Die Einheit nach 26 Jahren: Die meisten Zeitungen im Osten ohne Vergangenheit

Geschrieben am 3. Oktober 2016 von Paul-Josef Raue.
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Christiane Baumann schrieb das Buch über den DDR-Vorläufer des Nordkurier in Neubrandenburg.

Christiane Baumann schrieb das Buch über den DDR-Vorläufer des Nordkurier in Neubrandenburg.

Die meisten der fünfzehn ehemaligen DDR-Bezirkszeitungen haben sich nicht oder nicht  öffentlich mit ihrer Vergangenheit beschäftigt, stellt die Germanistin Christiane Baumann fest. Sie war im Revolutionsjahr 26 Jahre jung,  recherchierte über das Schweriner Theater in der DDR, über den SPD-Politiker Ibrahim Böhme, der als IM enttarnt wurde, und über die Geschichte der Zeitung Freie Erde in Neubrandenburg, die heute Nordkurier heißt.  Baumann über sich selbst:

Meine persönlichen Erfahrungen unterscheiden sich vermutlich nicht von denen anderer, die in den achtziger Jahren mit einem gewissen kritischen Blick lebten. Ich gehörte zu keiner Partei, auch nicht zu Oppositionsgruppen, kam zum Ende der DDR in die Nähe des Neuen Forums und dann als Quereinsteigerin in den Journalismus. Das Thema Ideologiekritik als solches hat mich aber seit dem Studium schon beschäftigt.

Ihre Recherchen zur Freien Erde – und vor allem die Veröffentlichung – sind ein Tabu-Bruch, provoziert von Lutz Schumacher, dem  Geschäftsführer und Chefredakteur des Nordkurier. Schon zuvor haben einige Zeitungen ihre DDR-Geschichte recherchieren lassen – aber die Ergebnisse im Giftschrank eingeschlossen: Zu groß war die Furcht über IM-Enttarnungen und die Reaktionen der Leser – und der Redakteure.

Christiane Baumann berichtete in einem Interview mit der Thüringer Allgemeine, die im vergangenen Jahr ebenfalls ihre DDR-Geschichte recherchieren ließ:

Die Berliner Zeitung hat zur Stasibelastung ihrer Mitarbeiter eine Studie erstellt, deren Ergebnisse aber nur teilweise veröffentlicht. Die Ostsee-Zeitung in Rostock riss in einer Serie zum 50. Jubiläum DDR-Themen zwar an, sparte aber Heikles wie die Stasi-Anbindung ihrer Redakteure aus.

Der Neubrandenburger Chefredakteur veröffentlichte die Ergebnisse der Recherche in einer Serie im Nordkurier, die abschließend in einer Broschüre zusammengefasst wurde; ähnlich verfuhr die Thüringer Allgemeine.

Die Lausitzer Rundschau in Cottbus haben die Professoren Michael Heghmanns  und Wolff Heintschel von Heinegg im Auftrag des Verlags untersucht; ihre Recherche veröffentlichten sie nur in einem Band der Schriftenreihe des Berliner Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR; sie nennen sämtliche Namen der IM. Das Buch ist vergriffen, aber kann als Datei komplett heruntergeladen werden:

Der Staatssicherheitsdienst in der Lausitzer Rundschau. Absicherung der Berichterstattung der SED-Bezirkszeitung Lausitzer Rundschau durch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR.

Die Autoren kommen zu dem Schluss:

Der  Einfluss des Ministeriums für Staatssicherheit auf die Berichterstattung der Lausitzer Rundschau war äußerst gering. Soweit von einer inhaltlichen Kontrolle die Rede sein kann, ging diese nicht über die allseits bekannten Formen der direkten oder indirekten Einflussnahme hinaus. Dies bedeutet, dass zum einen die Vorgaben der SED selbstverständlich Beachtung fanden und zum anderen die Mitarbeiter der Redaktionen hinreichend ’sensibilisiert‘ waren, so dass sie bereits im Wege der Selbstkontrolle alles vermieden, was zu einem Widerspruch zu den genannten Vorgaben hätte führen können.

Diese Einschätzung teilt auch Christiane Baumann nach ihren Recherchen in Neubrandenburg und Erfurt:

Es wäre völlig irrwitzig, wenn man davon ausginge, dass die Stasi das Sagen in der Zeitung hatte. Zeitungen wurden straff kontrolliert durch die Partei selbst, da war sowieso wenig Spielraum. Die Stasi schaffte darüber hinaus eine Art Parallelkontrolle. Es gab die Kontrolle nach Innen, aber es gab auch den Redakteur, der bei Künstlern, Sportlern oder in Betrieben Informationen einholte und weitergab.

Die komplette Kress-Kolumne JOURNALISMUS! zum Thema: Intellektuelle Spießer, Bevormundung und Bespitzelung

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Info: Literatur zum Thema

(bis auf die Bücher von Baumann und Maron  nur antiquarisch erhältlich):

  • „Die Zeitung ‚Freie Erde‘. Kader, Themen, Hintergründe – Beschreibung eines SED-Bezirksorgans“, wird herausgegeben von der Landesbeauftragen für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (Schwerin 2013, 179 Seiten, zu beziehen über die Landesbeauftragte für 6 Euro)
  • Über „Das Volk“ und seine Stasi-Instrumentierung wird demnächst auch ein Buch von Christiane Baumann herausgegeben, Klarnamen von IM inklusive.
  • „Willfährige Propagandisten. MfS und SED-Bezirksparteizeitungen“ von Ulrich Kluge, Steffen Birkefeld und Silvia Müller thematisiert die Berliner Zeitung, Sächsische Zeitung und den Neuen Tag
  • Monika Marons Roman „Flugasche“ spielt in Bitterfeld, dem großen Chemie-Standort der DDR, er gründet in Marons Erfahrungen als Redakteurin für die Ost-Berliner Wochenpost im Chemierevier der DDR: Die Redakteurin soll ein Porträt eines „Helden der Arbeit“ schreiben, will die Wahrheit schreiben, aber scheitert damit in der Redaktion und der Partei. Das Buch erschien 1981 nur im Westen.
  • Brigitte Klumps „Das rote Kloster. Als Zögling in der Kaderschmiede des Stasi“. Die Ex-Studentin in der Journalistenschule der DDR schrieb 1978 den Bericht, der nur im Westen erschien.
  • Gunter Holzweißig: Zensur ohne Zensor. DIE SED-Informationsdiktatur (1997). Überblick mit vielen Beispielen
  • Stefan Panne: Die Weiterleiter. Funktion und Selbstverständnis ostdeutscher Journalisten (1992). Befragung von 22 ostdeutschen Journalisten und Auswertung von 110 DDR-Romanen, in denen Journalisten eine Rolle spielen
  • Ilona Wuschig: Anspruch ohne Wirklichkeit. 15 Jahre Medien in Ostdeutschland (2005). Die Dissertation geht der – immer noch aktuellen – Frage nach, „warum ostdeutsche Journalisten seltener als ihre westdeutschen Kollegen das Gefühl haben, dass dieser ‚Staat auch ihr Staat‘ sei“ und „warum große Teile der ostdeutschen Bevölkerung kein Vertrauen in die Politik entwickelt haben und was dies für Medien bedeutet“.

 

Journalisten und Zahlen: Einige beherrschen Schlagzeilen besser als Statistik

Geschrieben am 2. Oktober 2016 von Paul-Josef Raue.
1 Kommentar / Geschrieben am 2. Oktober 2016 von Paul-Josef Raue in G 27 Vorsicht Zahlen.

 

Detlef Gürtler ist Chefredakteur der Zeitschrift GDI Impuls. Foto: GDI

Detlef Gürtler ist Chefredakteur der Zeitschrift GDI Impuls. Foto: GDI

Detlef Gürtler fand heraus: Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus waren in einem Kreuzberger Stimmbezirk in die Spalte mit den Zweitstimmen noch einmal die Erststimmen eingetragen worden. Da die AfD in dem Bezirk keinen Direktkandidat und somit keine Erststimmen hatte, sah es aus, als hätte im Kiez keiner die AfD gewählt. Was für eine Jubel-Nachricht: Die AfD-freie Zone.

Detlef Gürtler schreibt dazu in seinem Newsletter:

Shit happens, könnte man sagen; aber dadurch, dass einige Journalisten (vom Tagesspiegel-Chefredakteur Maroldt bis zum Krautreporter Dominik Wurnig) Schlagzeilen besser beherrschen als Statistik, hat sich das Mem vom „besten Kiez der Welt“ (Wurnig) ziemlich weit verbreitet. Die Korrektur hingegen interessiert wie immer kein Schwein. Solange wir Journalisten uns so verhalten, brauchen wir uns auch nicht beschweren, dass so viele Leute so wenig von unserer Arbeit halten.

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Muss man wissen, was ein Mem ist? Der Duden hat das Wort nicht aufgelistet.

Journalisten sind Anhänger der Zahlenmystik: „Deutsche Bank“ und die 10-Euro-Marke

Geschrieben am 1. Oktober 2016 von Paul-Josef Raue.
Die Börse in Frankfurt (Foto: Deutsche Börse)

Die Börse in Frankfurt (Foto: Deutsche Börse)

Die Süddeutsche Zeitung schickte eine Push-Meldung, als der Kurs der Deutschen Bank erstmals unter zehn Euro fiel. In den meisten Radio-Nachrichten war dies die Spitzenmeldung. Warum?

  • Zum einen ist, beispielsweise, die Differenz von 10,1 zu 9,9 keine andere als die von 16,4 zu 16,2.
  • Zum anderen sind Börsen so labil wie eine verliebte Frau oder ein eifersüchtiger Mann: Sie springen hin und her, oft ohne Verstand. So kletterte der Deutsche-Bank-Kurs auch wieder – nur wenige Stunden nach der Pushmeldung; er war am Ende des Börsen-Tages bei 11,71 Euro.

Dass die Deutsche Bank in Turbulenzen geschüttelt wird, dass sie in kurzer Zeit den Großteil ihres Börsenwertes verloren hat – das ist das Thema, nicht die 10-Euro-Marke. Die ist Zahlenmystik.

Der süße Duft der Heimat und das leichte Gift der Kritik – Das Süderländer Tageblatt und die Zeitungs-Zukunft

Geschrieben am 14. September 2016 von Paul-Josef Raue.
Die Redaktion des Süderländer Tageblatts. Foto: Tageblatt

Die Redaktion des Süderländer Tageblatts. Der Chef steht hinten links. Foto: Tageblatt

Was hat die Bahn eigentlich nach dem Unglück von Bad Aibling gemacht, um künftig ähnliche Fehler zu vermeiden und vor allem den menschlichen Faktor ausreichend zu berücksichtigen? Die meisten Zeitungen haben das Thema beiseite gelegt, nachdem der verantwortliche Stellwerks-Leiter als Schuldiger erkannt und angeklagt worden war.

Wer wissen will, dass die nächste Katastrophe nicht verhindert werden kann – der lese bei einer der kleinsten Zeitungen in Deutschland, beim Süderländer Tageblatt. Stephan Aschauer-Hundt ist Chefredakteur ohne Titel und schreibt aus Passion über die Bahn und die Folgen von Bad Aibling und rügt die Regierung:

Der Zugbahnfunk ist wohl nur eine hübsche Nebensächlichkeit. Nach dem Desaster von Bad Aibling redet Berlin die Unterwegs-Erreichbarkeit von Zügen und Stellwerken klein.

Stefan Aschauer-Hundt hat recherchiert: „Sämtliche derzeit installierten Geräte leiden laut Bundesregierung unter Empfangs- und Sendeproblemen.“ Der Artikel ist im Netz gegen Bezahlung zu lesen.

Das Süderländer Tageblatt  dürfte – trotz der kleinen Redaktion (oder deswegen?) –eine der stärksten Lokalredaktionen besitzen. Annette Milz stellt in „Talente 2016“ im aktuellen Medium-Magazin Laurina und Florian Ahlers vom Süderländer Tageblatt vor, beide Mitte zwanzig:

Mit der Leseraktion ,Wir sind Plettenberg – wir sind bunt‘ senden sie ein gesellschaftliches Statement in den ländlichen Raum. Zeitungsseiten, eine Beilage und eine Facebook-Seite füllten die Aktion und auch Landes- und Bundespolitiker unterstützten sie. Hunderte von Lesern sendeten ihre Foto… Sie sind froh, im Kleinen ein großes nachhaltiges Stadtgespräch in Gang gesetzt zu haben.

In meiner Kress-Kolumne JOURNALISMUS! porträtiere ich die kleine, besonders feine Zeitung:

Die neunköpfige Redaktion verwirklicht schon, was Optimisten als das Modell der Zeitungs-Zukunft sehen: Der süße Duft der Heimat und das leichte Gift der Kritik, eben Jubelarien zum Schützenfest und investigative Recherche übers neue Einkaufszentrum. Das geht – und das funktioniert. Wer mit Stefan Aschauer-Hundt, dem Chef, durchs alte Verlagshaus geht, hört einem Journalisten zu, der ein wenig stolz ist und ein wenig verbittert, der ein wenig Promi ist in einer wohlhabenden Region, aber auch ein wenig Prophet, verkannt im eigenen Land, und sogar ein wenig Märtyrer,  der sich für die gute Sache – eben die klare und tiefe Recherche – einsetzt und dafür attackiert wird.

Immer wenn etwas schief läuft in den Tälern, vermeintlich schief läuft, ist die Zeitung schuld, sagt Stefan Aschauer-Hundt. Die Zeitung ist oft der Sündenbock: Wenn sich eine Redaktion oft zwischen die Stühle setzt, wird sie nicht geliebt, aber unverzichtbar.

Stefan Aschauer-Hundt ist der Chef, der sich nicht den Titel „Chefredakteur“ gönnt: Alle in der Redaktion haben eine Stimme, alle reden mit, sagt er. Wenn seine Haare grauer wären, könnte man ihn für einen Achtundsechziger halten, in die Jahre gekommen. Aber die mögen keine Schützenfeste.

„Suchet der Stadt Bestes“, so übersetzte Luther einen Text des Propheten Jeremias. Der passte zur Zeitung in der protestantisch geprägten Stadt. Wenn es sein muss, dann kämpft die Redaktion nicht nur, sondern sie führt den Kampf an, beispielsweise gegen die Landesregierung in Düsseldorf, die vor zwei Jahren die Förderschule in Plettenberg schließen wollte – „mit der Brechstange“, wie Bürger meinten.

„Welche Kraft Lokaljournalismus haben kann, der seine Leser mit ins Boot holt, bestätigt das Ergebnis: Die Schule besteht weiterhin.“ So formulierte Dieter Golombek in der Jury-Begründung des Deutschen Lokaljournalisten-Preises 2014 und fügte an: „Die Zeitung macht das Thema zum Stadtgespräch.“ Genauer und kürzer kann man das Geheimnis des Erfolgs nicht beschreiben.

Die Redaktion nutzt offenbar den Freiraum, den ein eigener Verlag bietet: Sie muss sich nicht in ein Konzern-Korsett pressen lassen, sie bestimmt, ob sie sechs Seiten Lokales fährt oder zwanzig – je nach Thema und Recherche-Stand.

2009 gewann das Süderländer Tageblatt erstmals einen der Deutschen Lokaljournalistenpreise – für eine deutsch-deutsche Geschichte, die einmalig war und das hohe Selbstbewusstsein der Redaktion belegt: Eine „rollende Redaktion“ besuchte vier Mal die Partnerstadt in Thüringen, um die Geschichte der Einheit mit Hilfe von Zeitzeugen zu erzählen. „Wir schufen aus Sicht der Neuen Forums eine Gegenöffentlichkeit zur örtlichen Monopolzeitung, die bis zum heutigen Tag die Anliegen der Bürgerrechtsbewegung sehr verhalten behandelt“, erzählt Stefan Aschauer-Hundt. Sogar der Bürgermeister wurde überführt – „der Beschönigung seiner persönlichen Geschichte“.

Die Chuzpe muss eine West-Redaktion, zumal eine kleine, erst einmal aufbringen: Einer großen ostdeutschen Redaktion samt Leserschaft zu zeigen, was investigative Recherche ist!

Umgerechnet auf die Auflage dürfte keine Zeitung öfter den begehrten Deutschen-Lokaljournalismus-Preis gewonnen haben,  der als der wichtigste für Regional- und Lokalzeitungen gilt.

 

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Die komplette Kolumne bei Kress:

http://kress.de/news/detail/beitrag/135878-paul-josef-raues-besuch-beim-suederlaender-tageblatt-liebeserklaerung-an-die-heimatzeitung.html

 

Politisch unkorrekt: „Arschgeigen-Experten“ im Polizeiruf

Geschrieben am 11. September 2016 von Paul-Josef Raue.
1 Kommentar / Geschrieben am 11. September 2016 von Paul-Josef Raue in Aktuelles, B. Die Journalisten, I. Die Meinung.
Matthias Brandt spielt im Polizeiruf den Kommissar Meuffels

Matthias Brandt spielt im „Polizeiruf“ den Kommissar Meuffels. Foto: BR

Noch nie haben so viele Bürger öffentlich gegen die vermeintliche politische Korrektheit verstoßen wie zur Zeit: Im Netz darf jeder pöbeln und seinen Vorurteilen freien Lauf lassen.

Noch nie haben so viele Bürger den seriösen Medien jede Verletzung der politischen Korrektheit übel genommen wie zur Zeit: Unentwegt setzen sie Journalisten auf die Anklagebank.

Wo lassen all die guten Menschen – Gutmenschen ist politisch unkorrekt – nur Dampf ab? Im Fernsehen! In der Fiktion!, oft dokumentarischer als die Medien-Wirklichkeit. Kommissar Meuffels sagt im Münchner Polizeiruf „Wölfe“, in dem es um die Rückkehr der Wölfe geht:

Ich sehe diese Arschgeigen-Experten schon dasitzen, einer vom Agrarverband und so ein bezopfter Naturfreund, der dagegen hält.

Ein seriöser Journalist darf so etwas maximal denken, US-Serien wie House of Cards schätzen und jeden Sonntag den Tatort oder Polizeiruf schauen.

„Wir schaffen das“: Analyse einer Sprachwissenschaftlerin

Geschrieben am 10. September 2016 von Paul-Josef Raue.
Bundeskanzlerin Angela Merkel während einer Bundestags-Debatte. Foto: Bundesregierung/Steins

Bundeskanzlerin Angela Merkel während einer Bundestags-Debatte. Foto: Bundesregierung/Steins

„Wir schaffen das!“ – Die Geschichte ist voll von solchen Wendungen, erzählt die Sprachwissenschaftlerin Heidrun Kämper in einem Interview mit Thomas Groß vom Mannheimer Morgen:

  • Alea iacta est (der Würfel ist gefallen);
  • Auch Du, mein Sohn Brutus;
  • Hunde, wollt ihr ewig leben?
  • Blühende Landschaften.

Wendungen bleiben lange im kollektiven Gedächtnis: „Blühende Landschaften“ wird oft noch im Osten benutzt, weil die Menschen meinen, da blühe wenig.

Wendungen verschwinden aber, so Kämper, wenn sich die Umstände veränderten und erinnert an Scheidemanns „Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns diese Fessel legt?“, als die Nationalversammlung kurz nach  Ende des Ersten Weltkriegs den Versailler Vertrag diskutierte.

Was macht den Reiz von Merkels Wendung aus, ob positiv oder negativ genutzt?

  1. Das „wir“ – Kämper:

    Mit dem ,wir‘ richtet sich der Appell auf eine Gemeinschaft, zu der alle gehören, einschließlich die Sprecherin. Damit soll die enthaltene Botschaft für alle akzeptabel sein. Wenn es hieße ,ich schaffe das‘, wäre ein Versprechen gegeben; wenn es hieße ,ihr schafft das‘, hätte die Kanzlerin sich selbst ausgenommen… Die fremdenfeindliche Rechte fühlt sich durch diesen Satz überfahren: In der Form eines Aussagesatzes verbietet er jeglichen Widerspruch.

  2. Das Deixis „das“.

    Die Verwendung des „das“ ist umgangssprachlich und lässt die Aussage mit mehr Leichtigkeit daher kommen, als wenn es etwa geheißen hätte „wir schaffen die Integration“.

(Deixis ist ein Fachbegriff aus der Linguistik und bezeichnet ein Wort, das auf Personen, Zeit oder Ort verweist – wie eben das Merkelsche „das“)

  1. Die Ähnlichkeit mit Obamas „Yes, we can do ist“? Nein! Kämper: Obama beginnt mit einer Zustimmung und hat einen deutlich positiven Charakter. Außerdem fehlt dem Satz das Objekt.

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Ob Merkel ahnte, welche Wirkung diese Wendung bekommen würde? Wer den kompletten Wortlaut aus der Pressekonferenz am 31. August 2015 liest, bekommt Zweifel, auch wenn Merkel gerade diese Wendung wiederholt:

Und ich sage ganz einfach, Deutschland ist ein starkes Land und das Motiv, in dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft, wir schaffen das! Wir schaffen das! Und wo uns etwas im Wege steht, muss es überwunden werden, muss daran gearbeitet werden. Und der Bund wird alles in seiner Macht stehende tun, zusammen mit den Ländern, zusammen mit den Kommunen, genau das durchzusetzen.

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Info (nach Mannheimer Morgen)

Heidrun Kämper, geboren 1954 in Westfalen und verheiratet, studierte Germanistik und Politik. Seit 1993 arbeitet sie als wissenschaftliche Angestellte des Mannheimer Instituts für Deutsche Sprache. Sie ist außerdem Professorin an der Universität Mannheim und seit 2014 Mitglied des Mannheimer Gemeinderats, wo sie die SPD vertritt. Schwerpunkt ihrer wissenschaftlichen Arbeit ist die Wechselwirkung von Sprache, Gesellschaft und Politik. Sie leitet am IDS den Themenschwerpunkt „Sprachliche Umbrüche des 20. Jahrhunderts“ in der Fachabteilung Lexik.

Jauchs Adoptivtöchter: Wer Nachrichten wiederholt, verstößt nicht gegen Persönlichkeitsrechte

Geschrieben am 8. September 2016 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 8. September 2016 von Paul-Josef Raue in Aktuelles, PR & Pressestellen, Presserecht & Ethik.
Bundesverfassungsgericht: Die Richter kleiden sich rot. Foto: Gericht

Bundesverfassungsgericht: Die Richter kleiden sich rot. Foto: Gericht

Das Bundesverfassungsgericht hat die Klage von Adoptivtöchtern eines Fernsehmoderators – offenbar geht es um Günther Jauch – gegen die Bunte und einen Bericht von 2013 nicht zur Entscheidung angenommen mit der Begründung:

Die erneute Veröffentlichung von bereits weit verbreiteten Informationen greift in geringerem Maße in das informationelle Selbstbestimmungsrecht ein als eine erstmalige Veröffentlichung. Daher müssen die ihre Erwähnung in der Wortberichterstattung hinnehmen, wenn dieselbe Information bereits in mehreren, nicht beanstandeten Artikeln veröffentlicht worden war.

Der Bundesgerichtshof musste schon abwägen zwischen dem Recht auf Meinungs- und Medienfreiheit und dem Recht auf informelle Selbstbestimmung der Klägerin, zumal es sich um „besonders schutzwürdigen Interessen eines Kindes“ handelt. Der BGH hatte 2013 entschieden: Zuvor unbeanstandet erschienen Artikel mit Vornamen und Alter sind weiter über das Internet frei zugänglich. Wer eine bekannte Nachricht nochmals verbreitet, greift zwar auch in das Persönlichkeitsrecht ein; aber dies müsse hinter das Recht der Pressefreiheit zurücktreten.

Die Anonymität ist verloren gegangen, schreiben die Richter des Verfassungsgerichts.

Jauch ist vor kurzem vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg mit seiner Beschwerde gegen einen Bunte-Bericht über seine Hochzeit 2006 gescheitert.

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Quellen:

> http://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2016/07/rk20160728_1bvr033514.htm

> BGH, Urteil v. 5.11.2013, VI ZR 304/12

 

Was wäre, wenn Google unsere Volontäre ausbildete?

Geschrieben am 6. September 2016 von Paul-Josef Raue.
Der Newsroom der Axel-Springer-Akademie, eine der vorbildlichen Journalistenschulen in Deutschland. Foto: Springer-Akademie

Der Newsroom der Axel-Springer-Akademie, eine der vorbildlichen Journalistenschulen in Deutschland. Foto: Springer-Akademie

Volontäre kritisieren die Qualität ihrer Ausbildung, wie eine Studie der Universität Ilmenau in Thüringen belegt, an der gut zweihundert Volontäre teilgenommen haben. Diese Studie und die Charta der Journalistenschulen sind Thema der Kress-Kolumne JOURNALISMUS, die komplett hier zu lesen ist.

„Journalisten werden für eine Zukunft in der Vergangenheit ausgebildet“, schrieb ein Volontär in seinen Fragebogen. Kathrin Konyen aus dem Bundesvorstand des Deutschen-Journalisten-Verbands (DJV), der die Umfrage in Auftrag gegeben hat, kommentiert die Ilmenauer Studie:

Während die Vermittlung von klassischen journalistischen Fähigkeiten einigermaßen zufriedenstellend ist, hat die Ausbildung offenbar den Anschluss an die veränderten Anforderungen im Journalismus verpasst.

Selbst diese Interpretation, das Handwerk werde ausreichend vermittelt, ist reichlich optimistisch: Drei von zehn Volontären geben an, weder zu lernen, wie ein Journalist recherchiert, noch Recherche trainiert zu haben.

Nun mag man einwenden: Nicht die Volontärin soll bestimmen, was sie lernen muss, sondern Chefredakteur und Verleger – nach der alten Weisheit: Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Aber diese Hybris kann sich keiner mehr erlauben: Die Volontäre sind heimisch in der digitalen Welt, während ihre Ausbilder noch elektrische Schreibmaschinen kennen und Klebe-Umbruch. So denken Volontäre offenbar intensiver an die Zukunft als viele ihrer Chefs, die eigentlich die Zukunft systematisch vordenken sollen. Eine Volontärin schreibt ihre Verwunderung in den Ilmenauer Fragebogen:

Die Journalistik hinkt Jahre hinter der Realität des Mediensystems hinterher.

Was die Thüringer Wissenschaftler herausgefunden haben, bestätigt der Hamburger Medienprofessor Weichert, der von der Arroganz der Ausbilder spricht, die sich vom alten Denken nicht lösen wollen. „Leider gibt es viele Kollegen, die noch nicht verstanden haben, dass journalistische Ausbildung neu gedacht werden muss.“

Journalismus muss allerdings nicht neu gedacht werden, aber er ist schwieriger geworden. In Zukunft muss ein Journalist das Handwerk beherrschen, so wie es Generationen vor ihm gelernt haben, aber er muss auch die sich stets wandelnde Technik beherrschen, muss immer wieder neu lernen, muss sich an den Lesern ausrichten, und er muss unternehmerisch denken, ohne die Unabhängigkeit seiner Profession zu gefährden. Das ist ein Dilemma, das ist das Dilemma der Ausbildung in den Verlagen:

  • Es reicht nicht mehr, dass eine Volontärs-Mutter ihre Schützlinge behütet, ihnen das Porträt-Schreiben erklärt und oft vergeblich kämpft, wenn beim Engpass in einer Lokalredaktion die Volos nicht zu Kursen geschickt werden.
  • Es reicht nicht, die Volontäre zu den Schulen zu schicken: Training und Theorie müssen verzahnt werden mit der Praxis in den Redaktionen. Das wird torpediert, wenn die Volontäre in ihrer Redaktion empfangen werden mit dem Schulterklopfen: Jetzt wird wieder richtig gearbeitet, vergiss lieber schnell das theoretische Gequassel-
  • Es reicht nicht, die Volontäre ein paar Wochen in die Online-Redaktion zu schicken, sie Zeitungs-Artikel ins Netz transportieren oder der Polizei hinterherhecheln zu lassen.

Wie würde Google Journalisten ausbilden? Oder ein anderer der digitalen Konzerne? Dabei ist nicht entscheidend, was sie lehren, sondern vor allem wie sie lehren, wie sie miteinander arbeiten, wie sie führen, mit Fehlern umgehen – kurzum: wie sie mit Phantasie und Neugier die Welt neu erschaffen, ohne beliebig zu werden und nur nett zu sein (auch die digitale Welt ist eine harte Welt).

Ausbilden wie Google – das können Konzerne wie Springer, Gruner und Burda leisten, und sie tun es auch. Journalistenschulen, die nicht an Redaktionen angebunden sind, können es nur mühsam simulieren; Redaktionen könnten es leisten, wenn die Chefs es wollen und auch mal Geld in die Ausbildung und Ausbilder investieren, viel mehr Geld als heute.

Die meisten Volontäre müssen die Chefredakteure nicht zum Jagen tragen. Sie sind schon auf der Pirsch. Die Ilmenauer Studie belegt: Zwei von drei Volontäre wollen mehr über wirtschaftliches Handeln lernen und es auch trainieren, nicht zuletzt um im Überlebenskampf zu bestehen außerhalb einer Festanstellung. Die meisten Chefredakteure und Manager übersehen die Chance für die Verlage: Wer, wenn nicht die jungen Journalisten, wird in der Lage sein, neue Geschäfte auszudenken, auszuprobieren und zu verwirklichen?

In der Ilmenauer Volontärs-Studie beklagen die Volontäre:

  • Wir werden nicht auf Management-Aufgaben vorbereitet.
  • Wir trainieren nicht den Umgang mit Sozialen Medien.
  • Wir wissen zu wenig über unsere Leser (und erst recht die Nicht-Leser).
  • Wir lernen nicht, welche digitalen Werkzeuge es gibt und wie man sie nutzt.

Wenn Verlage nicht lernen, auszubilden wie Google es täte, wird es irgendwann Google selbst tun.

Wie der AfD-Politiker Holm einen Luther-Spruch missbraucht und ans Ende denkt (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 5. September 2016 von Paul-Josef Raue.
Martin Luther (Bertz TBM)

Martin Luther (gezeichnet von Anke Krakow / TBM)

„Es ist vollbracht!“, jubelte Leif-Erik Holm, der AfD-Spitzenkandidat in Mecklenburg-Vorpommern, als er vom Wahlerfolg seiner Partei hörte. „Es ist vollbracht!“ stand auf der Anzeigetafel, als Fußballer den Bundesliga-Aufstieg geschafft hatten.

Luther hat den Spruch geprägt, er gehört zu den sieben letzten Worte Christi vor seinem Tod, aufgezeichnet vom Evangelisten Johannes. In der griechischen Urfassung, die Luther übersetzte, steht ein einziges Wort. In einer Karfreitags-Predigt haben Wolfgang Huber und Rolf Wischnath eine andere Übersetzung versucht: „Vollendet!“ Oder: „Am Ziel!“ Oder: „Fertig! – Fix und fertig!“

„Es ist vollbracht“ ist auf jeden Fall kein Jubelschrei, es ist der letzte Lebenshauch vor dem Tod. Er passt nicht für aufgekratzte Politiker und Fußballer, die nach Worten suchen für ihre Begeisterung – und die den Absturz, sei es politisch oder sportlich, bestimmt nicht im Sinn haben.

So lösen sich Sprüche, die Luther prägte, von ihrem Ursprung, verlieren ihren Sinn und kehren sich sogar ins Gegenteil.

Luther, Journalisten und die Kunst, Unverständliches zu übersetzen

Geschrieben am 4. September 2016 von Paul-Josef Raue.
Burghauptmann Günter Schuchardt und Kuratorin Julia Krauß in der Wartburg-Ausstellung "Luther und die deutsche Sprache"

Burghauptmann Günter Schuchardt und Kuratorin Julia Krauß in der Wartburg-Ausstellung „Luther und die deutsche Sprache“

Politiker, Wissenschaftler und Bürokraten reden gern unverständlich – und protestieren, wenn Journalisten Unverständliches und Gestelztes übersetzen. Zu Luthers Zeiten riskierte einer, der die Bibel  allzu frei übersetzte, den Ausschluss aus der Kirche und das Ende seiner Existenz. Luther brauchte also auch Mut, wir würden es heute Zivilcourage nennen, wenn er seine Methode durchzog, die Bibel verständlich ins Deutsche zu übertragen.

Doch beim Übersetzen geriet Luther schnell, aber durchaus gewollt ins Interpretieren und Kommentieren. Dies kennen auch heute Journalisten, wenn sie frei eine Politiker-Rede wiedergeben und heftig gescholten werden – zurzeit vorzugsweise von AfD-Politikern wie Frauke Petry, etwa nach dem „Schießbefehl auf Flüchtlinge“ im Mannheimer Morgen, oder nach Alexander Gaulands Boateng-Vergleich in der FAS.

Oft reicht ein Wort – wie bei Luthers Übersetzung einer Passage des Paulus-Briefs an die Römer. „Allein durch den Glauben wird der Mensch gerecht“, schreibt Luther, das Wort „allein“ steht allerdings nicht im Originaltext. Die Theologen schäumen, aber Luther rechtfertigt sich: „Es steht so nicht in der Bibel, aber es gehört eben im Deutschen hinein um der Klarheit willen.“

Luther musste auch Wörter finden und erfinden. Auch vor Luther gab es eine Reihe von deutschen Übersetzungen wie die von Johannes Mentelin, ein gutes halbes Jahrhundert vor Luther. Viele Wörter in Mentelins Text kannte Luther nicht wie „Trom“, das Luther nach langem Nachdenken mit „Balken“ umschrieb, oder „agen“, das er mit Splitter übersetzte: „Du siehst den Splitter (agen) im Auge deines Bruders, aber nicht den Balken (trom) in deinem Auge.“

Journalisten lest viel! Erweitert Euren Wortschatz! Das wäre Luthers Rat an Volontäre wie gestandene Redakteure: „Wer dolmetschen will, muss einen großen Vorrat von Worten haben“, ist im „Sendbrief vom Dolmetschen“ zu lesen. Luther schätzte zudem eine Sprache mit Gefühl – eben „auf dass es dringe und klinge ins Herz, durch alle Sinne“.

* Die komplette Kolumne JOURNALISMUS! „Hummeln im Arsch: Die Sprache der Journalisten“ bei kress.de:
http://kress.de/news/detail/beitrag/135792-hummeln-im-arsch-die-sprache-der-journalisten.html

INFO

Die Ausstellung „Luther und die deutsche Sprache“

Die gut besuchte Ausstellung ist die letzte von sechs Ausstellungen der Wartburg vor dem Lutherjahr 2017, in dem die Ausstellung „Luther und die Deutschen“ von Mai bis November 2017 zu sehen sein wird. Das Welterbe Wartburg ist die meistbesuchte Lutherstätte.

Die Sonderausstellung „Luther und die deutsche Sprache“ ist bis zum 8. Januar 2017 auf der Wartburg zu besichtigen (im Sommer von 8.30 bis 17 Uhr); der Katalog kostet 12,95 Euro.

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