Wallfahrt ins Silicon Valley (Zitat der Woche)

0 Kommentare / Geschrieben am 23. Juni 2014 von Paul-Josef Raue in C 5 Internet-Revolution.

Muslime müssen einmal im Leben nach Mekka, Christen sollten das Heilige Land gesehen haben, und wer auf das Geschäft im ewigen Internet hofft, muss mal die Wallfahrt ins Silicon Valley gemacht haben. Um von diesem Enthusiasmus zu naschen. Um einmal zu sehen, was wäre wenn.

Peter Richter in der SZ “Krieg um die Hauptstadt des Internet” (21.6.2014)

Fußball und Sprache: Löw, Oben-Ohne-Kicker und Angela Merkel als Teamchefin (Friedhof der Wörter)

Politiker mögen den Fußball: Nichts ist schöner, als sich mit siegreichen Deutschen, verschwitzt und oben ohne, in der Kabine ablichten zu lassen. Von wegen “aussitzen”: Für solch ein Foto fliegt unsere Kanzlerin in der Regierungsmaschine schon mal um die halbe Welt bis nach Brasilien

Sie hatte, wie so oft in der Regierung, den richtigen Riecher: Gleich im ersten Spiel trumpfte die Mannschaft wie ein Weltmeister auf – und die Kanzlerin war dabei.

Politiker mögen den Fußball – auch wegen der Sprache. Keine andere Sportart, nicht einmal das Boxen, bietet so viele einprägsame Sprachbilder wie der Fußball. Da zeigt die Kanzlerin einem Parteifreund die “Rote Karte”, da ist die Partei “gut aufgestellt” – und Sigmund Gabriel muss aufpassen, dass er nichts “abseits” steht.

Vor acht Jahren verglich die Kanzlerin sogar die Regierungszeit mit einem Fußballspiel. Das geschah auf einem Parteitag in Dresden kurz nach der Weltmeisterschaft und der Sommer-Euphorie des “nationalen Zusammengehörigkeitsgefühls” (was für ein Wort!).

Wir befinden uns in der 23. Minute eines Fußballspiels”, erzählte die Kanzlerin. “Ja, wir haben schon einige tolle Tore geschossen. Ja, wir hatten einige gute Chancen, aber gewonnen ist noch gar nichts. Als Teamchefin habe ich dabei die Aufgabe, dass wir möglichst viele Chancen für Deutschland und für die Menschen in diesem Land nutzen.

Die mächtigste Frau Deutschlands und eine der mächtigsten der Welt vergleicht sich mit einem Fußball-Trainer! Das ist noch nicht einmal Gerhard Schröder eingefallen, der als junger Mann, eifrig am Tor des Kanzlerams rüttelnd, für den TuS Talle stürmte und sich später erinnerte: “Man nannte mich Acker.”

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Thüringer Allgemeine, “Friedhof der Wörter”, 23. Juni 2014

Der kurze Frühling des Lokaljournalismus beim “Netzwerk Recherche”

Die Lokaljournalisten sind zahlenmäßig die wohl größte Gruppe unter den Zeitungs-Redakteuren. Beim 13. Jahrestreffen des “Netzwerk Recherche” am 3. und 4. Juli in Hamburg spielen sie so gut wie keine Rolle. Wenn ich ausreichend recherchiert habe: Gerade mal eine der hundert Veranstaltungen dreht sich um den Lokaljournalisten, gerade mal zwei Referenten unter den zweihundert kommen aus dem Lokalen. Wenn ich richtig rechne: ein Prozent.

Die eine Veranstaltung ist “Lokaler Datenjournalismus” und wird so angekündigt:

Im Lokalen liegen sie noch, die ungehobenen Datenschätze: Wo sind Polizei und Notärzte am häufigsten unterwegs? Wer zahlt den höchsten Preis fürs Trinkwasser? Und welches Wahllokal verzeichnet das kurioseste Wahlergebnis? Je kleinräumiger sich solche Phänomene zeigen lassen, desto besser können sich auch die Leser im Thema verorten. Zur Hyperlokalität kommt ein weiterer Pluspunkt: Im Regionalen benötigen Datenjournalisten keine bundesweite Datenbasis, um sich ein Thema zu erschließen. Drei von ihnen geben Einblicke in ihre Projekte, Tricks und Tools.

Moderator ist Marco Maas (Datenjournalist, Medienberater, Trainer, OpenDataCity)

Referenten sind Felix Ebert, Christina Norden (Volontärin, Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag) und Vanessa Wormer (Online-Redakteurin, Heilbronner Stimme)

Unter den 14 Kategorien der Veranstaltungen, von Auskunftsrecht über Recherche international bis Überwachung, kommt Lokaljournalismus erst gar nicht vor. Im November 2012 hatte das Netzwerk erstmals nicht nur die Nase gerümpft über Journalisten in der Provinz, sondern bei der Süddeutschen einen Kongress organisiert “Lokaljournalismus zwischen Recherche und Regionalstolz”. Das war er dann der kurze Frühling.

In Hamburg sind die Großen, die Berühmten wieder unter sich. Garniert wird die Riege der Stars von TV-Gesichtern wie etwa einer Moderatorin der “Tagesthemen”: Recherchiert eine Moderatorin, die täglich ein Dutzend Sätze brav aufsagt, mehr als 1500 Lokaljournalisten?

Lokaljournalisten: Spart Euch den Besuch in Hamburg und erspart Euch den Hochmut der Verächter der Provinz!

2,5 Milliarden weltweit lesen jeden Tag eine gedruckte Zeitung

Auch wenn digitale Medien heute einen Großteil der Aufmerksamkeit beanspruchen und die Leserschaft der Zeitungen vergrößern, darf man den Druck nicht vernachlässigen, der immerhin 2,5 Milliarden Leser pro Tag anzieht und weltweit mehr als 93 Prozent des Umsatzes von Zeitungsverlagen generiert.

Vincent Peyrègne, CEO von WAN-IFRA, dem Weltverband der Zeitungen und Nachrichtenmedien

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Quelle: Pressemitteilung 19. Juni 2014 “WAN-IFRA gründet World Printers Forum“

WDR-Hörfunk-Krimi auf 17 Uhr verlegt – “wo im Winter schon dunkel ist” (Intendant Buhrow)

Tom Buhrow, der WDR-Intendant, stellt sich öffentlich Fragen des Publikums. Er antwortet auf die Frage, warum der Samstag-Krimi bei WDR 5 von 11 auf 17 Uhr verlegt worden ist:

Erstens: Samstag ist Besorgungstag, das heißt viele Leute gehen dann einkaufen;
zweitens, und das ist der Hauptgrund, da kommt natürlich Gewalt drin vor in diesen Hörspielen und da haben sich einige Familien auch beschwert. Und da musste man darauf Rücksicht nehmen und hat gesagt: Nee, morgens früh, wenn die Kinder noch mit vorm Radio sitzen, nicht diese Sachen. Dann lieber siebzehn Uhr, wo im Winter schon dunkel ist.

Quelle: Funk-Korrespondenz

“Zu viel Wissen ist übermenschlich und kann unmenschlich werden” (Zitat der Woche)

Universalgelehrte kann es heute nicht mehr geben, weil die Menschheit zu viel weiß. Zu viel Wissen ist übermenschlich und kann unmenschlich werden.

Der klügste Satz in unendlich vielen Nachrufen auf Frank Schirrmacher stammt von Kurt Kister, dem SZ-Chefredakteur Kurt Kister – der den FAZ-Herausgeber “in Sichtweite jener ausgestorbenen mythischen Gestalt des Universalgelehrten brachte”.

In diesen Sätzen formuliert Kister die Aufgabe für uns Journalisten: Wir müssen das Wissen wieder menschlich machen, also klug auswählen und so zerlegen, dass jeder das für ihn Wichtige bekommt. Lasst uns also nicht weiter dicke Zeitungen machen, sondern Zeitungen im menschlichen Maß!

Quelle: SZ 14.6.2014

Wie blöd ist Public Viewing? (Friedhof der Wörter)

Über “Pablik Wjuing” sprechen wir immer, wenn sich die besten Fußballer treffen und die Deutschen vom Titel träumen. “Public Viewing” ist ein Thema für den “Friedhof der Wörter”, wenn die Groß-Leinwand hochgezogen wird, sich Anwohner über nächtlichen Lärm beschweren und Bürgermeister überlegen, ob sie sich mit der Mehrheit der Zuschauer anlegen oder der Minderheit der Nachbarn.

“Public Viewing” gibt es in England selten, weil es wahrscheinlich auf Insel zu kalt und meist regnerisch ist oder weil die Engländer nicht mitspielen dürfen oder früh auf die Insel zurückreisen müssen. “Public Viewing” in Amerika bedeutet meist eine öffentliche Leichenschau, wie sie vor wenigen Generationen auch noch in Thüringen üblich war:

Verwandte und Freunde verabschieden sich von einem guten Menschen,  den die Familie in der guten Stube aufgebahrt hat. 

Wie schnell aus dem “Public Viewing” eine Trauerfeier werden kann, mussten die Spanier übrigens am Sonnabend erleben, als die Holländer den Weltmeister demontierten. 

“Public Viewing” ist also ein kurioses Wort: Es kommt daher wie ein Anglizismus, doch die Amerikaner kennen es nicht in der Bedeutung, die wir ihm gegeben haben. So gab es Wettbewerbe, um das lange und schwer zu lesende Wort ins Deutsche zu übertragen. “Rudelgucken” war der Favorit bei jungen Hörern des WDR; das Wort schaffte es sogar in den Duden. “Meutekino” oder “Schau-Arena” oder “Freiluft-TV” sind andere Vorschläge.

Im Online-Tagebuch “Bestatter-Weblog” –  ja, den gibt es wirklich – geißelt der trauer-erfahrene Autor die Medien, die “auf den Zug aufgesprungen sind, ,public viewing’ als falsch darzustellen. Mit hochgezogenen Augenbrauen entblödete sich ja nahezu jeder und stellte die Deutschen als blöd hin, weil sie diesen Begriff verwenden”.

Wie wäre es denn, jenseits aller Blödheit, mit “Pablik Wjuing”? Das Wort, so geschrieben,  gibt es allerdings schon: Es ist der Name einer Unternehmensberatung in Deutschland.

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Thüringer Allgemeine, Kolumne “Friedhof der Wörter” 16. Juni 2014

Schirrmachers letzter Tweet – @fr_schirrmacher

Früher sammelte die Welt letzte Worte, heute kann jeder nachschauen – und den letzten Tweet entdecken. Das war der letzte von “frankschirrmacher”, wenige Minuten vor Mitternacht in der Nacht seines plötzlichen Todes:

11.06.14 23:49
Bilanz des Krieges gegen den Terror: Der Irak fällt in die Hände von Leuten, die selbst AlKaida zu extrem sind. theguardian.com/world/2014/jun…

Der englische “Guardian” war wohl die letzte Lektüre des großen Journalisten aus Frankfurt:

world news
Who are Isis? A terror group too extreme even for al-Qaida
The Islamic State of Iraq in Syria has a reputation for being even more brutal than the main jihadi group of inspiration

Die letzte Magazin-Lektüre galt Wired, dem Kult-Magazin des Silikon Valley: “Googles allsehender Satellit mit großem Potential fürs Gute und Böse”. Da las er die Frage, die auch seine Frage war: “Was bedeutet das Recht auf Vergessen, wenn Google dich überall sehen kann?”

Der FAZ-Herausgeber Schirrmacher twitterte viel, in der Regel knapp ein halbes Dutzend am Tag. Er las regelmäßig Heise-Online, Golem.de, die New York Times, den Spiegel, den Economist, die Süddeutsche und seine eigene Zeitung. Er las Olaf Scholz, Peter Sloterdijk, Sascha Lobo und Jürgen Habermas. Und manchmal beschäftigte er sich neben Richard Strauß und krautreporter , neben Al Gore und Snowden auch mit Nachrichten, die eigentlich keine waren für einen Intellektuellen wie ihn:

@fr_schirrmacher: Aha, die Tagesschau verspricht, dass der gestern ausgefallene Wetterbericht heute nachgeholt wird.

Er war, tröstlich, auch ein ganz normaler Mensch. Dennoch wird es mindestens eine Dissertation geben, die in seinem Tweet-Vermächtnis Schirrmachers Schlüssel zur Welt suchen wird.

“Mehr Licht” sollen Goethes letzte Worte in Erwartung des Todes gewesen sein. Der “Krieg gegen den Terror” war in der Tat Schirrmachers letzter Tweet. Ein Zufall vor einem plötzlichen Tod? ein Vermächtnis? Nein, doch eher ein Zufall.

Psalm 139 “Du hast mich erforscht”: Google spielt Gott

0 Kommentare / Geschrieben am 9. Juni 2014 von Paul-Josef Raue in Aktuelles, C 5 Internet-Revolution.

Du hast mich erforscht, und Du kennst mich. Ob ich sitze oder stehe, Du weißt von mir. Von fern erkennst Du meine Gedanken. Ob ich gehe oder ruhe, es ist Dir bekannt; Du bist vertraut mit all meinen Wegen. Noch liegt mir das Wort nicht auf der Zunge – Du kennst es bereits. Du umschließt mich von allen Seiten und legst Deine Hand auf mich.

Heribert Prantl zitiert bibelfest den Psalm 139. In einer Art Pfingstpredigt, als Aufmacher im SZ-Feuilleton zu lesen, vergleicht er die Botschaft des Psalms und die digitale globale Überwachung: Der Psalm-Dichter wollte Verfolgten Trost zusprechen und auf die Hilfe Gottes verweisen. “Es ist das Gebet eines verzweifelten und ohnmächtigen Menschen.”

Spricht eine weltliche Macht so, dann wird “Du hast mich erforscht” zu einem Albtraum, zu Angst, zu Wahn.

Quelle: SZ, 7. Juni 2014 “Edward Snowdens Pfingstwunder”

Die Bombe im Kino: Warum “Blockbuster” ein hässliches Wort ist und ein gefährliches obendrein (Friedhof der Wörter)

1 Kommentar / Geschrieben am 9. Juni 2014 von Paul-Josef Raue in Aktuelles.

Was hat Walt Disneys Film “Die Eiskönigin”, nach einem Märchen von Hans-Christian Anderson, gemein mit Bomben im Zweiten Weltkrieg, die Hunderttausenden in Deutschland den Tod  brachten?

Beide heißen “Blockbuster”.

Der Anglizismus “Blockbuster”, frei übersetzt: Wohnblock-Knacker,  ist auch in Deutschland ein gängiger Begriff für Filme, die – wie “Die Eiskönigin – viele Besucher anlocken und oft eine Milliarde Dollar oder mehr einspielen. Das Wort taucht in TV-Zeitschriften auf, im Privatsender “Pro7″ läuft es als Serientitel wie etwa am Pfingstsonntag mit dem glänzenden Politkrimi “Die Iden des März” oder mit der vierten Folge des Klimawandel-Zeichentricks “Ice Age” am Pfingstmontag.

(Übrigens: Traut der deutsche Verleih dem Kinogänger nicht zu, dass er weiß, was die Iden des März sind? Und bringt neben dem englischen Titel “The Ides of March”, den wohl nur wenige verstehen, den deutschen “Tage des Verrats”?)

Wir haben schöne  deutsche Wörter für den Blockbuster wie “Kassenschlager” oder “Kinohit”. Als das Fernsehen noch jung war und nahezu ganz Deutschland – bei fast 90 Prozent Einschaltquote – die “Halstuch”-Krimis schaute, sprachen die Leute vom “Straßenfeger”.

Blockbuster – der Begriff “ist eine Instinktlosigkeit gegenüber den Opfern des Luftkriegs im Zweiten Weltkrieg. Wenn ihn die Nachfahren englischer und amerikanischer Bomberpiloten verwenden, muss man das hinnehmen, von Deutschen jedoch nicht”,

schreibt Gerhard H. Junker, der Herausgeber des “Anglizismen-Index”, der vor einem halben Jahr in hohem Alter gestorben ist.

Als um die Jahrtausendwende in Hamburg zwei “Blockbuster” gefunden und entschärft wurden, tauchte das Wort auch in seiner ursprünglichen Bedeutung in unseren Zeitungen auf: Solange Bomben im Untergrund unserer Städte schlummern, werden wir diese Blockbuster nicht aus unserer Sprache vertreiben können.

Junge Leuten allerdings denken beim “Blockbuster” nicht mehr an den Krieg, den selbst ihre Eltern nicht erlebt und erlitten haben. Reicht aber das Unwissen über die Bombennächte aus, um den “Blockbuster” zu verzeihen oder gar zu dulden?

Wann befreit sich ein Wort  von seiner historischen Last? Aber unabhängig von dieser Frage: “Blockbuster” ist ein häßliches und unnötiges Wort, das auf den Friedhof der Wörter gehört – aber immer wieder aufstehen wird, da es auch der Duden aufgenommen hat ohne jeden Hinweis auf seinen zweifelhaften Ruf.

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Thüringer Allgemeine, Friedhof der Wörter, 2. Juni 2014 (hier erweitert)

 

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