch agierte, da es um Artikel ging, die mehrheitlich gegen Russland gerichtet waren.

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Ich bin da bei Ihnen. Letztlich gäbe es andere Mittel, um Pöbler auszubremsen. Meiner Meinung nach waren es die immer gleichen Kommentatoren, die grundsätzlich jede Meldung im Forum dann verhetzt haben mit ‚Lügenpresse‘-Vorwürfen oder völlig aus dem Zusammenhang gerissenen Vergleichen – oder Wutreden. Beispiel Merkel: egal worüber bezüglich der deutschen Politik berichtet wird, in kürzester Zeit ist jedes offene Forum überschwemmt mit Kommentaren wie ‚Deutschland war früher super, heute ist alles Mist wegen Merkel‘.

Auf die eigentliche Meldung oder Fakten wird nicht eingegangen, eine Diskussion ist so einfach nicht möglich! Anstatt solche Pöbler, die letztlich gar nicht diskutieren wollen, die offensichtlich nur ‚brüllen‘ wollen, anstatt diese gezielt anzuzählen und notfalls eben zu sperren, sind wir nun alle betroffen. Ich finde den Weg des SRF da viel besser: Klarname muss genannt werden und Telefonnummer, das würde viele der unseriösen Trolle abschrecken – und dem Rest bliebe die Debatte erhalten….

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Ich bleibe dabei: da trollen ganz wenige sehr lautstark und überfluten Foren, wollen eine Mehrheit vorgaukeln, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Es ist sehr schade, und ich hoffe auf bessere Lösungen wie diese nun, aber verstehen tue ich diesen Schritt der NZZ in jedem Fall.

  1. Oberlehrerhaft

Der „NACH UMBAU“, der erinnert an ein Klassenzimmer mit einem Pädagogen. Der das Thema bestimmt und die SchülerInnen dürfen dazu Stellung nehmen. Wenn die Meinung dem Lehrer nicht passt, kommt seine Korrektur. Mit Zeit werden alle wissen, wie die Meinung geäußert werden soll, damit es keinen Tadel gibt.

  1. Lob für die NZZ: Gut für die Demokratie

Ah tut das gut, nicht mehr all diese Hasskommentare lesen zu müssen. Danke NZZ!

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Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, aber sehr oft handelt es sich in solchen Kommentaren nicht um Meinungen, sondern um falsche Tatsachenbehauptungen. Dass jemand z. B. „meint“, die Erde sei eine Scheibe, ist nicht mitteilenswert und deshalb auch nicht publikationswürdig. Danke für die kluge Entscheidung!

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Ich denke, der Schritt macht Sinn. Es ist tatsächlich müßig immer wieder denselben Verlauf von Diskussionen zu verfolgen. Trotzdem hoffe ich, dass später ein schrittweiser Ausbau stattfindet zu wieder mehr Themen, die kommentiert werden können.

Wesentlich wichtiger fände ich aber den Zugang zur Kommentarfunktion von Klarnamen abhängig zu machen. Wer eine persönliche Meinung hat, der kann in der Schweiz auch dazu in seinem Namen stehen. Wir haben Meinungs- wie Pressefreiheit. Wer zu seiner Meinung nicht stehen kann und auf Fantasienamen ausweicht, dem sollte im NZZ Forum keine Plattform geboten werden. Alleine damit wären viele Trolle und Diskussionszersetzer Geschichte.

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Die Demokratie lebt vom Niveau der Auseinandersetzungen. Je höher das Diskussionsniveau, desto besser für die Demokratie. Die neuen Regeln heben das Diskussionsniveau unter den Leserkommentatoren der NZZ. Darum ist der Umbau ein guter Weg für die Demokratie.

  1. Zu teuer für die NZZ

Warum soll man immer diskutieren müssen, statt einfach nur die eigene Meinung mitteilen zu können? Solange dies einigermaßen manierlich passiert, ist doch dagegen nichts einzuwenden! Wer die Meinung teilt, kann den Beitrag liken, andere können ihre abweichende Ansicht publizieren. Ich glaube, der NZZ sind einfach die Kosten für eine seriöse Triage der eingehenden Kommentare zu hoch geworden.

  1. Noch eine Echokammer

Die Entscheidung ist teilweise nachvollziehbar. Die Grenzen des guten Geschmacks wurden zuletzt gerade von politisch eindeutig voreingenommenen Kommentatoren regelmässig überschritten und Andersdenkende mit unflätigen Kampfbegriffen eingedeckt.
Vielen Dank an alle, denen es in den letzten Jahren an dieser Stelle nicht um Stimmungsmache, sondern um den Austausch von Argumenten gegangen ist.
Eins der besseren Foren verschwindet also. Das nachfolgende Konzept wird zu Recht mit einiger Skepsis betrachtet. Wohin geht die Reise?
Bereichernder Dialog oder nur eine weitere Echokammer? Alles Gute Ihnen allen.

  1. Selbstüberschätzung der Leser: Das Volk ist nicht Gott

Aus vielen Leserkommentaren zu diesem Artikel spricht eine maßlose Selbstüberschätzung. Viele glauben, für „das Volk“ zu sprechen und einer setzt „das Volk“ gar mit Gott gleich.

Es ist wichtig, als Leser die eigenen Grenzen zu erkennen. Die Journalisten haben ein einschlägiges Hochschulstudium absolviert. Die NZZ-Korrespondenten haben vor Ort Kontakt zu den verschiedenen Akteuren. Sie besuchen die Schauplätze des Geschehens. Sie studieren die aktuelle wissenschaftliche Fachliteratur. Sie können viel Zeit für die Beobachtung ihres Berichtsgebiets einsetzen. Im Gegensatz dazu scheinen viele Leserkommentatoren einfach am Feierabend im Internet nach Belegen für ihre vorgefassten Meinungen zu suchen. Die Qualität solcher Quellen können sie aber kaum beurteilen.

Kritisch zu sein ist immer gut, aber man sollte vor allem auch selbstkritisch sein.

  1. Besser als Leserbriefe

Weil ich die Leserbriefe in der Zeitung täglich prioritär anschaue, kann ich bei kontroversen Themen feststellen, dass es nur Leserbriefe schaffen, die meist nahe an der Meinung des Blattes orientiert sind, bzw. sich nur sehr gemäßigt kritisch äußern.

Dagegen habe ich, besonders hier in der NZZ, zahlreiche interessante Aspekte aus den sachlichen Diskussionen mitnehmen können, die in den redaktionellen Beiträgen keine oder nur randliche Erwähnung fanden, m.E. aber kritisch und problemrelevant waren.

Dazu ein anderer Leser:

Ihre Sorge kann ich nicht teilen. Ich bin seit Jahrzehnten leidenschaftlicher Zeitungsleser und mein erster Blick galt den Leserbriefspalten. Dort standen oftmals zusätzliche Informationen, formuliert in höflicher Sprache und abgewogen in der Argumentation. Von Sterilität keine Spur. Diese Kultur ist durch Trolle und Hate-Speech fast völlig vernichtet worden. Der Hass und die Verachtung, die sich stattdessen breit machten, taten mir psychisch weh. Halten Sie das für erstrebenswert? Ich bin für höflichen Umgang; auf Pseudo-„Ärgernisse“ kann ich verzichten.

  1. Ein Leser-Rat

Liebe NZZ, ich hätte da einen Vorschlag zu machen. Wie wäre es mit der Bildung eines ständig wechselnden und per Los bestimmten Gremiums von Kunden/Lesern, die an diesem Kommentarforum mitwirken? Das wäre im Sinne dieses Artikels (http://www.zeit.de/2017/04/rec… ), den ich absolut genial finde, doch mal eine basisdemokratische Beteiligung, an der wohl kaum jemand etwas Kritikwürdiges finden könnte. Natürlich sollten nur identifizierte Personen an dem Losverfahren teilnehmen können

Zum Ende: Orwell

Die Begründung „wir bauen nicht ab, sondern um“ ist Neusprech. Orwell lässt grüssen.

NZZ-Redakteur Fuchs antwortet:

Danke für Ihren Kommentar. Sie vergleichen meine Worte mit denen einer absoluten Diktatur. Ein gelungenes Beispiel für das, was wir nicht sonderlich konstruktiv finden.

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Dazu auch meine Kress-Kolumne JOURNALISMUS!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Schreiben ist wie eine Unterhaltung mit dem Leser“, sagt Julian Barnes

Geschrieben am 11. November 2016 von Paul-Josef Raue.
Barnes Julian Foto Kiepenheuer & Witch

Julian Barnes bekanntestes Buch erscheint bei Kiepenheuer & Witch. (Foto: kiwi)

„Ich will nicht über dem Leser thronen und ihm die Welt erklären“, bekennt der britische Autor Julian Barnes. Franziska Augstein interviewte ihn für die SZ vor der Verleihung des Siegfried-Lenz-Preises.

Journalisten können von Schriftstellern lernen, erst recht wenn sie über den Journalismus zur Literatur gekommen sind wie Julian Barnes. Das ist sein Verhältnis zu den Lesern, vorbildlich für Journalisten:

Ich stelle es mir eher wie eine Unterhaltung vor: Der Leser, die Leserin und ich, wir sitzen in einem Café, und ich zeige auf die Straße: Schau mal, was glaubst du, was da los ist, haben die zwei eine Affäre? Warum trägt der da einen so bekloppten Hut? Und die Frau dort läuft mit einem Gehstock, gestern hatte sie noch keinen Stock. – Ich bin kein didaktischer Autor. Mein Verhältnis zu meinen Lesern betrachte ich als Miteinander.

Dass Schreiben nicht nur Spaß ist, belegt auch Barnes, der einräumt: Die erste Seite arbeite ich fünfzig, sechzig Mal durch. So viel Zeit dürften Journalisten mit dem ersten Satz nicht bekommen, der vergleichbar der ersten Seite eines Buchs ist – auch der erste Satz ist „ein Vertrag mit dem Leser“ so formuliert es Barnes.

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Quelle: SZ, 11. November 2016: „Die erste Seite ist der Vertrag mit dem Leser“

Novum beim Deutschen Lokaljournalistenpreis: Drei Redaktionen siegen gemeinsam!

Geschrieben am 17. Mai 2016 von Paul-Josef Raue.
Die Leipziger Volkszeitung mit der preisgekrönten Serie zu ambulanten Operationen

Die Leipziger Volkszeitung mit der preisgekrönten Serie zu ambulanten Operationen

Kooperation zwischen Redaktionen ist selten, erst recht in einer großen Gesundheits-Serie, mit der man eigentlich alleine glänzen will. Die drei großen Zeitungen in Sachsen, zusammen mit rund 650.000 Auflage, haben es getan mit einer Patienten-Befragung zu ambulanten Operationen – und sie waren erfolgreich. Erstmals hat die Jury des Deutschen Lokaljournalisten-Preises drei Zeitungen gemeinsam den ersten Preis verliehen: Freie Presse Chemnitz (Chefredakteur Torsten Kleditzsch), Sächsische Zeitung (Uwe Vetterick) und Leipziger Volkszeitung (Jan Emendörfer).

Und es wird wohl diese einmalige Zusammenarbeit sein, die die Jury unter gut 500 Bewerbungen beeindruckte. Denn mit einer ähnlichen Serie hat die Sächsische Zeitung schon 2013 den ersten Preis geholt und in Dresden gefeiert: „Familienkompass“ – eine wissenschaftliche Auswertung von rund zehntausend Fragebögen zur Familienfreundlichkeit in Ostsachsen. Da die Jury ungern den ersten Preis an eine Zeitung mehrmals vergibt, dürfte die Kooperation der nachvollziehbare und zu lobende Grund sein.

In der Kress-Serie „Journalismus der Zukunft“ ist die journalistische Kooperation im Internet herausgehoben worden und zum Ausbildungs-Ziel erhoben – als Kontrast zu analogen Welt der Medien:

Kooperation ist das Zauberwort. Redaktionen arbeiten in geschlossenen Teams, in der jeder alles machen will und die zum Prinzip erheben: Besser eine eigene schwache Geschichte als eine gute, von anderen übernommen. Dagegen ist die digitale Welt ein offener Raum mit neuen Formen der Kommunikation und Zusammenarbeit; die digitale Welt ist ein Netz, in dem jeder mit jedem verbunden ist.

In der digitalen Welt zählt die Kooperation: Mit wem kann man zusammenarbeiten? Wer kann etwas besser, als wir es können? Redaktionen wie Verlage haben viel Zeit verplempert, weil alle alles selber machen wollten.

Nun haben die drei großen Zeitungen die Kooperations-Vision der neuen Welt in die alte Welt zurückgeholt – hoffentlich mit Nachfolgern. Die Jury preist:

Die drei großen Regionalzeitungen in Sachsen haben sich zusammengeschlossen und legen die erste und bislang größte Umfrage zur Patientenzufriedenheit bei ambulanten Operationen im Bundesland vor. Dafür haben sie alle wichtigen Akteure aus dem Gesundheitswesen einbezogen und Wissenschaftler der TU Dresden mit der Auswertung beauftragt. Die Redaktionen präsentieren die Qualitätsbewertungen von Ärzten und Krankenhäusern und bieten mit  Experteninterviews und Service-Themen umfassende Orientierung. Die  drei  Zeitungen verzichten bewusst auf Anzeigen, um Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit zu gewährleisten. Gemeinsam schaffen sie ein datenjournalistisches Projekt, das seinesgleichen sucht.

Die lesenden Patienten in Sachsen wissen, wie lange andere Patienten auf die Operation warten mussten, welche und wie viele Komplikationen es gab und wie zufrieden die meisten waren etwa bei Darmspiegelung, Grauer Star oder  Hand-Operation – das sind drei häufigsten.

Wie lief die Befragung ab? Die fünf größten Krankenkassen schrieben 100.000 Patienten an, für die sie eine ambulante Operation bezahlt hatten; 24.000 antworten. Die TU Dresden wertete die Fragebögen wissenschaftlich aus, die Redaktionen berichteten ausführlich mit je eigenen Autoren und Reportagen.

Erklären statt Belehren: Der Lösungs-Journalismus (Der dritte Pfeiler der Qualität)

Geschrieben am 11. Mai 2016 von Paul-Josef Raue.
Julia Koeberlein, Gründerin von  Kontext.com (Foto aus ihrem Blog)

Julia Koeberlein, Gründerin von Kontext.com (Foto aus ihrem Blog)

Journalisten erklären ihren Leser die Welt – nicht die Welt der Journalisten, sondern die Welt der Leser. Wer nur Katastrophen berichtet, erklärt nichts, sondern verdunkelt die Welt. Erkläre die Welt! – darum geht es beim dritten Pfeiler der Qualität, auf dem der Journalismus ruht – innerhalb der Kress-Serie „Zukunft des Journalismus (14)“.

Gerade junge Gründer geben sich mit dem Katastrophe-Journalismus nicht mehr zufrieden, sie entwickeln im Netz journalistische Seiten, die den Lesern helfen sollen, über die Welt nicht zu verzweifeln, sondern sie zu verstehen.

Erin Millar aus Kanada nennt ihren Journalismus „Lösungs-Journalismus“ (Solution journalism), sie gründete „Discourse Media“ als Abkehr von den Verlagen mit ihrem Geschäfts-Modell, dass nicht den Lesern diene, nicht der Gesellschaft, für die Journalisten berichten. Sie fühlte sich, so Millar in einem Interview,  als Redakteurin wie eine kaputte Schallplatte, sie brachte  immer  die gleichen Geschichten, die in den Nachrichten-Zyklus passten; Artikel, die Lösungen zeigten, wollte die Zeitung nicht. Die Medien haben, so Millar,  noch viele Ressourcen, die sie nicht effizient nutzen.

Auch in Deutschland starten gerade Projekte, die sich dem Lösungs-Journalismus verpflichten:

  • Julia Köberlein stellte auf dem European Newspaper Congress in Wien DerKontext.Com vor als „interaktives Hintergrundmagazin für aktuelle Themen“: Einmal im Monat sollen Journalisten und Experten etwa die Finanzkrise aus unterschiedlichen Perspektiven erklären.
    Auf dem Bildschirm sieht man das Thema als eine digitale Landkarte: Erst den großen Überblick, die Städte und Flüsse – und wenn man hineinzoomt, bekommt man immer mehr Details zu sehen, je nach Interesse und Zeit.
  • Die Gründer von Perspective Daily haben eine ähnliche Geschäftsidee: „ Wir stehen für einen Journalismus, der nicht nur Probleme beschreibt, sondern auch Lösungen diskutiert. Wir stehen für einen Journalismus, der sowohl negative als auch positive Entwicklungen aufzeigt und so ein ausgewogenes und realistisches Weltbild vermittelt.“
  • Ulrik Haagerup, Nachrichtenchef des dänischen Rundfunks, will eine „paralysierte und von Zynismus befallene Nachrichtenindustrie aufwecken“. Er schrieb das Buch „Constructive News“ mit dem Untertitel: „Warum bad news die Medien zerstören und wie Journalisten mit einem völlig neuen Ansatz wieder berühren“.

Nur – brauchen wir wirklich Etikette wie „Konstruktiver Journalismus“? Nein, schreibt Gabriele Fischer, die Chefredakteurin von Brand eins, in einem Beitrag für die Journalisten-Werkstatt „Konstruktiver Journalismus“:

„Unser Thema (von Brand eins) ist Veränderung – und die erkennt nicht, wer nur sieht, was nicht funktioniert. Bei allen Fehlentwicklungen gibt es immer auch Menschen, die mit Mut und Ideen etwas dagegen tun  – und muss sie nur suchen.“

Bleiben wir also beim Lösungs-Journalismus, denn darum geht’s den Lesern.

Mehr lesen:

http://kress.de/news/detail/beitrag/134812-kressde-serie-journalismus-der-zukunft-erklaere-die-welt-der-dritte-pfeiler-der-qualitaet.html

 

 

 

 

 

 

„Hausbesuch“ bei Wut-Lesern: Ein SZ-Reporter reist nach Dresden und München

Geschrieben am 10. Februar 2016 von Paul-Josef Raue.

Wer mit Lesern spricht, die Wut-Briefe schreiben und Pegida loben, der ist überrascht, wie wenige dem Klischee des Neonazis entsprechen. Aber sie mögen die Medien nicht, weil sie mit den Mächtigen unter einer Decke mauscheln, weil sie nicht die Wahrheit schreiben, sagen sie.

Mich erstaunt immer wieder, wie viele von denen, die wütende Briefe schreiben, die Zeitung lesen – trotzdem. Wir sollten mit ihnen sprechen. Dirk Lübke, der Chefredakteur des Mannheimer Morgen, hat nach dem Petry-Schießbefehl-Interview viele Wut-Briefe bekommen: Sie sind nicht objektiv! Er schreibt sie alle an und lädt sie ein zum Gespräch. Kommt jemand? Oder einige? viele?

Wahrscheinlich kommt keiner: Die Redaktion ist fremdes, vielleicht sogar feindliches Terrain. Wahrscheinlich ist es sinnvoller, zu den Leser zu gehen – Hausbesuche.

So hat es die Süddeutsche Zeitung getan, einige von den Wütenden besucht, in München und Dresden. Sie haben den Redakteur eingeladen: Bernd Kastner, der Reporter, reiste an, in Dresden kamen vier Freunde hinzu, es gab Sächsische Eierschecke.

Ein Finanzdienstler hatte aus seiner Firma gemailt:

Ihr Knallchargen von der vierten Gewalt, die Ihr noch nie den Koran gelesen habt! Ich persönlich würde sogar bewaffnete Gewalt gegen den Münchner Moscheeneubau begrüßen.

Er hat tatsächlich „Ihr“ groß geschrieben, aber bei Anruf legte er auf.

„Pegida ist eine Gedankenwelt“, schreibt Kastner. Aber zuerst ist sie eine wirkliche Welt. In München freut sich eine 79-jährige: Jederzeit – nur am Montag und Donnerstag gehe es nicht „Da gebe ich Migranten Deutschunterricht.“

 In Dresden stehen Tucholsky und Kisch im Bücherregal, auf dem Boden liegt ein Stapel der Sächsischen Zeitung. Ihren Namen wollen die Dresdner nicht lesen, sie bekommen ein Pseudonym. „Man wisse ja nie bei der Presse.“ Der 44jährige ist promovierter Diplom-Ingenieur, ein anderer Besitzer einer Autowerkstatt im Erzgebirge.

 Man debattiert, der Reporter stellt klar, was an den Gerüchten nicht stimmt. Fast alles stimmt nicht:

  • Die vier Frauen eines Muslims bekommen alle eine Rente, wenn er gestorben ist? Ja, aber jede nur ein Viertel.
  • Der Staat zahlt den Flüchtlingen die Handy-Gebühr? Jeder bekommt ein Taschengeld, so wie es das Gesetz bestimmt, und damit kann er machen, was er will.
  • In München kann man abends nicht mehr mit der U-Bahn fahren? München ist die sicherste Großstadt, obwohl hier mehr Migranten leben als in Berlin.

Dem Reporter fällt Karl Valentin ein: „Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische.“

Jutta Wölk in München will kein Pseudonym, sie lässt sich fotografieren und erzählt, dass sie jeden Tag stundenlang liest, die Welt, die Jüdische Allgemeine, die Süddeutsche.Der Reporter notiert:

„Die SZ sei auch Teil des Schweigekartells, das Anweisungen der Politik befolge. Wie, Frau Wölk, stellen Sie sich das vor? „Da ruft der Seehofer an, die Frau Merkel, und sagt: Das wird nicht gedruckt. So einfach.“ So einfach? „Ich bin überzeugt, dass es so läuft.“ Tatsächlich? „Wie soll ich Ihnen das erklären? Natürlich rufen die nicht selbst an, sie lassen anrufen.“ Woher wissen Sie das? „Natürlich habe ich keinen Beleg dafür.“ Warum dann dieser Vorwurf? „Mir gefällt einfach die Haltung der SZ zur Flüchtlingspolitik nicht.“

Frau Wölks Lippen beginnen zu zittern. „Parallelgesellschaft“, ruft sie, „warum kann man das nicht einfach schreiben?“ Warum sind auf den Fotos in den Medien so oft Flüchtlingsfamilien, so oft Kinder? Es seien doch viel mehr alleinstehende Männer gekommen. Jetzt beben die Lippen.

Frau Wölk hat Angst, sie sagt, fremdenfeindlich sei sie nicht, nur skeptisch; sie beklagt, dass die Medien pauschalieren, pauschaliert selber und sagt: „Gefühle lassen sich nicht so einfach beseitigen.“ Und als der Reporter sie beim Herausgehen fragt, ob sie die Süddeutsche abonniert habe, wundert sich Frau Wölk: „Selbstverständlich.“

Wie wohl die Leser in Dresden und in München die Seite-Drei-Reportage des Reporters beurteilen? Objektiv? Herablassend? Belehrend? Wir könnten von ihnen lernen, wenn wir es wüssten.

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Quelle: Süddeutsche Zeitung, 10. Februar, Seite 3, „Hausbesuch“

Wer ist Uwe Vetterick – der Chefredakteur des Jahres 2015?

Geschrieben am 22. Dezember 2015 von Paul-Josef Raue.

Bei der Wahl der „Journalisten des Jahres“ werden die beachtet, die aus dem Fernsehen bekannt sind wie Anja Reschke oder Oliver Welke. Sie haben die Auszeichnung zu Recht erhalten – ebenso wie Hans Leyendecker von der Süddeutschen, der bescheidene Star unter den investigativen Rechercheuren, für sein Lebenswerk. Aber da ist auch noch Uwe Vetterick, Sächsische Zeitung, der Chefredakteur des Jahres bei den regionalen Tageszeitungen. Diese Ehrung wird überregional  wohl wieder untergehen:

Wer ist Uwe Vetterick? In der Tat wohl der beste deutsche Chefredakteur, dessen Laufbahn so faszinierend ist wie die Zeitung, die er macht und die dank seiner Strategien und Ideen zu einer großen wurde – nicht nur im Osten Deutschlands.

Uwe Vetterick ist Ostdeutscher und begann seine Karriere als Zwanzigjähriger in der Wende: Eine beneidenswerte Startposition!

Ich bin Journalist geworden, weil mich ein Verleger und ein Chefredakteur im Frühjahr 1990 zu einem Praktikum überredet haben

schreibt er, in der ihm eigenen Bescheidenheit, im Online-Portal der Sächsischen Zeitung

Er begann bei dem in der Wende neu gegründeten Greifswälder Tageblatt, für das Unternehmer aus dem Oldenburger Münsterland ihr Geld gegeben hatten. Es war eine phantastische Wende-Zeitung, die 1990 als erste ostdeutsche den Deutschen Lokaljournalismus-Preis bekam – in dem Jahr, als Vetterick als Volontär begonnen hat.

Der Preis begleitete Vetterick: Als Chefredakteur der Sächsischen Zeitung holte er ihn 2013 nach Dresden für den „SZ-Famlienkompass“, für eine  Serie mit 400 Artikeln: Wie glücklich sind die Familien in den sächsischen Städten? Was ist gut? Was fehlt?

Vetterick wird wohl ein Abonnent dieses Preises werden. Seine erste Zeitung überlebte den Preis und die ersten Jahre nicht: Die erst gelungene, dann schreckliche Geschichte des Greifswälder Tageblatts lohnt, einmal aufgeschrieben zu werden.

Für Vetterick war sie ein guter Start, wie übrigens auch für Frank Pergande, der bei der FAZ eine beeindruckende Karriere gemacht hat.

Vetterick stieg steil auf, wurde stellvertretender Chefredakteur bei Bild und verantwortlich für den Osten (in dem Bild nie Fuß fassen konnte), ging für ein Jahr als Vize-Chefredakteur zum Tagesanzeiger in die Schweiz – als einer der ersten Deutschen; heute leitet mit Wolfgang Büchner, dem Ex-Spiegel– und dpa-Chef, ein Deutscher die Blick-Gruppe, der sich mit Michael Ludewig von dpa eine Art Super-Deskchef geholt hat.

Stellvertretende Chefredakteure von Bild werden gute Chefredakteure bei Regionalzeitungen: Es gibt einige Beispiele, die herausragenden sind Uwe Vetterick und Sven Goesmann, der die Rheinische Post wieder in Schwung gebracht hatte und nun bei dpa reüssiert, nicht nur weil er gerade drei Frauen in die Chefredaktion berufen hat.

Wie kam Vetterick aus der Schweiz zur Sächsischen Zeitung:

Ein Anruf des damaligen Geschäftsführers, zwei gemeinsame Essen (einmal Frühstück, einmal Brunch), ein ungewöhnliches Gespräch. Das war’s.

In Dresden spielt Uwe Vetterick seine entscheidende Stärke aus: Er ist Stratege, der Kopf der Redaktion, der mehr Ideen hat als der Verlag je umsetzen kann, der aber auch Ideen seiner Redakteure zulässt, der ermutigt, vorantreibt und bei Flops nicht die Peitsche schwingt, sondern gleich das nächste Projekt aus den Ruinen des alten auferstehen lässt. So nahm zwar vor wenigen Wochen der Verlag die Wochenzeitung AuSZeit nach einem Jahr vom Markt, weil nur tausend Exemplare verkauft wurden, aber Neues aus der Vetterick-Werkstatt wird sicher folgen.

Er besitzt das Vertrauen von Julia Jäckel, der Chefin von Gruner+Jahr, die weiß, dass Vetterick die SZ zu einer Zeitung gemacht hat, die man nicht mehr verkaufen will – und auch nicht verkaufen muss,  weil Erfolg das beste Argument ist.

Vetterick nutzt intensiv die eigene Leser-Forschung: „Lesewert“: Er weiß genau, was seine Leser wirklich lesen und richtet nach den Bedürfnissen der Leser seine Zeitung aus – wohl wissend, dass selbst eine kontinuierliche Leserforschung nur das messen kann, was in der Zeitung steht. Für das Neue, das Experiment, das Überraschende ist er verantwortlich. So antwortet er auch auf die Frage, was er an seinem Job mag: „Geschichten erzählen, Blattmachen, Menschen überraschen.“

Und da ein Chefredakteur kaum mehr zu eigenen Recherchen und großen Geschichten eine Zeit findet, geht die Antwort auf die Frage nach seiner besten Story in die Greifswälder Zeit zurück:

Sie ging kurz erzählt so. Ein Mann, Mitte 50, verliert durch Krankheit seine geliebte Frau. Eine Frau, Mitte 50, verliert durch Krankheit ihren geliebten Mann. Durch Zufall werden beide nebeneinander begraben. Zufällig auch treffen sich bei der Grabpflege Witwe und Witwer und verlieben sich ineinander. Die Geschichte erschien zu einem Totensonntag. Selbst aus großem Leid kann neues Glück wachsen.

Pegida ist für Dresden ein Unglück, für Vetterick bringt sie die Auszeichnung als Journalist des Jahres. Er hätte sie auch ohne Pegida verdient gehabt – aber wer schaut schon genau in die Provinz hinein?

So bezieht sich die Jury-Begründung auch auf die Pegida-Berichterstattung:

Uwe Vetterick und seine Redaktion erleben vor Ort Tag für Tag, was es heißt, wenn die Stimmung im Land kippt. Seit Ende 2014 werden jeden Montag ,Lügenpresse‘- Parolen direkt vor der Dresdner Verlagstür skandiert. Die Berichterstattung über die politische Stimmung und Spaltung ist eine permanente Gratwanderung. Er muss seine angefeindete Redaktion auf Kurs halten und motivieren. ,Rückendeckung von oben‘ ist täglich nötig und wird von Vetterick gegeben. Zugleich treibt er redaktionelle Innovationen voran (z. B. das Onlineportal Schul-Navigator). Bester Lokaljournalismus unter widrigsten Bedingungen: Das verdient hohe Anerkennung.

Auch den SZ-Reporter Ulrich Wolf ehrt die Jury:

2015 war das Jahr, in dem Dresden nicht mehr als Elbflorenz glänzte, sondern zur Pegida-Stadt wurde. Ulrich Wolf hat Recherche dagegen gesetzt – und u.a. Lutz Bachmanns kriminelle Machenschaften aufgedeckt. Und er hat sich jeden Montag aufs Neue zwischen die Demonstranten gestellt – trotz unmittelbarer Drohungen gegen ihn persönlich. Er ist der Journalist Deutschlands, der sich am längsten und intensivsten mit dem Thema Pegida beschäftigt und von dessen Recherchen viele nationale Medien profitieren.

Wer fragt, wie ein Chefredakteur das alles leisten kann, der schaue auf die Online-Seiten der SZ, wo Vetterick seinen typischen Arbeitstag beschreibt – mit gerade mal dreißig Minuten Pause zwischen 8.30 und 21 Uhr:

08.30 – 10.30 Uhr      Zeitungslektüre, Agenturen checken, Kaffee trinken
10.30 – 11.00 Uhr      Konferenz mit den newsgetriebenen Ressorts und Onlinern
11.00 – 12.00 Uhr      Verwaltungskram
12.00 – 13.00 Uhr      große Redaktionskonferenz
13.00 – 13.30 Uhr      Lunch
13.30 – 14.30 Uhr      neue Redaktionsprojekte besprechen und entwickeln
14.30 – 21.00 Uhr      Blattmachen

Herzlichen Glückwunsch, Uwe Vetterick!

 

Die Facebook Themen 2015: Deutsche interessen sich vor allem für Deutschland

Geschrieben am 11. Dezember 2015 von Paul-Josef Raue.

Die Flüchtlinge sind das Top-Thema der deutschen Facebook-Nutzer in diesem Jahr. Weltweit steht dagegen das Vorspiel zur US-Präsidenten-Wahl vorn: Kandidiert Hillary Clinton? oder kandidiert sie nicht? Was hat sich Trump als nächste Dummheit ausgedacht?

Dies Thema schaffte es in Deutschland nicht einmal in die Liste der Top 10 ebenso wenig wie das Erdbeben in Nepal (weltweit Platz 4), die Ehe von Homosexuellen (Platz 6), der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo in Paris (Platz 8) und die wieder aufgeflammten Rassenunruhen in der USA: Proteste in Baltimore nach dem Tod des 25-jährigen Freddie Gray im Polizeigefängnis (Platz 9) und der Amoklauf von Charleston, nachdem ein Rassist neun Menschen in der Emanuel-Kirche ermordet hatte (Platz 10)

Das sind die deutschen Themen, die weltweit dagegen wenig interessierten: Die Wahlen in der Türkei (Platz 4), die Bahn- und Lufthansa-Streiks (Platz 7), die Ukraine (Platz 8), Fußball: DFB-Pokal (Platz 9) und der Absturz der German-Wings-Maschine im März (Platz 10).

Neben den Flüchtlingen, dem Krieg in Syrien und dem Krieg gegen den IS gibt es nur zwei Themen, die in Deutschland und der Welt gleichermaßen interessieren: Die griechische Schuldenkrise (Platz 2 in Deutschland, Platz 5 weltweit) und die Anschläge in Paris ( Platz 6 in Deutschland, 2 weltweit).

Der am intensivsten gelesene Online-Beitrag der New York Times: Fast eine Million Stunden für ein Liebes-Quiz

Geschrieben am 10. Dezember 2015 von Paul-Josef Raue.

Welche Artikel faszinierten die Online-Leser der New York Times am meisten? Mit welchen Reportagen und Nachrichten verbrachten sie meiste Zeit? Vorne liegt in diesem Jahr eine Liebes-Geschichte – mit 36 Fragen zur Liebe „No. 37: Big Wedding or Small? / Quiz: The 36 Questions That Lead to Love“

Die Leser verbrachten rund 900.000 Stunden in dieser Geschichte. Die 36 Fragen hat der Psychologe Arthur Aron entworfen. Sie sind in drei Kapiteln versammelt. Einige Beispiele zu Kapitel 1:

  1. Wen in der Welt wünschst Du Dir als Dinner-Gast?
  2. Möchtest Du berühmt sein? Und wie?
  3. Überlegst Du vor einem Telefonat, was Du sagen möchtest? Warum?
  4. Was bedeutet für Dich ein perfekter Tag?

Beispiele aus dem Kapitel 2:

  1. Wenn eine Kristallkugel die Wahrheit über Dich preisgibt, über Dein Leben, die Zukunft oder anderes mehr: Was möchtest Du wissen?
  2. Wenn es etwas zu tun gibt, wovon Du schon lange träumst: Warum hast Du es nicht getan?
  3. Was ist die größte Leistung Deines Lebens?
  4. Was schätzt Du am meisten in einer Freundschaft?

Beispiele aus Kapitel 3:

  1. Wann hast Du das letzte Mal geweint vor einem anderen Menschen? Und allein?
  2. Was ist zu ernst, um darüber einen Scherz zu machen?
  3. Wenn Du heute Abend stirbst ohne Möglichkeit, mit irgendjemanden zu sprechen: Was bedauerst Du, nie jemandem erzählt zu haben? Und warum hast Du es bis heute nicht erzählt?
  4. Dein Haus brennt. Wenn Du alles Persönliche gerettet hast, hast Du die Chance, noch etwas zu retten: Was wäre es? Und warum?

Auf dem vierten Rang der am längsten gelesenen Geschichten ist noch eine Liebes-Geschichte: Mandy Len Catron, Schreibtrainerin an der Universität in Vancouver, erzählt, wie sie sich verliebte:

„Vor mehr als zwanzig Jahren hatte der Psychologe Arthur Aron (das ist der Wissenschaftler der 36 Liebes-Fragen) Erfolg damit, dass sich zwei Fremde in seinem Labor verliebten. Im letzten Sommer wandte ich dieselbe Technik für mein eigenes Leben an…“ Die Geschichte endet wenig romantisch: „Liebe überfiel uns nicht. Wir haben uns verliebt, weil wir uns beide für die Liebe entschieden haben.“

Catron arbeitet, wie der Autorenhinweis preisgibt, an einem Buch über die Gefahren von Liebesgeschichten.

Die Liste der 50 am intensivsten gelesenen Artikel ist eine Mischung aus ambitionierten Investigativ-Projekte (wie „Inside Amazon“, die Arbeitswelt des Versand-Giganten – Platz 3), großen aktuellen Nachrichten (German Wings-Absturz auf Platz 11 und 30) und Service (wie das Liebes-Quiz); dabei sind die großen Themen wie Rassismus (Massaker in der Emanuel- Kirche von Charleston, Platz 21) und Terrorismus (Anschläge in Paris auf Platz 18)– aber auch die Geschichte von George Bell: Ein einsamer Mann, der einsam starb (Platz 8)

**

Quelle:

http://www.nytimes.com/interactive/2015/12/09/upshot/top-stories.html?_r=1

 

Nach dem Terror in Paris: Wofür bezahlen Online-Leser?

Geschrieben am 24. November 2015 von Paul-Josef Raue.

„Für Einordnung und Analyse bezahlen die Menschen gern“ ermittelt der Blendle-Redakteur Michael Jarjour nach den Anschlägen in Paris. Blendle ist ein niederländisches Online-Unternehmen, in dem Nutzer seit einigen Wochen in den großen Zeitungen und Magazinen und einigen Regionalzeitungen blättern und Artikel auswählen können; für den Abruf kompletter Artikel zahlen sie.

„Einordnung und Analyse“ überrascht nicht, auch nicht dass Anschläge, Katastrophen, Kriege und Groß-Ereignisse das Interesse an Informationen stark steigern. Das überrascht schon eher: An der Spitze der meistgekauften Artikel stehen Kommentare – von bekannten Autoren wie FAZ-Herausgeber Berthold Kohler (Platz 1), Springer-Chef Mathias Döpfner. (Platz 2) oder Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart (Platz 7).

Hinter den Kommentaren folgen Analysen aus der FAZ, SZ und Neuen-Zürcher-Zeitung (NZZ – mit dem Interview eines Islamwissenschaftlers: „Alle können ein direktes Ziel werden“) sowie der Magazine Zeit, Spiegel und Cicero.

Für aktuelle Nachrichten, die überall kostenlos zu bekommen sind, zahlen die Leser offenbar nicht. Also zahlen die Leser, wenn es ein Ereignis gibt, das die Menschen verstehen wollen; sie zahlen für Meinungen von bekannten Medien und Autoren; und sie zahlen für ausführliche und schnelle Analysen.

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Quelle: Meedia.de, 23. November

Seiten:123456»

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