Vier wichtige Fragen in einem Vorstellungsgespräch

Geschrieben am 1. Januar 2018 von Paul-Josef Raue.

Diese Fragen dürften Chefredakteure und Ressortleitern helfen, Redakteure und Mitarbeiter zu finden, die gut sind und vor allem in das Team passen. Sie hat David Walker, Chef einer Immobilienfirma, aus tausend Vorstellungsgesprächen gefiltert:

  1. Wie hat Sie das Arbeitsklima beim vorangegangenen Arbeitgeber motiviert oder nicht motiviert?

Sprecht der Bewerber auf Kommando schlecht über das alte Arbeitsverhältnis? Oder kann er dem schlimmsten Arbeitgeber etwas Gutes abgewinnen?

  1. Wie war der beste Chef, den Sie jemals hatten?

Mag er ein Arbeitsklima, das offen ist, und bei dem der Austausch mit dem Chef sehr wichtig ist? Oder bevorzugt er direkte Anweisungen und einseitige Kommunikation?

  1. Wie haben Sie in der Vergangenheit einen Konflikt mit einem Kollegen gelöst?

Kandidaten sind ehrlicher, wenn sie über eine reale Situation sprechen. Egal wie toll das Arbeitsklima ist: Konflikte wird es immer geben.

  1. Wie oft möchten Sie Feedback erhalten und wie?

Heißt Feedback eine Messung seiner Leistung? Oder geht es auch um zwischenmenschliche Beziehungen? Denkt er, dass einmal im Jahr völlig ausreicht? Oder will er wöchentlich Feedback?

 

Quelle: Valentina Resetarits, Business Insider,1. August 2017)

Politikers Bilder-Worte: „Sprachgirlanden“ und „PR-Geklingel“

Geschrieben am 28. Dezember 2017 von Paul-Josef Raue.
Ralf Stegner ist stellvertretender SPD-Vorsitzender. Foto: Frank Schwichtenberg / Wikipedia

Ralf Stegner ist stellvertretender SPD-Vorsitzender. Foto: Frank Schwichtenberg / Wikipedia

Wer nicht auf den Punkt kommt, wer um den heißen  Brei herumredet, der schmückt mit „Sprachgirlanden“. Diese Girlanden hat Ralf Stegner entdeckt, der SPD-Vizechef,  sonst als eher fürs Grobe zuständig. Als „Sprachgirlanden“ bezeichnet er Versuche von CDU-Politikern, einen Kompromiss zu finden für den Familiennachzug für Flüchtlinge.

Schnell zog sich Stegner aber von der poetischen Sprache zurück und sprach von „PR-Geklingel“ eines CDU-Politikers. Das passt besser.

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 28. Dezember 2017

TV-Kritik: Kongeniale Dämlichkeit und Leberkäs-Semmel

Geschrieben am 27. Dezember 2017 von Paul-Josef Raue.
Herbert Knaup als Fugger in dem Fernsehfilm "Die Puppenspieler". Foto: ARD

Herbert Knaup als Fugger in dem Fernsehfilm „Die Puppenspieler“. Foto: ARD

Ein Verriß von Willi Winkler in der Süddeutschen Zeitung vom 27. Dezember 2017 und Antwort auf die Frage: Wovon träumt ein bekannter Schauspieler kurz vor der Drehpause?

Herbert Knaup als Fugger investiert, kauft, schmiert und verheiratet zwar tapfer, schaut aber dabei so desinteressiert, als wäre er mit dem Kopf nicht bei legendären Marktbeherrschungsplänen, sondern bei der Frage, wie er in der Drehpause an eine Leberkässemmel kommt.

Erwähnt sei auch der Zwischentitel:

Frauen werden an Pfähle gebunden. Die Dialoge sind von kongenialer Dämlichkeit

Zum ARD-Fernsehfilm am Mittwoch, 27. Dezember 2017 (und 2. Teil am Freitag): „Die Puppenspieler“

Spiegel-Chefredakteur: Ich verrate ungern Redaktionsinterna

Geschrieben am 26. November 2017 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 26. November 2017 von Paul-Josef Raue in Aktuelles, L. Die Redaktion.
Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer. Foto: Spiegel

Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer. Foto: Spiegel

Erst lobt Chefredakteur Klaus Brinkbäumer in seinem Newsletter vier Redakteure (drei Männer und eine Frau), schreibt, welche Texte im neuen Spiegel herausragen, dann verrät er: „Ich verrate ungern Redaktionsinterna, das darf ich in meiner Rolle auch gar nicht.“ Und erzählt eine „Ausnahme“, in der er seine „wunderbar solidarischen Stellvertreter“ erwähnt (offenbar beim Spiegel erwähnenswert) – und erzählt eine dieser Anekdoten, die  nett sind, nur nett:

Der Russe Daniil Trifonov ist ein Wunderpianist. Er sieht etwas ungelenk aus, so schlaksig und am Flügel so krumm, und er schwitzt beim Spielen, weshalb die Tropfen auf die Tasten fallen, so dass man ständig fürchtet, er könne ausrutschen. Aber er kann Klavier spielen wie vielleicht ja wirklich noch keiner vor ihm; nichts wirkt unerreichbar für ihn.

Es gab in der Chefredaktion einen Running Gag: „Klaus hat Trifonov-Karten“. Mehr musste nämlich nicht gesagt werden, schon lachten meine wunderbar solidarischen Stellvertreter Susanne Beyer, Dirk Kurbjuweit und Alfred Weinzierl.

Grund: Gleich fünfmal hatte ich in den vergangenen drei Jahren Trifonov-Karten gekauft, konnte aber nicht ins Konzert gehen. Die Nachrichtenlage… dieser Termin in Berlin, jener Terroranschlag… Diesmal hatte ich es sogar vorher gewusst: Mittwochabend, das wird eng. Aber ich hatte die Karten gekauft, und selbstverständlich hatten Alfred, Dirk und Susanne gelacht. Dann scheiterte Jamaika, und wir zogen die SPIEGEL-Produktion vor – so entspannt (kurz vor Beginn) und so berauscht (nach fünf Minuten) saß ich noch nie in der Hamburger Laeiszhalle.

Frankreich verbietet Gender-Sprache: Verständlichkeit hat Vorrang

Geschrieben am 26. November 2017 von Paul-Josef Raue.
Edouard Philippe ist Frankreichs Premier. Foto: Regierung

Edouard Philippe ist Frankreichs Premier. Foto: Regierung

In Frankreich gibt es keine „geschlechtergerechte“ Sprache mehr, zumindest nicht in amtlichen Dokumenten und Schulbüchern, meldet die Nachrichtenagentur AFP. Frankreichs Regierungschef Edouard Philippe wies die Ministerien in einem Rundschreiben an, keine Gender-neutralen Konstruktionen zu verwenden.

In Deutschland wird das große I (wie in SportlerInnen) oder das * (wie in Sportler*innen) auch in manchen amtlichen Dokumenten verwendet;  oder man verzichtet auf männliche Formen („Studierende“ ersetzen den Studenten und die Studentin).

„Pünktchen-Sprache“ und „Pünktchenwörter“ werden laut AFP Begriffe wie „député.e.s“ (Parlamentarier*innen) oder „électeur.rice.s“ (Wähler*innen) in Frankreich genannt.

Zuerst hatte sich die Académie française gegen die „inklusive Sprache“ ausgesprochen, nun beendete Premier Philippe die Debatte mit dem Hinweis:  Verständlichkeit und Klarheit der Sprache  haben Vorrang.

Quelle: Donau-Kurier

 

Der Braunschweiger Fotograf Thomas Ammerpohl ist tot: Greenpeace, Movimentos Ballett und WHO in Afrika

Geschrieben am 15. November 2017 von Paul-Josef Raue.
Der Fotograf Thomas Ammerpohl in Äthiopien, von Kindern umringt, denen er seine und ihre Bilder zeigt. Foto: Raue

Der Fotograf Thomas Ammerpohl in Äthiopien, von Kindern umringt, denen er seine und ihre Bilder zeigt. Foto: Raue

Der Braunschweiger Fotograf Thomas Ammerpohl ist am Montagabend gestorben (13. November 2017); Ende Mai hatte er mit vielen Freunden und Bekannten noch seinen 70. Geburtstag im „Deutschen Haus“ gegenüber vom Braunschweiger Dom gefeiert.

Ammerpohl war ein Fotograf in der Provinz, aber seine Professionalität war alles andere als provinziell. Er, im Harz geboren, mochte seine Heimat, das Braunschweiger Land; er arbeitete erst als Krankenpfleger und Zahntechniker, dann über Jahrzehnte regelmäßig für die „neue braunschweiger“ (nb), er ging zu Kaninchenzüchtern und Ordensverleihungen, zur Goldkonfirmation ebenso wie zum Kreisliga-Fußball – und war beliebt bei den Menschen, die wir gerne die „einfachen“  nennen. Er fotografierte stets frei – aus Überzeugung – für dpa und für Zeitungen, auch internationale.

Er beeindruckte die Leser der Braunschweiger Zeitung mit seinen Ballett-Fotos von den Movimentos-Festspielen in Wolfsburg und bekam dafür in Wien einen europäischen Zeitungspreis: „European Newspaper Award – Excellence“.

Er fühlte sich in der Welt zu Hause, fuhr mit seinem Freund, dem Domprediger Joachim Hempel, fotografierend durch das Morgenland, in dem das Abendland gegründet ist;  er reiste Dutzend Male durch Palästina, Syrien, Arabien, Afrika und den Kaukasus. Ihn faszinierten weniger die alten Steine als die Menschen, denen er begegnete. Immer hatte er ein Bündel einheimischer Geldscheine in der Tasche: Wenn er Menschen porträtierte, fragte erst um Erlaubnis und gab dann das Geld – ein Geschäft aus Respekt und auf Gegenseitigkeit.

Wo er saß, war er von Kindern umgeben: Er fotografierte sie und zeigte ihnen auf dem Display die Bilder, er ließ sie staunen und staunte selber. Zu Beginn seiner Laufbahn war er Anfang der achtziger Jahre Fotograf bei Greenpeace; in den neunziger Jahren und darüber hinaus dokumentierte er  Leprakranke im Senegal, beauftragt von der WHO.

Das Foto von Thomas Ammerpohl auf dem Cover des Buchs "Der Domprediger".

Das Foto von Thomas Ammerpohl auf dem Cover des Buchs „Der Domprediger“.

Auch in der Kultur, die ihn ein Leben lang faszinierte, waren es die Künstler, die ihn anzogen:  Zum einen beim Staatstheater Braunschweig, aber noch intensiver weltweit.  Mehr als hundert internationale Ballett- und Modern-Dance-Ensembles aus 18 Nationen engagierten ihn; er fotografierte bei Tanz- und Theaterfestivals in Amsterdam, Barcelona, Paris, London, Kasan, Moskau, St. Petersburg und Hamburg, Hannover, München, aber auch in New York – und vor allem beim Movimentos-Festival der Wolfsburger Autostadt von VW.

Auf Ausstellungen wurden seine Werke gezeigt, in Braunschweig, Hannover und Hamburg. Über eine Reihe von Ehrungen konnte er sich freuen: Silbermedaille der schönen Künste bei der Foto-Biennale in Mouscron/Belgien,  FIAP-Award-Goldmedaille und mehrfach Gold-, Silber- und Bronze beim Hasselblad Austrian Super Circuit in Linz/Österreich.

Auch die Bilder in dem Buch „Der Domprediger“ stammen von  Thomas Ammerpohl: Das große Interview zum Abschied von Joachim Hempel.

Die Beisetzung findet am Samstag, 18. November, um 11 Uhr auf dem Braunschweiger Hauptfriedhof statt.

Journalisten und Manager sollten Leser und Zuchauer respektieren – oder?

Geschrieben am 15. November 2017 von Paul-Josef Raue.
Thomas Eberlein über seine Zielgruppe: fettleibig. Grafik: DWDL

Thomas Ebeling über seine Zielgruppe: fettleibig. Grafik: DWDL

Ein Journalist und Manager sollte die Menschen mögen, für die er arbeitet,  zumindest sollte er sie respektieren. Thomas Ebeling, Chef von „Pro 7-Sat1“ , sprach in einer Telefonkonferenz über seine Zielgruppe so, ins Deutsche übersetzt:

Es gibt Menschen, ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm, die immer noch gerne auf dem Sofa sitzen, sich zurücklehnen und gerne unterhalten werden wollen. Das ist eine Kernzielgruppe, die sich nicht ändert.

Es soll auch Zeitungs-Redakteure geben, nicht nur in den Feuilleton-Ressorts, die so über ihre Leser denken – und die sich wundern, wenn einige die Respektlosigkeit zurückgeben, abbestellen und von „Lügenpresse“ sprechen.

Quelle: DWDL / https://www.dwdl.de/nachrichten/64288/prosiebensat1chef_ebeling_lstert_ber_seine_zuschauer/

 

 

Anglizismen ohne Not: „Timeline“ und „Paywall“

Geschrieben am 14. November 2017 von Paul-Josef Raue.
Marietta Slomka ist Moderatorin des "Heute Journal". Foto: ZDF

Marietta Slomka ist Moderatorin des „Heute Journal“. Foto: ZDF

Marietta Slomka, Moderatorin des „Heute-Journal“, bewirbt die renovierte „ZDFheute-App“: Sie komme daher in Form einer „Timeline“; so wirbt der Sender auch auf seiner Internet-Seite.  Der Anglizismus ist überflüssig: Es gibt ausreichend Wörter unserer Sprache, die auch junge Leute verstehen und mögen: Zeitleiste, Zeitstrahl oder Chronik.

Journalisten, die unsere Sprache prägen, nutzen gerne und vorschnell Begriffe aus dem amerikanischen Wörterbuch. Der Medien-Professor Stephan Ruß-Mohl moniert im „Tagesspiegel“ das „Wortungeheuer Paywall“ und stellt klar, dass sich Journalisten damit selber schaden:

Wer in einer offenen Gesellschaft Mauern baut, ist ein Finsterling. Das galt zumindest im Zeitalter vor Donald Trump. Nur ist halt bisher niemand auf die Idee gekommen, die Ladentheke beim Bäcker oder die Kasse im Supermarkt als Mauer oder Bezahlschranke zu beschreiben. Die Paywall diskreditiert als Wortschöpfung bereits das Anliegen, dass geistige, sprich: journalistische Leistung ihren Preis haben sollte.

Schulz-Story im Spiegel verkaufte sich überdurchschnittlich gut – Die Blattkritik

Geschrieben am 13. November 2017 von Paul-Josef Raue.
Heft 40/2017 - Eines der meistverkauften Spiegel-Hefte in 2017 - dank der Story über den gescheiterten Kanzlerkandidaten Martin Schulz.

Heft 40/2017 – Eines der meistverkauften Spiegel-Hefte in 2017 – dank der Story über den gescheiterten Kanzlerkandidaten Martin Schulz.

Rund 800.000 Hefte hat der Spiegel verkauft mit „Schulz Story – 150 Tage an der Seite des Kanzlerkandidaten – eine große Erzählung über Politik im Jahr 2017“. Am Kiosk verkaufte das Heft  40/2017 weit mehr als der Durchschnitt in diesem Jahr. Auch bei Blendle war die Schulz-Story der am besten verkaufte Artikel im Oktober. Exzellenter Journalismus ist also auch ökonomisch wertvoll.

In meiner JOURNALISMUS!-Kolumne bei kress.de  habe ich in einer Blattkritik analysiert, warum die Reportage so fasziniert – und warum sie wichtig ist für Bürger,  Demokratie und Journalismus.

Spiegel-Reporter Markus Feldenkirchen begleitete den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz fast ein halbes Jahr und war überall dabei – auch bei Gesprächen, von denen sonst Journalisten ausgeschlossen sind. Die Reportage ist mit rund 13.000 Wörtern umfangreich wie ein kleines Buch; die Hörfassung mit gut anderthalb Stunden Dauer würde nicht einmal auf eine CD passen. Hier die Kolumne, leicht überarbeitet:

 

Wahlabend. Merkel und Schulz verlassen die TV-Elefantenrunde. Mit der eindrucksvollsten Passage der Geschichte endet die Langzeit-Reportage von Markus Feldenkirchen über den Kandidaten Martin Schulz:

Nach der Sendung gibt er der Frau, die er eigentlich ablösen wollte, kurz die Hand und verschwindet ohne ein weiteres Wort. Er läuft auf den nächstbesten Aufzug zu, aber er darf nicht einsteigen, eine Frau verweigert ihm den Zutritt: „Dieser Aufzug ist für die Frau Bundeskanzlerin reserviert.“

„Ach so, klar, da kann das gemeine Volk natürlich nicht mitfahren“, sagt Schulz. „Ich nehme dann den normalen Aufzug.“

In diesen Sätzen konzentrieren sich die Stärken der Reportage: Der Journalist nimmt sich zurück, beobachtet genau und lässt seinen Helden sprechen, der zum Anti-Helden geworden ist. Der Reporter kommentiert nicht, er lässt die Szene unvermittelt auf den Leser prallen. Die Auswahl ist der Kommentar des Reporters, das, was er aus Tausenden von möglichen Szenen für seinen Artikel nutzt.

Markus Feldenkirchen hätte sicher gerne das letzte Wort gehabt: Fast sechs Monate hat er den Kandidaten Schulz begleitet, war bei Gesprächen dabei, von denen ihn die Berater des Kandidaten gerne ausgeschlossen hätten. Feldenkirchen formuliert den letzten Satz nicht selber, er zeichnet kein sprachliches Bild, das bei Preisverleihungen zitiert würde: Er lässt im Kopf des Lesers einen kleinen Film entstehen, mit Martin Schulz in der Hauptrolle. Dieser Film bleibt im Kopf.

Und wenn Martin Schulz sogar Kanzler geworden wäre – als Wahlsieger?

Der Reporter, der im Hintergrund bleibt, ähnelt einem Schiedsrichter beim Fußballer, der nicht auffällt, der einfach mitläuft und denen, die spielen, die Hauptrolle überlässt. Das gelingt Markus Feldenkirchen über weite Passagen der Reportage, aber immer mal wieder setzt sich Kommentator durch, der dem Leser unbedingt mitteilen will, wie eine Geste, ein Satz, eine Szene zu deuten ist.

Um 15 Uhr trifft Schulz am Flughafen Schönefeld ein. Er steht vor seinem Wagen, schaltet sein Handy an. Es dauert einen Moment, dann sieht er auf dem Display die Frühprognosen der Meinungsforscher. Es ist, nun auch offiziell, das Ende seiner Kanzlerträume.

Das ist eine solide Beschreibung der entscheidenden Szene am Sonntag der Wahl. Der Leser weiß Bescheid, er braucht keinen Kommentar, auch keine Analyse, dass dies das Ende ist.  Aber da kann sich der Reporter nicht mehr zurückhalten, es bricht aus ihm heraus, er schreibt, was der Leser denken soll:

Es ist nicht seine Schuld, dass er den europaweiten Trend nicht umkehren konnte, wonach viele der Sozialdemokratie nicht mehr zutrauen, die richtigen Antworten auf das Zeitalter der Digitalisierung zu haben. In den knapp 200 Tagen, die er nun Parteivorsitzender ist, ist das nicht zu leisten, erst recht nicht in den irren Zeiten des Wahlkampfs. Vielleicht wäre ein Kandidat mit weniger Stehvermögen und Leidenschaft in dieser Stimmungslage sogar noch sehr viel tiefer ins Ziel gekommen.

Über diese Fragen können Journalisten lange streiten: Wie viel Deutung darf in eine Reportage fließen, wie viele kommentierende Sätze? Wie stark darf man den Leser führen? Soll man ihm nicht sein Urteil selber finden lassen?

Eine starke Reportage fasziniert durch ihre Erzählung und einen Ton, der nicht belehrend klingt. Das fällt jedem schwer, der ein halbes Jahr einen Politiker begleitet, der am Ende schon so denkt und fühlt wie er: Da löst sich die Distanz auf.

Wenn ständig schlechte Nachrichten auf einen einprasseln, erhalten die wenigen positiven eine umso größere Bedeutung. Sie wirken wie Antidepressiva gegen die Strapazen und das Gefühl von Vergeblichkeit. Auch wenn Schulz bisweilen in emotionale Löcher sackt, schafft er es immer wieder, sich selbst zu begeistern.

Da beobachtet der Reporter nicht mehr, da spricht schon ein Alter Ego – ebenso wie in diesem Satz:

Er hält eine mitreißende Rede, die Leute feiern ihn. Niemand ahnt, wie es in ihm aussieht.

Der Reporter ahnt es nicht nur.

Es gibt Szenen, in denen der Leser nicht mehr weiß, wer spricht: Schulz oder Feldenkirchen? Als nach der Schleswig-Holstein-Wahl Jörg Schönenborn von der „regionalen Komponente“ spricht, die den Wahlausgang  bestimmte:

„Aha“, ruft Schulz. Er hält den Finger in die Luft. „Das ist ’ne interessante Analyse.“ Regionale Komponente bedeutet: SPD-Ministerpräsident Torsten Albig, der auf die falschen Themen gesetzt und ein unfassbar dämliches Interview zu seiner gescheiterten Ehe gegeben hat, ist schuld. Nicht er. Es ist ein klitzekleines Stück Hoffnung an einem trostlosen Tag.

Keinen Konjunktiv nutzt der Autor, diese Eigenart der deutschen Grammatik, eine indirekte Rede markierend: Da denken und fühlen offenbar Schulz und Reporter ähnlich „an einem trostlosen Tag“.

Markus Feldenkirchen schreibt durchgehend im Präsens, er geht chronologisch vor: Das mögen Reporter nicht, ist den meisten zu brav, zu simpel. Doch in der Erzählung eines Wahlkampfs, die ein halbes Jahr umfasst, ist die Chronik der beste, weil einfache Weg: Der Aufstieg und Fall des Helden hat Shakespeare-Format. Das erspart dem Schreiber komplizierte Rückblenden und den wenig schönen Plusquamperfekt.

Er sitzt in seinem Büro. Wieder läuft der Fernseher, wieder eine Niederlage, diesmal die schlimmste, in Nordrhein-Westfalen, Kernland der SPD. „Das Leben ist wie eine Hühnerleiter“, sagt Schulz. „Beschissen.“ Niemand reagiert, Stille im Raum. „Ich bin jetzt königlicher Niederlagenkommentator.“

Feldenkirchen verlässt zwar selten, aber unnötig, den Chronik-Modus und wechselt die Perspektive, interpretiert Episoden mit dem Wissen dessen, der den Ausgang kennt – wie die Leser. Zur Kampagnen-Unterbrechung während der Landtagswahlkämpfe lässt der Reporter Schulz aus dem Off des Nachhinein sprechen:

„Das war falsch“, sagt Schulz im Rückblick. „Wir hätten das weitermachen müssen.“

„Wie man inzwischen weiß“, so wird auch das TV-Duell aus dem Nachhinein beurteilt: So verlässt Markus Feldenkirchen den Strom der Erzählung. Die Reportage ist aber keine Analyse einer verlorenen Wahl, es ist die Geschichte von Aufstieg und Fall, von Wegen, Umwegen und Holzwegen. Der Vorteil von gradlinig erzählten Geschichten ist: Das Erzählen ohne erhobenen Zeigefinger, ohne dies „Ich weiß alles besser“. Im Nachhinein ist jeder klüger: Das ist die Haltung der Leitartikler, der Besserwisser.

Trotz einiger Einwände, die ein guter Redigierer hätte entdecken müssen:

Diese Langzeit-Reportage im „Spiegel“ ist ein journalistischer Glücksfall – mehr noch: Eine Liebeserklärung an die Politik in diesen unruhigen Zeiten, eine Verbeugung vor der Demokratie. Sie holt die Politiker vom Sockel, macht dem letzten AfD-Anhänger klar, dass Politik Menschenwerk ist – und so gesehen und respektiert werden sollte.

Markus Feldenkirchen sollte aus der Reportage ein Buch machen mit all den Geschichten, die es noch zu erzählen gibt.

 


 

„Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer über die Schulz-Story: Eine Geschichte, von der Reporter träumen

Feldenkirchen konnte mit Schulz im Taxi, im Flugzeug und zu Fuß reisen, ihn zu 50 Terminen begleiten; Strategiesitzungen, späte Currywurst-Dinner, ein letzter Kaffee (beziehungsweise Kräutertee, durch Inge Schulz ausgetauscht) am Wahlsonntag auf der Terrasse in Würselen inklusive. Fünf Monate lang war Feldenkirchen immer auf Abruf, Spontaneität ist ja alles im Wahlkampf. Häufig bekam er von Schulz oder einem seiner Leute 15 Minuten vor einem Treffen, einer Besprechung, einem Aufbruch einen Anruf. Am Ende der langen Tage war der Reporter stärker erschöpft als der Kandidat. „Wie soll das später eigentlich heißen, was Sie da schreiben: So wird man Oppositionsführer?“, fragte Schulz im August.

Es gab keine Tabus, nur die Wirklichkeit der Politik im Jahr 2017 und die eine Absprache, dass der Text erst nach der Wahl erscheinen dürfe. Und so ist eine dieser Geschichten entstanden, von denen Reporter und Chefredakteure träumen. Weil sie bleiben werden. Weil sie erzählen, was wirklich geschah.

Anfangs war Martin Schulz übrigens, natürlich, zögerlich gewesen. Der Kollege Feldenkirchen und ich hatten den Kandidaten in Hannover getroffen und ihm von der Idee erzählt; ich hatte einen Text des „New Yorker“-Chefredakteurs David Remnick in der Tasche, den dieser über die letzten Amtstage Barack Obamas geschrieben hatte, eben weil Obama dem Kollegen Remnick die Möglichkeit dazu gegeben hatte.

So etwas funktioniert ja nur mit Zugängen. Und mit Ernsthaftigkeit. Und wenn beide Seiten glauben, dass Politik, dass überhaupt Macht sich nicht abschotten darf. Zugänglich sein muss. Verletzlich sein darf. Dass eben hierin Mut liegt. Schulz‘ Umfeld war gegen das Projekt: viel zu riskant. Das war selbstverständlich nachvollziehbar.

Also vergingen drei Wochen. Dann sagte Schulz: „Wir machen das.“ Und in Zeiten wachsender Politikverdrossenheit hielte ich es für gut, wenn sehr viel mehr Politiker sehr viel mehr Transparenz und Einblicke zuließen. Damit die Bürger erkennen könnten, dass es sich bei denen da oben um Menschen handelt, mit Stärken und Schwächen, mit Zweifeln und Überzeugungen; und damit die Politiker erkennen könnten, dass es nur der AfD hilft, wenn Imageberater und Pressestellen die Schwächen und die Zweifel verdecken wollen.

(Klaus Brinkbäumer in „Zur Lage“, dem Morgen-Newsletter des „Spiegel“ am 30. September 2017)

 

Juli Zeh lässt in ihrem neuen Roman die „Braunschweiger Zeitung“ langsam sterben

Geschrieben am 10. November 2017 von Paul-Josef Raue.
Juli Zeh: Ihr neuer Roman spielt in Braunschweig. Foto: Random House - Thomas Müller

Juli Zeh: Ihr neuer Roman „Leere Herzen“ spielt in Braunschweig. Foto: Random House – Thomas Müller

Gibt es in einem Jahrzehnt überhaupt noch Tageszeitungen, gedruckt und im Abo? In zeitgenössischer Literatur (noch gedruckt erhältlich) stirbt die Zeitung langsam, sie ist ein Relikt aus alten Zeiten. Juli Zeh schreibt so über die Braunschweiger Zeitung in ihrem neuen Roman „Leere Herzen“, der in der nächsten Woche erscheinen wird. Die Bestseller-Autorin, mit über zwei Dutzend Preisen geehrt,  wird oft von Kritikerin gelobt: Sie verfasse die großen Gesellschaftsromane unserer Zeit.

Britta, die Heldin ihres neuen Romans, erfährt abends im Fernsehen von einem Attentat auf dem Leipziger Flughafen, aber sie unterdrückt den Wunsch, Informationen auf ihrem Smartphone zu lesen. „Stattdessen hat sie sich beim Frühstück die Braunschweiger Zeitung gegriffen, die in kleiner Auflage noch immer für nostalgische Ironiker wie Richard gedruckt wird, und auf Seite drei eine knappe Meldung über die Vorgänge in Leipzig gefunden, kurz vor Redaktionsschluss ins Blatt geklemmt. Das Foto kannte sie bereits aus den Nachrichten: schwarze Uniformen in einer Halle, ein länglicher Schatten am Boden. Der Text erzählte genauso wenig wie das Bild.“

Juli Zehs neuer Roman „Leere Herzen“ spielt in Braunschweig, etwa ein Jahrzehnt in der Zukunft, wenn Merkel nicht mehr Kanzlerin ist, aber Trump noch Präsident der USA. In Deutschland regiert eine rechte Partei, die BBB, der AfD ähnlich. Die Menschen haben keine Visionen und keine Illusionen mehr, sind Pragmatiker.

Die Großstadt ist nicht mehr beliebt bei jungen Erwachsenen, vom Krieg zerstörte Mittelstädte liegen im Trend, „im Geist des Rationalismus wieder aufgebaut“. Britta, die Heldin des Romans, hat begriffen, „dass Großstadt out und Provinz kein Heilmittel für den abgerockten Metropolenwahn ist, da sich kein Übel mit dem Gegenteil kurieren lässt.“ In Braunschweig „gibt es alles, davon aber nicht zu viel“, und es gibt noch die Lokalzeitung.

Britta hat ein Haus in Lehndorf gekauft, „einen Betonwürfel mit viel Glas in einem ruhigen Wohnviertel, praktisch, geräumig, leicht zu reinigen, genau wie Braunschweig selbst, gerade Linien, glatte Flächen, frei von Zweifeln… Wenn man keine Lust hat, sich selbst etwas vorzumachen, ist polierter Beton eben das, was man heutzutage noch lieben kann.“

Offenbar hat Juli Zeh, die selber in der brandenburgischen Provinz lebt,  einige Male im Hotel „Deutsches Haus“ gegenüber dem Dom übernachtet, nur ein paar hundert Meter von Verlag und Redaktion der Braunschweiger Zeitung entfernt. In ihrem Roman lässt sie Klienten ihrer Firma im „Deutschen Haus“ übernachten, „auf dessen Fluren es irgendwie nach Sozialismus riecht“.

Braunschweiger dürften sich ärgern, dass ihre Stadt für Britta keine Aura hat, „eine Folge von verkehrsgerechter Entsorgung jeglicher Ästhetik“ ist. „All das stellt eine Erleichterung dar im Vergleich zur klaustrophobischen Pluralität der Metropolen.“

Auf der preisgekrönten Leserseite der Braunschweiger Zeitung könnten empörten Briefe stehen, wie eine Schriftstellerin so über ihre Stadt schreibe;  es dürften aber auch zustimmende geben: Der Nachbau des Schlosses, vereint mit einer ECE-Mall, war in der Stadt umstritten, die Zeitung bekam eine Rüge des Presserats, weil sie den Nachbau „Schloss“ nannte. An diese Debatte hängt sich Zeh dran: „An manchen Tagen liebt Britta Braunschweig, den klobigen Prunk totalitärer Prachtbauten, die aussehen wie Schlösser, die in Wahrheit nur Einkaufszentren sind…“

Im Roman geht es um zwei Braunschweiger, die als Terror-Dienstleister in einer Passage am Bahnhof arbeiten.

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