Wie viel Leser-Meinung verträgt eine Zeitung im Osten? Oder: Wer sehnt sich nach der DDR zurück?

Geschrieben am 1. März 2014 von Paul-Josef Raue.

In der Thüringer Allgemeine erschien am 24. Februar 2014 auf der Leser-Seite ein großer Beitrag eines Lesers aus Erfurt, der sich „gerne und dankbar“ an seinen beruflichen Werdegang in der DDR. Er endete mit den Worten: „Ich bereue nichts.“

Mit leisem Humor reagiert darauf ein anderer Leser:
„Aus Versehen habe ich heute wohl eine Ausgabe ,Das Volk‘ vom 24.2.1984 mit dem Leserbrief vom Genossen Otto Semmler erhalten. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir die TA-Ausgabe von heute nachsenden würden.“

In der Samstagausgabe reagiert Chefredakteur Paul-Josef Raue in seiner Kolumne so:

Ich mag solch feine Ironie, auch wenn sie nicht für jeden verständlich sein wird. In der Tat mutet der Leser-Beitrag an wie ein Text aus längst vergangenen Zeiten – als unsere Zeitung „Das Volk“ hieß und den Verfassungs-Auftrag hatte, Propaganda für die Partei zu machen.
Selbstverständlich war die TA auch am Montag eine aktuelle Zeitung, die den Verfassungs-Auftrag ernst nahm, die Mächtigen zu kontrollieren und die Leser umfassend und objektiv zu informieren. Zu unseren Pflichten gehört auch die Meinungsbildung.

In einer Demokratie ist nicht nur die Mehrheits-Meinung entscheidend und druckbar, die man gerne als die öffentliche Meinung bezeichnet, sondern sind auch Meinungen von Minderheiten und Querdenkern wichtig. Der Ort für all diese Meinungen ist diese Leserseite – auch wenn manche Positionen bisweilen nur schwer zu ertragen sind.

In der nachrevolutionären Epoche im Osten ist die Gesellschaft gespalten; es gibt eine starke Minderheit, die sich nach der DDR zurücksehnt – und diese Minderheit scheint besonders meinungsstark zu sein. Gut zwanzig Prozent der Thüringer stimmt der Aussage zu: Wir sollten zur sozialistischen Ordnung zurückkehren. Sogar die Hälfte ist überzeugt, dass die DDR mehr gute als schlechte Seiten hatte.

Man könnte der Hälfte der Gesellschaft also den Mund verschließen. Ein überzeugter Demokrat will das nicht, eine gute Zeitung macht das nicht. Zumindest sollten alle zur Kenntnis nehmen, wie Thüringen denkt.

In einer offenen, einer freien Gesellschaft überwiegen die Vorteile gegenüber einer geschlossenen Gesellschaft. Wenn es viele Meinungen gibt, wird es immer Meinungen geben, über die man sich ärgert: Der eine schimpft auf den Professor, der über die DDR forscht; der andere über den Genossen, der über sein schönes Leben in der Diktatur schreibt. Aber das ist eben Thüringen, ein Vierteljahrhundert nach der Revolution.

Karl-Heinz Schmidt, der verantwortliche Redakteur der Leserseite, kommentiert die Kritik an seiner Entscheidung mit einem Satz des Philosophen Voltaire: „Denken Sie, was Sie wollen, und lassen Sie andere sich daran erfreuen, es auch zu tun“. Und er fügt an: „Warum nur werden solche Sätze gern vergessen? Nach dazu in einer Gegend, in der sie jahrzehntelang nicht hochgehalten wurden.“

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Auszüge aus dem Leserbeitrag von Otto Semmler (24.2.14):

Der Leserbrief von Karl Heinz Schmidt aus Nordhausen zum Thema „20 Jahre Abriss und Diebstahl“ ist mir zu Herzen gegangen, weil er die Wahrheit über den Staat Deutsche Demokratische Republik zum Ausdruck brachte.

Ich sage das, weil der Staat DDR mir von der Kindheit an alles in der Entwicklung meiner Person gegeben hat, was ich heute auch im Jahr 2013 noch bin. Ich bin ein Nachwuchskader der DDR, der vom VEB Bau (K) Sömmerda, als späterer Nachfolger eines juristisch selbstständigen Kombinatsbetriebes des VEB Wohnungsbaukombinat Erfurt, nach der Abschlussprüfung als Maurer auf eine Laufbahn der Weiterentwicklung zum Leitkader geschickt wurde.

Diese Weiterentwicklung begann für mich im Jahr 1959 an der „Arbeiter- und-Bauern-Fakultät“ als gesonderte Fakultät der „Hochschule für Architektur und Bauwesen“ in Weimar.

Für diese Entwicklung legte der Staat DDR für mich bis 1962 mit Sicherheit mehr als 150.000 Mark auf den Tisch. Nun hatte ich neben dem Beruf als Maurer auch noch die Ausbildung als Student mit einem Prädikat „Hochschulreife“ in der Tasche. Es folgten weitere Jahre Ausbildung zum Erwerb der Berufsbezeichnung „Bauingenieur“. Diese Urkunde, nach der ich die Berufsbezeichnung „Bauingenieur“ tragen darf, erhielt ich 1967 von der „Ingenieurschule für Bauwesen“ Gotha.

All das geschah für mich als Arbeiter- und Bauern-Kind der DDR, wobei ich vermerken möchte, dass ich als Kind ohne Eltern diese Entwicklung erhalten habe. Heute im vereinigten Staat Deutschland unvorstellbar. Ich habe auch über sieben Ausbildungsjahre hin Stipendium und Leistungsstipendium erhalten…

Das Fazit ist: Ich habe mit Freude am Aufbau der DDR im wahrsten Sinne des Wortes als Bauingenieur aktiv mitgewirkt und bereue es nicht. Weil das alles nur geschehen konnte – weil die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigt worden war.

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