Alle Artikel der Rubrik "B 2 Welche Journalisten wir meinen"

Fakten gegen Lügenpresse (4): Wie ein Chefredakteur Haltung zeigt

Geschrieben am 15. April 2015 von Paul-Josef Raue.

Lügenpr

Die Ruhr-Nachrichten bringt auf einer Zeitungsseite die Fakten zur Flüchtlings-Debatte in Dortmund, zusammengetragen von Tobias Großekemper (Freitag, 10. April). Eine Leserin schickte die Seite an die Chefredaktion zurück mit zwei „Ergänzungen“:

1. „Lügenpresse“,
2. Zeitungsausschnitt einer Boulevard-Zeitung mit der Überschrift „Illegale Einreisen auf dem Höchststand“.

Wolfram Kiwit, Chefredakteur der Ruhr-Nachrichten, berichtet darüber in seinem Blog und fasst die Grundhaltung seiner Zeitung knapp und eindeutig zusammen:

Versachlichen, gründlich recherchieren, Fakten sprechen lassen und nicht auf den Zug eines meist parteilichen Empörungs-Journalismus springen.

Kiwit in seinem Blog: „Wir machen einfach weiter.“

 

 

Zu Schnibbens („Spiegel“) Medien-Tsunami: Lokalzeitungen können überleben – nur wie?

Geschrieben am 1. März 2015 von Paul-Josef Raue.

Bravo! sollten wir Cordt Schnibben zurufen. Endlich! sollten wir hinzufügen. Endlich eröffnet einer, dessen Stimme Gewicht hat, eine tiefe Debatte über die Zukunft der seriösen Medien. Er hat es schon einmal vor einigen Monaten im Spiegel versucht – mit mäßiger Resonanz. Lasst uns dazu beitragen, dass eine große Debatte entsteht!

Ich bin mit Leib und Seele ein Lokaljournalist, der in Schnibbens Essay keine Rolle spielt. Deshalb meine Replik.  Der Text ist dem Spiegel-Blog entnommen, er wird durch meine eingerückten Anmerkungen unterbrochen:

Wenn man das, was seit einigen Jahren die Medien erschüttert, als Tsunami bezeichnet, dann ist der Blogger Richard Gutjahr einer derjenigen, der auf dieser Welle der Zerstörung jauchzend dem Strand entgegen surft. TV-Moderator Claus Kleber ist dann derjenige, der sich auf der öffentlich-rechtlichen Segelyacht gelassen rauf und runter schaukeln lässt, und Printvater Wolf Schneider schaut von einem Hügel aus kopfschüttelnd zu.

Leser mögen Bilder, wenn sie ihnen sinnlich erklären,was nur schwer zu verstehen ist. Aber Bilder müssen stimmen, dieses stimmt nicht: Ein Tsunami ist eine Naturkatastrophe, die Veränderung der Medien ist Menschenwerk; der Tsunami ist Schicksal, also unabwendbar und gott- oder schicksalsgesteuert, die Medien hängen von den Veränderungen der Gesellschaft ab – für die weder Gott noch ein Schicksal herhalten können – und von der Bereitschaft der Journalisten und Manager, auf Veränderungen zu reagieren.

Und ich? Laufe am Strand aufgeregt auf und ab und zeige warnend zum Horizont. Darum habe ich bei den drei Journalisten aus drei verschiedenen Generationen mal nachgefragt, wie sie auf die Krise ihrer Branche blicken. Und auch bei Jessica Schober, einer jungen Journalisten, die wie eine Handwerksgesellin von Redaktion zu Redaktion zieht: Sie taucht unter der mächtigen Welle durch, hält nicht viel vom hektischen Ist-Zeit-Journalismus.

Noch einmal das Bild: Unter einer Tsunami-Welle kann man nicht durchtauchen: Wer das probiert, überlebt nicht. Wir sind froh, wenn wir ein tolles Sprachbild gefunden haben, aber wir dürfen es auch nicht endlos strapazieren.

Und, mit Verlaub, ich kann mir keinen Spiegel-Reporter oder -redakteur vorstellen, der aufgeregt auf und ab läuft. In keiner Redaktion in Deutschland dürfte ein Journalist so ausgeruht nachdenken können, recherchieren und schreiben wie beim Spiegel. Das ist allerdings purer Neid.

Die Krise des Journalismus und der Medien folgt der Gesellschaft, die sich in einem Atem raubenden Tempo aufteilt, in Teilen wieder vereinigt und auf ein Ziel steuert, das keiner kennt und das es vielleicht gar nicht geben wird. Deshalb hat die Tageszeitung die größten Schwierigkeiten: Sie war (und ist zum Teil noch) das einzige Medium, das nahezu alle Zielgruppen bedient und die Gesellschaft vereint. Ein Medium, in dem sich alle wiederfinden, tut der Demokratie gut – und deshalb ist die ökonomische und journalistische Krise der Tageszeitung auch eine Krise der Demokratie, zumindest der deutschen Prägung.

Deshalb schürft Cordt Schnibbens Analyse nicht tief genug: Wir müssen nicht nur in den verschiedenen Generationen fragen (wobei, am Rande festgestellt, junge Journalisten nicht typisch für ihre Generation sein müssen – aber das ist ein eigenes Thema); wir müssen auch deutlich unterscheiden zwischen nationalen Medien und regionalen / lokalen. Dass ein Spiegel-Reporter mit leichter Mißachtung in die Provinz schaut, nehme ich ihm nicht übel, sehe ich als Deformation professionnelle.

Das Problem des Spiegel ist aber nicht unbedingt das Problem der Thüringer Allgemeine. Den Spiegel – aber auch FAZ und SZ – liest kaum mehr jemand in Thüringen,  die Lokalzeitung noch jeder zweite; erschiene nicht noch das Neue Deutschland, würde im Osten kein nationales Blatt von Bedeutung gelesen.

Wenn es nicht den dramatischen Rückgang der Anzeigen gäbe, würden wir in Lokalzeitungen noch nicht über eine Krise sprechen. Dass wir darüber sprechen, wenn auch viel zu wenig, ist notwendig: Unser Journalismus stimmt nicht mehr. Wir sind auf dem Niveau der achtziger Jahre stehen geblieben und waren nicht mal verdutzt, wie viele Leser an uns vorbeigezogen sind.

Als Steve Jobs vor fünf Jahren das iPad in die Höhe hielt, wurde mir klar, dass sich unser Beruf radikal verändern wird, damals sah ich wie viele noch mehr die positiven als die negativen Veränderungen. Inzwischen ist klar, dass Tablets und Smartphones das Zeitbudget für alle Printmedien und die Zahl der Leser reduziert, die für Journalismus bezahlen; dass die Vertriebs- und Werbeerlöse schnell sinken; dass die Verleger idiotischerweise Redakteursstellen und ganze Redaktionen streichen, also journalistische Qualität abbauen. Die größte Veränderung, die das mobile Netz bringt, oft wird das übersehen, ist allerdings die Umkehrung des Verhältnisses zwischen Journalisten und Lesern.

Die Beobachtung ist korrekt, aber Journalisten waren stets mit technischen Veränderungen konfrontiert: Allein in einem halben Jahrhundert, also einem Journalistenleben, verschwand der Bleisatz, kamen die Redaktionssysteme mit dem Redaktroniker im Gepäck (bei den Lokalzeitungen, nicht beim Spiegel), stiegen die Renditen, weil die schwere Technik immer weniger Personal brauchte. Damals haben die Manager das Sparen gelernt, in den Druckereien und der Vorstufe; das Muster nutzen sie auch heute – allerdings bei den Journalisten. Das Problem der Medien sind nicht allein die Journalisten, ich wage zu behaupten: Es gibt mehr nachdenkliche und gute Journalisten als Manager.

Nur was setzen wir Journalisten dagegen? Was verstehen wir unter Qualität, wenn Qualität mehr ist als Selbstbefriedigung, sondern übereinstimmen soll mit der Qualitäts-Forderung der Leser?

Ich bleibe bei den Lokalzeitungen. Wir haben nicht das Problem des Spiegel: Unsere Leser haben uns schon immer kontrollieren können, weil sie sich in ihrer Stadt und Nachbarschaft auskennen. In einer Lokalzeitung können sie ihre Leser nicht an der Nase herumführen.  Aber sie können die falschen Themen setzen, sich mit den Mächtigen verbünden und glauben, im Rotary-Club ihre Leser kennenzulernen.

Die Debatte um die Zukunft des Lokaljournalismus – also quantitativ der Mehrheit der gedruckten Tages-Medien – hat noch gar nicht richtig begonnen. Zu viele  Lokaljournalisten arbeiten  wie in den achtziger Jahren und hoffen, den Ruhestand noch gerade unbeschadet zu erreichen.

Als der Funke-Kommunikationschef Korenke bei einem TA-Symposium die Beamten-Mentalität vieler Redakteure beklagte, gab es einen Aufschrei bei Betriebsräten. In den Schreiben fand man viel  Empörung, aber keine Konzepte, noch nicht einmal Hinweis wie: Lasst uns zusammen über die Zukunft nachdenken! Gemeinsam Strategien entwickeln! Gemeinsam Konzepte entwickeln!  Gemeinsam Qualität bestimmen!

Meist wird über die Quantität die Qualität einer Redaktion bestimmt: Je mehr Redakteure umso höher die Qualität. Sicher gibt es Redaktionen, die so schwach besetzt sind, dass sich ein Gespräch über Qualität erübrigt. Aber wie viele große Redaktionen sind einfallslos, konzeptlos – und ahnungslos?

Marx und Engels sprachen vom Umschlag der Quantität in die Qualität. Das klappte in der sozialistischen Wirtschaft nicht, und auch nicht im Journalismus. Wir brauchen dennoch eine „Dialektik des Journalismus“. Nehmen wir Schnibbens Essay als Einführung dazu und die junge Wortwalz-Kollegin als Begleitung, die sich auf ihrer Homepage rühmt: „Mit Sprache sorgfältig umgehen, auf Schnörkel scheißen.“ Das könnte fast von Wolf Schneider sein.

Können Sie, werter Herr Schnibben,  Jessica Schober noch einmal auf die Walz schicken? Mit einem Teil ihres Jubiläums-Bonus (der ja, das muss der Neid lassen, verdammt hoch sein muss)?  Sie soll aber mehr schildern als Momentaufnahmen, die hübsch zu lesen sind; sie sollte die Krise nicht in Episoden auflösen – sondern mit einer reifen Idee vom besten Journalismus im Lokalen starten und prüfen, wo er gelingt und wo er misslingt und wie die Idee zu korrigieren ist. Am Ende hätten wir ein Konzept, das zur Debatte taugt. Und wir hätten eindlich eine Debatte statt Hunderte von Kongressen zu Online und Bezahl-Modellen.

Bevor ich zum SPIEGEL wechselte, arbeitete ich bei der „Zeit“. Wir glaubten damals an das Erfolgsrezept: Wir schielen nicht auf den Leser, wir machen die Zeitung für uns Journalisten, es werden sich schon genügend Leser finden, die für so ein Blatt bezahlen.

Auf meinem Flur saß ein Ressortleiter, der sich köstlich über Leserbriefe amüsieren konnte. Wenn sich ein Leser darüber beschwerte, dass ein Leserbrief unbeantwortet geblieben war, ließ er dem Schreiber mitteilen, er habe leider einen Zimmerbrand zu beklagen und dabei müsse wohl auch dessen Leserbrief in Flammen aufgegangen sein.

Es war die große Zeit der journalistischen Autokratie, die Texte wurde über den Lesern abgeworfen, wer sie kritisierte, wurde als Querulant abgetan, dem man am besten das Abo kündigte. Wir bestimmten, welche Themen mit welchen Informationen – oft auch mit welchen Meinungen – unsere Leser zur Kenntnis nehmen konnten, nur die Konkurrenz zwischen den überregionalen Medien sorgten für eine gewisse Pluralität. Dieses Gatekeeper-Monopol ist durch das Netz, insbesondere das mobile Netz, aufgebrochen worden, jeder Leser ist sein eigener Gatekeeper, erstellt sich seine Agenda – unterstützt von Suchmaschinen und sozialen Medien – quer durch alle Medien und all die Themen, die ihn interessieren, selbst zusammen.

Schöne Anekdoten aus der Geschichte des Journalismus: Wie wir lernten, den Leser zu vergessen.  Warum haben wir uns diesen Dünkel nach dem Krieg nur geholt? 

Solche Geschichten gibt es auch aus dem Lokalen zu erzählen: Wie die Honoratioren, zu denen auch die Verleger zählten, die Zeitung beherrschten. Da gibt es in einem leider vergessenen Buch von Karl-Hermann Flach von 1968 Deprimierendes zu lesen: „Macht und Elend der Presse“. Das meiste davon stimmt heute noch; wir sollten das Buch nachdrucken, zumindest den ersten Teil.
 
Schwer verständlich ist: Warum haben viele Lokalredakteure diese Rolle der Verleger übernommen? Warum sind sie so obrigkeitshörig? Die meisten Redaktionen gehören mittlerweile zu Konzernen oder großen Verlagen: Da findet kein Vereinspräsident oder Bürgermeister mehr so starkes Gehör, dass ein Chefredakteur oder Lokalchef bangen müsste. Die Konzentration der Zeitungen hat also nicht nur den Nachteil, dass Sparkonzepte übermächtig werden, sondern durchaus einen großen Vorteil für die Unabhängigkeit der Redakteure.

Anders als bei den überregionalen Medien gibt es im Lokalen noch das Monopol, das wohl noch lange bestehen wird – wenn die Redakteure überhaupt  recherchieren und das recherchieren, was ihre Leser wirklich interessiert. Wolf Schneider hat Recht: „Gute Lokalzeitungen haben die besten Überlebenschancen.“ Aber, aber: Sie dürfen nicht mehr  die Überregionalen kopieren, die  die Konkurrenz mit TV und Internet längst verloren haben; sie müssen konsequent die Themen ihrer Leser spielen – Provinz sein, aber nicht provinziell agieren. Professionellen Journalismus mögen auch die Leser einer Lokalzeitung.

Ich sehe eine ganz andere Gefahr im Lokalen. Wer schaut, was in den Online-Auftritten der Lokalzeitungen geklickt wird, entdeckt vorne durchweg Blaulicht-Geschichten. Der Hase, der überfahren wird, interessiert mehr als der Bericht aus dem Stadtrat. Daran ist nicht der Hase schuld, sondern die Redaktion – die aus dem Stadtrat nicht so aufregend berichtet, nicht tief genug recherchiert und vom Geschichten-Erzählen nur hört, wenn skurrile  Kollegen auf „Storytelling“-Seminare gehen.

Daraus ziehen einige Manager und Chefredakteure schon den Schluss: Online im Lokalen ist Boulevard, also ganz viele Hasen und ganz wenig Politik. Wir sollten allerdings nicht vergessen, dass wir weit vorne im Grundgesetz auftauchen, dass der Artikel 5 nicht nur Rechte vergibt, sondern auch Pflichten. Es ist die Aufgabe von Redakteuren, dafür zu sorgen, dass dieselbe Seriosität der gedruckten Zeitung auch im Netz Nutzer und bald auch Käufer findet.  Das schreibt auch Schnibben, wobei es im Lokalen nie Verifikationsabteilungen gab. Für die Verifikation sorgte der ortskundige Kollege, und wenn der irrte: Der Leser.

In diesem unendlichen Universum aus Fakten und Fälschungen, Meinungen und Gerüchten allerdings lauert die Gefahr, zum Spielball von Google, Facebook und Co. zu werden, da liegt die Chance für die alten Medien, so etwas wie Fixsterne zu sein, also durch Recherche, Dramaturgie, Stil, Glaubwürdigkeit und Transparenz herauszuragen. Das setzt allerdings voraus, dass sie ihre journalistische Qualität erhöhen, also Korrespondentennetze und Recherchepools ausbauen, Datenjournalismus und Verifikationsabteilungen aufbauen, es sei denn, sie haben sie, wie der SPIEGEL.

Und die Redakteure müssen ihr Verhältnis zu ihren Lesern neu denken: Journalisten sollten keine Türsteher mehr sein wollen, die entscheiden, was wie in die Köpfe ihrer Leser kommt; Journalisten sollten sich als Lieferanten sehen, die heranschleppen, was ihre Leser vielleicht in ihre Köpfe hereinlassen. Und das bedeutet: transparent zu arbeiten, Grenzen und Widersprüche ihrer Recherchen aufzuzeigen; um Wahrheit zu ringen, aber nicht zu glauben, im Besitz der Wahrheit zu sein. Und vor allem: im Meinungsaustausch mit den Lesern die Story weiterzuschreiben.

Ja, unbedingt: Respekt zeigen, den Leser ernst nehmen. Aber wie viele Leser sind nur passiv im Netz, haben weder Lust noch Zeit, Storys mit uns weiterzuschreiben? Ist nicht im Netz eine neue Elite unentwegt auf Sendung – neben den Nörglern, Beleidigern und verbalen Totschlägern, die es immer schon gab und die früher nur kein Medium hatten? Oder müssen wir im Dreck der Beleidigungen die Goldklümpchen entdecken?

Reicht es aus, wenn wir nicht mehr im Chefarzt-Ton sprechen?

Die Digitalisierung des Journalismus – eine ihrer Vorzüge – ermöglicht ein ganz neues Verhältnis zum Leser, durch Kommentarfunktionen, Chats, Redakteursblogs und die Personalisierung von Inhalten. Bisher haben die Verlage die Vorzüge der Digitalisierung vor allem in neuen Erlös- und Vertriebswegen von journalistischen Inhalten gesehen, sie investieren in Paywalls, E-Paper und Apps. Das nützt alles nichts, wenn sie gleichzeitig die Investitionen in journalistische Qualität zusammen streichen: Auf den digitalen Märkten ist die Konkurrenz größer als auf den analogen Märkten und das Preisniveau niedriger – wer langfristig wachsende Digitalerlöse will, muss sich gerade im Netz durch Qualität abheben.

„Ach ja, die Qualität!“, seufzt ein hoher Verlagsmanager gerne und blamiert seine Chefredakteure: „Und was bitte ist Qualität?“ Wie manche stottern oder einfach nur erröten.

Selbst wenn wir sie ausreichend bestimmen könnten, bleibt die Frage: Reicht unsere Ausbildung aus? Haben wir uns da schon auf die Zukunft eingestellt? Wer wie Cordt Schnibben beim Qualitäts-Gott Wolf Schneider gelernt hat, könnte lange und gut über den professionellen Journalismus der Zukunft sprechen; aber – wenn ich es recht sehe – wird die anspruchsvolle Ausbildung immer mehr ausgedünnt, so es sie überhaupt je gegeben hat. Wie ist es beispielsweise beim Spiegel?

Es muss schon irritieren, dass Springer Millionen  in die wohl beste Journalisten-Ausbildung in Deutschland investiert – ein Verlag, der diese Investition immerhin vor seinen Aktionären rechtfertigen muss.

Von uns Altvorderen, die Wolf Schneider genießen durften, können die Nachkommen lernen, was einen Journalisten zum Profi machen. Von den digitalen Ureinwohner lernen wir – auch eine neue Situation – wie man im digitalen Universum heimisch wird. Was wir allerdings auch lernen  und was wir den Nachkommen lehren sollten: Wir müssen künftig herausfinden, wie und wo wir unsere Recherchen vermarkten können – ohne die Regeln zu verletzen wie auf den Mode-Seiten der SZ (obwohl auch über diese Grenzen eine Debatte sinnvoll wäre).  

Und wir Journalisten müssen begreifen, dass wir in Zeiten der Digitalisierung in den Lesern mehr sehen müssen als zahlende Kunden, wenn wir auch zukünftig ihr Geld kriegen wollen. Sie sind Experten, Gesprächspartner, Themengeber, manchmal sogar Rechercheure, sie sind Kritiker, Korrektoren, manchmal Nervensägen, in jedem Fall ist ihnen unser Blatt so viel wert, dass sie mehr verdient haben als nur unsere höfliche Aufmerksamkeit. Darin stimmen – Erkenntnis meiner Rundreise – Schreiber, Kleber, Gutjahr und Schober, die vier Journalisten aus vier Generationen, überein, so unterschiedlich und spektakulär auch sonst ihre Antworten auf die Printkrise ausfallen. Zu lesen im neuen SPIEGEL

Noch einmal, und mit Inbrust: „Experten, Gesprächspartner, Themengeber, manchmal sogar Rechercheure,  Kritiker, Korrektoren, manchmal Nervensägen“ gab es im Lokalen immer schon; der Chefarzt-Ton klappt selten in einer Lokalredaktion. Aber es bleibt die Frage: Warum machen die meisten Lokalredaktionen so wenig mit den Themengebern und Nervensägen? Wir haben es einfacher als die Überregionalen.

Vor anderthalb Jahren habe ich eine ähnliche Rundreise entlang der Klippe der Krise gemacht, damals zu Chefredakteuren von Tageszeitungen – die ausdauernde Wucht des digitalen Tsunami war schon damals zu spüren. Die „Abendzeitung“ in München hat es bald darauf erwischt, aber es gab Stimmen aus der „SZ“, der „FAZ“ und der „Zeit“, die sich darüber wunderten, dass ein Printredakteur über die Printkrise schrieb: Wie kann man vor dem Tsunami warnen, dann hauen uns die Badegäste ab. Man dürfe die eigene Branche nicht schlecht machen, ganz so, als seien wir immer noch die Türsteher, die Texte über Strukturkrisen in der Luftfahrt, in der Atombranche und sonstwo zulassen, Artikel über die Medienkrise aber aussperren könnten.

Nun reicht es mit dem Tsunami. Und wo kommen denn nur die Klippen her? Und wenn doch: Nach Thailand fahren die Touristen wieder.

Und heute? Die „SZ“ zieht im kommenden Monat zum Schutz eine Paywall hoch, die „Zeit“ veröffentlicht inzwischen eine Krisenstory nach der anderen, in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ beschworen drei Redakteure gewagt das Ende der Zeitung auf Papier in sieben Jahren.

Im Gespräch damals warnte „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher, wenn es nicht gelinge, für Qualitätsjournalismus im Netz ausreichend Geld zu erlösen, rutsche die Printbranche in die „Ära des Darwinismus“, in der alle Tages- und Wochenzeitungen gegeneinander mit allen Mitteln um Anzeigenkunden, Leser und das Überleben kämpften. Von einer Paywall ist die „FAZ“ nach wie vor weit entfernt, schreibt im dritten Jahr in Folge tiefrote Zahlen; und der langjährige Mitherausgeber Günther Nonnenmacher warf dem verstorbenen Kollegen hinterher, solche Talking Heads wie Schirrmacher brauche die Zeitung nicht, der habe weder „die Auflage der „FAZ“ steigern können“ noch seien „wegen ihm mehr Anzeigen“ geschaltet worden. Solche Journalisten wie Nonnenmacher – unberührt davon, was und wer eine Zeitung dem Netz überlegen macht – sind die Totengräber der Tageszeitungen.

Musste dies Nachtreten gegen die FAZ und Nonnenmacher sein? Die Schmähung von Schirrmacher durch den Weggefährten war in der Tat unsäglich. Aber was soll es am Ende eines sonst  exzellente Essays? Wir Journalisten waren untereinander schon immer schlimmer als die schlimmsten Leser. Wenn wir über Qualität reden, ist Nachtreten wenig förderlich.

Das Naturell von Journalisten: Die Neugier sitzt ihnen permanent im Nacken

Geschrieben am 14. November 2014 von Paul-Josef Raue.

Journalisten sind ein Völkchen, deren Arbeitsbedingungen sich zwar stark verändert haben, deren Naturell jedoch seit über anderthalb Jahrhunderten so ziemlich dasselbe geblieben ist. Die Neugier sitzt ihnen als Sucht und als Quälgeist permanent im Nacken.

Joseph Hanimann bespricht in der Süddeutschen Zeitung den Film über die Tageszeitung Le Monde „Immer noch Jäger“ (13. November 2014). Die Redakteure treffen sich übrigens im Morgengrauen zur legendären Stehkonferenz.

Wie wir uns den vorbildlichen Journalisten vorstellen: Ein Mensch voller Einfälle

Geschrieben am 11. November 2014 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 11. November 2014 von Paul-Josef Raue in Aktuelles, B 2 Welche Journalisten wir meinen.

Beim Erwachen hatte ich schon so viele Einfälle, dass der Tag nicht ausreichte, um sie niederzuschreiben.

Der Universal-Gelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz vor rund dreihundert Jahren.

Volontariat der Zukunft (1): Wie könnte die Ausbildung aussehen – am Beispiel der TA

Geschrieben am 28. September 2014 von Paul-Josef Raue.

„Der Traumberuf Journalist braucht vor allem Respekt vor den Menschen“ ist ein TA-Artikel überschrieben über die Ausbildung der Volontäre – in einer Extra-Ausgabe des „Thüringen Sonntag“, der Wochenend-Beilage. „Grenzgänger“ nennen die Volontäre ihr Gesellenstück: Zum Abschluss ihrer Ausbildung recherchieren sie eine Woche lang im deutsch-polnisch-tschechischen Dreiländereck und erzählen Geschichten von Menschen, die Grenzen überwinden – auch ihre eigenen. Am heutigen Montag (29.9.14) werden die fünf Nachwuchs-Redakteure der TA in Dresden mit einem der deutschen Lokaljournalisten-Preise ausgezeichnet.

Wer vor fünfzig Jahren Journalist werden wollte, verbrannte sich die Finger, buchstäblich. Der Lehrling, der in einer Redaktion Volontär heißt, ging an seinem ersten Tag in die Druckerei: Das, was er geschrieben hatte, wurde von Maschinen in Blei gegossen, Buchstabe für Buchstabe, Satz für Satz, Artikel für Artikel.

So verschwand das, was ein Redakteur dachte und schrieb, nicht in unsichtbare Computer-Sphären, sondern war fassbar: Geist wurde zu Materie – was für eine wunderbare Welt! „Schau Dir an, was Du geschrieben hast!“, sagte der Mann an der Bleisetzmaschine und forderte auf: „Greif zu!“

Der Volontär griff zu und packte die in Blei gesetzten Zeilen – und ließ sie sofort auf den Boden fallen, wo der schöne Artikel heillos zerwirbelte. Das Blei war heiß, viel zu heiß, um es gleich in die Hand nehmen zu können.

Die Setzer lachten über das alte Spiel, das schon ihre Vorfahren getrieben hatten, und bestanden auf dem Einstand: Ein Kasten Bier.

Mit beweglichen Lettern, also Buchstaben aus Blei – so druckte man Zeitungen und Bücher ein halbes Jahrtausend lang, erfunden von Johannes Gutenberg in Mainz. In wenigen Jahrzehnten am Ende des vergangenen Jahrhunderts verschwanden Blei und schwere Druckplatten, die man spiegelverkehrt lesen musste: Heute ist alles digital, fast digital. Nur den Redakteur gibt es selbstverständlich noch, doch aus dem Denker und Schreiber ist auch ein Setzer geworden dank perfekter Computer-Programme.

Die Revolution der Technik spiegelt sich auch in der Ausbildung wieder: Heute verbrennt sich kein Volontär die Finger mehr, heute braucht er nur noch seinen kleinen Computer und kann schreiben und fotografieren und filmen und telefonieren, wo immer er sich auch aufhält – und Seiten bauen für die Zeitung und das Internet.

So entstand eine Sonderausgabe des „Thüringen Sonntag“ nicht in den TA-Redaktions-Räumen, sondern in einem Kloster an der polnischen Grenze – in einer Recherche-Werkstatt zum Abschluss des Volontariats.

Es ist das Gesellenstück einer neuen Redakteurs-Generation, ein Stück das gleichzeitig für das Internet, die sozialen Netze und die Zeitung produziert wird.

Schon zu Beginn ihrer Ausbildung haben die Volontäre in einer Reportage-Woche ihr Können gezeigt: Sie porträtierten Menschen und ihre Arbeit in der Landwirtschaftsgesellschaft in Bad Langensalza – und wurden dafür gleich mit zwei Preisen für Nachwuchsjournalisten geehrt.

Was ist neu an der Ausbildung? Sie ist komplett multimedial. Die Volontäre probieren die neuen Möglichkeiten des Journalismus aus, sie wühlen und schreiben in sozialen Netzen und üben sich beispielsweise im Daten-Journalismus – der mehr ist als Googeln, der im Internet schürft und in großen, allgemein zugänglichen Datenbanken.

Doch die eigentliche Revolution spielt sich nicht nur in der Technik ab, sondern in unserer Gesellschaft: Noch nie war Kommunikation so einfach, so laut, so überwältigend und so teuer wie heute.

Wer durch die Straßen flaniert, sieht nur noch Menschen, die telefonieren oder auf ihrem Smartphone die neuesten Mitteilungen studieren. Die Welt ist zum Marktplatz geworden. Noch vor einigen Jahrzehnten war es der Journalist, der Nachrichten entdeckte und weitergab und seine Meinung dazu verkündete. Heute kann es jeder. Wird der Journalist überflüssig?

Nein, im Gegenteil – er ist wichtiger denn je, aber seine Aufgaben verändern sich.

> Der Redakteur hilft den Menschen, sich nicht hilflos in der Fülle der Informationen zu verirren: Er findet das Wichtige und sortiert das Unwichtige aus; er scheidet wirkliche Nachrichten von Gerüchten, Vermutungen und nutzloser Plauderei.

> Er erklärt intensiv, was die Welt seiner Leser und die große Welt zusammenhält; er schaut noch tiefer in die Kulissen unserer aufgeregten Zeit und erzählt Geschichten aus dem Leben statt nur sachliche und oft schwer verständliche Nachrichten weiterzugeben; er entdeckt mit List und Geschick, was die Mächtigen verheimlichen wollen.

> Er weiß, dass die Leser – und nicht nur die jungen – von Konsumenten zu Mitdenkern und Mitmachern geworden sind; sie wollen ihre Meinung sichtbar machen, sie wollen – gerade im Osten – die neue Meinungsfreiheit nutzen und genießen: Wie organisiere ich eine faire und unterhaltsame Beteiligung der Menschen? Wie entdecke ich originelle, mutige, gar kostbare Ideen und Meinungen, damit sie nicht eingehen wie Wassertropfen in dem Ozean, den wir Internet nennen?

Unsere Volontäre schauen vor allem auf die lokale Welt, auf den Alltag der Menschen, für die sie schreiben, auf die Nachbarschaft, die Heimat: Wie können wir – ob in der Zeitung oder im Internet – die Bedürfnisse der Menschen und ihre Wünsche, auch die heimlichen, erfüllen? Unsere Volontäre arbeiten mit der Lese-Forschung: Wie lesen die Menschen? Was lesen sie – und wann?

Kurzum: Die Volontäre lernen die Fähigkeit, den Veränderungen von Gesellschaft und Medien mit Engagement und Können zu folgen. Zuallererst lernen sie allerdings, was den Journalismus seit altersher ausmacht: Gescheit die Mitmenschen zu informieren, verständlich zu schreiben – und so unterhaltsam, dass sie die Lust aufs Lesen entzünden.

Ach, werden manche Leser klagen (nicht nur Studienräte und Liebhaber unserer schönen Sprache): Lernen Sie denn auch die Beherrschung unserer Sprache?

Ja, aber wir können im Volontariat nicht alle Defizite von Schule und Hochschule ausgleichen. Wir sind nicht die einzigen, die klagen: An der größten Schweizer Journalistenschule ist vor Kurzem ein neues Fach eingerichtet worden – Grammatik.

Auch wenn böse Zungen das Gegenteil beschwören: Journalist ist ein Traumberuf – und bleibt ein Traumberuf. Wer davon träumt, sollte aber mitbringen: Respekt, wenn nicht gar Liebe zu den Menschen; Lust am Schreiben und eine große Portion Können; Erfahrung als Freier in einer Redaktion oder Inhaber eines Blogs, der ständig gefüllt und kommentiert wird.

Wer sich also bewerben will, dem sei geraten: Zeige Leidenschaft für einen der schönsten Berufe der Welt! Das Handwerk kann man erlernen, das Brennen der Leidenschaft nicht.

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Thüringer Allgemeine 27. September 2014

Facebook Kommentar von Wolfgang Kretschmer (30.9.14)

Habe als Volontär selber noch zu Schreibmaschinenzeiten „Bleisatz“ gelernt. Auf dem Arbeitstisch stand ein Töpfchen mit Pinsel und Leim („Elefantensperma“, falls man im Schreibeifer Bewässerung vergaß), um Agenturnachrichten und eigene Texte,teils in der Eile mit Sauklaue geschrieben, zusammenzuschneiden und zusammenzukleben. Bis dann der „Sätzer“, ehemaliger TAZ-Jargon, mit den Druckfahnen kurz vor Redaktionsschluss erschien und einem bewies, dass man Zeilenanschläge falsch berechnet und sich überhaupt in manchen Details geirrt hatte.

Raue rückt den „Traumberuf Journalist“ in die Nähe von Hohen Priestern demokratisch gesinnter Menschenfreundlichkeit. Wenn dem nur so wäre. Volontäre (m/w) werden in der Regel über Jahre hinweg nach Gutdünken der jeweiligen Verlage miese bezahlt und lange hingehalten mit der Aussicht auf Festanstellung. Sie erleben entweder im eigenen Verlag oder sehen an anderen Blättern das fortlaufende Zeitungssterben und fühlen sich derzeit hineingeworfen in den Orkus von Print und Online. Darauf lässt sich keine Lebensplanung aufbauen, die einem freien Geist seit jeher zu produktiver journalistischer Arbeit Raum schuf.

Erinnert sei nur an Schiller, den Publizisten, ständig bemüht, neue Einkommensquellen aufzutun. Ohne die verlässliche Zulieferung von Texten freier Mitarbeiter, den eigentlichen Seitenfüllern nicht nur in Lokalzeitungen, wäre selbst deren Redaktionsleiter oder Chefredakteur verratzt. Diee eigentliche Frage wäre also, was treibt einen überhaupt an, Volontär zu werden? Heutzutage wieder eine fast brotlose Kunst wie einmal in früheren Zeiten, obwohl immer bessere Qualifikationen erwartet werden. Ich gebe zu, als Redakteur in besseren Zeiten auch gewerkschaftlich orientiert und sehr neugierig auf Menschen unterwegs gewesen zu sein.

Ein Kuss, ein Gebet – Die letzten Stunden der Opfer von MH 17: Ein Glanzstück der Nachrichtenagentur AP

Geschrieben am 5. August 2014 von Paul-Josef Raue.

Das sind die Geschichten, die Leser lieben: Wie verbrachten die Passagiere des Flugs MH 17, den Terroristen abgeschossen haben, ihre letzten Stunden? Mit wem sprachen sie zuletzt? Wie lautete ihre letzte Mail? Welchen Menschen sahen sie als letzten, bevor sie zum Flugsteig gingen? Wen küssten sie? Wen umarmten sie?

Es ist schon ungewöhnlich, dass eine große Nachrichtenagentur wie AP solch ein großes Erzähl-Stück recherchiert und veröffentlicht. Normalerweise bringt sie die aktuelle Meldung, vielleicht noch die Namensliste der Opfer, ihre Nationalitäten. Kristen Gelineau, AP-Chefin in Australien, wollte hinter die Nachrichten schauen, die Kleinigkeiten entdecken, die das Leben ausmachen, sie suchte den Zeitstempel des letzten Gesprächs der Opfer, sie wollte „Qualität statt Quantität“ – und bat um Recherche-Hilfe bei Reportern in Neuseeland und auf den Philippinen, in Indonesien, Holland und Malaysia.

Erin Madigan White erklärte die Reportage „A kiss, a prayer: The last hours of MH 17’s victims“ im AP-Blog zum „Beat of the week“, der mit 500 Dollar honoriert wird. Kristen Gelineaus Geschichte beginnt so (frei übersetzt):

Im Schlafzimmer eines Hauses nahe Amsterdam fragt Miguel seine Mutter: „Mama, darf ich Dich umarmen?“ Samira, seine Mutter, legt ihre Arme um ihren elfjährigen Sohn, der sie seit Tagen nervt mit Fragen nach dem Tod, nach Gott und seiner Seele.

Am nächsten Morgen brachte sie ihn und seinen großen Bruder Shaka zum Flughafen, wo sie den Flug Malaysia Airline 17 nehmen wollten, um ihre Großmutter in Bali zu besuchen mit der Aussicht auf Wasser-Ski und Surfen im Paradies.

Irgendetwas war anders. Am Tag vor dem Flug brach es aus Miguel heraus beim Fußballspiel: „Wie willst du sterben? Was wird aus meinem Körper, wenn ich beerdigt bin? Fühle ich nichts, weil unsere Seele zu Gott zurückkehrt?“ Er beginnt mich zu vermissen, sagte sich seine Mutter. Sie hielt ihn die ganze Nacht fest in den Armen.

Das war um 23 Uhr am 16. Juli. Shaka und 296 andere Passagiere auf Flug 17 hatten noch ungefähr 15 Stunden zu leben.

Die Geschichte liest sich wie die Skizze für einen großen Roman. Zur Nachahmung empfohlen – für Nachrichtenagenturen und jeden, der Qualität mag und seine Leser liebt.

„Elite der Journalisten sind Weicheier“, sagt Chefredakteur des „Wirtschaftsjournalist“ nach Weimer-Interview

Geschrieben am 20. Juli 2014 von Paul-Josef Raue.

So eine Abrechnung unter Journalisten gab es wohl noch nie. So viel Offenheit ist jedenfalls selten: Markus Wiegand erzählt von den Mühen, das Interview mit Ex-Focus-Chefredakteur Wolfram Weimer autorisiert zu bekommen. Der zickte und lavierte, relativierte und übte sich in Eigen-PR, kurzum: Er machte das, was Journalisten an Politikern hassen und oft genug kritisiert haben – bis hin zur Abdruck-Verweigerung.

Unter Journalisten ist solch hartes Urteil nicht nur selten, der Chefredakteur des Wirtschaftsjournalist dürfte wohl zum ersten Mal „die Elite dieser Branche“ so vorgeführt haben:

Die Elite der Branche lebt in einer Blase, in der man sich gegenseitig nicht weh tut, sondern auf die Schultern klopft. Das mit dem Journalismus, das sollen bitte die anderen aushalten, aber nicht man selbst.

Was war passiert?

Wolfram Weimar traf sich mit Markus Wiegand in einem Restaurant im Englischen Garten (wer hat bezahlt?). Er hätte wissen müssen, dass Wiegand ein unbequemer Zeitgenosse ist, der hart an die Grenze geht und sie bisweilen überschreitet. Diese Überschreitung bei Fragen nennt Weimer „unverschämt bis erniedrigend“.

Als sich die beiden trafen, dürfte der Wirtschaftsjournalist 2/2014 auf dem Tisch gelegen haben mit dem Titel zum Wechsel an der Spitze der Wirtschaftswoche: „Warum Tichy gefeuert wurde, obwohl Meckel nichts kann“. Weimer war also gewarnt.

Dennoch verlief das Gespräch, so Wiegands Editorial, „einigermaßen normal“, was heißt:

Er schien offen und authentisch zu antworten. Bei kritischen Fragen wirkte er angespannt und tauchte vielleicht einige Male zu oft ins „off the Record“-Gespräch weg. Aber geschenkt.

Die Autorisierung verlief nach Wiegands Angaben mühsam:

> Weimer verlängerte das Interview um ein Drittel und „schliff an vielen Formulierungen mit dem Ehrgeiz der Eigen-PR“. Der Wirtschaftsjournalist bringt auf dem Titel das Porträt eines skeptisch schauenden Weimer und zum Auftakt des Interviews einen ganzseitig lächelnden Weimer am Tegernsee, allerdings nicht vor einer Yacht, sondern vor einem grünen Tretboot.

> Weimar verändert Fragen von Wiegand. Sagte Wiegand: „Beim Focus sind Sie nach öffentlicher Lesart gescheitert“, wollte Weimer es so formuliert haben: „Beim Focus lief es für Sie nicht so erfolgreich wie sonst.“

> Weimar lehnte die Frage ab, ob er „in die dritte Liga“ abgestiegen sei. In der autorisierten Fassung steht „Sie sind jetzt in der zweiten Liga unterwegs“.

Zur Erklärung: Weimar, der am Tegernsee lebt, war Chef der Welt und Berliner Morgenpost, Gründer von Cicero, Chefredakteur von Focus und seit 2012 Verleger von Wirtschaftsmedien wie des Wirtschaftskurier.

> Beide Seiten wollten im Laufe der Verhandlungen das Interview zurückziehen, am Ende einigte man sich auf einen Kompromiss (der sicher nicht das Editorial einschloss) – wohl vor dem Hintergrund der Wiegandschen Drohung, eine Titelgeschichte ohne wörtliche Zitate zu drucken.

So erschien das Interview, das Kompromiss-Interview, in dem Wolfram Weimar – autorisiert – bekennt, gegen kritische Fragen zu sein, jedenfalls wenn es um ihn gehe:

Wenn man erste Erfolge hat, dann sind vielleicht manche, die anfangs skeptisch waren, verblüfft, was da so läuft. Nur Sie, Herr Wiegand, werde ich wohl nie von kritischen Fragen abbringen können.
(Frage Wiegand:) Wie viele Alphatiere der Branche scheinen Sie ganz schön empfindlich zu sein. Ich frage, Sie antworten oder auch nicht. Einverstanden?

Sie können ja alles ansprechen. Ich möchte nur nicht von Ihnen aufs Kreuz gelegt werden. Und ein bisschen mehr Respekt vor meiner Arbeit und vor allem der meiner Kollegen stünden Ihnen gut zu Gesicht.

Und wie endet das Interview?

(Weimer:) Sonst noch was?
(Wiegand:) Nein.

(Weimer:) Na, das war dann ja doch noch ein halbwegs angenehmes Gespräch.

**

Quelle: Wirtschaftsjournalist 3/2014

Munter und depressiv bei der WM: Wie verschieden TV, Radio und Internet kommentierten

Geschrieben am 16. Juli 2014 von Paul-Josef Raue.

Was schreibt ein Journalist, der ein deutsches WM-Spiel gegen die USA im Fernsehen gesehen, den Ton aus dem Radio teilweise mitgehört und einem Seitenblick aufs Internet geworfen hat? Die Radioreporter sahen ein munteres Spiel, der TV-Kommentator rutschte halb ins Depressive ab, und im Internet hagelte es kritische Stimmen.

Klarheit und Objektivität? Nein, schreibt Gong-Chefredakteur Carsten Pfefferkorn und schließt sein Editorial:

Nie gab es mehr veröffentlichte Meinung als heute. Und nie dürsteten die Menschen mehr nach Orientierung in dieser verworrenen Welt. Und ich meine: Orientierung, nicht Bevormundung.

**

Quelle: Gong 28/2014

Was wären Zeitungen ohne den Verrat? (Zitat der Woche)

Geschrieben am 1. Juni 2014 von Paul-Josef Raue.

Ohne Verrat, ohne zum Verrat bereite Zeitungen taugt die beste Regierung nichts.

Willi Winkler in der SZ vom 31. Mai zu einem Kommentar der New York Times (Online): Michael Kinsley, „Die globale Überwachung“ von Glenn Greenwald besprechend, hatte sich gegen Snowden positioniert und der Regierung allein die Entscheidung zugewiesen, Geheimnisse bekannt zu machen. Das sei nicht Aufgabe und Recht der Presse. Kinsleys Begründung: Niemand hat die New York Times gewählt.

Margaret Sullivan ist Public Editor des NYT, eine Art Ombudsfrau („Mittler zwischen Zeitung und ihren Lesern“): Sie tadelte die Redaktion wegen der einseitigen Rezension des Buchs.

Redaktionen und ihre Angst vor Wahlen: Eine Typologie von Lokalchefs

Geschrieben am 23. Mai 2014 von Paul-Josef Raue.

Es gibt immer noch Lokalredaktionen, die zählen erst die Wochen, dann die Tage bis zur Wahl – mit dem Seufzer: „Noch zwei Tage, dann ist es endlich vorbei!“ Vorbei der Ärger mit Politikern, mit Lesern, mit Erbsen- und Zeilenzählern, mit dem Chefredakteur.

Allerdings sind Lokalredaktionen, die zählen, mittlerweile in der Minderheit. Die meisten sehen eine Wahl, vor allem in den Städten, Dörfern und Kreisen, als politischen Höhepunkt an, im besten Fall sogar als Hochfest der Demokratie.

Wie berichten Lokalchefs vor den Wahlen? Es gibt vier Typen von Lokalchefs:

1. Der Verweigerer
Wahlen sind Sache der „Politik“; „die Politik ist gefordert“ – er meint das Ressort, aber auch das Leitartikel-Lieblingswort, den Überbegriff für alles Schlimme in unserem Land.

2. Der Pflichtbewusste
Er berichtet über jeden Auftritt der Größen aus Berlin und dem Land, reiht Bericht an Bericht, wiederholt deren Wiederholungen, nutzt ungemein ökonomisch Textbausteine – alles nach der Devise: Gestern hat es Frau Merkel auch in Castrop-Rauxel gesagt. Aber er ist fair, behandelt alle gleich.

3. Der Reporter
Er schreibt die Reportagen über die Wahlauftritte, beobachtet genau, etwa: Sigmar Gabriel, gerade Vater geworden, hatte sich wieder seine knallrote Krawatte umgebunden, als er beschwingten Schrittes die Bühne auf dem Marktplatz in Hückeswagen eroberte, aber wer genau hinschaute, der entdeckte einen kleinen gelben Flecken, offenbar vom Babybrei, den der Vater…

4. Der Karrierist
Er versucht alles, am liebsten mit Hilfe der heimischen Abgeordneten, ein 5-Minuten-Interview der Prominenz zu bekommen – damit auch die Leser in Heidelberg aus erster Hand erfahren, welche Strategie die Merkel für Brüssel hat. Wenn es einige Male gelungen ist, hofft er, dass das Politik-Ressort ihn entdeckt – „Ich steige auf!“ – und er vielleicht doch noch Chefredakteur wird.

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