Alle Artikel der Rubrik "Aktuelles"

Journalistik-Professor: Wir brauchen Regeln und Gerichte für soziale Netze

Geschrieben am 10. April 2018 von Paul-Josef Raue.
Der Dortmunder Journalistik-Professor Tobias Gostomczyk (43)

Der Dortmunder Journalistik-Professor Tobias Gostomzyk (43). Privat-Foto / SZ

Was bedeutet „Öffentlichkeit“ im Netz? Wie unterscheidet sie sich von der „Öffentlichkeit“ in der analogen Welt? Der Dortmunder Journalistik-Professor Tobias Gostomzyk (43) empfiehlt in einem Gastkommentar für die Süddeutsche Zeitung neue Regeln für die neue digitale Welt und kritisiert: „Löschen reicht nicht. Wer die Hasskriminalität im Netz bekämpfen will, muss neue Wege gehen – die Bundesregierung setzt auf das falsche Gesetz“.

 

So war es in der analogen Welt (und ist es dort noch heute): Öffentlichkeit stellen die Massenmedien her, sie sind die Gatekeeper für die Meinungsbildung in der Demokratie; Gesetze verpflichten sie zu einer hohen Sorgfalt.

Für einfache Bürger gelten in der  alten Welt nicht diese hohen Sorgfalts-Forderungen, es gilt ein „Laienprivileg“, so der Journalistik-Professor: „Wenn sich ein Einzelner auf Informationen bezieht, die sich seinem Erfahrungs- und Kontrollbereich entziehen, gelten für ihn geringere Prüfpflichten als für Massenmedien. Es wird akzeptiert, dass jeder Einzelne nicht in jeder Situation jede Information prüfen kann. Er verbreitet seine Äußerungen aber auch nicht regelmäßig an Tausende Leser.“

In der analogen, der „Offline-Welt“ existieren getrennte Kommunikationsräume: Privat, teilöffentlicher Arbeitsplatz, öffentliche Veranstaltung. Im Netz verschwimmen diese Grenzen. Gostomzyk gibt beispielhaft ein Urteil des Landgerichts Saarbrücken wieder:

„Eine Frau schickte eine private Nachricht an den Facebook-Account von Til Schweiger. Er solle seiner Ankündigung Taten folgen lassen, im Falle von nennenswerten Wahlerfolgen der AfD aus Deutschland auszuwandern. Daraufhin machte Til Schweiger den Inhalt der Nachricht samt Klarnamen der Frau auf seiner Facebook-Seite öffentlich.“

Das sei zulässig „wegen des sogenannten Rechts auf Gegenschlag“, so urteilte das Gericht. Die Kritik des Wissenschaftlers: Es hat nicht berücksichtigt, dass Til Schweiger mehr als eine Million Abonnenten erreicht; es ignorierte den digitalen Strukturwandel der Öffentlichkeit. „Im Netz steigt die Wahrscheinlichkeit, mit Äußerungen konfrontiert zu werden, denen man sich offline gut entziehen konnte.“

Das NetzDG (Netzwerkdurchsetzungsgesetz) will erreichen, dass Fake-News und Hass geprüft und schnell gelöscht werden. Aber nach welchen Regeln? Darum  müssten sich die Gerichte kümmern, aber sie werden  nur selten eingeschaltet: Es sei zu kostspielig, aufwendig und langwierig, um auf rechtsverletzende Posts zu reagieren. So entstünde kein Richter-Recht und folge keine Debatte über die Regeln in den sozialen Netzen.

Wie kommen wir aus diesem Dilemma heraus. Der Journalistik-Professor weist auf eine Lösung hin: Privat-öffentliche Cyber Courts. „Sie sollen nicht nur schnell und flexibel entscheiden, sondern auch anhand von Einzelfällen Kommunikationsstandards für das Netz herausbilden. Dabei gilt es, ein angemessenes Verständnis für die Besonderheiten der Netzkommunikation zugrunde zu legen – jenseits der bloßen Löschlogik des NetzDG.“

 

Den Leser wie ein Spaziergänger erleben

Geschrieben am 7. Februar 2018 von Paul-Josef Raue.
Der Spaziergänger nach Syrakus: Johann Gottfried Seume. Foto: Wikipedia

Der Spaziergänger nach Syrakus: Johann Gottfried Seume. Foto: Wikipedia

Johann Gottfried Seume, der Spaziergänger nach Syrakus, könnte ein Vorbild sein für Journalisten:

„Er ging bewusst zu Fuß, statt die Kutsche zu benutzen, weil er nicht auf die Leute herabblicken, sondern die Länder auf Augenhöhe mit den einfachen Menschen erleben wollte.“

(Dirk Sangmeister, Herausgeber der Werke Seumes (1763-1810), in der Braunschweiger Zeitung, 8.2.2018)

Die Leute in Pommern denken vorher, die in Sachsen nachher

Geschrieben am 2. Februar 2018 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 2. Februar 2018 von Paul-Josef Raue in Aktuelles.
Hans Modrow war der letzte DDR-Ministerpräsident. Foto: Blömke-Kosinsky-Tschöpe Wkipedia

Hans Modrow war der letzte DDR-Ministerpräsident. Foto: Blömke-Kosinsky-Tschöpe Wkipedia

Wie Hans Modrow, der letzte DDR-Ministerpräsident, indirekt erklärt, warum Sachsen die Heimat von Pegida und AfD ist:

„Ich stamme aus Pommern, und unser Menschenschlag überlegt vier Wochen vorher, wenn er was zu Papier bringen soll. Der Sachse dagegen schreibt einfach auf und überlegt sich dann zwei Wochen später: Was habe ich da eigentlich geschrieben?“

Quelle SZ 2.2.18 (Wirtschaft S. 21)

Das Zeitschriften-Quiz (Auflösung): Auflagen fallen, Titelzahl steigt

Geschrieben am 31. Januar 2018 von Paul-Josef Raue.
Die Zeitschrift mit der weltweit höchsten Auflage erscheint in über 300 Sprachen: Der Wachturm der Zeugen Jehovas.

Die Zeitschriften mit den weltweit höchsten Auflagen erscheint in über 300 Sprachen: „Der Wachturm“und „Erwachet“ der Zeugen Jehovas.

Das ist die Auflösung des Zeitschriften-Quiz:

A. Wie viele Zeitschriften werden im Jahr verkauft?

4. 100 Millionen.  Genau sind es in Deutschland 95 Millionen in 2017, im Jahr davor waren es 98 Millionen. Die Auflagen sinken leicht, die Zahl der Titel steigt.

B. Welches Magazin wird weltweit am meisten verkauft?

4. Watchtower (Wachturm),  die Zeitschrift der Zeugen Jehovas (siehe Antwort auf Frage D)

C. Welches deutsche Magazin ist in der Welt-Rangliste unter den Top 10?

2. ADAC Motorwelt: Auf Platz 4 hinter Wachturm und Erwachet sowie dem Magazin der US-Senioren-Vereinigung AARP mit 23 Millionen Auflage. Die Motorwelt hat rund 14 Millionen Auflage.

D. Wie hoch ist die Auflage der größten Zeitschrift der Welt?

4. 45 Millionen – das ist aber eine ältere Zahl: Der „Wachturm“ der Zeugen Jehovas erscheint weltweit in über dreihundert Sprache und wird nach neuen Angaben mit 62 Millionen angegeben; zusammen mit der Studienausgabe sind es sogar 76 Millionen. Auch auf dem zweiten Platz liegt mit „Erwachet“ eine weitere Zeitschrift der Zeugen Jehovas mit einer Auflage von 60 Millionen.

E. Welche Kauf-Magazine sind in D regelmäßig Auflagen-Millionäre?

1. TV-Magazine (wie TV 14 oder TV digital): TV 14 verkauft durchschnittlich 2,1 Millionen Exemplare, TV Digital rund 1,5 Millionen.

F. Wächst oder sinkt die Zahl der Magazine – im Vergleich 2001 zu heute?

4. Steigt um 35 Prozent: Zur Zeit gibt es rund 1600 Titel, vor 17 Jahren waren es knapp 1200 nach Angaben des „Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ)“      (Pressekonferenz im April 2017).

Gaffer mit dem Smartphone: Die Leute waren schon immer so

Geschrieben am 27. Januar 2018 von Paul-Josef Raue.
1 Kommentar / Geschrieben am 27. Januar 2018 von Paul-Josef Raue in Aktuelles, C 5 Internet-Revolution, K 41 Das Foto.
Tatort "Deja-vu": Der Stiefvater des ermordeten Jungen an der Elbe, im Hintergrund die Gaffer. Foto: Das Erste

Tatort „Deja-vu“: Der Stiefvater des ermordeten Jungen an der Elbe, im Hintergrund die Gaffer. Foto: Das Erste

Im MDR-Tatort „Deja-vu“, am Sonntag im Ersten, ist eine Kinderleiche zu sehen, die aus der Elbe gezogen wird. Gaffer fotografieren mit ihren Handys. „Wie sind die Leute nur so krank geworden?“, fragt Kommissarin Henni Sieland. „Die waren schon immer so“, entgegnet ihre Kollegin Karin Gorniak. „Nur gab es früher keine Smartphones.“

Quelle: FAZ 27.1.2018

Bernhard Schlink: Warum ich kurze Sätze schreibe

Geschrieben am 25. Januar 2018 von Paul-Josef Raue.
Der Schriftsteller Bernhard Schlink. Foto: Alberto Venzago - Diogenes Verlag

Der Schriftsteller Bernhard Schlink. Sein neuer Roman „Olga“, erschienen bei Diogenes.  Foto: Alberto Venzago – Diogenes Verlag

„Ich versuche, so zu schreiben, dass es jeder lesen kann und lesen mag“,

sagt der Dichter Bernhard Schlink in einem SZ-Interview. „Ist das der Grund, dass Sie kurze, prägnante Sätze schreiben, diesen Schlink-Stil?“,  fragt der Redakteur.

„Ich will nicht, dass meine Leser und Leserinnen sich mit dem Entziffern meiner Texte abmühen. Sie sollen sich mit der Geschichte, den Personen, den Gedanken beschäftigen können.“

Quelle: Süddeutsche Zeitung 21. Januar 2018 „Ich wollte ein Volksschriftsteller werden“

Facebook-Kommentar von Ulrike Kaiser:

Guter Hinweis, danke dafür. Aus diesem Grund empfehle ich noch immer das Buch von E. A. Rauter „Vom Umgang mit Wörtern“. Stammt zwar aus einer anderen Zeit, wie sich an vielen Textbeispielen unschwer erkennen lässt. Enthält aber viele Merksätze für den journalistischen Alltag. Zum Beispiel, dass man nur etwas verständlich vermitteln kann, was man selbst verstanden hat. Oder dass man Lesern nicht die Arbeit überlassen darf, die man sich selbst beim Schreiben nicht machen wollte oder konnte.

Qualität im Journalismus: Wahr, wichtig, tief recherchiert – Interview mit Medienprofessor Bucher (Teil 2)

Geschrieben am 23. Januar 2018 von Paul-Josef Raue.
Der Trierer Medien-Professor Hans-Jürgen Bucher mit seiner Doktorandin Bettina Boy. Foto: Uni Trier

Der Trierer Medien-Professor Hans-Jürgen Bucher mit seiner Doktorandin Bettina Boy. Foto: Uni Trier

Herr Professor Bucher, Sie machten vor zehn Jahren Schlagzeilen, als sie die „Twitter-Wall“ bei Ihren Vorlesungen einführten. Studenten konnten ihre Fragen anonym per Twitter formulieren – für jeden Zuhörer und Sie im Hörsaal sichtbar. Hat sich die Wand bewährt?

Ja. Die Idee zur Twitterwall ist im Rahmen eines großen Verbundprojektes von verschiedenen Universitäten zum Thema „Interactive Science“ entstanden. Die zentrale Forschungsfrage war damals, wie die Digitalisierung die Wissenschaftskommunikation verändert und ob sie eventuell zu einer Demokratisierung im Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit beitragen kann. Die Vorlesung ist ein Vermittlungsformat, das aus dem 19. Jahrhundert stammt und das den Zuhörern sehr eingeschränkte Partizipationsmöglichkeiten bietet.

Die Twitterwall war eine Idee, diese an sich überholte Vermittlungsform, die letztendlich den Kapazitätsproblemen der Universitäten geschuldet ist, dialogisch aufzubrechen. In meinen Vorlesungen ist sie zu einem festen Bestandteil geworden, der sich schon deshalb bewährt hat, weil nicht nur die Tweets, sondern auch die mündlichen Redebeiträge zu einer deutlich dialogischeren Situation beigetragen haben. Dass  die Tweets manchmal auch für Kneipenverabredungen, Liebeserklärungen und schräge Kommentare genutzt werden, muss man im bestimmten Rahmen aushalten.

Sie gehörten zu den ersten, die Regeln für die Qualität im Journalismus aufstellen und messen wollten. Doch die meisten Journalisten halten es immer noch mit ihrem Professoren-Kollegen Ruß-Mohl: „Qualität im Journalismus definieren zu wollen gleicht dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln.“ Wie definieren Sie Qualität?

Dass die Debatte um journalistische Qualität so unentscheidbar zu sein scheint, wie es auch das Bild vom Pudding-an-der-Wand suggeriert, hat seinen Grund darin, dass Medienbeiträge unter verschiedene Gesichtspunkten, verschiedenen Zielsetzungen und von verschiedenen Rezipiententypen beurteilbar sind. Es gibt allerdings einen festen Anker in dieser Debatte: die zentrale Funktion des Journalismus ist es, eine öffentliche Meinungsbildung mit rationalen und argumentativen Mittel zu fördern.

Lassen sich aus der zentralen Funktion Regeln ableiten, goldene Regeln der Qualität?

Wir nennen sie Funktionsnormen, die auch in verschiedenen Urteilen des Bundesverfassungsgerichts formuliert sind: deliberative – also eine argumentative, Pro und Contra abwägende – Meinungsbildung setzt voraus, dass die Berichterstattung wahrheitsgemäß ist,

  • dass sie die relevanten Themen aufgreift,
  • dass die entsprechenden Beiträge informative für die Rezipienten sind – was nur mit einer bestimmte Recherchetiefe zu leisten ist, und
  • dass sie so verständlich und attraktiv gestaltet und formuliert sind, dass sie bei den Adressaten auf Akzeptanz stoßen.

Man sieht sehr schnell, dass die Standards untereinander zusammenhängen und alle Bereiche des journalistischen Arbeitens umfassen: von der Recherche bis zur spezifischen Aufbereitung im jeweiligen Medium.

Stellt das Publikum – vor allem die digitale Generation – andere Anforderungen an die Qualität als die ältere, die analoge?

Ja, mit dem Internet ist eine neue Kultur der Informations- und Wissensvermittlung entstanden. Im Unterschied zu ihrem analogen Pendant ist sie multimodal, besteht also aus ganz unterschiedlichen Symbolsystemen wie gesprochene und geschriebene Sprache, Abbildungen, Grafiken, Bewegbilder, Soundbites, Animationen, sie ist nicht mehr linear, sondern vernetzt und hypertextuell.
Es haben sich mit den sozialen Medien neue Distributionsplattformen für Information und Wissen parallel zum Journalismus etabliert, und wir können uns global informieren. Diese neue Informations- und Wissenskultur hat Einfluss auch auf die Art und Weise, wie wir die sogenannten alten Medien nutzen – bei denen, die nur mit diesen neuen Möglichkeiten aufgewachsen sind, stärker als bei denjenigen, die die mit den traditionellen Medien sozialisiert wurden.

Wenn das Internet das Lesen und Sehen so verändert: Wie ändern sich die Leser und Zuschauer? Und welche Folgen hat das für den Journalismus?

Die Anforderungen an die Selektionsleistungen des Publikums sind deutlich gewachsen. Damit das nicht zur Bildung abgeschlossener Filterblasen führt, in denen jeder nur noch das rezipiert, was zu seiner Weltsicht passt, muss der Journalismus neben seiner Informationsaufgabe auch eine Moderations- und Vermittlungsaufgabe zwischen diesen Communities übernehmen. Dazu gehört es auch, populistischen Emotionalisierungen von Themen nicht hinterher zu laufen, sondern sie durch Aufklärung zu versachlichen.

Sie waren einer der ersten, der mit der Blickaufzeichnung arbeitete und so herausfand, wie Menschen Zeitung lesen. Lesen die Leute digital anders als auf Papier?

In einer Studie haben wir vergleichend das Nutzungsverhalten in der gedruckten Ausgabe und der App von Süddeutsche und Welt mit einer Blickaufzeichnung und mit Interviews untersucht. Dabei hat sich ergeben: die beiden Formate werden unterschiedlich gelesen, aber es werden Erschließungsstrategien aus dem Print- in das Online-Format übernommen. So ist der Anteil der Intensivleser – die also mehr als 50% ihre Nutzungszeit mit Lesen und nicht mit Scannen oder Suchen verbringen  – in der Printausgabe deutlich höher ist als in der App, bei der die sogenannten Anleser dominieren. Vom einzelnen Beitrag wird auch in der Printausgabe mehr an Text gelesen.

Umgekehrt werden in der App mehr Beiträge angeschaut – nämlich etwa 80 Prozent – in der Printausgabe aber nur 56 Prozent.

Und in der App dominiert die Unterhaltung?

Nein, die von Kulturkritikern immer wieder vorgebrachte Befürchtung, dass Online-Nutzung nicht informations-, sondern unterhaltungsorientiert ist, wird von der Studie widerlegt:  das „bunte“ Ressort Panorama wird in den Apps nicht länger rezipiert als in den Printprodukten.

An Ihrer Universität in Trier wird kontrovers über die Zukunft der Medienwissenschaft debattiert. Brauchen wir wirklich Medienwissenschaft? In Trier und überall?

Ich würde sagen: mehr denn je. Aber die Medienwissenschaft muss sich wandeln – sowie sich die Medienlandschaft insgesamt gewandelt hat. Die an den alten Distributionsmedien ausgerichteten Forschungsstrategien, Theorien und Methoden müssen an die neue Partizipationsmedien des Internet angepasst werden.

Das bedeutet: sie müssen auch die großen, unstrukturierten Datenmengen der sozialen Medien und der entsprechenden Nutzerkommentierungen bewältigen, sie dürfen sich nicht, wie bisher, auf die Textanalyse beschränken sondern müssen auch Ansätze für die zunehmende Visualisierung der Medienkommunikation entwickeln und , sie müssen neue Ausprägungen des Journalismus wie Datenjournalismus oder den Social-Media-Journalismus ins Blickfeld nehmen.

Dafür sind neue interdisziplinäre Kooperationen erforderlich wie wir sie für die Zukunft der Trierer Medienwissenschaft bereits vorgesehen haben: Kooperationen mit den Digital Humanities und der Computerlinguistik für die computergestützte Analyse digitaler Korpora, mit der Informatik und der Simulationsforschung, der Soziologie und nicht zuletzt auch mit den Bildwissenschaften.

 

Eine Zusammenfassung der beiden Teile des Interviews in meiner Kolumne JOURNALISMUS! auf „kress.de“.

Der neue Verleger der „New York Times“ begann als Lokalreporter in einem Fischerdorf

Geschrieben am 22. Januar 2018 von Paul-Josef Raue.
Arthur Gregg Sulzburger in der Redaktion der "New York Times". Foto David W. Dunlap, NYT

Arthur Gregg Sulzberger in der Redaktion der „New York Times“. Foto David W. Dunlap, NYT

Eigentlich wollte Arthur Gregg Sulzberger, der neue Verleger der New York Times, kein Journalist werden – bevor ihn seine Professorin überredete, für zwei Jahre in der Lokalzeitung eines Fischerdorfs an der Küste zu arbeiten. Sulzberger stand kurz vor seinem Abschluss in Politikwissenschaft, als er in seiner Klasse auf die Professorin Tracy Breton traf, die gleichzeitig eine investigative Reporterin beim Providence Journal war (was in USA nicht ungewöhnlich ist).  Tracy Breton, die schon einen Pulitzer-Preis gewonnen hatte, war eine großartige Reporterin, erzählt Sulzberger in einem Interview mit dem New Yorker. Sie weckte die Leidenschaft für den Journalismus – „ich liebte einfach ihre Art zu schreiben.“

Den Moment, in dem er den Journalismus für sich entdeckte, beschreibt Sulzberger so: „Am Ende eines zweistündigen Gesprächs sagte Tracy: ‚ Arthur, ich habe einen Job für dich im Providence Journal. Es ist ein zweijähriges Praktikum, und ich möchte, dass du es machst:  Narragansett ist eine kleine Stadt im Süden von Rhode Island.’“

Doch Sulzberger wehrte sich: „Ich werde meine Karriere mit anderen Dingen beginnen.“ Tracy überredete ihn: „Wenn du es nicht versuchst, wirst du dich immer wundern.“ Er versucht es, wird Stadtreporter, berichtet über Stadtrats-und Schulrats-Ssitzungen, ruft jeden Morgen den Polizeichef an und fragt, was über Nacht passiert sei.

„Die ersten drei Monate waren hart“, erzählt Sulzberger, „denn die Aufgabe des Reporters ist es, allen anderen etwas zu erklären. Aber wann immer Sie einen neuen Job beginnen, wissen Sie genau, wie viel Sie nicht wissen.“ Aber er bekam Lust darauf, einen halben Tag mit den Leuten zu reden, herauszufinden, was in der Welt vor sich geht, und den anderen halben Tag alleine eine Geschichte zu schreiben. „Ich liebte einfach den Rhythmus der Tage.“

Es folgten weitere Stationen beim Oregonian und in den Great Plains als Chef der Times Kansas-Stadt-Redaktion, wo er Aufsehen erregt mit der Reportage eines Vegetarier im „Mekka des Fleisches“. David Remnick erinnert sich im New Yorker: „An Arthur Bryants berühmtem Grillplatz lehnte er die Rinderbrust und die mit Schmalz gefüllten Pommes Frites ab und trank ein Budweiser (Bud) zum Mittagessen. Trotz der Größe der Schlagzeile konnten fleischfressende Leser nicht umhin, Sympathie für ihren selbstverleugnenden Korrespondenten zu empfinden.“

Neujahr wurde A.G. Sulzberger Verleger der New York Times als sechstes Mitglied der Familien-Dynastie Ochs-Sulzberger, die 1896 die Zeitung gekauft hatte.

Mehr in meiner Kolumne JOURNALISMUS! bei kress.de.

Anne Will in der Gender-Falle: Mitgliederinnen und Mitglieder

Geschrieben am 22. Januar 2018 von Paul-Josef Raue.
Anne Will moderiert ihre Talkshow am Sonntag nach dem Tatort. Foto: NDR

Anne Will moderiert ihre Talkshow am Sonntag nach dem Tatort. Foto: NDR

Sie hat es gut gemeint in ihrer Talkshow: Anne Will dachte an die weiblichen Zuschauerinnen, als sie fragte: „War Angela Merkel jemals so in der Hand der Sozialdemokraten, zunächst der Delegierten, dann noch“ – und jetzt stolpert sie in die sprachliche Gender-Falle – „der Mitgliederinnen und Mitglieder.“

Nun ist das „Mitglied“ sprachlich weder Mann noch Frau, sondern eine Sache wie das Kind und das Weib – und auch gendermäßig einfach ein Neutrum.

Info:

Wer nachschauen will: Nach knapp neun Minuten sind die „Mitgliederinnen“ zu hören.

Journalisten müssen mehr moderieren – Interview mit Medien-Professor Hans-Jürgen Bucher (Teil 1)

Geschrieben am 20. Januar 2018 von Paul-Josef Raue.
Hans-Jürgen Bucher ist Professor der Medienwissenschaft Trier. TV-Foto (2013) Marcel Wollscheid

Hans-Jürgen Bucher ist Professor der Medienwissenschaft Trier. TV-Foto (2013): Marcel Wollscheid

Hans-Jürgen Bucher war der erste Professor, als vor zwanzig Jahren die „Medienwissenschaft“ in Trier gegründet wurde. Zum Jubiläum, das am Samstag (27. Januar 2018) gefeiert wird, sprach ich mit Professor Bucher über das Verhältnis von Medienwissenschaft und Journalisten, die Ausbildung von  Journalisten in den USA und in Deutschland sowie den Unwillen von Journalisten an der Weiterbildung.

 

Herr Professor Bucher, Medienwissenschaftler und Journalisten in Deutschland scheinen in verschiedenen Welten zu leben. Was läuft da schief?

Nichts, ich sehe darin kein Problem, sondern eine Chance: Journalisten und Medienwissenschaftler müssen in zwei verschiedenen Welten leben. Täten sie das nicht, würden sich die wechselseitige Kritik und Befruchtung aufheben. Journalismus unterliegt z.B. der Aktualitätsmaxime, was für die Wissenschaft nicht gelten kann, die an langfristigen Erkenntnissen – genannt Grundlagenforschung – interessiert sein muss. Journalismusforschung ohne Distanz zum Journalismus ist rein logisch gar nicht möglich – wenn sie nicht zur Reportage über Journalisten verkommen möchte (was es natürlich auch manchmal gibt).

Das hört sich nett an: Wechselseitige Befruchtung. Die setzt aber Begegnung voraus: Wie kommen nun Medienwissenschaftler und Journalisten in einen Dialog?

 Zum Beispiel dadurch, dass man sich gegenseitig zu Tagungen einlädt, wie wir das in der Trierer Medienwissenschaft bei einer Tagung zur journalistischen Qualität getan haben. Auch anwendungsorientierte Forschungsprojekte in Kooperation mit Redaktionen sind ein guter Weg, in einen Dialog zu kommen. Wir haben das bei verschiedenen Relaunch-Projekten von Zeitungen ebenso praktiziert wie bei der Evaluierung von Online-Angeboten.

Sie lehrten als Gastprofessor in den USA, wo die Kommunikation zwischen Redaktionen und Wissenschaft alltäglich ist. Dort werden alle Redakteure an Universitäten ausgebildet. Wäre  das ein Vorbild für uns?

 Diese Frage wird für die Journalistenausbildung in Deutschland gestellt, seit sich Karl Jäger und Emil Dovifat in den 1920er-Jahren mit den viel älteren US-amerikanischen Universitäts-Curricula für Journalisten befasst haben. Beide haben darauf hingewiesen, dass bei einem Vergleich der Ausbildungswege auch die Unterschiede zwischen den Journalismus-Kulturen in den beiden Ländern zu berücksichtigen sind.

Beide beurteilen demzufolge die universitäre Journalisten-Ausbildung in den USA als „Drill“ und „Berufsausbildung“, während in Deutschland, damals wie heute, der Ansatz einer „Berufsbildung“ oder „Berufsvorbildung“ – wie es bei Jäger heißt – verfolgt wird.

Also doch unser „Learning by doing“ mit ein bisschen Journalistenschule zwischendrin?

Man kann lange darüber streiten, welches der bessere Weg ist. Im Grund haben wir in Deutschland ja beide Modelle: Auf der einen Seite die stark am Beruf ausgerichteten Studiengänge, beispielsweise in Dortmund und Leipzig oder an den Hochschulen Darmstadt und Bremen; auf der anderen Seite die stärker wissenschaftlich ausgerichteten Studiengänge, die wissenschaftliches Wissen über Medien und Journalismus im Sinne eines Orientierungswissens für den späteren Beruf vermitteln.
Ich persönlich halte den zweiten Weg angesichts der hohen Dynamik der Medienentwicklung derzeit für nicht verzichtbar: Universitäten können nicht ein Volontariat ersetzen, und sie sind auch keine Fachhochschulen für die Berufsausbildung.

Hat das zur Folge, dass ein angehender Medienwissenschaftler dem Journalismus fern bleibt, nie in eine Redaktion schaut?

Es spricht überhaupt nichts dagegen, in das zu vermittelnde Orientierungswissen auch die Perspektive der aktuellen Medienpraxis einzubeziehen, sei es durch Lehrbeauftragte aus dem Journalismus, verpflichtende Praktika und medienpraktische Lehrveranstaltungen oder – wie wir das in Trier praktizieren – durch eine Honorarprofessur, die von einem Medienpraktiker und Medienberater besetzt ist.

Gehört die Journalistenausbildung also, wenn überhaupt, an die Fachhochschule? Oder in die großen Akademien der Konzerne wie bei Springer oder RTL?

Viele Wege führen in Deutschland in den Journalismus, und das halte ich für einen Vorteil und keinen Nachteil. Die Anforderungen in den verschiedenen Redaktionen sind auch so unterschiedlich, dass es falsch wäre, den Berufszugang auf ein Modell zu beschränken. Der Redakteur bei der ZEIT braucht andere Qualifikationen als ein Lokaljournalist oder der Video-Reporter für ein Online-Magazin.
Entscheidend ist, dass die Weiterbildungsangebote auch nach dem Abschluss der ersten Phase einer hochschulgebundenen Ausbildung vorhanden sind. Hier würde meine Kritik ansetzen – auch aus der eigenen Erfahrung an einer Journalistenschule: Kaum ein Berufsstand ist so weiterbildungsresistent wie Journalisten. Würde sich das ändern, hätte das gravierende Auswirkungen auf die Qualität der verschiedenen Medienangebote.

Steckt die Journalismus-Forschung bei uns, im Vergleich zu den USA, noch in den Kinderschuhen?

Nein, das Gegenteil erleben Sie immer wieder in Forschungs-Kooperationen und auf internationalen Tagungen: Die Journalismusforschung hat in Deutschland in den letzten 40 Jahren eine eigenständige Entwicklung genommen, mit einer gründlichen theoretischen Fundierung, die es so in den USA nicht gegeben hat. Diese Entwicklung spiegelt sich auch darin, dass für den Journalismus und die Journalismusforschung eine vorbildliche deutschsprachige Einführung- und Fundierungs-Literatur vorliegt.

Wolf Schneider, einer der Großen des Journalismus, rät dringend ab, Germanistik, Soziologie, Psychologie und Kommunikationswissenschaften zu studieren. Ein junger Mensch verplempere dafür Jahre seines Lebens. Woher kommt diese weit verbreitete Verachtung des Akademischen im Journalismus?

Ich halte das für keine Mehrheitsmeinung. In ihrer Pauschalität leisten sie auch populistischen, anti-intellektuellen Strömungen Vorschub. Dahinter scheint mir die Auffassung zu stecken, dass Journalismus ein Begabungsberuf ist, den man nicht erlernen kann. Je komplexer die Medienlandschaft wird, umso weniger ist es ausreichend, nur gute Texte schreiben zu können. Im Übrigen hätten Wolf Schneiders Bücher zum journalistischen Schreiben eine bisschen mehr akademisch-linguistisches Basiswissen gut getan.

Sie sind einer der wenigen Professoren, der aus dem Journalismus kommt. Zwar wollten Sie eigentlich Sportlehrer werden, aber gingen nach dem Referendariat in die Wissenschaft, promovierten und lehrten als Dozent am Haus Busch, einer der bedeutenden Ausbildungs-Stätten in den achtziger und neunziger Jahren. Warum volontierten Sie dann noch beim Schwäbischen Tagblatt in Tübingen?

Ich wollte – neben meiner Neugier – wissen, ob meine Ideen für einen guten Journalismus auch praxistauglich sind. Wir hatten an der Journalistenschule das Konzept „Textdesign“ entwickelt  – also die Idee, dass Form und Inhalt auch im Journalismus zusammengehören und deshalb Design nicht Verpackungskunst ist, sondern Teil des Journalismus.

Ich hatte bereits während meiner Promotion zu einem Pressethema verschiedene Praktika bei der Lokalzeitung in Tübingen, dem Schwäbischen Tagblatt, absolviert und dabei ein Volontariats-Angebot erhalten, das der damalige Chefredakteur mir für einige Zeit offen gehalten hat. Ich habe das Angebot dann aufgegriffen, da das Schwäbische Tagblatt damals als eine der innovativsten und besten Lokalzeitungen in Deutschland galt.
Die „taz“ beschrieb es 2004 als „eine journalistische Blüte im Sumpf einer von kleinmütigen und buchhalterischen Verlegern beherrschten Zeitungslandschaft“. Die erschien mir als gute Lehrstelle mit den entsprechenden Freiräumen zum Ausprobieren unkonventioneller Ideen – was sich auch bestätigt hat.

„Der Kontrast zum langatmigen wissenschaftlichen Arbeiten kam mir damals sehr entgegen“, zitiert sie die Süddeutsche Zeitung. Haben Sie in den zwei Jahrzehnten als Hochschul-Lehrer die Brücke schlagen  können: Weniger langatmig, mehr knapp und hilfreich?

Zumindest kam mir beim Aufbau des Studienganges „Medienwissenschaft“ an der Universität meine journalistische Praxiserfahrung sehr zu Hilfe. Ich hatte ja nach der Zeitung noch als Hörfunkjournalist im Tübinger Landestudio des SWR – der damals noch SWF hieß – gearbeitet und auch journalistische Weiterbildungsseminare an verschiedenen Universitäten und Einrichtungen angeboten.

Sehr früh gelangte dann – dank produktiver Kontakte zu früheren Kollegen an der Journalistenschule – der Online-Journalismus in mein Weiterbildungs-Portfolio, an dem die Relevanz des Konzeptes „Textdesign“ noch offensichtlicher geworden ist: Im Internet ist Design der Schlüssel zum Inhalt. Die Denomination der Trierer Professur als Printprofessur habe ich dann von Beginn auf „Print- und Online-Professur“ ausgeweitet.

Die Trierer Medienwissenschaft war ein der ersten universitären Studiengänge, in denen das Internet zum festen Bestandteil des Curriculums und auch der Forschung gehörte. Insofern: ja die publizistische Praxis hat Eingang in meine akademische Tätigkeit gefunden und auch meine Forschungsinteressen maßgeblich beeinflusst.

Teil 2 folgt

Eine Zusammenfassung des Interviews in meiner Kolumne JOURNALISMUS! auf „kress.de“.

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