Wenn die Sprache Zickzack läuft: “Geistlich” oder “geistig”?

0 Kommentare / Geschrieben am 19. September 2014 von Paul-Josef Raue in Aktuelles, D. Schreiben und Redigieren.

Ein Leser wunderte sich, als er am gestrigen Freitag auf der dritten Seite der Thüringer Allgemeine vom neuen Erfurter Bischof las als dem “geistigen Oberhaupt”: “Ich kam ins Grübeln über “geistige” und “geistliche” Oberhäupter. Ein flüchtiges Suchen im Internet brachte mir noch keine Erleuchtung, ob ich den neuen Bischof als mein geistiges oder geistliches Oberhaupt ansehen soll. Vielleicht können Sie ja tiefer in die Materie einsteigen?”

TA-Chefredakteur antwortete in seiner Samstag-Kolumne “Leser fragen”:

Eigentlich müsste es “geistliches Oberhaupt” heißen. In unserem Sprachgebrauch hat “geistlich” die Bedeutung von “religiös”; so sprechen wir auch vom Dalai Lama als dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter. Im engeren Sinne meint es bei uns “christlich” oder “katholisch”; so nennen die Katholiken ihre Priester auch “Geistliche”.

“Geistig” hingegen hat wenig mit der Religion zu tun: Es bedeutet in der Regel “intelligent”. Wer ein Kopfmensch ist, logisch denken kann, der ist “geistig gesund” – im Gegensatz zu geistig behinderten oder geistig verwirrten Menschen.

Allerdings geht es auch heute, nicht nur auf der dritten TA-Seite, munter durcheinander: mal geistig, mal geistlich – wobei die Statistik das “geistliche Oberhaupt” klar vorne sieht.

Auch in der Geschichte unserer Sprache wechselte die Bedeutung von Jahrhundert zu Jahrhundert: Mal wurden die beiden Wörter sinngleich benutzt, dann verschwand – beispielsweise vor fünfhundert Jahren – das Wort “geistig” nahezu komplett aus unserer Sprache. Luther definierte etwa: “Das muss ja geistlich heißen, was der Geist tut und vom Geist kommt”; das nennen wir heute eben “geistig” und nicht geistlich.

Und Goethe schrieb aus Weimar an seinen Freund Herder, als der sich in Italien herumtrieb: “Deine Frau besuche ich von Zeit zu Zeit und öfter, wenn der geistliche Arzt nötig sein will.” Aber da meinte der Geheimrat keinen religiösen Seelentrost, sondern seinen Trost des Geistes.

Es gibt noch eine Bedeutung von “geistig”, die wir scherzhaft heute noch bei einem Glas Wein oder Bier nutzen. In einem Leipziger Lexikon von 1731 finden wir sie schon: “Einige Brauer decken den Kessel fest zu, damit das Bier geistiger und stärker bleibe.”

Vielleicht ist der neue Erfurter Bischof ja all dies zusammen: Geistlich und geistig – und ein Freund edler geistiger Getränke.

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Thüringer Allgemeine 20. September 2014

“Es gibt viele Ecken in der Redaktion, die sich vehement gegen den digitalen Wandel sträuben” (Zitat der Woche)

Auch wenn viele Chefredakteure wissen, dass ihre Teams schnell und agil sein müssen, um im wachsenden Wettbewerb mit digitalen und sozialen Medien zu bestehen, gibt es viele Ecken in den Redaktionen, die sich vehement gegen den Wandel sträuben.

Aus der Einladung der WAN-Ifra zu einer Diskussion in Amsterdam, an der zum Beispiel teilnehmen der Digitalchefredakteur bei La Stampa, und die Chefredakteurin für Digitale Innovation bei den Trinity Mirror Regionalzeitungen. Präsentiert werden bei der Expo im Oktober “die besten Beispiele, wie Chefredakteure dieser Herausforderung begegnen und ihre Redaktion mit der digitalen Welt in Einklang bringen können”.

Wenn sich Sprachbilder verkeilen: Die SPD gräbt ihr Totenbett

Wenn sie jetzt noch einen Linken zum MP wählen, graben sie an ihrem Totenbett.

Sagt Hubertus Knabe in der Bildzeitung über die SPD in Thüringen; Knabe ist Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte in Hohenschönhausen. Da geraten zwei Bilder ineinander und verkeilen sich.

Das eine Bild: Sie schaufeln ihr eigenes Grab; das andere: sie liegen bald auf dem Totenbett. Und welches sollen sich die Leser in ihrem Kopf zeichnen?

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Quelle: BILD THÜRINGEN 16. September 2014

Es lebe der Superlativ! Was ist die Steigerung von “knapp” und “sehr knapp”?

ntv am frühen Morgen: Der Moderator schaltet nach Schottland, es geht um die Abstimmung zur Unabhängigkeit. Es wird wohl “knapp”, meint der Moderator, und fügt hinzu “sehr knapp”. Und was sagt der Korrespondent in Schottland? “Ja, es wird wahnsinnig knapp.” Was für ein Wahnsinn!

Journalisten lieben den Superlativ und steigern ihn in den Wahnsinn. Es begann mit dem GAU, dem größten anzunehmenden Unfall. Es liegt in der Natur des Endlichen, dass der “größte” Unfall nicht mehr der größte ist, wenn ein anderer noch größer ist. Der bekommt dann den Ehrentitel “Gau”.

Wie nannten wir Journalisten ihn? “Super-Gau”. Der nächste, der noch größer ist? “Mega-Gau”. Welche Steigerungen sind noch möglich: “Super-Mega-Gau” und “Mega-Mega-Gau” oder “Wahnsinns-Gau”.

Nach der Rettung des Genitivs sollten wir uns an die Rettung des Superlativs wagen.

Was ist der Unterschied zwischen Meinungsfreiheit und Pressefreiheit?

Meinungsfreiheit ist das Recht eines jeden Bürgers, das er ausüben kann oder lassen.

Meinungsfreiheit liegt auch der Pressefreiheit zugrunde, sie ist aber auch eine Pflicht: Ein Journalist kann nicht selbst entscheiden, ob und wie er eine Nachricht bringt; er handelt im Auftrag der Verfassung, er ist Treuhänder des Bürgers, dem er alles, was für ihn wichtig ist, mitteilen muss.

Aus einem Leitartikel zur Thüringenwahl “Das Elend der Politik – und die AfD” entstand auf Facebook eine kleine Debatte um die Pressefreiheit, die hier in Auszügen dokumentiert ist:

Mario Schattney
Das Elend der Politik wäre vielleicht auch das Elend einer mit der Politik symbiotisch verstrickten Medienklasse? Muss sich der Bürger in krisenhaften Zeiten wie diesen am Ende von beiden verschaukelt fühlen? Erstaunlich und bemerkenswert ist doch, wieviel politisch-mediale Häme und Geringschätzung in unserer vorgeblich demokratischen Kultur der AfD entgegen bläst …

Raue:
Sicher sind die Medien mit der Politik verbunden. Wir haben die Mächtigen zu kontrollieren und – wie das Verfassungsgericht bestimmte – Diskussionen in Gang zu halten, um als orientierende Kraft zu wirken. Die kritische Nähe von Medien und Politik ist also ein Verfassungsauftrag: Die Presse als Verbindung zwischen Volk und Politik. Die Frage heute ist: Reicht das? Müssen wir nicht selber aktiv werden, Konzepte entwickeln? Dann bewegen wir uns aber in vermintes Gebiet und könnten selber zum Akteur von Politik werden. Dürfen wir das? Müssen wir das tun?

Wolfgang Kretschmer:
Selbstverständlich ist die verfassungsmäßig aus guten Gründen unklar definierte Schnittmenge von Politik und Medien ein “vermintes Gebiet”. Diesen Begriff hätte ich derzeit allerdings nicht gewählt.

Medien und Politik, Medien und Wirtschaft, diese Verhältnisse sind Hochspannungssektoren in der Meinungsbildung demokratischer Gesellschaften, die auch wegen allerlei irrlichtender Gestalten unter “Strom” Stehenden einiges ethisch aushalten müssen, weil sie jeweils teils einig in der Meinung teils kontrovers sind, aber auch von einander lernen, jedenfalls im besten Falle.

Journalistenjob ist es nun, abgesehen von Meinungsumfragen, herauszufinden, wo sind die Abstimmungshochburgen der AfD und dort vor Ort herumzuforschen. Je nach gutem Journalismus wird dies dann für “Volk und Politik” aufschlussreich sein. Kurz und gut, wir sind irgendwie immer “Mitakteure”, im Sinne der aus der Ethnologie und aus anderen Disziplinen bekannt problematischen wissenschaftlichen Figur der “teilnehmenden Beobachtung”. Und wenn wir unsere Meinung sagen wollen, tun wir dies in einem fundiert furiosen Kommentar, der das Blatt fürs Publikum interessant macht. Pressefreiheit ist Meinungsfreiheit.

Raue:
Einverstanden, aber Pressefreiheit ist mehr als Meinungsfreiheit, ist Verantwortung für die Demokratie und die Gesellschaft, ist Verantwortung für die Freiheit.

Wolfgang Kretschmer
Pressefreiheit ist in einer Demokratie Meinungsfreiheit (Kommentieren, das begann mal mit Flugbättern), das Recht, möglichst ungehindert investigativ zu recherchieren, Aktenzugang zu haben, im Gespräch mit Menschen die Hintergründe von bedeutenden Ereignissen zu eruieren oder durch journalistische Arbeit zunächst Unbedeutendes als wichtig ins öffentliche Bewusstsein zu transportieren. Insofern nehmen wir Verantwortung für Demokratie, Gesellschaft und Freiheit wahr, sind daher auch politische Akteure und Beförderer demokratischer Prozesse.

Um mal im Bild zu bleiben: Andere haben ein Interesse daran, ihr Terrain zu verminen, wiederum andere aus unserer Branche legen Minen. Das geneigte Lesepublikum macht sich ja auch selber so seine Gedanken, ob per Paper oder zunehmend online. Die sind auch mitunter schlauer als unsereins. Wir sind doch gar nicht weit auseinander. Oder?

Harald Klipp
Die Verantwortung für die Grundwerte darf aber nicht dazu führen, dass wir selbst mitmischen. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass ein Journalist mit Parteibuch seiner Rolle als Journalist nicht mehr gerecht werden kann. Das Beispiel Susanne Gaschke zeigt, dass es ein Riesenunterschied ist, ob man als Journalist beobachtet, bewertet und kommentiert oder selbst zum politischen Akteur wird. Wenn es beim HSV in der Fußball-Bundesliga nicht läuft, biete ich mich ja auch nicht als Trainer oder Torwart an. Und das ist gut so.

Paul-Josef Raue
Zu Wolfgang Kretschmer: Meinungsfreiheit und Pressefreiheit sind zwar in einem Artikel des Grundgesetzes erwähnt, aber unterscheiden sich: Jeder, der eine Meinung hat, darf sie äußern – es ist ein Recht, das nur an den Rändern eingeschränkt ist (z.B. Beleidigung, üble Nachrede, Leugnung des Holocaust); die Meinungsfreiheit ist keine Pflicht: Wer seine Meinung nicht äußern will, kann nicht dazu gezwungen werden.

Die Pressefreiheit wird von Journalisten wahrgenommen; ihnen gilt der Schutz vor Eingriffen des Staates wie Zensur, Beugehaft o.ä. Die Pressefreiheit ist nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht. Wir handeln im Auftrag der Bürger – das ist eben der Verfassungsauftrag – und wir besorgen den Bürgern alle wichtigen Informationen, wahrheitsgemäß und unverzüglich. Das müssen wir tun.

Auch beschränken wir freiwillig, dem Verfassungsauftrag folgend, unsere Meinungsfreiheit: Der Pressekodex ist über weite Strecken eine solche Einschränkung. Jeder darf sagen: Metzger Schweinebrust hat die besten Schnitzel und nirgends gibt es bessere; wir dürfen es nicht schreiben usw.

Wolfgang Kretschmer
Meinungs- und Pressefreiheit sind im Grundgesetz nicht erwähnt, sondern hammerhart festgeschrieben.Grauzonen gibt es im alltäglichen Schreibgeschäft. Ich sehe gar nicht, wo wir auseinander sind! Unsere Texte zum Thema dienen eher einer notwendigen reflektierenden Selbstvergewisserung. Unser langsam dahinschwindener Beruf genießt ja nicht den allerbesten Ruf. Und as ist auch gut so.

Ich bleibe dabei: Wir sollten zu den AfD-Hochburgen gehen und nachschauen, was die Menschen bewegt und in ihren Köpfen haben. Darüber kann man ganz sanft und viele Aspekte betrachtend und beobachtend schreiben. Selbst dann, wenn man was von Habermas und Luhmann gelesen hat. Wir müssen als Redakteure und Journalisten manches auch verständlich machen und überraschende Varianten und Widersprüche aufdecken. Das gibt interessanten Lesestoff und ändert vielleicht gängige Meinungen. Womöglich könnte unsereins auch mal darüber nachdenken, dass wir in unserem Job auch in sich ebenso seelisch wie seelig hin- und hergerissene Figuren sind (Kir Royal, Heidemann etc etc.)..

Schnitzel: Meine Recherchen etwa zur Südtiroler Speckproduktion oder meine Meinung zum geplanten Seilbahnprojekt in Brixen bringe ich jeweils anderswo unter (Textsorten). Und immer ist selbst dabei klar ersichtlich, dass ich ein spezielles forschendes Erkentnisinteresse habe. Und wenn Metzger Schweinebrust bei seiner Werbung für die besten Schnitzel pfuscht,, dann haue ich den selbst als Kunden einer Tageszeitung in die Pfanne. Dies wird dann im Verlag durchgestanden

Die besten Interview-Tipps: Spielen Sie ruhig mit ihrem Gast!

0 Kommentare / Geschrieben am 16. September 2014 von Paul-Josef Raue in Aktuelles, G 26 Interview, H 34 Porträt.

Die besten Zeitungs-Interviews sind Gespräche, in die sich der Leser hineingezogen fühlt – in die Atmosphäre, in die Fragen mit all ihren überraschenden Wendungen. Wenn es möglich ist, sollte der Journalist mit seinem Gast auch spielen – mit den Worten, mit den Themen, mit den Antworten.

Spielen bedeutet nicht: flach sein, blödeln, unsinniges Zeug reden, auffallen um jeden Preis. So wie jedes kindliche Spiel immer ein ernstes ist, so ist auch ein Interview der Versuch, einen Menschen und seine Persönlichkeit kennenzulernen, mit Respekt.

Ein Beispiel stammt aus einem Interview, das Tobias Haberl mit Dirk Nowitzki führte. Er thematisierte das wohl schleppend verlaufene Interview mit einer fast frechen Frage – um eine Antwort zu bekommen, die mit zwei, drei Sätzen die Persönlichkeit des Basketball-Stars offenlegte:

Ist Ihnen eigentlich bewusst, dass Sie gar kein leichter Interview-Partner sind?

Haberl, der Interviewer, sagt nicht: “So kommen wir nicht weiter: Sie antworten ausweichend – und so wird das niemals ein gutes Interview.” Vielleicht hat er das, ein wenig netter, im Gespräch sogar so gesagt; aber in der Druck-Fassung klänge es respektlos. Er kleidet eine Feststellung in eine persönliche Frage:

Ist Ihnen eigentlich bewusst, dass Sie gar kein leichter Interview-Partner sind?

Nowitzki: Nein, warum?

SZ: Weil Sie so bescheiden, zurückhaltend und bodenständig sind. Böse Jungs haben oft die besseren Geschichten zu erzählen.

Nowitzki: Tut mir leid. Ich denke auch manchmal: Mensch, Dirk, sie doch nicht immer so vernünftig, sei doch mal wilder, aber was soll ich sagen, ich bin’s einfach nicht. Ich bin so groß geworden, meine Eltern sind bodenständig. Meine Mutter gibt mir heute noch Taschengeld, wenn ich den Sommer über in Würzburg bin.

SZ: Nicht Ihr Ernst?

Nowitzki: Doch, zum Tanken. Ich fahre jeden zweiten Tag zum Training nach Bamberg. Und wenn der Tank leer ist, trete ich bei meiner Mutter an und sage: Mama, kein Geld mehr da.

Die spielerische Frage, die eigentlich ein Vorwurf ist, nach der Schwere des Interviews führt zu sieben Mal “Ich” in sieben Antwort-Sätzen. Glückwunsch: So gelingt ein Interview.

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Quelle: Süddeutsche Zeitung “Bescheidenheit”, Wochenende-Interview, 6. September 2014

Das Elend der Politik (Kommentar zur Landtagswahl in Thüringen)

Wer, um alles in der Welt, wählt eigentlich die AfD? Wer dort sein Kreuz malte, der wusste: Die Partei wird mit hoher Wahrscheinlichkeit in keiner Koalition mitregieren.  Eine Stimme für die AfD ist also – wenn es um die Macht geht – eine verlorene Stimme.

Trotzdem stimmte jeder zehnte Thüringer, der sich zum Wählen entschlossen hatte, für eine nahezu unbekannte Truppe, die zerstritten war und kein klares Konzept hat. Nehmen wir die Thüringer hinzu, die bei dem trüben Wetter lieber zu Hause blieben, dann kommen wir auf die stärkste Fraktion überhaupt: Die Bürger, die es nicht so recht interessiert, wer über ihre Zukunft bestimmt.

Selten ist das große Problem unserer Demokratie so klar geworden wie gestern in Thüringen:   Den Mächtigen läuft das Volk davon. Die beiden größten Parteien haben zwar Prozentpunkte gewonnen, aber  wahrscheinlich Wähler verloren. Der Jubel bei CDU und Linke in Thüringen, die sich beide wie Sieger fühlen, wird nur ein paar Tage anhalten, dann wird  Katzenjammer einsetzen und hoffentlich das Nachdenken: Wieviel Desinteresse kann eine Demokratie aushalten? Wird sich das Problem auswachsen? 

Nein, im Gegenteil: Schauen wir auf die Wahlanalysen, dann wird die Lage noch dramatischer: Die Wähler der AfD sind gerade die jungen Wähler. Wer jünger ist als 29, der machte öfter bei der AfD sein Kreuz als bei der SPD und fast so oft wie bei der Linken.

Wer zynisch das Ergebnis  interpretiert, der könnte sagen: Wenn es den Bürgern schlechter geht, wird sich schnell  wieder alles richten. In der Tat sind fast zwei Drittel so zufrieden wie nie zuvor.  Doch auf schlechte Zeiten zu hoffen, ist ebenso töricht wie gefährlich. 

Politiker müssen  endlich  klar machen, dass sich die Bürger mit Verdrossenheit und Verweigerung selber schaden. Wir brauchen mehr Politiker, die Vertrauen und Kompetenz zeigen. Es ist Zeit!

PS. Und was ist der Auftrag an uns Journalisten? Dürfen wir nur zuschauen? Oder müssen wir selber Konzepte und Lösungen finden?
    

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Thüringer Allgemeine 15.9.2014 (hier erweiterte Fassung)

Ice-Bucket-Challenge: Darf sich ein Redakteur von einem Politiker im Wahlkampf einladen lassen?

Wahlkampf in Thüringen. 16.000 Zuschauer im Erfurter Stadion warten auf den Anpfiff des Ost-Derbys gegen Dresden in der Dritten Liga. Am Rande des Rasens steht Bodo Ramelow, Spitzenkandidat der Linken, mit einem roten “Linken”-T-Shirt; rechts und links von ihm stehen auf zwei Hockern Rot-Weiß-Balljungen mit Eiskübel. Ein künftiger Ministerpräsident, möglicherweise, schüttet sich nicht selber Eiswasser über den Kopf.

Wir sind bei der Eiswasser-Wette, dem Ice Buckett Challenge, in den USA erfunden, um Geld für die kaum erforschte Nervenkrankheit ALS zu besorgen. Wer nicht Eiswasser über seinen Kopf kippt, zahlt hundert Dollar; Bill Gates hat sich beteiligt, Mark Zuckerberg und Bild-Chefredakteur Kai Diekmann (der einen “gewissen Christian Wulff” und seine Frau nominiert haben soll). Nicht reagiert haben Joachim Löw, Angela Merkel und Wladimir Putin.

Auch das gehört eben zum Ritual der Wette: Bodo Ramelow nennt drei Menschen, die seinem Vorbild folgen sollen. Darunter ist sein “spezieller Freund”, der Chefredakteur der Thüringer Allgemeine, gegen den er im Wahlkampf unzählige Tweets, Retweets, eine Unterlassungserklärung verfasst hat und reichlich Missfallens-Bekundungen erlassen.

Soll ein Chefredakteur (oder auch jeder andere Redakteur) über dies Stöckchen im Wahlkampf springen? Wird er dann nicht Teil des Wahlkampfs? Macht er sich nicht lächerlich vor seiner Leserschaft einer seriösen Zeitung? Oder ist er einfach ein Spielverderber? Einer, der alles zu ernst nimmt?

“Kann er nicht digital”, twittert einer, als meine Antwort nicht rechtzeitig kommt. Man muss, nach den Regeln, innerhalb von 24 Stunden eiskübeln. Meine Antwort an Ramelow:

Sie können mich nicht einladen: ich bin Journalist, kein Wahlkämpfer. Ich kämpfe weder für sie, noch für andere.

Ramelow ist indigniert und grummelt, ich hätte das Ganze nicht verstanden und sollte mal Wikipedia lesen. Meine Antwort:

Wiki lesen: “Ein Internet-Phänomen, von vielen ausgenutzt, sich selbst in Szene zu setzen.”

Übrigens: Die Tagesschau-Sprecherin Linda Zervakis lehnte auch ab: “Ich spende lieber still und leise.”

Hanns Joachim Friedrichs sprach den legendärer Satz, im Handbuch auf Seite 176 zu finden:

Einen guten Journalist erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.

Den beiden schließe ich mich an, ebenso:

Mittlerweile schwappt die Eiskübel-Welle weiter, ohne dass noch großartig auf diesen ernsten Hintergrund hingewiesen wird. Bei der aktuellen Flut an Eiswasser in sozialen Netzwerken bekommt man den Eindruck, es werde nur noch Wasser geschüttet, um sich ins Gespräch zu bringen. […] So wird aus einer Idee, die eine ernste Angelegenheit humorvoll verpackt, ein verwässertes Internet-Phänomen, das von vielen letzten Endes nur ausgenutzt wird, um sich selbst in Szene setzen.

Tanja Morschhäuser: Verwässertes Internet-Meme. Frankfurter Rundschau, abgerufen am 23. August 2014.

Aus dem Wörterbuch des Nachlatschers: Der Korrespondent und sein Badge (Friedhof der Wörter)

Korrespondent in Berlin, im Herzen der Macht – das muss ein toller Job sein! All die schönen Reisen: nach Washington, New York  und Madrid, nach Peking und – naja in letzter Zeit weniger – nach Moskau.

Dies sind schon reizvolle Städte mit den schönsten Museen der Welt, mit großartigen Theatern und Sehenswürdigkeiten, die man einmal im Leben gesehen haben soll. Aber der Korrespondent sieht sie nicht, er latscht immer nur hinterher – hinter der Merkel oder dem Gabriel, dem Steinmeier oder der von der Leyen.

“Nachlatscher” nannte Kurt Kister den reisenden Korrespondenten. Kister war mal Leiter des Berliner Büros der Süddeutschen Zeitung, also ein berufsmäßiger Nachlatscher. Heute ist er Chefredakteur und latscht nicht mehr hinterher.

Im Februar 2002  hat Kurt Kister das Wort erfunden, als er mit Kanzler Gerhard Schröder zu der mexikanischen Stadt mit dem unaussprechlichen Namen fuhr: Teotihuacán. Und er schrieb, nicht ohne Selbstironie: “Im Bus saßen typische Kanzler-Nachlatscher: Beamte, Abgeordnete, Reporter.”

Nico Fried, Kisters Nachfolger in Berlin, schreibt eine der schönsten Politik-Kolumnen der Republik: “Spreebogen”, und erinnerte sich gerade erst im Spreebogen an seinen Chef und seine Wortschöpfung. “Nachsprecher” könnte man ihn nennen, aber das wäre unfair, denn er hat ein schönes Wort wiedererfunden, das Journalisten wohl lieber beerdigten.

Als die Chefredakteure aus Thüringen vor einigen Jahren zwischen Weihnachten und Neujahr mit der Ministerpräsidentin nach Jerusalem flogen, latschten sie auch stets hinterher – und stundenlang saßen sie nach. Denn immer wenn es spannend wird, müssen die Nachlatscher draußen bleiben und warten.

Ministerpräsidentin Lieberknecht hatte eine ganz wichtige Audienz bekommen, irgendein Stellvertreter des Stellvertreters des Außenministers. Als sie endlich herauskam und – wie es so schön heißt – mit ihrem Regierungssprecher Zimmermann vor die Presse trat, fiel ihr eigentlich nur ein: Der Stellvertreter des Stellvertreters hatte sich über einen Kommentar in der Thüringer Allgemeine vom Tage geärgert.

Da hatte sich das Nachlatschen schon gelohnt.

Nico Fried erwähnt in seiner Kolumne noch einen zweiten wichtigen Begriff aus dem Wörterbuch des Nachlatschers: Der “Badge” – ist ein Plastik-Schild als Folge der notwendigen Akkreditierung, das ein Korrespondent unbedingt tragen muss, denn ohne ist er verloren  und darf weder nachlatschen  noch nachsitzen.

Mittlerweile müssen sich Journalisten auch in Kriegen akkreditieren. Da reicht einfach die große Schrift “Press” auf der Kleidung, um Bomber-Piloten  und Scharfschützen daran zu erinnern, nicht auf Journalisten zu schießen. Das gelingt leider nicht immer, aber dann entschuldigen sich Regierungssprecher gerne: Die Schrift war nicht gut lesbar, und es war – ein Kollateralschaden. Oder noch einfacher: es waren die anderen, die Bösen, das passt immer.

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Thüringer Allgemeine, erweiterte Fassung des “Friedhof der Wörter”, 15. September 2014

Wenn Politiker ausrasten: Wahlkampf und die Nerven von Redakteuren wie Kämpfern

Der Wahlkampf in Thüringen war ein heftiger. Es deutet sich ein Wechsel an, und ein Novum in der deutschen Geschichte: Der erste deutsche Ministerpräsident von den Linken, der Nachfolge-Partei der SED – im 25. Jahr nach dem Fall der Mauer.

Selten thematisieren Redakteure, was sich alles zwischen Politikern und Redaktionen abspielt. Mirko Krüger, Desk-Chef der Thüringer Allgemeine, hat in einem Leitartikel auf der Titelseite die “Misstöne im Thüringer Wahlkampf” erklärt:

Je näher die Entscheidung rückt, umso mehr liegen die Nerven vieler Kandidaten blank. Das bekommen auch Journalisten zu spüren. Seit Tagen häufen sich Anrufe von Politikern in der Redaktion; wohlgemerkt: von Politikern aus nahezu jedem politischen Lager.

Der eine fühlt sich beleidigt, wenn wir über ihn berichten. Ein anderer flippt regelrecht aus, dass über ihn angeblich zu wenig berichtet würde. Ein dritter droht mit Abbestellung seines Zeitungsabos. Ihm passt nicht, dass sein parteiinterner Konkurrent in einem Artikel erwähnt worden ist.

In solchen Momenten macht unter Journalisten gern mal eine ketzerische Bemerkung die Runde. Zeitung machen könnte so schön sein, wenn es keine Politiker gäbe. . .

Wirklich? Natürlich ist das Gegenteil der Fall. Die letzten Tage vor einer Wahl offenbaren nicht selten auf besondere Weise den wahren Charakter mancher Kandidaten.

In den USA lauern deshalb vor allem politische Gegner auf verbale Entgleisungen und Wutausbrüche ihrer Gegner. Wenn etwa ein Funktionär, der ach so gern ein Staatsmann wäre, ab und an ausrastet, lässt sich das herrlich ausschlachten.

Solche Videos zeigt man gern im eigenen Wahlkampf – und fragt dabei die Bürger: Möchten Sie wirklich die Zukunft unseres Landes in die Hände dieses Politikers legen?

Gut möglich, dass noch heute mein Telefon klingelt. Gut möglich, dass schon wieder ein Kandidat meint, ich könne ja nur ihn allein gemeint haben. Das wäre sogar gut: Jede Besserung beginnt mit Einsicht.

Was sich detailliert in der Redaktion an Druck und Drohung durch Politiker abspielt, können andere besser beschreiben.  Claus Peter Müller hat in der FAZ den Linken-Kandidaten Bodo Ramelow beobachtet:

 Ob alles stimmt, was über Ramelow geschrieben wird, sei dahingestellt. Aber er hält das Stöckchen, über das die anderen springen. Er macht sich interessant, um dann aber auch die Grenzen der Berichterstattung mit aller juristischen Entschlossenheit aufzuzeigen. In der „Tageszeitung“ steht, seine Mutter habe ihn wegen seiner schulischen Leistungen mit der Peitsche geschlagen. Von „Gewaltorgien“ soll er gesprochen haben.

Kaum eine Reflexion über Ramelow versäumt, seine Legasthenie zu thematisieren. Als aber jüngst ein Autor der Zeitung „Thüringer Allgemeine“ zu dem Schluss kam, Ramelow sei ein Narzisst, wurde er ungehalten und forderte von der Chefredaktion die Unterzeichnung einer Unterlassungserklärung. 

Die Korrespondenz versandte er im ganzen Land. Nun haben es alle schriftlich: „Lesen konnte und kann ich und zwar sehr gut“, steht dort als einer von vielen Punkten. Auch dass Ramelow nie Lehrling in Marburg gewesen sei, sondern dort Lehrlinge ausgebildet habe. Ferner habe er nicht an der Beerdigung von Professor Wolfgang Abendroth teilgenommen, und der „Abbruch des Interviews“ mit dem „Spiegel“ sei aufgrund von Beleidigungen durch den fragenden Journalisten „notwendig“ gewesen. 

Das ist eben auch ein Wesenszug des Kandidaten Ramelow. Er gilt als dünnhäutig und empfindsam.

Die Thüringer Allgemeine hat keine Unterlassungserklärung abgegeben. Im Klartext-Verlag hat sie ein E-Book herausgegeben: Frank Schauka – Bodo Ramelow. Eine biographische Skizze

Im Frühjahr gab ebenfalls der Klartext-Verlag die Biografie der Ministerpräsidentin heraus, geschrieben vom TA-Redakteur Martin Debes: Christine Lieberknecht – Von der Mitläuferin zur Ministerpräsidentin (Besprechung in der WAZ und im MDR).
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Quellen:
FAZ-Online vom 11. September “Ramelow im Präsidenten-Modus”
TA vom 6. September

Seiten:«1234567...79»

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