Qualität im Journalismus: Wahr, wichtig, tief recherchiert – Interview mit Medienprofessor Bucher (Teil 2)

Geschrieben am 23. Januar 2018 von Paul-Josef Raue.
Der Trierer Medien-Professor Hans-Jürgen Bucher mit seiner Doktorandin Bettina Boy. Foto: Uni Trier

Der Trierer Medien-Professor Hans-Jürgen Bucher mit seiner Doktorandin Bettina Boy. Foto: Uni Trier

Herr Professor Bucher, Sie machten vor zehn Jahren Schlagzeilen, als sie die „Twitter-Wall“ bei Ihren Vorlesungen einführten. Studenten konnten ihre Fragen anonym per Twitter formulieren – für jeden Zuhörer und Sie im Hörsaal sichtbar. Hat sich die Wand bewährt?

Ja. Die Idee zur Twitterwall ist im Rahmen eines großen Verbundprojektes von verschiedenen Universitäten zum Thema „Interactive Science“ entstanden. Die zentrale Forschungsfrage war damals, wie die Digitalisierung die Wissenschaftskommunikation verändert und ob sie eventuell zu einer Demokratisierung im Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit beitragen kann. Die Vorlesung ist ein Vermittlungsformat, das aus dem 19. Jahrhundert stammt und das den Zuhörern sehr eingeschränkte Partizipationsmöglichkeiten bietet.

Die Twitterwall war eine Idee, diese an sich überholte Vermittlungsform, die letztendlich den Kapazitätsproblemen der Universitäten geschuldet ist, dialogisch aufzubrechen. In meinen Vorlesungen ist sie zu einem festen Bestandteil geworden, der sich schon deshalb bewährt hat, weil nicht nur die Tweets, sondern auch die mündlichen Redebeiträge zu einer deutlich dialogischeren Situation beigetragen haben. Dass  die Tweets manchmal auch für Kneipenverabredungen, Liebeserklärungen und schräge Kommentare genutzt werden, muss man im bestimmten Rahmen aushalten.

Sie gehörten zu den ersten, die Regeln für die Qualität im Journalismus aufstellen und messen wollten. Doch die meisten Journalisten halten es immer noch mit ihrem Professoren-Kollegen Ruß-Mohl: „Qualität im Journalismus definieren zu wollen gleicht dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln.“ Wie definieren Sie Qualität?

Dass die Debatte um journalistische Qualität so unentscheidbar zu sein scheint, wie es auch das Bild vom Pudding-an-der-Wand suggeriert, hat seinen Grund darin, dass Medienbeiträge unter verschiedene Gesichtspunkten, verschiedenen Zielsetzungen und von verschiedenen Rezipiententypen beurteilbar sind. Es gibt allerdings einen festen Anker in dieser Debatte: die zentrale Funktion des Journalismus ist es, eine öffentliche Meinungsbildung mit rationalen und argumentativen Mittel zu fördern.

Lassen sich aus der zentralen Funktion Regeln ableiten, goldene Regeln der Qualität?

Wir nennen sie Funktionsnormen, die auch in verschiedenen Urteilen des Bundesverfassungsgerichts formuliert sind: deliberative – also eine argumentative, Pro und Contra abwägende – Meinungsbildung setzt voraus, dass die Berichterstattung wahrheitsgemäß ist,

  • dass sie die relevanten Themen aufgreift,
  • dass die entsprechenden Beiträge informative für die Rezipienten sind – was nur mit einer bestimmte Recherchetiefe zu leisten ist, und
  • dass sie so verständlich und attraktiv gestaltet und formuliert sind, dass sie bei den Adressaten auf Akzeptanz stoßen.

Man sieht sehr schnell, dass die Standards untereinander zusammenhängen und alle Bereiche des journalistischen Arbeitens umfassen: von der Recherche bis zur spezifischen Aufbereitung im jeweiligen Medium.

Stellt das Publikum – vor allem die digitale Generation – andere Anforderungen an die Qualität als die ältere, die analoge?

Ja, mit dem Internet ist eine neue Kultur der Informations- und Wissensvermittlung entstanden. Im Unterschied zu ihrem analogen Pendant ist sie multimodal, besteht also aus ganz unterschiedlichen Symbolsystemen wie gesprochene und geschriebene Sprache, Abbildungen, Grafiken, Bewegbilder, Soundbites, Animationen, sie ist nicht mehr linear, sondern vernetzt und hypertextuell.
Es haben sich mit den sozialen Medien neue Distributionsplattformen für Information und Wissen parallel zum Journalismus etabliert, und wir können uns global informieren. Diese neue Informations- und Wissenskultur hat Einfluss auch auf die Art und Weise, wie wir die sogenannten alten Medien nutzen – bei denen, die nur mit diesen neuen Möglichkeiten aufgewachsen sind, stärker als bei denjenigen, die die mit den traditionellen Medien sozialisiert wurden.

Wenn das Internet das Lesen und Sehen so verändert: Wie ändern sich die Leser und Zuschauer? Und welche Folgen hat das für den Journalismus?

Die Anforderungen an die Selektionsleistungen des Publikums sind deutlich gewachsen. Damit das nicht zur Bildung abgeschlossener Filterblasen führt, in denen jeder nur noch das rezipiert, was zu seiner Weltsicht passt, muss der Journalismus neben seiner Informationsaufgabe auch eine Moderations- und Vermittlungsaufgabe zwischen diesen Communities übernehmen. Dazu gehört es auch, populistischen Emotionalisierungen von Themen nicht hinterher zu laufen, sondern sie durch Aufklärung zu versachlichen.

Sie waren einer der ersten, der mit der Blickaufzeichnung arbeitete und so herausfand, wie Menschen Zeitung lesen. Lesen die Leute digital anders als auf Papier?

In einer Studie haben wir vergleichend das Nutzungsverhalten in der gedruckten Ausgabe und der App von Süddeutsche und Welt mit einer Blickaufzeichnung und mit Interviews untersucht. Dabei hat sich ergeben: die beiden Formate werden unterschiedlich gelesen, aber es werden Erschließungsstrategien aus dem Print- in das Online-Format übernommen. So ist der Anteil der Intensivleser – die also mehr als 50% ihre Nutzungszeit mit Lesen und nicht mit Scannen oder Suchen verbringen  – in der Printausgabe deutlich höher ist als in der App, bei der die sogenannten Anleser dominieren. Vom einzelnen Beitrag wird auch in der Printausgabe mehr an Text gelesen.

Umgekehrt werden in der App mehr Beiträge angeschaut – nämlich etwa 80 Prozent – in der Printausgabe aber nur 56 Prozent.

Und in der App dominiert die Unterhaltung?

Nein, die von Kulturkritikern immer wieder vorgebrachte Befürchtung, dass Online-Nutzung nicht informations-, sondern unterhaltungsorientiert ist, wird von der Studie widerlegt:  das „bunte“ Ressort Panorama wird in den Apps nicht länger rezipiert als in den Printprodukten.

An Ihrer Universität in Trier wird kontrovers über die Zukunft der Medienwissenschaft debattiert. Brauchen wir wirklich Medienwissenschaft? In Trier und überall?

Ich würde sagen: mehr denn je. Aber die Medienwissenschaft muss sich wandeln – sowie sich die Medienlandschaft insgesamt gewandelt hat. Die an den alten Distributionsmedien ausgerichteten Forschungsstrategien, Theorien und Methoden müssen an die neue Partizipationsmedien des Internet angepasst werden.

Das bedeutet: sie müssen auch die großen, unstrukturierten Datenmengen der sozialen Medien und der entsprechenden Nutzerkommentierungen bewältigen, sie dürfen sich nicht, wie bisher, auf die Textanalyse beschränken sondern müssen auch Ansätze für die zunehmende Visualisierung der Medienkommunikation entwickeln und , sie müssen neue Ausprägungen des Journalismus wie Datenjournalismus oder den Social-Media-Journalismus ins Blickfeld nehmen.

Dafür sind neue interdisziplinäre Kooperationen erforderlich wie wir sie für die Zukunft der Trierer Medienwissenschaft bereits vorgesehen haben: Kooperationen mit den Digital Humanities und der Computerlinguistik für die computergestützte Analyse digitaler Korpora, mit der Informatik und der Simulationsforschung, der Soziologie und nicht zuletzt auch mit den Bildwissenschaften.

 

Eine Zusammenfassung der beiden Teile des Interviews in meiner Kolumne JOURNALISMUS! auf „kress.de“.

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