Alle Artikel mit dem Schlagwort " BILD"

Spiegel Daily: Wenig Neues, aber erfreulich preiswert

Geschrieben am 26. Mai 2017 von Paul-Josef Raue.
Raue während des Interviews von Daniel Bouhs in Wien.

Raue während des Interviews von Daniel Bouhs in Wien.

Daniel Bouhs schreibt auf Zapp/NDR:

Blattmacher geben Spiegel Daily kaum eine Chance /  Skeptisch: Paul-Josef Raue.

Etablierte Zeitungsmacher bleiben angesichts der neuen Konkurrenz von Spiegel Daily erstaunlich gelassen. „Ich gebe Daily nicht lange – sie kommen zu spät und haben wenig Neues darin“, sagt etwa der einstige Chefredakteur von Braunschweiger Zeitung und Thüringer Allgemeinen, Paul-Josef Raue, in einer ZAPP-Umfrage auf dem Europäischen Zeitungskongress in Wien, bei dem die Daily-Macher wiederum nicht vertreten waren. Raue, der inzwischen Verlage berät, vermutet: „Journalistisch wird da nicht viel passieren.“

Keine Angst: Michael Bröcker – „Nicht wirklich überzeugend“

Auch der Chefredakteur der Rheinischen Post, Michael Bröcker, äußerte sich äußerst skeptisch über die Zukunft der Digitalzeitung, die das Nachrichtenmagazin seit Mitte Mai werktags pünktlich um 17 Uhr veröffentlicht. „Eine Abendzeitung? Da gibt es viele Ideen von anderen Verlagen, die das ‚Best-of‘ des Tages noch mal anbieten, die [aber] alle nicht wirklich überzeugend funktionieren.“ Seine Redaktion wolle vielmehr auf Podcasts, also Audioangebote, für Pendler setzen. „Wir schauen uns das mit Neugier an und arbeiten weiter an unseren Modellen. Angst haben wir nicht“, sagte Bröcker.

Auch die Chefredaktion von Bild ist nicht vom Tageszeitungsmodell des Spiegel überzeugt. Julian Reichelt sagte ZAPP zwar, er halte das Projekt inhaltlich in weiten Teilen für gelungen, er glaube aber auch, dass „ein fester Erscheinungszeitpunkt für ein digitales Produkt ein sehr gewagtes Projekt ist“. Reichelt wünschte den Daily-Machern allerdings auch „viel Erfolg“, denn: „Diese Mentalität, dass für Journalismus wieder bezahlt werden muss, ist etwas, was wir zwingend in unserem Beruf und unserer Branche brauchen.“

„Nötiger Preisdruck“

Verlagsberater Raue prognostizierte allerdings auch, der Spiegel werde mit seinem täglichen Ableger, der deutlich unter zehn Euro im Monat kostet, „andere in die Bredouille bringen“ – und das sei sogar gut:

Das, was bei den Verlagen online passiert, ist zu teuer. Man versteht nicht, warum man 30, 40 Euro im Monat bezahlen muss, um etwas Digitales zu sehen.

Die Tageszeitung des Spiegel  könne hier für den nötigen Preisdruck sorgen.

 

Werkstatt: Wie die New York Times das erste Interview mit Trump führte

Geschrieben am 15. Januar 2017 von Paul-Josef Raue.
Arthur Sulzberger ist Verleger der New York Times. (Foto: NYT)

Arthur Sulzberger ist Verleger der New York Times. (Foto: NYT)

Donald Trump mag Journalisten nicht:

Diese Menschen sind die niedrigste Form des Lebens, ich sag’s euch. Sie sind die niedrigste Form der Menschheit,

schmähte er in einer Wahlrede. In seiner ersten Pressekonferenz nach der siegreichen Wahl durfte ein Journalist von CNN, „dieser schrecklichen Organisation“ , erst gar keine Frage stellen. Das ging auch der New York Times zu weit, sie sprach von einer Kriegserklärung an die Medien, aber hatte wenige Wochen zuvor mit Trump in ihrer Zentrale nicht nur ein langes Interview geführt, sondern auch Wort für Wort protokolliert.

Ein Interview (die „Bild“ hat es übersetzt und online gestellt) so zu veröffentlichen, wie es wirklich geführt wurde, ist in Deutschland umstrittener als in den Staaten. Als Jill Abramson, Ex-Chefredakteurin der New York Times, vor sechs Jahren entschied, es gebe keine Autorisierung von Zitaten mehr, diskutierten dies deutsche Journalisten heftiger als angelsächsische.

Was fällt auf beim Blick in die Interview-Werkstatt der New York Times:

  • Der Verleger Arthur Sulzberger führt zuerst das Gespräch, dem Chefredakteur erteilt er später das Wort. Sulzberger beginnt das Interview so nett, als hätte es nie eine Verstimmung gegeben. Diese Nettigkeit ist professionelle Routine: Nicht mit der Tür ins Haus fallen, dem Gesprächspartner respektvoll begegnen und ihn in Sicherheit wiegen.
  • Auch Trump umgarnt die Redakteure – um wenig später all seinen Unmut über die Journalisten zu wiederholen. Was für rhetorische Kniffe in knapp einem Dutzend Sätzen: Erst Respekt, dann Angriff, schließlich Angebot zur Zusammenarbeit!

Okay. Also, ich weiß das Treffen wirklich zu schätzen und habe großen Respekt vor der ‚New York Times‘. Riesigen Respekt. Sie ist etwas ganz Besonderes. War schon immer etwas ganz Besonderes. Ich finde, dass ich sehr grob behandelt worden bin. Es ist ganz offensichtlich, dass ich auf gewisse Weise, im wahrsten Sinne sehr ungerecht behandelt worden bin. Ich möchte mich nicht nur über die „Times“ beschweren. Ich würde aber sagen, dass die Times am gröbsten zu mir war… Schauen Sie, ich habe großen Respekt für die Times, und ich möchte Ihre Meinung ändern. Ich glaube, das würde mir meine Arbeit stark erleichtern.

  • Trump ist gut vorbereitet, lobt Konkurrenz-Zeitungen und versucht, die Redakteure einzuschüchtern. Die reagieren nicht darauf. Das ist professionell: Tapse nicht in jede Falle, die aufgestellt wird.
  • Trump spricht die Redakteurin Maggie, die wohl auf Clintons Seite war, direkt mit Vornamen an: „Hören Sie, Maggie, ich will ihnen nicht wehtun. Ich finde, sie haben eine Menge durchgemacht. Sie haben eine Menge durchgemacht.“
  • Trump weicht aus, ist nicht zu fassen. Der Trick ist einfach und wird von Politikern geschätzt: Trump erklärt ein Thema für ein Rand-Thema und lenkt den Blick auf ein anderes Thema, das er für wichtig erklärt.
  • Kommentatoren in den USA schreiben nicht ihre Meinung, sie sind ausgewählt, die offizielle Haltung des Verlegers darzulegen. Thomas L. Friedman, den Leitartikler, spricht Trump mit „Tom“ an. Friedman will die Haltung zum Klimawandel erkunden und erwähnt, dass Trump „einige der schönsten Golfplätze der Welt“ besitzt. Alle lachen, reden durcheinander. Trump nimmt den Ball auf, prahlt mit seinen Golfplätzen, wieder verzeichnet das Protokoll „Lachen“.
    Friedman, der Leitartikler, findet das Lachen gar nicht lustig, wird sauer: „Es ist mir sehr wichtig – und ich glaube, auch vielen unserer Leser – zu wissen, was Sie in dieser Hinsicht tun werden.“ Trump weicht aus: „Ich schaue mir das ganz genau an, Tom. Ich sag Ihnen was. Das ist ein interessantes Thema, denn es gibt nur wenig, was umstrittener ist als der Klimawandel.“
    Der Verleger greift ein, stellt sich auf die Seite seines Leitartiklers: „Nun, da wir auf einer Insel leben, möchte ich Ihnen dafür danken, unvoreingenommen zu sein. Wir haben gesehen, was diese Stürme mittlerweile anrichten, stimmt’s? Wir haben es mit eigenen Augen gesehen. Ganz direkt.“
  • Trump nutzt die Vertrautheit mit dem Verleger und demonstriert sie vor den Redakteuren: „Ich bin wirklich unvoreingenommen. Und wir hatten schon immer Stürme, Arthur.“ Und er erzählt von seinem Onkel, der Professor war, von Wissenschaftlern, die sich schreckliche Mails schreiben, von seinen Golfplätzen, für die er Umweltschutz-Preise bekommen hat  – und schließt seine langen Vortrag: „Manchmal sage ich, dass ich in Wirklichkeit ein Umweltschützer bin und in manchen Fällen lächeln die Leute darüber. Und andere Leute, die mich kennen, wissen, dass es stimmt. Unvoreingenommen.“
  • Das Protokoll vermerkt auch, wenn das Mikrofon ausgeschaltet wird – einmal geschieht es, als Trump über Syrien nur unter Drei sprechen will: „Wir müssen den Wahnsinn in Syrien beenden. Eine Sache, die mir zugetragen wurde – kann ich das vertraulich sagen, oder wird alles protokolliert?“ Der Verleger stimmt zu: „Wenn Sie etwas Vertrauliches sagen wollen, haben wir abgemacht, dass Sie das tun können. Meine Damen und Herren, wir reden einen Augenblick lang vertraulich miteinander.“ Das Protokoll vermerkt: „(Trump sagt etwas Vertrauliches)“
  • Trump sortiert die Redakteure nach dem Motto des Aschenputtel-Märchens: „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.“ Michael D. Shear, der Korrespondent im Weißen Haus, ist ein Guter: „Wir sehen uns dort! „, scherzt Trump mit ihm und alle lachen. Der Verleger ist ein Guter: „Sie können mich anrufen, Arthur, Sie können mich anrufen.“ Die Leitartiklerin Maureen Dowd kommt ins Kröpfchen: „Die einzige, die mich nicht anrufen kann, ist Maureen. Sie packt mich zu hart an. Ich weiß nicht, was mit Maureen los ist!“
    Keiner protestiert.
  • Die letzte Frage stellt Geschäftsführer Mark Thompson: Wird Trump den Verfassungsrang der Pressefreiheit respektieren? Und Trump, wie ein guter Kumpel, antwortet: „Ich denke, es wird Ihnen gut gehen.“ Der Verleger dankt: „Ich weiß das wirklich zu schätzen.“ Und Trump dankt zuckersüß zurück: „Es ist eine große Ehre. Die Times ist ein großartiges, großartiges amerikanisches Juwel. Ein weltweites Juwel. Und ich hoffe, wir werden alle miteinander auskommen. Wir wollen dasselbe, und ich hoffe, wir werden alle miteinander auskommen.“

Dann gehen alle mit einem sichtbar entspannten Trump zum Mittagessen. Es gibt Lachs und Steak.

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Der komplette Beitrag in der Kolumne JOURNALISMUS! auf kress.de:

/ https://kress.de/news/detail/beitrag/136537-hi-julie-wie-die-new-york-times-ein-gespraech-mit-trump-fuehrt.html

Das Trump-Interview der New York Times hat Bild übersetzt und online gestellt.

 

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Wieviel Spielerei verträgt eine Überschrift?

Geschrieben am 30. August 2016 von Paul-Josef Raue.
Panorama-Seite der Süddeutschen Zeitung vom 30. August 2016

Panorama-Seite der Süddeutschen Zeitung vom 30. August 2016

Wanne heikel

Überschriften sollen den Leser informieren und so klar machen, ob die Lektüre des Artikels für ihn lohnt. Überschriften sollen auch locken – mit raffinierter Sprache und kleinen Spielereien. Aber die Reihenfolge muss stimmen: Erst die Information, dann die feuilletonistischen Reize.

Wer weiß, wie Leser lesen – zuerst das Bild, dann die Überschrift -, wer also die Anziehung eines Bildes kennt, kann die Kraft des Bildes auch nutzen und in der Überschrift spielen – wie die Süddeutsche Zeitung heute auf der Panorama-, der vermischten Seite:

„Wanne heikel“ spielt auf die teure Badewanne des ehemaligen Limburger Bischofs Tebartz-von-Elst an und nimmt kalauernd den Städtenamen Wanne-Eickel auf. Gab es zuvor mal die Überschrift: Wanne eitel?

Christian Lindner, Chefredakteur der Koblenzer Rhein-Zeitung,  hat sogar eine „Hall of Fame der „#rzHeadlines“ auf Twitter eingerichtet, aktuell ist er bei Folge 1273:

„Lochte geht baden“ = Zeile auf Sport zur Abkehr der Sponsoren von US-Schwimmer Ryan Lochte.

Weitere Koblenzer Hall-of-Fame-Kandidaten aus jüngerer Zeit:

  • „Deutsche finden Anglizismen eher uncool“ | Zeile auf Panorama zu Sprach-Umfrage
  • „Wir wollen doch nur spielen“ | Zeile auf Wirtschaft zur Gamescom
  • „Früher waren mehr BHs“ | Zeile auf Kultur extra über den Wandel bei  NatureOne
  • „Deutsch, deutscher, Dackel“ | Zeile auf Panorama zur Dackelschau des Deutschen Teckelclubs
  • „Wo man den Wald vor lauter Bäumen sieht “ | Zeile im Reiseteil zu Überblick über Baumwipfelpfade
  • „Erdogan im Ausnahmezustand“ | Zeile auf Tagesthema
  • „Lochte geht baden“ | Zeile auf Sport zur Abkehr der Sponsoren von US-Schwimmer Ryan Lochte
  • Und ein Blick nach nebenan: Goldverdächtige Schlagzeile der Bild  zur pro-russischen IOC-Entscheidung im Sinne Thomas Bachs: „So geht Olympia den Bach runter“.

Auf der Panorama-Seite zitiert die SZ heute (30. August 16) die Überschrift einer nicht genannten Lokalzeitung, die über den Bericht zu einer 68-köpfigen Gänse-Schar schrieb, die alle vom Blitz getroffen stürzten:

Das Schlaraffenland liegt in Niedersachsen – Gänse fielen gegrillt vom Himmel

 

Interviews mit Despoten: Auf die eigene Haltung kommt es an (Gespräch mit Dieter Bednarz)

Geschrieben am 5. August 2016 von Paul-Josef Raue.
Dieter Bednarz ist der Nahost-Experte des Spiegel

Dieter Bednarz ist der Nahost-Experte des Spiegel. Foto: Marc Fraser

Politiker in Europa wollen die Gespräche mit der Türkei abbrechen: Mit Diktatoren niemals! Gilt das auch für Journalisten? Franz Josef Wagner, Kolumnist der Bildzeitung, meint: „Gott, für ein Interview lächelte ich selbst mit dem Teufel.“ Auch Dieter Bednarz, Nahost-Experte des Spiegel, interviewt jeden: „Ich hätte keine Scheu, morgen auch nach Nord-Korea zu reisen, wenn ich dort einen Termin bekommen könnte. Wichtig ist doch, die richtigen Fragen zu stellen.“

Wohl kein anderer Reporter hat so viele Interviews mit Despoten geführt wie Bednarz. Im Kress-Gespräch, veröffentlicht in meiner Journalismus!-Kolumne, geht er auf die Haltung ein, die ein Reporter mitbringen sollte:

Wer sich so mit dem Land auseinandersetzt, geht natürlich mit einer eigenen Position in einen solchen Termin, kommt als kritischer Frager und scheut auch den Schlagabtausch nicht. Auf diese eigene Haltung kommt es – neben Fachwissen – an…. Meine einzige Sorge ist mitunter, dass eine zu harte Frage, womöglich wie bei Motakki gleich als Einstieg, zum Abbruch des Termins führt.

Bednarz hatte das Interview mit dem iranischen Außenminister Motakki mit der Frage begonnen: „Herr Außenminister, Sie sind der oberste Diplomat der Islamischen Republik Iran. Sie vertreten eine Nation, die sich einer Kulturgeschichte von über 2500 Jahren rühmt. Beschämt es Sie nicht, dass in Ihrem Land Menschen gesteinigt werden?“ Manutschehr Motakki hatte die Frage auch bei der Autorisierung nicht gestrichen.

Für Bednarz sind solche Interviews auch ein Grund, warum er Journalist geworden ist:

Mich interessieren politische Entwicklungen sowie Menschen und deren Schicksale. Das gilt nicht nur für die Mächtigen, sondern auch für Oppositionelle. Eine großartige menschliche Bereicherung waren die zwei Stunden Interview mitten in der Nacht, die mir Ahmadinedschad-Gegenspieler Mehdi Karroubi, der unter Hausarrest stand, gewährt hat. Und wenn Sie zweieinhalb Stunden mit einem wie dem ägyptischen Staatschef Sisi reden, dann bekommen Sie schon eine Ahnung davon, wie diese Person tickt und welche Botschaft sie zum Beispiel an die Bundesregierung übermitteln will. Wenn das Gespräch gut geführt wird, dann erschließt sich das auch dem Leser und ist ein Gewinn für ihn.

„Ein Journalist scheut den Schlagabtausch nicht“ ist das Gespräch überschrieben, das in voller Länge bei kress.de nachzulesen ist.

 

Amok, Terror, Gewalt: Journalisten können mit dem Dartcenter traumatische Situationen trainieren

Geschrieben am 29. Juli 2016 von Paul-Josef Raue.
Zehn Jahre nach dem Amoklauf in Erfurt: So machte die Thüringer Allgemeine die Titelseite auf.

Zehn Jahre nach dem Amoklauf in Erfurt: So machte die „Thüringer Allgemeine“ die Titelseite auf.

Nach dem Amoklauf in München gab es keine Kritik an der Polizei, aber wieder massive Kritik an Journalisten, die offenbar unvorbereitet agierten. Wer auf die Internet-Seite des Dartcenters schaut, entdeckt, wie sich Journalisten gezielt auf Krisenfälle vorbereiten und den Ernstfall trainieren können:

  • Wie verhalten sich Journalisten, wenn sie traumatischen Situationen ausgesetzt sind, sei es in der Redaktion,  an einem Tatort oder im Krieg, wenn sie direkt  mit Gewalt konfrontiert sind? Unterschätzt wird der „Tatort“ Redaktion: Journalisten sehen viele Bilder, die sie nie den Lesern und Zuschauern zumuten, Mord, Hinrichtungen, Leichen, Folter. Wie verarbeiten sie dies? Wie bleiben sie in der Sendung oder beim Schreiben am Computer trotzdem ruhig und besonnen? Wie gehen sie danach mit sich selber um? Der gern beklagte Zynismus von Journalisten hat hier auch seinen Grund.
  • Wie gehen Journalisten mit offenbar traumatisierten Zeugen um? Wann dürfen sie mit ihnen sprechen? Und wie?

Das können Journalisten trainieren.  Schon vor zehn Jahren organisierte Fee Rojas, Psychotherapeutin in Hannover, die erste ARD-ZDF-Konferenz über „Trauma und Journalismus“. Dartcenter-Mitarbeiter trainieren aber nicht nur Journalisten von ARD und ZDF zu „Umgang mit extremen Belastungssituationen“, sondern beispielsweise auch Lokaljournalisten. Denn Amok und Terror geschieht auch in der Provinz: In Erfurt mit 17 Toten; in Winnenden vor sieben Jahren  mit 16 Toten.

In Erfurt vor vierzehn Jahren hatten soziale Netzwerke weder eine Verbreitung noch eine Bedeutung. Damals gingen die Bürger mit den Medien trotzdem hart ins Gericht:  Journalisten hatten eine regelrechte Jagd veranstaltet nach Gesichtern, Bildern und intimen Szenen;  sie haben die Trauernden nicht in Ruhe trauern lassen.

Die Redaktion der Thüringer Allgemeine hatte daraus Konsequenzen gezogen und zum 10-Jahr-Wiederkehr des Amoklaufs in einer 15-teiligen Serie und einem Buch die Probleme der Journalisten beschrieben, die nicht Sensationen suchen, sondern eine Balance zwischen Distanz und Nähe:

  • Sie brauchen Distanz, gar kühlen Abstand, um sich nicht von den Emotionen übermannen zu lassen und wenigstens die Tür des Verstehens ein wenig öffnen zu können und Verantwortungen zu klären.
  • Sie brauchen Nähe, um in allem Schmerz mit den Menschen sprechen zu können, sie in ihrem Schmerz zu begreifen, das Unerklärliche vielleicht doch erklären zu können.

Es gab viele dankbare und emotionale Reaktionen auf die Serie und das Buch. Ein Dutzend Redakteure hat zuvor einen ganztägigen Workshop mit Trauma-Experten des Dartcenters besucht.

Frank Nipkau, Chefredakteur des Zeitungsverlags Waiblingen mit der Winnender Zeitung, gehört mittlerweile zum Referenten-Stab des Dartcenters. Für die Berichterstattung über den Amoklauf in Winnenden erhielt seine Redaktion den Deutschen Lokaljournalistenpreis  mit der Jury-Begründung:

Die Redaktion muss nicht alles schreiben, was sie weiß, nicht alles zeigen, was sie hat… Sie liefert die Informationen, die die Menschen in solchen Situationen brauchen, sie nimmt Anteil und stellt die Frage nach dem Warum.

Das Dartcenter, gegründet in den USA, trainiert Journalisten und gibt Materialien heraus mit ausführlichen Anleitungen etwa zum Umgang mit Rettungskräften, mit Kindern, für Interviews mit traumatisierten Menschen und zur Nutzung von sozialen Medien.

Bleibt die Frage: Wie ausführlich sollen Journalisten berichten?

Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann schrieb das Vorwort zu dem Buch „Amok im Kopf“ des Amerikaners Peter Langman, der den Amoklauf von Winnenden detailliert analysiert hatte; das Buch fand die Polizei im Zimmer des Münchner Amokläufers. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung spricht Hurrelmann von der Verantwortung  der Medien und der Verwirrung des Wissenschaftlers:

Zum ersten Mal wurde eine wissenschaftliche Amok-Analyse beim Täter gefunden. Der hat das wohl als Anleitung gelesen. Was heißt das für uns? Dürfen wir unsere Analysen fortan nur noch in geschlossenen wissenschaftlichen Zirkeln kreisen lassen, weil sie eventuell als Vorbild dienen könnten? Da bin auch ich ratlos.

Es ist dieselbe Ratlosigkeit,  wie sie auch Journalisten befällt.

Vor acht Jahren forderte der Entwicklungspsychologe Herbert Scheithauer schon nach dem Amoklauf eines Berufsschülers in Finnland: „Wenn Bilder und Videos der Bluttat immer wieder auf Nachrichten-Webseiten gezeigt werden, trägt das zur Verbreitung der Täter-Botschaft bei.  Damit wird möglichen künftigen Tätern vermittelt, dass es eine gute Plattform zur Selbstdarstellung gibt. Das sollten wir unterbinden.“

Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer, Autor des Buchs „Der Mensch als Bombe“, verweist in einem aktuellen Essay der Süddeutschen Zeitung auf die Zurückhaltung der Medien, selbst der Bildzeitung,  über Selbstmorde von Schülern zu berichten, und stellt fest:  „Es gibt keinen Grund, davon auszugehen, dass die Nachahmungsbereitschaft bei Amoktätern geringer ist als bei den jugendlichen Selbstmördern.“ Aber resigniert ahnt er: „Mit dieser Form der Ruhmsucht zu rechnen und sich auf Gegenmaßnahmen zu einigen, davon sind die Medien gegenwärtig noch weit entfernt.“

Von den Sozialen Netzwerken ganz zu schweigen: Wie sollen die sich einigen?

Mehr auf meiner Kolumne bei kress.de

Mehr zu Amok und Dartcenter in diesem Blog

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Buch-Tipp

Gutenberg-CoverPaul-Josef Raue gab zusammen mit Hanno Müller vor vier Jahren das Buch „Der Amoklauf“ heraus, erschienen im Klartext-Verlag. Dieses Buch schildert den Amoklauf am 26. April 2002 im Erfurter Gutenberg-Gymnasium. Menschen kommen zu Wort, die diesen Tag als Angehörige, Augenzeugen oder Helfer unmittelbar erleben mussten, denn niemand kann besser beschreiben, was damals passierte – und wie massiv es Leben und Alltag veränderte. Statt eines Bildes zeigt das Cover des Buchs die schlichte Schrift: „Dieses Buch ist den 16 Opfern am Erfurter Gutenberg-Gymnasium gewidmet“.

 

Interviewer bei Despoten: Stichwort-Kastraten oder Diplomaten, die mit dem Teufel lächeln?

Geschrieben am 27. Juli 2016 von Paul-Josef Raue.
1 Kommentar / Geschrieben am 27. Juli 2016 von Paul-Josef Raue in B. Die Journalisten, G 26 Interview.
Sigmund Gottlieb vom Bayerischen Rundfunk (Foto: BR / Sessner)

Sigmund Gottlieb, Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks (Foto: BR / Sessner)

Journalisten, die sich als Medienkritiker verstehen, gehen selten verständnisvoll mit Journalisten um, die keine Medienkritiker sind. Gespalten sind sie in der Einschätzung von Sigmund Gottlieb vom Bayerischen Rundfunk, der mit dem türkischen Präsidenten Tayyip Erdogan ein ARD-Interview führte:

  • „Stichwort-Kastrat“ nennt ihn Tomas Avenarius in der Süddeutschen Zeitung: „Gottlieb plaudert sich einfühlsam nickend wie ein Psychotherapeut durch das halbstündige Interview. Avenarius beurteilt wie die Mehrheit der Kritiker den Interviewer als devot und unkritisch ein und reiht Gottlieb ein „mit anderen verständnisvollen Befragern ungezügelter Machtmenschen: Jürgen Todenhöfer bei Baschar al-Assad, Claus Kleber bei Mahmuf Ahmadineschad, Hubert Seipel bei Wladimir Putin“; er kommt zu dem Schluss: „Alles keine Sternstunden des deutschen Fernsehens.“
  • „Die Taktik von Gottlieb war gar nicht schlecht“, kommentiert dagegen Michael Hanfeld in der FAZ. „Er trat schon fast übertrieben freundlich auf, fiel nicht mit der Tür ins Haus und fragte eher um die Ecke. Etwa durch den Hinweis, dass Erdogan auf den Putsch ja erstaunlich schnell reagiert habe – ganz so, als habe er nur auf ihn gewartet.“ Hanfeld gibt zu bedenken, dass nach drei Minuten das Interview zu Ende gewesen wäre, hätte Gottlieb mit den ersten Fragen „gleich klare Kante“ gezeigt.
  • „Erdogan interessierte mich mehr als der Journalist“, schreibt Franz Josef Wagner in der Bildzeitung. „Die Person Erdogan ist so bestürzend sicher. Er hat überhaupt keine Vorstellung davon, nicht Erdogan zu sein.“ Wagner geht auch auf die Frage ein, ob man überhaupt einen Diktator interviewen solle. „Natürlich. Selbst den Teufel, wenn er in ein Interview einwilligt… Mit dem Teufel lächeln – Gott, für ein Interview lächelte ich selbst mit dem Teufel.“
    Die Bildzeitung korrigierte auf derselben Seite Erdogans Irrtümer: „So führte der Türken-Präsident die deutschen TV-Zuschauer hinters Licht.“

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Quellen: SZ, FAZ,  Bild, alle vom 27. Juli 2016

Journalisten, Schreibblockaden, Alkohol und die Werkstatt Gottes (Zitat der Woche)

Geschrieben am 6. Juli 2016 von Paul-Josef Raue.
1 Kommentar / Geschrieben am 6. Juli 2016 von Paul-Josef Raue in B. Die Journalisten, I. Die Meinung.
Post von Wagner in Bild: Lieber Thomas Müller

Post von Wagner in Bild: Lieber Thomas Müller

Franz Josef Wagner ist für seine wilden Assoziationen bekannt, die er täglich in „Post von Wagner“ auf der zweiten Seite der Bildzeitung ausbreitet. Wer käme schon vom Fußballer Thomas Müller, dem einfach kein Tor bei der EM gelingen will, über Schreibblockade von Schriftstellern und über Goethe zu Gott? Das kapitulierten selbst Streiflicht-Schreiber der SZ, die neben Wagner mit genialen Assoziationen Lesers Herz erwärmen.

Lieber Thomas Müller… Schreibblockade nennt man bei Schriftstellern das Phänomen, unter dem sie gerade leiden. Torblockade. Schriftsteller suchen meist Hilfe bei Alkohol.

Dazu kann ich Ihnen nicht raten. Aber eine Wahrheit hat der writer’s block. Man ist nicht ununterbrochen Künstler. Goethe spricht von der „geheimnisvollen Werkstatt Gottes“…

Hatte Gott eine Schreibblockade? Was weiß Goethe von Gott? Was weiß Wagner von Goethe und Gott?

Johann Peter Eckermann hat die Gespräche mit Goethe protokolliert. Am 2. August 1830 sprach Goethe über einen Streit in der französischen Akademie, er freute sich, dass „auch in Frankreich bei der Naturforschung der Geist herrschen und über die Materie Herr sein“ werde: „Man wird Blicke in große Schöpfungsmaximen tun, in die geheimnisvolle Werkstatt Gottes!“

Die Welt, die Natur, die Schöpfung – das ist die „geheimnisvolle Werkstatt Gottes“.

Und was rät Wagner gegen Blockaden? „Schriftsteller saufen. Sie (Müller) trainieren.“ Ob es schriftstellernde Journalisten auch mit Training und solider Recherche versuchen sollten?

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Quelle: Bild 6. Juli 2016 „Post von Wagner“

Was interessiert die Leser? Was vergrault? Die wichtigsten Erkenntnisse der Zeitungsforschung

Geschrieben am 8. Juni 2016 von Paul-Josef Raue.
Auch wenn in Europa und Nordamerika die Auflagen sinken: Weltweit lesen immer mehr Menschen Zeitungen, vor allem in Asien. Dieser Händler in Nepals Hauptstadt Kathmandu ist einer von fast drei Milliarden Lesern, er findet offenbar die Themen, die ihn nicht langweilen. Foto: Paul-Josef Raue

Auch wenn in Europa und Nordamerika die Auflagen sinken: Weltweit lesen immer mehr Menschen Zeitungen, vor allem in Asien. Dieser Händler in Nepals Hauptstadt Katmandu ist einer von fast drei Milliarden Lesern, er findet offenbar die Themen, die ihn nicht langweilen. Foto: Paul-Josef Raue

Es gab noch nie so viele und so genaue Leserforschungen wie im vergangenen Jahrzehnt. Die Ergebnisse bedeuten zwar nicht das Ende des Bauchgefühls, das gute Chefs immer brauchen, aber die Leserforschung hilft bei vielen Entscheidungen. Das Lob des Erzählens und die Vorlieben der Leser – das ist das Thema in der 18. Folge der Kress-Serie „Journalismus der Zukunft“: Langweile nicht (der siebte Pfeiler der Qualität).

Das sind die 20 wichtigen Ergebnisse aus den Quotenmessungen von „Readerscan“ und „Lesewert“, zusammengetragen nach Auswertung von zigtausend Artikeln in Regionalzeitungen:

  1. Reportagen, Porträts und Features sind die Lieblinge der Leser, je länger, desto besser. Carlo Imboden, der Schöpfer von Readerscan, berichtet: „Lange Texte saugen die Leser auf! Nur bei solchen Texten merken die Leute: Ich brauche diese Zeitung!“
  2. Glosse, Lokalspitze oder Kolumne sind noch beliebter als die Reportage. Amerikanische Zeitungen wissen das schon lange: Kolumnisten sind die am besten bezahlten Redakteure und oft so populär wie Fernseh-Stars. Kolumnen bis hin zur Lokalspitze („Guten Morgen“) werden immer gelesen, sofern sie regelmäßig kommen und am besten den Autor im Bild zeigen. Gute Schreiber machen gute Zeitungen aus.
  3. Der Leitartikel hat überraschend hohe Quoten, aber nur wenn er eine klare, bissige Überschrift hat. Titel wie aus dem Textspeicher verscheuchen die Leser: „Zwischen den Stühlen“ oder „Um Europa verdient gemacht“ sind Quotenkiller. Noch intensiver werden Kommentare gelesen, wenn sie direkt neben oder in dem Bericht stehen. Bezieht sich der Leitartikel auf den Aufmacher der Titelseite und ist sein Thema ein regionales, dann bekommt er Spitzenwerte.
  4. Das Vermischte steht an der Spitze der beliebtesten Seiten. Überall ist die Klatsch-Spalte, also die kleine Bild-Zeitung, der Quotenrenner. Menschen und ihre Geschichten locken die Leser an. Auch wenn Mord, Totschlag und Brand stets gut gelesen werden, bleibt die Frage: Wie viel Boulevard verträgt der Leser einer Regionalzeitung? Nicht viel. Er liest alles, aber er zweifelt an der Seriosität, wenn zu viel Blaulicht in der Zeitung steht. Ein Beispiel: Ein Mörder gerät bei der Flucht vor der Polizei unter die Straßenbahn. Darf man das Foto auf der Titelseite bringen? Ja, aber nur mit einem extrem trockenen Text: „Die Polizei dokumentierte mit diesem Foto, das um 13.52 Uhr entstanden ist…“
  5. Gerichtsreportagen sind absolute Quoten-Garanten, gleich wo sie im Blatt stehen. Auch Fortsetzungen werden gelesen.
  6. Die Politik hat überdurchschnittlich viele Leser, wenn sie vom Nutzen oder Schaden für den Bürger handelt.
  7. Tagesschau-Themen dürfen nicht fehlen, wenn die Zeitung in die Tiefe geht mit Hintergrund und Analysen. In einem Interview mit der Drehscheibe erzählte Carlo Imboden, wie sich das Leseverhalten in einem Jahrzehnt allerdings radikal verändert hat: Vor gut zehn Jahren war bei der Main-Post in Würzburg der Lokalteil der am geringsten gelesene Teil – und das war typisch für die meisten deutschen Zeitungen; bei einer Messung des Nordkurier in Neubrandenburg vor fünf Jahren stand schon das lokale Buch weit vorne. Die jüngeren Leser holen sich Mantel-Informationen bereits am Vortag aus dem Internet; mittlerweile agieren die älteren Leser zwischen 45 und 55 ähnlich. So verlagert sich ihr Interesse in der Zeitung aufs Lokale, auf neue Informationen, die viel mit dem Leben der Leser gemein haben.
  8. Titelseite: Am meisten wird das Lokale und Regionale gelesen, wenn das Thema wichtig ist. Und auch hier gilt: Wichtig ist alles, das einen Bezug zum Leben und Alltag der Leser hat, das zum Stadtgespräch taugt. Wirtschaft bekommt hohe Lesewerte, wenn es um Arbeitsplätze geht, neue Firmen und Geschäfte – und wenn Menschen im Vordergrund stehen, und die können Manager sein oder Wirte oder Verkäuferinnen auf dem Weihnachtsmarkt.
  9. Gesundheit ist das Top-Thema – mit Spitzenwerten, wenn das Krankenhaus oder der Chefarzt aus der Region kommen. Überhaupt werden Ratgeber gelesen, wenn die, die den Rat geben, Nachbarn sein könnten.
  10. Leser-Seiten, auf denen nur Leser schreiben, erreichen stets Top-Positionen; erscheint die Seite täglich und ist wie eine redaktionelle Seite gestaltet, kann sie sogar Vermischtes von der Spitze verdrängen. Auf der Seite dürfen nicht nur Leserbriefe stehen, sondern auch Leser-Fotos, -Erzählungen, -Tagebücher, sogar Gedichte.
  11. Vorder- und Rückseite der Zeitungs-Bücher bekommen von allen Seiten die besten Lesewerte.
  12. Die Kultur mögen die meisten Leser nicht. Sogar in der Hauptstadt ziehen große Konzertkritiken nicht. „Nur knapp drei Prozent lesen sie wirklich“, kam bei der Berliner Zeitung heraus. Allerdings lesen diese Wenigen ihre Nischen-Themen besonders intensiv.
  13. Der Lokalsport wird noch weniger gelesen als die Kultur. Selbst der große Sport dümpelt dahin, es sei denn Länderspiele oder Europapokal-Spiele laufen, die auch im Fernsehen mit hohen Einschaltquoten die Massen anziehen.
  14. Rubriken wie Horoskop oder Sudokus bekommen schwache Quoten. Doch Vorsicht! Als eine Redaktion das Kreuzworträtsel rauswarf, konnte sie sich vor Anrufen und Briefen nicht mehr retten; Mails kamen keine. Offenbar haben Ältere das Kreuzworträtsel geschätzt, aber in der Messung war die Zielgruppe nicht oder nur schwach vertreten.
  15. Muss man alles, was schwache Quoten bringt, rauswerfen? Nein, das kann gefährlich werden. Auch manche Seiten und Artikel, die wenig gelesen werden, gehören für die Leser zur Grundausstattung einer Zeitung. Das können in einer katholischen Gegend die Gottesdienst-Termine sein, auf dem Land die Kreisklassen-Spiele im Fußball. Schwache Quoten sollten die Redaktion zum Nachdenken anspornen, ob sie durch veränderte Rubriken, neue Präsentation und originelle Ideen die Leser wieder zum Lesen bringen kann.
  16. Spezial-Seiten, etwa für junge oder ältere Menschen, meist noch im speziellen Layout, verscheuchen die Leser. Es gibt zwei Ausnahmen: Die verständlich erklärende Kinderseite wird selbst von Erwachsenen gelesen; und eine Senioren-Seite, wenn sie, wie bei der Thüringer Allgemeine, von einer Senioren-Redaktion geschrieben wird, die nur aus Lesern besteht.
  17. Das Fernsehen ist thematisch für die Zeitung interessant. Artikel werden intensiv gelesen, die auf große TV-Ereignisse reagieren, etwa auf einen Tatort, der in der Region spielt. Als in Erfurt der erste (und einzige) Tatort spielte, hatten die Berichte dazu über Wochen hohe Quoten: Er war Gesprächsstoff in den Büros und an den Stammtischen. Hätte die Thüringer Allgemeine in der Zeit nicht die Quoten gemessen, wäre das Thema schnell von der Redaktion weggelegt worden: Das Beispiel zeigt, dass Redaktionen oft zu schnell ein Thema begraben mit dem Argument „Die Leser haben genug davon!“
    Als die „Main-Post“ erstmals Readerscan einsetzte, machte sie eine ähnliche Erfahrung. Anton Sahlender, damals Stellvertreter des Chefredakteurs, berichtete: „Auf der Quote des Fernsehens aufzusetzen, ist ein Wellenreiter für die Zeitung.“ Themen-Kampagnen mögen die Leser, also die Verfolgung eines Themas über eine längere Zeit. Offenbar mögen die Leser nicht, dass jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird; sie schätzen es, wenn die Redaktion an einem wichtigen Thema dranbleibt.
  18. Eine Bild-Text-Schere vergrault den Leser: Foto und Überschrift müssen passen. Wenn Tarzan in der Überschrift steht und Micky Maus auf dem Foto zu sehen ist, ist der Leser nur verwirrt und zieht weiter, da kann der Text noch so gut sein.
  19. Recherche wird vom Leser honoriert – im Gegensatz zum Abdruck von Pressemitteilungen. Ist ein Thema exklusiv, investigativ und umfassend, dann interessiert es die Leser. Im Zentrum stehen alle Veränderungen: Ob es der neue Baumarkt ist, eine Baustelle oder gestiegene Eintrittspreise im Zoo.
  20. Fehler mögen einige Leser ärgern, aber sie sind keine Quoten-Killer. Thomas Bärsch, der viele Lesewert-Untersuchungen ausgewertet hat: „Im Unterschied zu ärztlichen Kunstfehlern, an denen in Deutschland jährlich Tausende Menschen sterben, richten Fehler in der Zeitung keinen irreparablen Schaden an. Sie müssen nur erkannt und korrigiert werden.“

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Mehr: http://kress.de/news/detail/beitrag/135058-kressde-serie-journalismus-der-zukunft-von-paul-josef-raue-langweile-nicht.html

 

 

Sprachbild kaputt: Für Franz Josef Wagner spielen elf Handballer um die EM

Geschrieben am 29. Januar 2016 von Paul-Josef Raue.

Liebe Handball-Nationalelf,

titelt Franz Josef Wagner heute seine Bild-Kolumne. Das ist das Kreuz mit den Sprachbildern: Die Nationalelf wurde zum Synonym für die Fußball-Mannschaft, als elf Spieler zur Mannschaft gehörten und eine Auswechslung nicht möglich war – selbst bei Verletzungen nicht.

Als Auswechslungen möglich wurden, war das Sprachbild schon zerkratzt: Dreizehn Spieler und mehr bilden die Fußball-Mannschaft.

Zum Handball  passte das Bild nur beim Feldhandball, der in den fünfziger Jahren populär war. In der DDR wurden die Feldhandballer sogar einmal die Mannschaft (nicht die Elf) des Jahres, als sie die westdeutsche geschlagen hatte. Bei der aktuellen Europameisterschaft stehen nur sieben Spieler gleichzeitig auf dem Hallenboden, wenigstens zu Beginn der Partie.

Nationalelf beim Handball 2016? Liest denn in der großen Bild-Redaktion keiner die Wagner-Kolumne? Oder gibt er sie einfach zu spät ab?

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Die Version zum „Friedhof der Wörter“ in der Thüringer Allgemeine, 1. Februar 2016:

Sprachbilder: Sieben oder elf?

Wer erinnert sich noch? 1959 trafen im Leipziger Zentralstadion die Auswahl der DDR und der Bundesrepublik aufeinander – vor 93.000 Zuschauern! Die Fußballer?

Immerhin war die Bundesrepublik ein Jahr zuvor bei der Weltmeisterschaft in Schweden Vierter geworden und fünf Jahre zuvor in Bern sogar Weltmeister. Aber nicht die westdeutschen Fußballer zogen die Massen ins Stadion, sondern die Feldhandballer.

Die DDR siegte und wurde zur Mannschaft des Jahres gewählt. Feldhandball war in den fünfziger und sechziger Jahre eine der populärsten Sportarten in beiden Teilen Deutschlands. In den dreißiger Jahren war Feldhandball sogar eine olympische Disziplin. Elf Spieler liefen auf ein Feld, so groß wie das der Fußballer.

„Liebe Handball-Nationalelf“, überschrieb am Freitag Franz Josef Wagner seine Bildzeitungs-Kolumne, die in Briefform geschrieben ist – so wie bisweilen auch der „Felix“ auf unserer Thüringen-Seite die Kolumne beginnt. Doch Wagner redete keine Feldhandball-Mannschaft am, sondern die Hallenhandballer, die in Polen überraschend erfolgreich um die Europameisterschaft spielen.

Doch das Spielfeld in der Halle ist kleiner als ein Fußballplatz, so dass nur sieben Spieler auflaufen. „Handball-National-Elf“ gibt es nicht mehr.

Das ist das Kreuz mit den Sprachbildern: Die Nationalelf wurde zum Synonym, als elf Spieler zu einer Mannschaft gehörten, ob Fußball oder Handball, und eine Auswechslung selbst bei Verletzungen nicht möglich war.

Als die Trainer auswechseln durften, war das Sprachbild schon zerkratzt: Dreizehn Spieler und mehr bilden heute eine Fußball-Mannschaft. Aber die „Elf“ hält sich als Begriff, hinter dem kein Bild mehr aufblitzt.

Dabei verlieren Sprachbilder, die zu reinen Synonymen degradiert werden, ihren Wert, wenn sie kein Bild mehr im Kopf aufleuchten lassen. Ein gutes Sprachbild ist wie die Melodie im Kino: Man hört sie später, und im Kopf läuft der Film ab.

„Spiel mir das Lied vom Tode“: Ich muss nur die Mundharmonika erwähnen und schon sind die Bilder im Kopf.

 

 

BILD gratuliert Wallraff zum Deutschen Fernseh-Preis: Er hat bei uns sein Handwerk gelernt

Geschrieben am 13. Januar 2016 von Paul-Josef Raue.

Vor knapp vierzig Jahren hat Günter Wallraff unter dem Namen Hans Esser in der Hannover-Redaktion der Bildzeitung gearbeitet.“Die Drecksarbeit in einer Fabrik am Fließband ist dagegen fast eine Erholung“, sagte er danach und schrieb sein Buch „Der Aufmacher“ als große investigative Reportage.

Wallraff gilt als Erfinder der verdeckten Recherche: Ich schlüpfe in die Rolle des türkischen Gastarbeiters Ali, des Obdachlosen oder Bildreporters und entdecke Missstände, die nur so zu entlarven sind. „Wallraff hat unser Land durch seine Enthüllungen geprägt“, schreibt – die Bildzeitung auf ihrer Titelseite vom 12. Januar 2016 in der Rubrik „Gewinner“; daneben steht als „Verlierer“ der NRW-Innenminister Ralf Jäger.

Dem Lob fügt Bild an: „Klar, bei uns hat er ja auch sein Handwerk gelernt.“

Mathias Döpfner, Vorstandschef des Springer-Verlags, hat längst seinen Frieden mit Wallraff geschlossen: „Bild hat damals aus heutiger Sicht nicht alles richtig gemacht.“

Wallraffen steht im schwedischen Duden, erzählte Wallraff in einem Interview mit Monika  Lungmus:

Man durchleuchtet die Gesellschaft, indem man eine andere Identität annimmt. In Schweden „wallrafft“ übrigens alle paar Wochen jemand.

Das Interview steht im Werkstatt-Buch „Undercover. Reporter im verdeckten Einsatz“ von Netzwerk Recherche. Dort wird auch auf die Vorläufer von Wallraff verwiesen:  Egon Erwin Kisch, der sich unter den Obdachlosen in Prag umschaute, oder William Thomas Stead, der einen Pädophilen-Ring in der Londoner Oberschicht aufdeckte.

Wallraff antwortete in dem Interview auf den Einwand, er gebe als Journalist die Position des neutralen Beobachters auf:

 Ich verstehe meine Arbeit als „teilnehmende Beobachtung“. In der Wissenschaft ist das ein hoch angesehener Bereich der Forschung. Nur im Journalismus ist es immer noch eine Art Notwehr. Eine negative Einstellung entdecke ich meist bei Journalisten, die sich längst gemein gemacht haben mit den Interessen der Mächtigen und Herrschenden… Wenn es um Menschenrechtsverletzungen geht, um gravierendes Unrecht, dann muss man Partei ergreifen. Aber man ist auch nicht abhängig. Man kann sehr differenziert, auch kritisch denjenigen gegenüber sein, deren Partei man ergreift.

Heute, am 13. Januar 2016,  bekommt Wallraff für sein Lebenswerk den Ehrenpreis des  Deutschen Fernseh-Preises 2016.

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