Die Wandlung von Deutschlands First Lady: Von kritischer Journalistin zu weltfreundlicher Frau (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 2. April 2016 von Paul-Josef Raue.

Daniela Schadt, Lebensgefährtin unseres Bundespräsidenten, war in ihrem Leben vor dem Schloss Bellevue eine hochrangige Journalistin – die in ihren Artikeln vor Multikulti warnte. Heute geht sie damit kritisch um: „Als Politikredakteurin ist man meist mit dem beschäftigt, was falsch läuft im Land.“

Die Menschen in Deutschland, die „solidarische Gesellschaft“, haben sie verändert, sagt sie in einem Interview. „Ich bin weltfreundlicher geworden.“  Ein schönes Wort: Weltfreundlich.

Wir nennen gute Menschen „weltoffen“; wenn sie sogar den Müll trennen „umweltfreundlich“. „Weltfreundlich“ ist selten. Thomas Mann schreibt es in seinem Josephs-Romanen, in denen er seine Leser in die Götterwelt Ägyptens führt:

Die Priester, die Thomas Mann „triefäugig“ nennt, hatten ihre Probleme mit all den vielen Göttern. Den Ausweg, den das kleine Volk der Juden finden sollte, entdeckten sie noch nicht: Ein Gott statt der vielen.

Aber die wichtigsten Götter in einen Gott zu stecken, kam ihnen schon in den Sinn. So begann vor viertausend Jahren die  Verehrung von Amun-Re, eine Art Komplett-Gott, aus dreien zusammengesetzt und für das Wichtigste zuständig: Die Sonne, den Wind und die Fruchtbarkeit. In ihm war alles drin, was die Bewohner im Tal des Nils für ihr Leben brauchten.

Jeder Tourist, der über den Nil kreuzfährt, besucht den größten Tempel Ägyptens, den des Amun-Re in Karnak, eine halbe Fußstunde von Luxor entfernt: Er besitzt allein zehn Pylone, also Eingänge, deren größter so hoch ist wie ein Fußballfeld lang.

Amun-Re, den König der Götter,  nennt Thomas Mann in seinem Josephs-Roman „starr und streng, unhold dem Ausland und unbeweglich“, also ein Fremdenfeind. Atum allerdings, der Uralte, Amuns Vorgänger, war das Gegenteil: „So ausländisch angehaucht, beweglich und weltfreundlich-allgemein von Neigung.“

Daniela Schadt hätte sich in alter Zeit von einer Priesterin des Gottes Amun zu einer des  Atum bekehrt. Weltfreundlich eben.

Der Duden sollte das Wort aufnehmen, direkt hinter „weltfremd“.

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Quellen:

Wie sollen Journalisten mit Verschwörungs-Theorien umgehen? (Die Zukunft des Journalismus)

Geschrieben am 30. März 2016 von Paul-Josef Raue.

Sind Menschen, die von der „Lügenpresse“ sprechen, für Journalisten überhaupt noch zu erreichen? Ja, abgesehen von den Unbelehrbaren, den Hasspredigern und Aufwieglern und ihren treuesten Anhängern. Wir müssen mit ihnen sprechen, sie ernst nehmen – und auf ihre Verschwörungstheorien eingehen, die sie so faszinieren.

Aber Vorsicht! Wer Verschwörungen ausführlich Raum gibt, macht sie glaubhaft – auch wenn er sie gleich widerlegt; das fanden Sozialpsychologen heraus.Wie entkommt ein Journalist dieser Falle? Der Wissenschaftsredakteur Sebastian Herrmann gibt Tipps in einem Leitartikel der Süddeutschen Zeiung; er rät dazu: Statt Verschwörungen detailliert zu erzählen, so dass sie sich einprägen, ist es besser, die falsche Geschichte mit einer neuen Geschichte zu überschreiben und zu recherchieren:

  • Wer erzählt die Geschichte?
  • Warum erzählt er sie? Was sind seine Motive?
  • Wie ist die Geschichte entstanden? Welche giftigen Quellen gibt es?
  • Wer profitiert von der Verbreitung?

Um die Kunst der Unterscheidung, wer von dem „Lügenpresse“-Vorwurf angezogen wird, und von der Macht der Gerüchte und um Verschwörungen geht es in der achten Folge der Kress-Reihe „Journalismus der Zukunft“.

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Quelle: Süddeutsche Zeitung 29. Januar 2016, Seite 4

Schreiben, was ist: War Germanwings-Absturz ein Verbrechen, der Kopilot ein Massenmörder?

Geschrieben am 28. März 2016 von Paul-Josef Raue.

Nur wer so zureichend wie möglich beschreibt, was ist, macht seinen Job als Journalist.

Michael Hanfeld, stellvertretender Leiter des FA-Feuilletons, reagiert so auf Journalisten, die zum Jahrestag des German-Wings-Absturzes weder die Krankheit des Piloten noch den Namen veröffentlichen wollten; sie führten als Begründung die Stigmatisierung von Depressiven und  von Angehörigen an. Hanfeld zählt zu den radikalen Verfechtern einer möglichst uneingeschränkten Weitergabe von Informationen, die als wahr recherchiert wurden. Wenn sich die Presse Einschränkungen unterwirft, verfehlt sie laut Hanfeld ihren Daseinszweck.

So will Hanfeld nicht von einem “Unglück” in den französischen Alpen sprechen, sondern von einem Verbrechen  und vom Kopiloten  Andreas Lubitz als Massenmörder.

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Quelle: FAZ, 26. März 2016, Medien-Seite 16

 

 

 

 

Luther und der Anfang: “Das Wort ist unser Traum und der Traum ist unser Leben”(Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 27. März 2016 von Paul-Josef Raue.
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Luther hatte es leicht, bei allem Genie, der deutschen Sprache eine Seele zu geben: Er fand ein Geschichtenbuch vor, das einmalig ist in seiner Fülle, seiner Dramatik und seines Wissens um den Menschen, seiner Würde und seiner Verschlagenheit, seiner Güte und seiner Verdorbenheit.

Auch nach Luther versammelten sich immer wieder Dichter um die Bibel und ließen sich von dem Buch inspirieren, das sie das „Buch der Bücher“ nannten  – wobei dies Synonym nur andeutet, dass die Bibel aus vielen Büchern zusammengesetzt ist.

Selbst Dichter, die mit Gott nichts anfangen konnten, nahmen die Bibel zum Vorbild. Als Bertolt Brecht, der Atheist, nach seinem Lieblingsbuch gefragt wurde, antwortete er: „Sie werden lachen – die Bibel.“

Auch Religionen, die nicht an einen Gott glauben, fasziniert die Bibel.  Mahatma Gandhi, der ein Hindu war, staunte:  „Ihr Christen habt in eurer Obhut ein Dokument mit genug Dynamit in sich, die gesamte Zivilisation in Stücke zu blasen.“

Die in der Bukowina geborene Dichterin Rose Ausländer nutzte Luthers Übersetzung des Johannes-Evangeliums für eine Hymne an das Wort. Luther hatte den ersten Satz des Evangeliums übersetzt: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott.”

Im griechischen Original steht „arche“, was man „in alter Zeit“ übertragen könnte; das Wort ist heute noch in unserem „Archäologie“ aufgehoben. Die Übersetzer vor Luther schrieben „Im Beginn war das Wort“; auch in anderen Übersetzungen wie in der niederländischen oder schwedischen Bibel steht der „Beginn“.

„Beginn“ klingt nüchterner im Vergleich zu Luthers „Anfang“. Die Brüder Grimm schreiben denn auch in ihrem Wörterbuch, die „sinnliche Vorstellung“ der beiden Wörter sei verschieden – und loben den „Anfang“.

Rose Ausländer schreibt in ihrem Gedicht „Und Gott gab uns das Wort“. Sie könnte auch schreiben, sich vor dem Schöpfer des deutschen Worts verneigend: „Und Luther gab uns das Wort“, und fortfahren:

„Und wir wohnen im Wort. Und das Wort ist unser Traum und der Traum ist unser Leben.“

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Thüringer Allgemeine, Friedhof der Wörter (Kolumne), 29. März 2016

 

 

“Spotlight”-Reporter: Journalisten wollen die Welt verbessern, wenigstens ein bisschen

Geschrieben am 26. März 2016 von Paul-Josef Raue.
"Spotlight" gewann 2016 den Oskar für den besten Film. Foto: Paramount Pictures Germany

“Spotlight” gewann 2016 den Oskar für den besten Film. Foto: Paramount Pictures Germany

Journalisten in Zeitungs-Redaktionen erwarten nicht, reich zu werden. Keiner wird Journalist, um Geld zu machen – das ist kein Job dafür. Es ist ein Job für Leute, die eine herausfordernde und faszinierende Arbeit mögen. Und viele dieser Leute wollen die Welt verändern, damit sie besser wird, wenigstens ein bisschen.

Das sagte Matt Carroll einer jungen Journalistik-Studentin, die angesichts des Chaos in den Zeitungen, der Entlassungen und Synergien, fragte: Kann ich von dem, was ein Reporter verdient, überhaupt leben?

Matt Carroll war einer der Reporter, der den Missbrauch-Skandal in Boston aufdeckte; er ist in dem Oscar gekrönten Journalisten-Film “Spotlight” der Mann – gespielt von Brian d’Arcy James – , der das Porträt eines Priesters an den Kühlschrank heftet, um seine Kinder zu warnen. 26 Jahre lang war er Reporter beim Boston Globe; heute arbeitet er für „Die Zukunft der Nachrichten“ beim MIT Media Lab und schreibt seinen Blog “3 to read”.

 

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Quelle:

View profile at Medium.com

 

 

Wovon Journalisten lernen können: Der Bundespräsident als Geschichten-Erzähler

Geschrieben am 25. März 2016 von Paul-Josef Raue.

Journalisten wissen, dass ihre Leser bei den Geschichten hängenbleiben: Erzählen, erzählen, erzählen! Journalisten sollten Geschichten-Erzähler sein – aber im Vergleich mit den Literaten nur die wirklichen Geschichten erzählen, am besten die, die sie selber erlebt haben.

Bundespräsident Joachim Gauck (Zeichnung: Anke Krakow / TBM)

Bundespräsident Joachim Gauck (Zeichnung: Anke Krakow / TBM)

Bundespräsident Joachm Gauck, sonst eher fürs Belehrende und die Moral zuständig, hat ein Beispiel für die Kraft von Geschichten gegeben und sich als Geschichten-Erzähler beliebt gemacht bei seinem schwierigen Besuch in China: Ich erzähle meine Geschichte und die Geschichte meines Landes. Ein Diplomat ist, wer Geschichten und Geschichte erzählen kann statt Vorwürfe zu machen und den anderen bloß zu stellen.

Gauck erzählte seine Geschichten aus der untergegangenen DDR, in der er Pfarrer war,  und erzählte die Geschichte der Vereinigung zweier ungleicher Gesellschaften, er erzählte Geschichten vom Unrecht und vom Recht, er erzählte von Menschen und ihren Erfahrungen und stellte sie neben – und nicht über – die Erfahrungen der Menschen in China.

Ich komme aus einem Land zu Ihnen, das vielerlei Erfahrungen gesammelt hat mit Neuanfang, Transformation und Anpassung. Aus einem Land, das vor mancherlei Problem gestanden hat, mit dem sich auch China auseinandersetzen muss. Deutschland hat einen besonderen, einen vor allem selbstverschuldet schwierigen Weg hinter sich. Nach zwei Gewaltherrschaften und insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem es gegen die Gebote der Menschlichkeit verstoßen und schrecklichste Menschheitsverbrechen begangen hat, ist es schließlich – zuerst im Westen, 1990 dann in Gänze – zu einem anderen Land geworden. Einem Land, in dem alle staatliche Gewalt einem obersten Grundwert verpflichtet ist: der Würde des Menschen. So möchte ich Ihnen etwas von meinem Land, von seiner Geschichte und ein wenig auch von meinem Leben berichten. Diese Erfahrungen dränge ich niemandem auf – nicht Ihnen und nicht Ihren Landsleuten. Sie sind ein Angebot besser zu verstehen, was mich, aber auch die deutsche Gesellschaft leitet.

Das ist die Geste, die den anderen nicht in die Ecke stellt, sondern zum Mitdenken auffordert: Meine Erfahrungen drängen ich niemandem auf, sie sind ein Angebot – erst recht wenn ich auch von den Misserfolgen erzähle.

Nicht nur über deutsche Erfolge kann ich Ihnen berichten. Ich habe auch erlebt, was einer Gesellschaft fehlen kann. Mehr als vier Jahrzehnte lang habe ich – als Kind, als Jugendlicher, als Erwachsener – in der DDR gelebt, jenem Staat, dessen Propaganda ihn als den “besseren” der beiden deutschen Staaten anpries. Doch das war er nicht. Es war ein Staat, der als Teil des kommunistischen Staatenverbundes und abhängig von der Sowjetunion sein eigenes Volk entmündigte, einsperrte und jene demütigte, die sich dem Willen der Führung widersetzen.

Dieser Staat sollte als “Diktatur des Proletariats” den Interessen der Mehrheit der Bevölkerung dienen, der Ausbeutung ein Ende setzen, der Entfremdung der Menschen wehren und so ein Zeitalter des Glücks und der Zufriedenheit eröffnen. Das Problem dieser Zeit aber war, dass die Mehrheit der Menschen weder beglückt noch befreit war. Und dem ganzen System fehlte eine tatsächliche Legitimation. Eine Wahl durch die Bevölkerung, die frei, gleich und geheim war, gab es nicht. Die Folge war ein Glaubwürdigkeitsdefizit, verbunden mit einer Kultur des Misstrauens zwischen Regierten und Regierenden.

Wer so spricht, ist kein Richter, kein arroganter Moralist: Er spricht von sich und meint den anderen. Am Ende seiner Rede vor Studenten der Shanghai-Universität kommt dann doch der Pfarrer durch, der sich nicht sicher ist, ob alle Zuhörer die Lehre aus dem Erzählten ziehen. Also doziert er für seine Gemeinde vom Nutzen der Geschichten fürs Leben:

Dass sich alle Institutionen des Staates, alle Parteien und Personen der Herrschaft des Rechts beugen, ist zu einem unverzichtbaren Leitgedanken der deutschen Demokratie geworden. Er begleitet, lenkt und begrenzt die Macht der Regierenden.

Es ist ein schöner Satz, auch für Journalisten – und nicht nur formuliert fürs Poesiealbum der Volontäre: Er fasst das, was Demokratie ist, schnörkellos in knapp drei Dutzend Wörtern zusammen. Auf den Internet-Seiten des Bundespräsidenten, die alle Reden versammeln, fehlt dieser Satz. Er stand wohl nicht im Manuskript; Constanze von Bullion hat genau zugehört und ihn für die Leser der Süddeutschen Zeitung notiert.

Constanze von Bullion nennt Gaucks Erzähl-Strategie einen Trick. Es ist Diplomatie und Respekt vor den Menschen.
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Quellen: Reden des Bundespräsidenten (http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Joachim-Gauck/Reden/2016/03/160323-China-Universitaet.html - Stand 25. März, 11 Uhr) und Süddeutsche Zeitung, 24. März “Eine Rede, zwei Interpretationen”

Bürger misstrauen Journalisten schon immer: Die Krise ist nicht neu (Serie “Journalismus der Zukunft”)

Geschrieben am 24. März 2016 von Paul-Josef Raue.
Paul-Josef Raue (Zeichnung: Anke Krakow / TBM)

Paul-Josef Raue (Zeichnung: Anke Krakow / TBM)

Haben die Deutschen ihr Vertrauen in die Medien verloren? Ja, aber dies ist schon seit Jahrzehnten so, und es ist typisch für den skeptischen Bürger in einer Demokratie. Um die von den Medien selbst hochgespielte Vertrauenskrise geht es im siebten Teil meiner Kress-Serie Journalismus der Zukunft“. Der Münchner Kommunikations-Professor Carsten Reinemann meint, Journalisten könnten nicht mit Zahlen umgehen, und stellt nach seinen Recherchen fest:

Zumindest bis Ende 2014 hat sich das Medienvertrauen großer Teile der Bevölkerung gar nicht dramatisch verändert. Auch die im Jahr 2015 erhobenen Daten lassen diesen Schluss nicht zu.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen Professor Kim Otto und Andreas Köhler von der Universität Würzburg, die Umfragen des Eurobarometers auswerten, die von der EU jährlich in Auftrag gegeben werden:

Von einer neuen generellen Vertrauenskrise in die Medien in Deutschland kann angesichts der Langzeitdaten nicht gesprochen werden. Insofern kann die gegenwärtige gesellschaftliche Diskussion über die Arbeit der Journalisten schon fast als hysterisch bezeichnet werden, und es wäre ratsam, Dampf aus der Debatte zu nehmen.

Wer sich in der politischen Mitte verortet, vertraut den Medien im Gegensatz zu denen, die sich politisch extrem einstufen, also weit rechts oder links. „Dass dieser Personenkreis von ,Lügenpresse‘ spricht, ist ein weit bekanntes Muster“, meinen die Wissenschaftlicher.

Umfragen zeigen, dass mehr als jeder fünfte befragte Pegida-Anhänger deutliche Kritik an der Arbeit von Journalisten übt. Dabei steht insbesondere der Vorwurf der Tendenzberichterstattung im Raume.

Auch wer seine wirtschaftliche Lage als schlecht einstuft, misstraut eher den Massenmedien. So fehlt der Mehrheit der Ostdeutschen das Vertrauen im Gegensatz zu den Westdeutschen: 58 Prozent misstrauen im Osten, nur 47 Prozent im Westen. Professor Otto:

Die Menschen in Ostdeutschland sind bekanntlich mit dem Funktionieren der Demokratie grundsätzlich unzufriedener als die Menschen in Westdeutschland. Auch das Institutionenvertrauen ist geringer.

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Die Links:

http://kress.de/news/detail/beitrag/134417-zahlen-und-fakten-zur-vertrauenskrise-der-medien-was-kommt-nach-der-luegenpresse.html

http://de.ejo-online.eu/qualitaet-ethik/medienvertrauen-auf-dem-tiefpunkt

 

Wie organisiert sich eine Redaktion am besten? (Serie 6: Die Zukunft des Journalismus)

Geschrieben am 23. März 2016 von Paul-Josef Raue.
Joachim Braun, Chefredakteur der Frankfurter Neuen Presse, fotografiert auf Facebook die  "Flure" in seiner neuen Redaktion serienweise

Joachim Braun, Chefredakteur der Frankfurter Neuen Presse, fotografiert auf Facebook die “Flure” in seiner neuen Redaktion serienweise

Ein Blick zurück und in andere Länder lohnt: In den dreißiger Jahren flogen Brieftauben die Filmrollen in die Redaktion; in den angelsächsischen Ländern rund um den Globus gab und gibt es schon immer die klare Trennung von Recherche und Redigieren, Reportern und Blattmachern; in Deutschland gingen Journalisten nach dem Krieg einen Sonderweg, auf dem der Redaktroniker, vornehmlich in Lokalredaktionen,  heimisch wurde. Der deutsche Redakteur arbeitete in seiner Denkerstube, in die er über lange Flure kam: Man sah sich nur in den langen Konferenzen.

Weil  sich immer mehr Leser im Internet informieren, scheint sich auch bei uns der gemeinsame Zeitungs- und Online-Desk, der angelsächsisch geprägte Newsdesk,  durchzusetzen.

Damit lösen Chefredakteure viele Probleme, aber schaffen neue: Die Zeitungsredakteure übernehmen schnell wieder das Kommando, so dass Online weiter Stiefkind bleibt inklusive der sozialen Netzwerke.

Zudem geht es in dieser Folge über die Zukunft des Journalismus auch über die Zukunft der Demokratie: Wer kontrolliert noch den Landrat, erst recht die Bürgermeister in den kleinen Gemeinden, wenn eine ausreichend große Lokalredaktion nicht mehr zu finanzieren ist?

Kleine und mittlere Zeitungen in der Provinz, so sie noch selbständig sind, haben die besten Überlebens-Chancen. Gehen sie in einem Konzern auf, verliert erst das Lokale im Wirbel der Synergien und verschwinden schließlich die Leser

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Der komplette Text: “Die Organisation der Redaktion” – Teil 6 der Reihe von Paul-Josef Raue zur Zukunft des Journalismus, hier:

http://kress.de/news/detail/beitrag/134342-teil-6-der-kressde-reihe-journalismus-der-zukunft-eine-redaktion-ein-desk-und-immer-weniger-redakteure.html

 

Deutsch lernen mit Luther (5): Die und-und-und-Marotte (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 9. März 2016 von Paul-Josef Raue.

Luther mochte das „und“, dies unscheinbare, keinen Sinn tragende Wort. Viele Absätze, nicht nur in der Kreuzigungs-Geschichte, beginnt er mit „und“:

„Und als er zu Jerusalem einzog“; „Und als er in den Tempel kam“; „Und als er auf dem Ölberg saß – und, und, und.

Luther hatte eine „Und“-Marotte – und eine „Da“-Marotte“. Wenn er einen Absatz nicht mit „Und“ begann, nutzte er oft das „Da“, ebenso unscheinbar und sinnfrei:

„Da versammelten sich die Hohenpriester und Schriftgelehrten“; „Da ging hin der Zwölfen einer mit Namen Judas“; „Da sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach‘s und gab’s den Jüngern“; da, da, da.

Luther war mehr als ein Übersetzer, er war ein Dichter, ein großer dazu. Dichter haben ihre Eigenarten, ihre eigene Meisterschaft, ihren eigenen Stil, der kaum zu erklären ist: Er ist, wie er ist. Wer ihn kopieren will, macht sich lächerlich.

Es gibt allerdings eine Szene in der Leidensgeschichte, in dem Luther dem „und“ eine erkennbare Funktion gibt: Es steigert die Dramatik immer weiter und weiter. Sie beginnt mit einem kurzen Satz: „Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.“ Auf das „laut“ hätte Luther sogar verzichten können, den „schreien“ ist immer laut. Geriet Luther der Satz, der Gottes Ende erzählt, doch zu kurz? Oder er wollte den Schrei noch lauter machen, den Schrei der Verzweiflung?

Es folgen zwei Sätze, in denen acht Mal „und“ erscheint: Was für eine Spannung, die ohne das Und-Stakkato ungleich schwächer ausfiele!

Und siehe da, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stück von oben an bis unten aus. Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf und stunden auf viele Leiber der Heiligen, die da schliefen, und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen.

41 Wörter in einem Satz, nimmt man den vorgeschalteten Satz hinzu sind es 58: Ein Beispiel für lange, aber gut verständliche Sätze, denen die Und-Marotte zusätzlich gut tut. Meisterhaft!

Deutsch lernen mit Luther (4): Wie das Volk seine Sprichwörter macht (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 8. März 2016 von Paul-Josef Raue.

Wie erfindet man neue Wörter? Der Philosoph Peter Sloterdijk schenkte der Welt viele neue Wörter wie „thymotisch“ oder „Lethargokratie“, aber die Welt besteht für ihn aus hochgebildeten Menschen und Kulturredakteuren, die die Welt zwar nicht verstehen, aber unentwegt über sie nachdenken; sie freuen sich über jedes Nebel-Wort, in denen sie endlos stochern können, aber niemals klar sehen.

Auch Martin Luther, der Anti-Sloterdijk, erfand neue Wörter, als wolle er das Wörter-Fließband erfinden. Martin Luthers Welt waren die einfachen Menschen: Seine neuen Wörter waren die Wörter, die er beim Einkaufen hörte oder beim Stammtisch in der Wirtschaft. In seinem „Sendbrief“ nennt er die eigentlichen Erfinder der neuen Wörter: „Die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt“.

Bisweilen spielte auch das Volk mit Luther, las seine Schriften und verbog sie, dass es krachte – wie in der Gerichtsszene mit Pontius Pilatus:

Pilatus will sich nicht mit Jesus abgeben, er sucht einen Ausweg. Was macht ein Politiker? Er fragt: Bin ich zuständig? Pilatus schaut ins Organigramm der Macht und findet heraus: Galiläa, im Norden des heutigen Israels gelegen, gehört in die Zuständigkeit von König Herodes.

„Sie waren einander feind“, schreibt Luther über die Beziehung von Pilatus und Herodes. Also schickt Pilatus Jesus zu Herodes, der soll ihn richten. Da aber Jesus nicht ein Wort mit Herodes spricht, schickt er ihn zurück zu Pilatus. „Auf den Tag wurden Pilatus und Herodes Freunde miteinander“, schreibt Luther.

Da wird einer von Pilatus zu Herodes geschickt, und nichts kommt dabei heraus. Was macht das Volk aus dieser Geschichte? „Da wird einer von Pontius zu Pilatus geschickt“: Dies wird sprichwörtlich und hat mit der historischen Wahrheit nichts zu tun. Es ist ein Spiel mit der Sprache, das zeigt, wie sich Sprachbilder von ihrem Ursprung lösen und verselbständigen, bis kaum mehr einer ihren Ursprung kennt.

 

 

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