Die „Rauh-Nächte“ zwischen den Jahren: Von Vampiren und Werwölfen (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 30. Dezember 2015 von Paul-Josef Raue.
Geschrieben am 30. Dezember 2015 von Paul-Josef Raue in Aktuelles, Friedhof der Wörter.

Viele können schon mit dem zweiten Weihnachtstag wenig anfangen: Genug Ente und Marzipan, genug Familie und Stille Nacht. Dabei ist Weihnachten – historisch betrachtet – immer kürzer geworden: Johann Sebastian Bach schrieb noch Kantaten zum dritten Weihnachtstag – wann sollten wir sie heute aufführen?

Für die christlichen Kirchen dauert Weihnachten sogar bis zum Drei-Königs-Fest oder bis zum 2. Februar: Erst dann werden die Tannenbäume entsorgt und die Krippen verpackt. In Armenien, der ältesten christlichen Kirche, aber auch in Russland oder der Ukraine feiern die orthodoxen Kirchen heute noch, wie seit Jahrhunderten, erst am 6. Januar Weihnachten; so lange müssen dort die Kinder auf die Bescherung warten.

Als sich der Kalender noch nach dem Mond richtete, waren die Tage nach Weihnachten bei uns eine ruhige Zeit, in der die Frauen keine Wäsche wuschen, die Männer nur das Notwendigste auf den Bauernhöfen taten und die Kinder nach Sonnenuntergang nicht mehr das Haus verlassen durften. Die Familie saß zusammen, oft mit den Nachbarn. Doch die reine Idylle war dies nicht.

Irgendeiner begann, wenn es draußen dunkelte, von Werwölfen zu erzählen, von Vampiren und von Jungfrauen, die nicht nur den Bräutigam, sondern auch den Tod sehen. Ein anderer hatte die Tiere sprechen gehört, wieder ein anderer ihnen gelauscht – und sei prompt verstorben.

„Rauhnächte“ nannten unsere Altvorderen die Zeitspanne zwischen Winteranfang, als dem kürzesten Tag des Jahres, und dem Fest der drei Könige, wenn die Tage wieder länger werden. Was „rauh“ sei in diesen Nächten, haben Sprachhistoriker nicht geklärt. Es könnte von der „Reue“ abstammen.

Die Tage zwischen den Jahren sind eine gute Zeit der Erinnerung: Man kann das Böse bereuen und das Gute in die Zukunft verlängern.

So lassen wir auch die „Rauhnächte“ auferstehen. In den Buchhandlungen gibt es schon seit Jahren eigene Lektüre für die Zeit zwischen den Jahren – um zur Ruhe zu kommen. Die Unruhe kommt früh genug wieder.
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überarbeitete Fassung des Friedhof der Wörter“ von Silvester 2012

1 Kommentar

  • leider hier völlig unter den tisch gekehrt:
    in jeder raunacht ab dem 24.12. träumt man für je einen monat des neuen jahres – einfach mal die träume aufschreiben und dann vergleichen… aber keine angst, hexen werden nicht mehr verbrannt!

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