Wie destruktiv ist die professionelle Medienkritik?

Geschrieben am 14. November 2016 von Paul-Josef Raue.

„Die professionelle Medienkritik gefällt sich bislang eher in der Rolle des destruktiven Beobachters – produktive Impulse sind Mangelware“, schreibt der Politikwissenschaftler Christoph Bieber (46), Mitglied des WDR-Rundfunkrats. Das ist allerdings nur ein Nebenaspekt im Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung, in dem Biber auf das neue Internet-Format „Funk“ eingeht – das öffentlich-rechtliche TV für junge Leute; er fragt, ob die Kontrolle noch so funktionieren solle wie beim klassischen TV und antwortet: Nein, dafür sind die Gremien kaum geeignet.

Der Essener Professor verweist auf die BBC, die Zuschauerräte (Audience councils) punktuell und themenbezogen mit den Verantwortlichen diskutieren lässt, und auf „Start-up-Labore“ der BBC; er erwähnt auch die Workshops, mit denen der NDR experimentiert.

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Quelle: SZ 14. November 2016

Was ist Objektivität im Journalismus?

Geschrieben am 13. November 2016 von Paul-Josef Raue.
Peter Kerstans Buch "Der journalistische Film" erschien bei Zweitausendeins.

Peter Kerstans Buch „Der journalistische Film“ .

„Die sogenannte Objektivität können wir getrost vergessen“, schreibt Peter Kerstin in seinem 2000 erschienenen Buch „Der journalistische Film“. Er schlägt vor, objektiv durch fair oder angemessen zu ersetzen. Diesem Ideal nähere sich ein Journalist an, wenn er als Berichterstatter die eigene Subjektivität eingestehe:

Ein Standpunkt wird für den Zuschauer verständlich, wenn eine persönliche Sicht der Realität beschrieben wird… Die höchste Form der Objektivität ist durch das Eingeständnis einer subjektiven Sicht zu erreichen. Nur die Kenntnis vom Standpunkt des Berichterstatters ermöglicht dem Zuschauer, die Informationen sinnvoll einzuordnen.

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Quelle: Peter Kerstan: „Der journalistische Film. Jetzt aber richtig.“ Frankfurt 2000, Seite 31

„Schreiben ist wie eine Unterhaltung mit dem Leser“, sagt Julian Barnes

Geschrieben am 11. November 2016 von Paul-Josef Raue.
Barnes Julian Foto Kiepenheuer & Witch

Julian Barnes bekanntestes Buch erscheint bei Kiepenheuer & Witch. (Foto: kiwi)

„Ich will nicht über dem Leser thronen und ihm die Welt erklären“, bekennt der britische Autor Julian Barnes. Franziska Augstein interviewte ihn für die SZ vor der Verleihung des Siegfried-Lenz-Preises.

Journalisten können von Schriftstellern lernen, erst recht wenn sie über den Journalismus zur Literatur gekommen sind wie Julian Barnes. Das ist sein Verhältnis zu den Lesern, vorbildlich für Journalisten:

Ich stelle es mir eher wie eine Unterhaltung vor: Der Leser, die Leserin und ich, wir sitzen in einem Café, und ich zeige auf die Straße: Schau mal, was glaubst du, was da los ist, haben die zwei eine Affäre? Warum trägt der da einen so bekloppten Hut? Und die Frau dort läuft mit einem Gehstock, gestern hatte sie noch keinen Stock. – Ich bin kein didaktischer Autor. Mein Verhältnis zu meinen Lesern betrachte ich als Miteinander.

Dass Schreiben nicht nur Spaß ist, belegt auch Barnes, der einräumt: Die erste Seite arbeite ich fünfzig, sechzig Mal durch. So viel Zeit dürften Journalisten mit dem ersten Satz nicht bekommen, der vergleichbar der ersten Seite eines Buchs ist – auch der erste Satz ist „ein Vertrag mit dem Leser“ so formuliert es Barnes.

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Quelle: SZ, 11. November 2016: „Die erste Seite ist der Vertrag mit dem Leser“

Was muss ein Relaunch leisten? Das Beispiel der Südwest-Presse

Geschrieben am 5. November 2016 von Paul-Josef Raue.
Die neue Seite 1 der Südwest-Presse: Hier die Göppinger Ausgabe

Die neue Seite 1 der Südwest-Presse: Hier die Göppinger Ausgabe

Die Südwest-Presse in Ulm mit gut 300.000 Auflage hat im Oktober ihr Aussehen wie auch ihre Struktur verändert, radikal sogar. Ein Jahrzehnt oder länger blieb die Zeitung ihrer Gestaltung treu, schwäbisch gelassen, man könnte sogar von einer gewissen Betulichkeit sprechen. Die Zeitung war wie ihre Leser.

Doch Vorsicht! Leser ändern sich, die Gesellschaft ändert sich – und Redaktionen sind klug, wenn sie nicht von ihrer eigenen Abneigung gegen Veränderungen ausgehen und daraus schließen: Die Leute schätzen nur das Bewährte, schätzen die Zeitung als ruhenden Pol in einer unruhigen Welt.

Doch die Leser ändern sich, auch in Schwaben: Sie brauchen die Zeitung nicht mehr, um Nachrichten zu lesen. Das Rennen um die Aktualität haben die Zeitungen zudem schon lange vor dem Internet verloren. Über die Bürger zieht ein unendliches Nachrichten-Gewitter hinweg: Sie lesen und hören unentwegt, was passiert ist, aber sie verstehen nicht, warum es passiert. Darauf reagiert die Südwest Presse und bringt auf jeder Seite meist einen großen Artikel, der die Oberfläche der Nachrichten verlässt und in die Tiefe taucht. Fast völlig verschwunden sind die Artikel mit 20 oder 30 Zeilen, die zu lang sind für eine Nachricht und zu kurz für eine Analyse.

„Wir müssen mehr Mut haben, eigene Schwerpunkte zu entwickeln. Der Leser honoriert das!“, sagt Chefredakteur Ulrich Becker. „Ich höre nach dem Relaunch von den Lesern: Ich erfahre mehr als früher – oder: Das habe ich so nirgendwo anders gelesen.“

Die Zeitung ähnelt plötzlich einer Wochenzeitung, die täglich erscheint; die Zeitung beweist, dass Redakteure die Welt erklären können, die große und die lokale. Die moderne Zeitung ist mehr als eine Nachrichten-Sammlung, sie wird journalistisch in dem Sinne, dass sie stärker recherchiert und den Platz schafft, um Recherchen auch zu präsentieren, opulent und ausführlich.

Ein Nachteil der reformbedürftigen Südwest Presse war die einzeilige Überschrift: Sie war kurz, fasste meist nur drei, vier Wörter, sie verführte den Redakteur zum Griff in die Textbaustein-Sammlung wie „Streit um…“ oder ähnlichem mehr. Der Leser ärgerte sich, er konnte nicht erkennen, was ihn im Artikel erwartet; der Redakteur hätte sich auch ärgern müssen, denn der Leser, den die Überschrift nicht verführt, liest seinen Artikel nicht.

Die Gestaltung muss aber der Funktion folgen – wie im Relaunch: Die große, tiefschwarze Überschrift geht oft über zwei Zeilen, sie bietet genügend Raum für eine Inhaltsangabe, falls sich der Redakteur nicht in feuilletonistische Spielereien verlieren will. Die Überschrift nebst Unterzeile, die ausführlich ist wie ein Vorspann, hat ihre Funktion wieder erlangt: Den Leser zu informieren und zum Lesen zu verführen – oder zum Weiterblättern. Auf jeden Fall ärgert sich der Leser nicht mehr, wenn er erst im zweiten Absatz erfährt, dass ihn das Thema nicht interessiert.

Gerade im Lokalen haben kurze Meldungen, Service und Vereinsnachrichten noch einen hohen Wert für viele Leser. Das „Community-Building“ ist kein Online-Privileg, es ist genau so wichtig in der Lokalzeitung. Diese Nachrichten stehen am Fuß der Seite, blattbreit und rubriziert.

Norbert Küpper kritisiert die Meldungen am Fuß:

„Unten auf der Seite wird nichts Wichtiges mehr erwartet. Da sollte man eher eine größere mehrspaltige Überschrift als Blickfang platzieren. Es ist ja für die Redaktion auch ziemlich stupide, jeden Tag alle Meldungen auf die gleiche Höhe zu schreiben.“

Küpper verweist auf skandinavischen Zeitungen, die stilbildend in Europa sind: „Das ist man lockerer und würde die Meldungen unterschiedlich lang laufen lassen. Man nennt es auch Wäscheleinen-Umbruch. Oben stehen die Meldungen auf einer Linie, unten laufen sie unterschiedlich lang aus.“

Offenbar verwirrte die Meldungsleiste am Fuß der Seiten auch einige Leser, berichtet Ulrich Becker, der Chefredakteur: „Nach vier Wochen dreht sich das, es kommen überwiegend positive Rückmeldungen. Schnell, überraschend, mit spielerischen Elementen, das sagen nun die Leser.“

So reagieren Redaktionen in einem Relaunch am besten auf die Krise:

  1. Die Zeitung ist so übersichtlich wie der Küchenschrank ihrer Leser: Mit verbundenen Augen können morgens die Leser, noch schlaftrunken, ihren Kaffeebecher finden. So ordentlich muss auch eine Zeitung sein.
  2. Die Zeitung ist der beste Welterkunder, gerade in unruhigen Zeiten, in denen die Welt in unser ruhiges Land einbricht. Wer die Welt verstehen will, muss die Zeitung lesen: Das ist der Auftrag an die Redakteure, im Mantel und erst recht im Lokalen.

Die Zeitung bildet die lokale Gemeinschaft und öffnet sich den Debatten, Ein- und Widersprüchen.

 

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Ausführlich bei kress.de:

https://kress.de/news/detail/beitrag/136304-der-relaunch-die-zeitung-muss-die-welt-erklaeren.html

 

 

 

 

 

Das Lesen deutscher Zeitungen ist Arbeit

Geschrieben am 23. Oktober 2016 von Paul-Josef Raue.
Der Designer Norbert Küpper

Der Designer Norbert Küpper

In Skandinavien sind die meisten Lokalzeitungen ein Fest fürs Auge, die dennoch ausreichend Futter für den Verstand bieten: Zeitungen sind aufgemacht wie Magazine mit großzügigem und frischem Layout.

Warum sind deutsche Redakteure offenbar so verschieden im Vergleich zu skandinavischen?, fragte ich Norbert Küpper, einen der wichtigsten Designer für Tageszeitungen in Deutschland:

In Deutschland ist man Journalist, weil man gerne schreibt. Man geht gerne mit Sprache um, ist sprachlich kommunikativ. Dass man auch visuell kommunikativ sein kann und viele Informationen so noch besser übermitteln kann, wird offenbar noch nicht ausreichend vermittelt. Redaktionssysteme scheinen auch zu kompliziert, um alternative Storyformen zu gestalten – jedenfalls für Redakteure.

Die Abneigung, Design zu schätzen, wurzelt tief in der deutschen Zeitungs-Geschichte und der Philosophie, wie wir Journalismus sehen. Die fünf Gründe:

  1. Das Lesen deutscher Zeitungen ist Arbeit. Wer seinen Verstand nutzen will, muss sich mühen. Immanuel Kant ist der Vater dieser Vermutung, er schreibt in seinem Essay „Was ist Aufklärung?“: „Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen gerne zeitlebens unmündig bleiben.“ Das Gegenteil der Faulheit sind Eifer und Mühe; der ideale Zeitungsleser ist also der Eifrige, der im Weinberg der Aufklärung schuftet.
  2. Schreiben ist Arbeit.Wolf Schneider hat die Idee festgeschrieben: Nicht der Leser muss sich plagen, um Texte zu verstehen, sondern der Journalist, um sie verständlich zu schreiben. Schneiders Idee ist zwar in vielen Köpfen, die Wirklichkeit ist meist davon entfernt: Menschen scheuen Mühe, Redakteure auch, sie überlassen den Lesern die Arbeit und nennen ihr Ergebnis „anspruchsvoll“.
  3. Die Welt ist wichtiger als der Nachbar. Der Typ des Generalanzeigers, der in die weite Welt schaut, ist noch immer das Ideal vieler Verleger und der meisten Chefredakteure, auch wenn fast alle Leser- und Marktforschungen das Gegenteil belegen: Das Lokale vorn! Selbst den Oberstudienrat interessiert am meisten das neue Konzept für das Stadtzentrum, auch wenn er kritisiert: Dann erfahren die Bildungsfernen nichts mehr von der Regierungskrise in Bangladesch.
  4. Der Leser ist nicht bereit. Der Chefredakteur, der im Wochenend-Magazin mit mehr Weißraum spielt, bekommt gleich Anrufe und Briefe von Lesern: „Bekommen Sie den Platz in der Zeitung nicht mehr gefüllt? Ich hätte da einige Anregungen“; andere drohen gleich: „Ich bezahle das Abo nicht für leere Seiten“; wieder andere empfehlen: „Schreiben Sie doch darüber ,Raum für Notizen‘, dann hat es wenigstens einen Sinn.“
  5. Es hat noch keiner so radikal versucht. Der Verleger fürchtet Ärger und Abo-Kündigungen; er kennt die Schilderung von Kollegen, die nach einem Relaunch von den schrecklichsten Stunden ihres Lebens berichten. Der Chefredakteur fürchtet sich vor dem Unmut seiner Redakteure, die weniger Stellen bekämen zugunsten von Layoutern und Infografikern, die er für ein Qualitäts-Layout einstellen muss.

Mehr zum skandinavischen Layout und zu „Kvinnheringen“, Europas Lokalzeitung des Jahres, die aus Nordnorwegen kommt, im Blog JOURNALISMUS! bei kress.de

Bei den Sprachpäpsten führt Wolf Schneider

Geschrieben am 22. Oktober 2016 von Paul-Josef Raue.
Die Memoiren des Sprachpapstes Wolf Schneider

Die Memoiren Wolf Schneiders erschienen 2015

Es ist nur das „Streiflicht“ und keine repräsentative Statistik: Der anonyme „Streiflicht“-Autor im katholischen Bayern sucht in der „breit aufgestellten Kultur der Papst-Metaphorik“ und findet viele Päpste in Deutschland – die Wurst-Päpste, den Dübel-Papst, Koch-Papst, Schrauben-, Wein- und Wetter-Papst, Schlager- und Nudelpapst, den Geigen-Papst und den Schwarzen Papst, aber mit ihm nähert sich der Streiflicht-Autor wieder dem Vatikan.

Auch der wichtigste der Neben-Päpste wird erwähnt, der Mitautor des Handbuch des Journalismus:

Augenblicklich führt bei den Sprachpäpsten noch Wolf Schneider, wenn auch nicht unangefochten.

Das „noch“ würden wir gerne streichen. Aber immerhin sind Schneiders Konkurrenten, die Gegen-Päpste, nicht einmal namentlich erwähnt.

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Quelle: SZ vom 20. Oktober 2016

 

Was geht im Kopf eines Smartphone-Wischers vor? Christine Nöstlinger ist ratlos

Geschrieben am 14. Oktober 2016 von Paul-Josef Raue.
Nöstlinger Maikäfer

Christine Nöstlingers beeindruckendster Roman: Die letzten Weltkriegstage aus der Sicht eines Mädchens.

Die österreichische Kinderbuch-Autorin Christine Nöstlinger, die gestern 80 wurde, traut sich nicht mehr zu, für 13- und 14-Jährige zu schreiben. Im Interview mit Tilman Spreckelsen von der FAZ sagt sie:

Menschen, die ihre Freizeit hauptsächlich damit verbringen, auf einem Smartphone herumzuwischen – ich kann mir nicht vorstellen, was in so einem Kopf vorgeht.

Verzweifelt ist sie ob der Bundespräsidenten-Wahl in Österreich:

Das Schreckliche ist ja: Jahrzehntelang haben wir geschimpft auf die Boulevardpresse, dass die Leute blöd macht. Aber jetzt haben wir ungefähr ein Drittel der Bevölkerung, das sich nicht mehr an der Boulevardpresse orientiert, sondern an den sozialen Medien.

Diese Leute bekämen immer nur das, was in ihr Weltbild passe. Resigniert endet die 80-Jährige: „Ich wüsste nicht, wie man auf diese Leute Einfluss nehmen kann.“

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Quelle: FAZ 13. Oktober 2016 „Politisch immer mehr so links gewesen“

Ein guter Journalist belehrt seinen Leser nicht, manipuliert ihn nicht“ (Stephanie Nannen – Zitat der Woche)

Geschrieben am 13. Oktober 2016 von Paul-Josef Raue.
Stephanie Nannen und ihr Großvater Henri Nannen, etwa 1990. Foto: Kress

Stephanie Nannen und ihr Großvater Henri Nannen, etwa 1990. Foto: Kress

Heute vor zwanzig Jahren starb Henri Nannen, einer der prägenden Journalisten der Nachkriegszeit. „Du musst eine Geschichte erzählen“,  erinnert sich Enkelin Stephanie Nannen an ihren Großvater. „Nimm deinen Leser mit auf die Reise und lass ihn mit erleben, mit erfahren, mit schmecken, mit leiden und mit lieben!“

In einem Beitrag für Kress Pro schreibt Stephanie Nannen über die Einsamkeit des Journalisten, der mit seinem Leser ein Zwiegespräch führe:

Gesprächspartner sei nicht die anonyme Masse, sondern der einzelne Leser,  der Mann, der im Zug die Zeitung liest, der Arbeiter in der Pause, die Frau, wenn sie am Abend endlich Zeit dazu findet – immer nur ein einzelner Mensch, der beim Lesen so allein ist wie der Journalist beim Schreiben. Diese beiden seien Partner eines Gesprächs. Ob sich diese Szene tausend oder wie beim Stern seinerzeit in der Woche neun Millionen Mal ereigne: In jedem Fall ist der Journalist mit seinem Leser allein.

Und sie nennt den Grundsatz ihres Großvaters:

Ein guter Journalist versuche seinen Leser weder zu belehren noch zu manipulieren.

 

 

 

Journalisten im Krieg: Eine Reportage aus Kolumbien, dem Land des Friedensnobelpreises

Geschrieben am 7. Oktober 2016 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 7. Oktober 2016 von Paul-Josef Raue in Aktuelles, H 32 Reportage, Lokaljournalismus.
Ulrich Wickert verleiht Yefferson Ospina Bedoya aus Kolumbien den Internationalen Preis für Kinderrechte 2016 (Foto: Plan International/ Alexander Schumann)

Ulrich Wickert verleiht Yefferson Ospina Bedoya aus Kolumbien den Internationalen Preis für Kinderrechte 2016; Bedoya bedankte sich bei Wickert mit einem Sommerhut.  (Foto: Plan International/ Alexander Schumann)

Auch die Journalisten in Kolumbien haben den Friedensnobelpreis verdient: Sie recherchieren oft unter Lebensgefahr, sie schreiben gegen das Vergessen. Wer über den Krieg schreibt, wer über die Menschen schreibt, die im Krieg leben, der schreibt für den Frieden – wie Yefferson Ospina Bedoya, Redakteur der kolumbianischen Zeitung El País in Cali. Er fährt durch das vom Krieg zerfurchte Kolumbien und schreibt auf, was wirklich ist, jenseits der Propaganda von Regierung und Rebellen. Sein Lokaljournalismus ist bizarr, so bizarr wie das Land.

Für eine Reportage fuhr Bedoya in das Dorf Corinto im Südwesten und besuchte einen Fußballklub, den F.C. Cxha Cxha Wala. Er kennt Justiniano Julián Medina, den Manager und Trainer, der erst eine Fußballschule für Kinder, dann den Verein gegründet hat. Der Reporter fragt ihn:

„Die Vorstellung, dass es in diesen Bergen, inmitten des Konflikts, eine Fußballschule gibt, ist schon etwas seltsam.“ Ja, antwortet Medina. „Genau deswegen haben wir den Club ja gegründet. Wir wollen die Kinder vor dem Krieg, vor Drogen, dem Koka und dem Tod bewahren.“

Bedoya veröffentlichte seine Reportage am 14. Juni 2015: „Cxha Cxha Wala F.C. – der Fußball und der Krieg im Norden von Cauca“. Er nahm  für diese Reportage den „Ulrich-Wickert-Preis für Kinderrechte“ entgegen  – einer der wenigen  Journalistenpreise in Deutschland, die an Journalisten aus der „Dritten Welt“ verliehen wird.

Ulrich Wickert vergibt jedes Jahr den Preis seiner Stiftung, die er unter dem Dach des Kinderhilfswerks „Plan“ gegründet hat. Die Reportage aus Kolumbien rühmte Wickert bei der Preisverleihung Ende September in Berlin:

Sie hat eine beeindruckende journalistische Qualität und sensibilisiert für die Situation von Kindern in ärmeren Ländern. Aber was viel wichtiger ist: Der Preis hat eine positive Wirkung. Er ermutigt Journalisten, unbequemen Fragen nachzugehen und Zivilcourage zu zeigen. Die Veröffentlichungen sorgen dafür, Missbrauch und Ausbeutung von Kindern aufzudecken. Darüber hinaus geben die Preisträger den Mädchen und Jungen eine Stimme und ermutigen sie, ihr Leben in die Hand zu nehmen.

Wie der 10-jährige Frank in Bedoyas Reportage über den Fußballclub in dem Dorf, in dem die Guilleras kämpfen – direkt neben dem Fußballplatz. Frank weiß, wie die meisten Kinder, Schüsse aus Gewehren und Pistolen zu unterscheiden. Der Krieg gehört zu ihrem Alltag: FARC-Rebellen sowie Militär haben genau dort Stützpunkte errichtet, wo die indigenen Siedlungen liegen. Laufend finden Gefechte statt. Das Fußballspiel ist der einzige Lichtblick für die Kinder in Corinto.

Ein Auszug aus Bedoyas Reportage:

An diesem Tag begann das Training um drei Uhr nachmittags. Um halb fünf, eine halbe Stunde vor Trainingsende, erzählte mir Trainer Capaz, dass das Training fast hätte abgesagt werden müssen, da es am Vortag in 100 m Entfernung zum Fußballplatz zu Gefechten zwischen dem Militär und den FARC gekommen war. Mehrere Eltern hatten ihren Kindern daraufhin verboten, zum Training zu gehen, und Capaz musste sogar mit einem der Guerilla-Kommandanten verhandeln, damit sie sich zurückziehen. „Für die Kinder ist es manchmal sehr schwer. Die Gefechte nehmen sie sehr mit, aber das Fußballspielen ist auch so etwas wie eine Therapie dagegen.“, sagt Capaz…

Der Platz liegt oben auf einer der Bergkuppen. Mit seinem dicht wachsenden Rasen aus feinen Gräsern liegt er genau gegenüber einem unübersehbaren Marihuana-Gewächshaus. Die Kinder beachten es kaum und konzentrieren sich auf den Ball. Nur zwei oder drei von den über 40 trainierenden Kindern haben Fußballschuhe an. Alle anderen spielen mit Stoffschuhen. Keiner hat Schienbeinschoner, der Torwart spielt ohne Handschuhe…

Und plötzlich, als mir der Trainer von den Gefechten erzählt und von den Rekrutierungstricks der FARC, wird mir mit aller Deutlichkeit und Brutalität bewusst, wie paradox diese ganze Szenerie, dieses Spiel, dieser von Marihuana-Plantagen umgebene Fußballplatz, diese hinter ihren Bällen her rennenden Kinder eigentlich sind. Eine Szenerie, die gleichzeitig tragisch, hoffnungsvoll, brutal und ergreifend ist: Unschuldige Kinder, die  inmitten der Erbarmungslosigkeit und Grausamkeit, die jederzeit zuschlagen kann, Fußball spielen und sich gar nicht bewusst sind, dass der Ball sie davor schützt, in den Krieg zu müssen.

Die Reportage hat komplett der Mannheimer Morgen veröffentlicht:

http://www.morgenweb.de/wochenende/reportage/kicken-gegen-den-krieg-1.2981783

 

 

 

Die Einheit nach 26 Jahren: Die meisten Zeitungen im Osten ohne Vergangenheit

Geschrieben am 3. Oktober 2016 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 3. Oktober 2016 von Paul-Josef Raue in Aktuelles.
Christiane Baumann schrieb das Buch über den DDR-Vorläufer des Nordkurier in Neubrandenburg.

Christiane Baumann schrieb das Buch über den DDR-Vorläufer des Nordkurier in Neubrandenburg.

Die meisten der fünfzehn ehemaligen DDR-Bezirkszeitungen haben sich nicht oder nicht  öffentlich mit ihrer Vergangenheit beschäftigt, stellt die Germanistin Christiane Baumann fest. Sie war im Revolutionsjahr 26 Jahre jung,  recherchierte über das Schweriner Theater in der DDR, über den SPD-Politiker Ibrahim Böhme, der als IM enttarnt wurde, und über die Geschichte der Zeitung Freie Erde in Neubrandenburg, die heute Nordkurier heißt.  Baumann über sich selbst:

Meine persönlichen Erfahrungen unterscheiden sich vermutlich nicht von denen anderer, die in den achtziger Jahren mit einem gewissen kritischen Blick lebten. Ich gehörte zu keiner Partei, auch nicht zu Oppositionsgruppen, kam zum Ende der DDR in die Nähe des Neuen Forums und dann als Quereinsteigerin in den Journalismus. Das Thema Ideologiekritik als solches hat mich aber seit dem Studium schon beschäftigt.

Ihre Recherchen zur Freien Erde – und vor allem die Veröffentlichung – sind ein Tabu-Bruch, provoziert von Lutz Schumacher, dem  Geschäftsführer und Chefredakteur des Nordkurier. Schon zuvor haben einige Zeitungen ihre DDR-Geschichte recherchieren lassen – aber die Ergebnisse im Giftschrank eingeschlossen: Zu groß war die Furcht über IM-Enttarnungen und die Reaktionen der Leser – und der Redakteure.

Christiane Baumann berichtete in einem Interview mit der Thüringer Allgemeine, die im vergangenen Jahr ebenfalls ihre DDR-Geschichte recherchieren ließ:

Die Berliner Zeitung hat zur Stasibelastung ihrer Mitarbeiter eine Studie erstellt, deren Ergebnisse aber nur teilweise veröffentlicht. Die Ostsee-Zeitung in Rostock riss in einer Serie zum 50. Jubiläum DDR-Themen zwar an, sparte aber Heikles wie die Stasi-Anbindung ihrer Redakteure aus.

Der Neubrandenburger Chefredakteur veröffentlichte die Ergebnisse der Recherche in einer Serie im Nordkurier, die abschließend in einer Broschüre zusammengefasst wurde; ähnlich verfuhr die Thüringer Allgemeine.

Die Lausitzer Rundschau in Cottbus haben die Professoren Michael Heghmanns  und Wolff Heintschel von Heinegg im Auftrag des Verlags untersucht; ihre Recherche veröffentlichten sie nur in einem Band der Schriftenreihe des Berliner Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR; sie nennen sämtliche Namen der IM. Das Buch ist vergriffen, aber kann als Datei komplett heruntergeladen werden:

Der Staatssicherheitsdienst in der Lausitzer Rundschau. Absicherung der Berichterstattung der SED-Bezirkszeitung Lausitzer Rundschau durch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR.

Die Autoren kommen zu dem Schluss:

Der  Einfluss des Ministeriums für Staatssicherheit auf die Berichterstattung der Lausitzer Rundschau war äußerst gering. Soweit von einer inhaltlichen Kontrolle die Rede sein kann, ging diese nicht über die allseits bekannten Formen der direkten oder indirekten Einflussnahme hinaus. Dies bedeutet, dass zum einen die Vorgaben der SED selbstverständlich Beachtung fanden und zum anderen die Mitarbeiter der Redaktionen hinreichend ’sensibilisiert‘ waren, so dass sie bereits im Wege der Selbstkontrolle alles vermieden, was zu einem Widerspruch zu den genannten Vorgaben hätte führen können.

Diese Einschätzung teilt auch Christiane Baumann nach ihren Recherchen in Neubrandenburg und Erfurt:

Es wäre völlig irrwitzig, wenn man davon ausginge, dass die Stasi das Sagen in der Zeitung hatte. Zeitungen wurden straff kontrolliert durch die Partei selbst, da war sowieso wenig Spielraum. Die Stasi schaffte darüber hinaus eine Art Parallelkontrolle. Es gab die Kontrolle nach Innen, aber es gab auch den Redakteur, der bei Künstlern, Sportlern oder in Betrieben Informationen einholte und weitergab.

Die komplette Kress-Kolumne JOURNALISMUS! zum Thema: Intellektuelle Spießer, Bevormundung und Bespitzelung

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Info: Literatur zum Thema

(bis auf die Bücher von Baumann und Maron  nur antiquarisch erhältlich):

  • „Die Zeitung ‚Freie Erde‘. Kader, Themen, Hintergründe – Beschreibung eines SED-Bezirksorgans“, wird herausgegeben von der Landesbeauftragen für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (Schwerin 2013, 179 Seiten, zu beziehen über die Landesbeauftragte für 6 Euro)
  • Über „Das Volk“ und seine Stasi-Instrumentierung wird demnächst auch ein Buch von Christiane Baumann herausgegeben, Klarnamen von IM inklusive.
  • „Willfährige Propagandisten. MfS und SED-Bezirksparteizeitungen“ von Ulrich Kluge, Steffen Birkefeld und Silvia Müller thematisiert die Berliner Zeitung, Sächsische Zeitung und den Neuen Tag
  • Monika Marons Roman „Flugasche“ spielt in Bitterfeld, dem großen Chemie-Standort der DDR, er gründet in Marons Erfahrungen als Redakteurin für die Ost-Berliner Wochenpost im Chemierevier der DDR: Die Redakteurin soll ein Porträt eines „Helden der Arbeit“ schreiben, will die Wahrheit schreiben, aber scheitert damit in der Redaktion und der Partei. Das Buch erschien 1981 nur im Westen.
  • Brigitte Klumps „Das rote Kloster. Als Zögling in der Kaderschmiede des Stasi“. Die Ex-Studentin in der Journalistenschule der DDR schrieb 1978 den Bericht, der nur im Westen erschien.
  • Gunter Holzweißig: Zensur ohne Zensor. DIE SED-Informationsdiktatur (1997). Überblick mit vielen Beispielen
  • Stefan Panne: Die Weiterleiter. Funktion und Selbstverständnis ostdeutscher Journalisten (1992). Befragung von 22 ostdeutschen Journalisten und Auswertung von 110 DDR-Romanen, in denen Journalisten eine Rolle spielen
  • Ilona Wuschig: Anspruch ohne Wirklichkeit. 15 Jahre Medien in Ostdeutschland (2005). Die Dissertation geht der – immer noch aktuellen – Frage nach, „warum ostdeutsche Journalisten seltener als ihre westdeutschen Kollegen das Gefühl haben, dass dieser ‚Staat auch ihr Staat‘ sei“ und „warum große Teile der ostdeutschen Bevölkerung kein Vertrauen in die Politik entwickelt haben und was dies für Medien bedeutet“.

 

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