Alle Artikel mit dem Schlagwort " Thüringische-Landeszeitung"

„Kein anderes Medium hat ein besseres Image als die Tageszeitung“

Geschrieben am 16. Januar 2013 von Paul-Josef Raue.
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Die journalistische Stärke der Zeitung hebt Inga Scholz heraus, die neue Geschäftsführerin der Zeitungsgruppe Thüringen (zu der die TA, die OTZ und die TLZ gehören). Ein Auszug aus ihrer Rede beim Neujahrsempfang der Zeitungsgruppe:

80 Prozent der Deutschen lesen Zeitung – als gedruckte Version oder im Netz. Die Zeitung ist auch im Netz die Nachrichtenquelle Nummer 1. Und damit ist Zeitung auch weiterhin das erfolgreichste Informationsmedium, schneller und lebendiger als je zuvor.

In dieser Diskussion um die Zukunft gilt es zu unterscheiden zwischen einer Debatte um Verbreitungskanäle und Kommunikationsinhalte.

Die Diskussion beinhaltet etwas ganz anderes: Es geht um den Wert von Verlässlichkeit, um die Glaubwürdigkeit von Information. Mit der ständig wachsenden Informationsflut wird die Verlässlichkeit der Informationsquelle immer bedeutender. Das ist gut für uns Zeitungen, denn damit steigt auch die Bedeutung von seriösen journalistischen Inhalten.

Zeitung ist vertrauenswürdig. Zeitung ist seriös: Sie kennen die Absender und wissen, wer beschreibt, einordnet, bewertet. Unsere Zeitungen geben den Thüringern Verlässlichkeit, Heimat, Zugehörigkeit und Orientierung. Wir sind mit den Menschen im Freistaat untrennbar verbunden, weil wir die gleiche Geschichte haben, wir leben hier, wir sind hier zu Hause, so wie Sie: Wir können Ereignisse aus thüringischer Sicht einordnen, wir sind Verbündeter und auch Spiegelbild des Lebens – ob im Netz oder als gedruckte Version.

27 Millionen Deutsche lesen Zeitungen online im Netz. Damit haben die deutschen Tageszeitungen mehr Nutzer als T-online oder „ebay“…Kein anderes Medium hat ein besseres Image als die Tageszeitung – und unsere Werbekunden profitieren davon: Konsumenten vertrauen Zeitungswerbung von allen Werbegattungen am meisten. Sie vertrauen der Marke Zeitung – das hat mit Papier nichts zu tun, sondern mit dem Absender der Botschaft.

(zu: Handbuch-Kapitel 5 Die Internet-Revolution + 57 Wie können Zeitungen überleben)

Wenn Politiker drohen – schreib drüber!

Geschrieben am 4. November 2012 von Paul-Josef Raue.
2 Kommentare / Geschrieben am 4. November 2012 von Paul-Josef Raue in Aktuelles, Presserecht & Ethik.

Wie geht ein Chefredakteur mit Politikern um, die sich gegen Zeitungskritik wehren? Hans Hoffmeister, Chefredakteur der Thüringischen Landeszeitung (TLZ), teilt aus, steckt ein – und berichtet regelmäßig darüber in seiner Sonnabend-Kolumne „Schlüsselloch“.

Offenbar gab es mehr als einen Anruf des thüringischen Wirtschaftsministers Machnig, der gerade in Steinbrücks Wahl-Beraterkreis aufgerückt ist. In seinem aktuellen „Schlüsselloch“, in dem er über die Kleider der Mächtigen sinniert, schreibt Hoffmeister:

Kleidsam geht auch nach seinem Schlüsselloch-Knatsch mit der TLZ samt nachgereichtem milden Interview Wirtschaftsminister Machnig… Dabei hat Machnigs Kleidung doch eigens einen neuen Akzent. Wem’s noch nicht aufgefallen ist: Er trägt nicht länger himmelsflitzige Hemdkragen. Das Wort mit A… verwendet er auch nicht mehr. Und er vermeidet den Anschein von Sturztrünken.“

Also: Harscher Zeitungskritik folgt Anruf und Ärger mit dem Minister folgt ein mildes Interview als Wiedergutmachung und folgt neue…

TLZ, 3.11.2012 „Ohne Benimm kommen Politiker in Verschiss“

(zu: Handbuch-Kapitel 49 Wie Journalisten entscheiden sollten)

WAZ-Chef Nienhaus: Bei unseren Zeitungen dürfen sich auch Politiker beschweren

Geschrieben am 31. Oktober 2012 von Paul-Josef Raue.
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Rufen Sie uns an! Bei unseren Zeitungen dürfen sich auch Politiker beschweren! Darüber beschweren wir uns nicht. Aber – aus der Zeitung fliegt deswegen kein Beitrag!

WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus in Erfurt am Dienstag bei der Verabschiedung von Martin Jaschke, der als Geschäftsführer zu den Stuttgarter Zeitungen wechselt, und zur Einführung von Inga Scholz, der neuen Sprecherin in der Geschäftsführung der Zeitungsgruppe Thüringen (u.a. TA, OTZ, TLZ) und der ersten Frau an der ZGT-Spitze

(zu: Handbuch-Kapitel 49 Wie Journalisten entscheiden sollten)

Anton Sahlenders Kommentar via Facebook:

Das gilt nicht nur bei der WAZ. Und sie haben es wohl immer schon getan, die Politiker, überall. Entscheidend ist, wie man in Medien damit umgeht. Und da könnte es beim ZDF eine Art Notwehrreaktion gegeben haben.

Wie Politiker in Thüringen auf Journalisten Einfluss nehmen – oder: Je absoluter die Mehrheit, desto rüder der Versuch

Geschrieben am 28. Oktober 2012 von Paul-Josef Raue.

Die Mächtigen in Thüringen waren auch nicht besser als die Bayerns, schreibt Hans Hoffmeister, Chefredakteur der Thüringischen Landeszeitung (TLZ), in seinen Erinnerungen, die er am Sonnabend in seiner Zeitung veröffentlicht hat (27.10.2012): „Je absoluter die Mehrheit, desto rüder der Versuch politischer Einflussnahme“. Er schreibt:

Mit mir haben sie in mittlerweile mehr als zwei Jahrzehnten als Chefredakteur in Thüringen (fast) alles versucht, um von Fall zu Fall ihr Ziel zu erreichen. Es war nie ein Spiel, es war immer ein Machtkampf.“

Einzigartig dürfte sein: Hans Hoffmeister hat über die Einflussnahmen nicht nur an journalistischen Stammtischen erzählt, sondern immer auch in seiner Zeitung – „weil wir das auch für eine gute Prävention hielten.“

Er weist darauf hin, dass solche Einflussnahmen nach der friedlichen Revolution in Thüringen umso schwerer wogen: „Die Pressefreiheit war essenzielle Forderung der friedlichen Revolution hier zu Lande. Wer davor keinen Respekt hat, muss Konsequenzen ziehen.“

Hoffmeister zählt das Arsenal der Beeinflussung detailliert auf:

Organisieren von Nähe, bei Nichterfolg Abstrafen, diskriminierende Platzierung bei Tisch – nämlich am Rande -, verweigertes Handgeben, Nichtzuteilung des Wortes in Konferenzen, Ausspielen gegen andere Kollegen, Herbeizitieren und künstliches Aufregen über missliebige Kommentare, Wettbewerbstitel bevorzugt behandeln, Schmorenlassen in Missachtung, dann plötzlich Aufheben des Bannes mit unvermittelt freundlichen Briefen und geneigter Zuwendung – und das Spiel ging von vorne los.

In seinem Essay nennt Hoffmeister ein knappes Dutzend Namen quer durch alle Parteien, er berichtet von Pressesprechern bei Ministerpräsident Vogel, „durchtrieben“ und „ungeniert“; vom Versuch, seine Entlassung zu betreiben. Er berichtet vom stellvertretenden Ministerpräsidenten und seiner „brutalen Einflussnahme“; von einem Ex-Wirtschaftsminister, der mit einer Abbestellungswelle drohte, wenn nicht positive Artikel kurz vor der Wahl erschienen.

Positiv sieht Hoffmeister den aktuellen Regierungssprecher Zimmermann: „Regierungssprecher empfinden sich heute als professionelle Serviceeinheit für Journalisten.“

Der komplette Hoffmeister-Essay aus der TLZ (unredigiert):

Weimar. So etwas wie in Bayern gab’s in Thüringen auch. Nicht anders als in manchem anderen Bundesland. Je absoluter die Mehrheit, desto rüder versuchen Regierende politisch Einfluss auf journalistische Inhalte und damit auf Redaktionsspitzen zu nehmen. Mit mir haben sie in mittlerweile mehr als zwei Jahrzehnten als Chefredakteur in Thüringen (fast) alles versucht, um von Fall zu Fall ihr Ziel zu erreichen.

Wir haben im Laufe der Jahre im Blatt immer mal recht offen darüber berichtet – in Rückblicken -, weil wir das auch für eine gute Prävention hielten.

Organisieren von Nähe, bei Nichterfolg Abstrafen, diskriminierende Platzierung bei Tisch – nämlich am Rande -, verweigertes Handgeben, Nichtzuteilung des Wortes in Konferenzen, Ausspielen gegen andere Kollegen, Herbeizitieren und künstliches Aufregen über missliebige Kommentare, Wettbewerbstitel bevorzugt behandeln, Schmorenlassen in Missachtung, dann plötzlich Aufheben des Bannes mit unvermittelt freundlichen Briefen und geneigter Zuwendung – und das Spiel ging von vorne los. Nur dass es leider kein Spiel war. Es war ein Machtkampf.

Das war früher. Und man dachte, das ist vorbei. Dass der Sprecher des CSU-Parteivorsitzenden und Ministerpräsidenten – wie jetzt in Bayern – eine öffentlich-rechtliche Fernsehanstalt ungeniert, offen und öffentlich sogar per SMS, also doch vermutlich nachweisbar, auffordert, über einen SPD-Landesparteitag am Abend der Veranstaltung möglichst überhaupt nicht zu berichten, das hatte man noch nicht erlebt.

Obwohl: Der Thüringer Regierungssprecher Hans Kaiser hat unter Bernhard Vogel immer besonders gern beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen und beim öffentlich-rechtlichen Hörfunk, aber auch beim Privatfunk, natürlich auch bei den Zeitungen, seine Spielchen derart durchtrieben versucht, dass er schließlich fast nur noch nach eigenem Gusto handelte und sich selbst gefangen nahm, wie jetzt der Typ in Bayern.

Schließlich kegelte Vogels Nachfolger Dieter Althaus nach der Wahl den mittlerweile zum Staatssekretär Beförderten einfach raus aus dem Team. Sogar Vogel baute ihm in seiner Adenauer-Stiftung kein Rettungsboot an seiner Seite, sondern Kaiser musste zusehen, wie er weit weg versetzt wurde – nach Taschkent. Mittlerweile leckt er seit Jahren in Budapest seine Wunden.

Brutale Versuche

sind nicht an eine

Partei gebunden

Nachfolger Hermann Binkert, Althaus Grundsatzreferent, später auch Staatssekretär, machte das dann genauso bei seinem Chef. Er indoktrinierte ihn selbst sehr erfolgreich und verpasste ihm eine Art Gehirnwäsche. Die folgenden politischen Dramen etwa um einen Thüringer Kulturkahlschlag, die vermeintliche Familienoffensive mit gekürzten Horten und vieles mehr waren die Folgen. Binkert versuchte ungeniert, auch auf journalistische Inhalte Einfluss zu nehmen, wenn dies probat erschien – aber nicht so ungeniert wie Kaiser das tat. Die TLZ kann ein Lied davon singen.

Es endete im TLZ-Fall, von Binkert vermeintlich clever eingefädelt, mit einer Nähe zur Verlegerin eines großen (anderen) Zeitungshauses und der Idee, über diese Brücke dessen ehemaligen Geschäftsführer, mittlerweile höchster Chef unserer WAZ-Mediengruppe, somit auch der TLZ, zu nötigen, mich abzulösen. Der so von Althaus direkt Angesprochene lächelte nur und verwies den Ministerpräsident auf sich selbst zurück. Wie auch anders?

Was Binkert nicht hindern sollte, im Tollen Thüringen, einer millionenfach verbreiteten, undurchsichtig finanzierten Wahlkampf-Illustrierten, für Dieter Althaus brutal direkt und öffentlich über meine Gesundheit Gerüchte zu verbreiten. So etwas ist in Deutschland strafbar. Ich habe keine Anzeige erstattet. Doch ein Sturm im Blätterwald folgte: Von der Mitteldeutschen bis zur Badischen Zeitung reichte die solidarische Entrüstung, auch im Presseecho der WAZ-Gruppe reportiert. Binkert und Althaus waren gescheitert. Ihr politisches Ende folgte alsbald.

Aber das gibt’s nicht nur bei der CDU. Thüringens Vize-Ministerpräsident Christoph Matschie (SPD) hat brutale Einflussnahme, einfach so, weil er in Not war, bei der TLZ auch versucht – im Zuge der Seemann-Affäre. Und das liegt noch nicht lange zurück.

Auch von der Nachwende-FDP haben wir solche Versuche erlebt. Der einstige Wirtschaftsminister Jürgen Bohn drohte zwei Tage vor der Wahl TLZ-Vize Hartmut Kaczmarek, wenn er nicht sofort dieses und jenes schreibe, werde er für 30 Ab­bestellungen sorgen. Während aus der Erfurter CDU der Wink Richtung TLZ kam: Der Chefredakteur schädigt mit seiner Weimarerei den Wirtschaftsstandort Erfurt. Man wollte die Berichterstattung und Kommentierung über die geplante Zwangsfusion zwischen DNT und der neuen Oper unterbinden.

Missliebige

Kommentare

abgeheftet

Es gab auch schwere Verstöße anderer Art: Der FDP-Fraktionsvorsitzende im Thüringer Landtag, Andreas Kniepert, glaubte in den Anfängen, mit dem ersten Privatsender Antenne Thüringen ein quasi leibeigenes Medium zu haben. Sein Kollege von der CDU, Jörg Schwäb­lein, versuchte sogar, bei einem kleinen CDU-Parteitag am Rande der Vereinigungsfeiern in Hamburg eine öffentliche-rechtliche Zeitung zu beschließen. Etwas später machte Bernhard Vogel diesen Überlegungen den Garaus.

Vize-Ministerpräsident Gerd Schuchardt (SPD) sammelte kritische TLZ-Kommentare, um diese, geheftet mit einer Büroklammer, an den WAZ-Gruppengeschäftsführer zu schicken. Daran hinderte ihn der Chef der Friedrich-Ebert-Stiftung, Werner Rechmann. Der WAZ-Gruppengeschäftsführer riet in solchen Lagen dem TLZ-Chefredakteur, egal wie der Fall lag: „Behaupten Sie sich!“ Ein ähnlicher Versuch der Abgeordneten Vera Lengsfeld (CDU) scheiterte analog.

Auch andernorts gab’s so etwas. Und manchmal kam es raus – im Nachhinein. Ein namhafter Thüringer Fernsehchef etwa wurde von Oskar Lafontaine (SPD) zu dessen MP-Zeiten in Saarbrücken direkt genötigt. Sinngemäß: Ich hab es dir doch gesagt, dass du das so und nicht anders drucken sollst; und jetzt hast du’s wieder nicht gemacht! –

Das konnte der Journalist auch als Drohung empfinden. Es hat den Mann fast „umgebracht“ – so sehr hat ihm das zu schaffen gemacht. Der Journalist hat’s später mal beim Bier erzählt.

Mittlerweile – so dachte man – gibt’s so was jedenfalls in Thüringen nicht mehr. Bernhard Vogel ist lange weg und führt nur noch Anerkennungskämpfchen vor für sich selbst. Dabei hat die Geschichte längst geurteilt. Nicht mal Ehrenbürger von Erfurt darf er werden. Diese äußerste Anerkennung wird ihm in seiner Sammlung von Ehrungen schmerzlich fehlen. Das ist nicht peinlich, das ist gerecht. Peinlich ist nur sein ewiges Nachdrehen mit rückwirkender Geschichtsklitterung.

Die großen Essen mit Chefredakteuren samt Gängelei und Balzerei im Gästehaus der Landesregierung hat – auf TLZ-Betreiben – schon Althaus abgeschafft. Und solche Gästehäuser gibt es auch nicht mehr.

Sprecher sind

jetzt vor allem

Dienstleister

Solche Regierungssprecher wie Hans Kaiser gibt es schon gar nicht mehr. Regierungssprecher empfinden sich heute als professionelle Serviceeinheit für Journalisten. Nur in Bayern hat sich das noch nicht rumgesprochen. Man erschrickt über solche späte Auswüchse.

Horst Seehofer, der offenbar wegen der Affäre nicht am derzeitigen MP-Treffen in Thüringen teilnimmt, trat am Donnerstagabend sehr nervös, verlegen, mit rotem Kopf vor die Kameras und stammelte. Hatte er doch soeben noch zum Thema Medien Offenheit verkündet und den Spruch abgelassen, dass wir heute nicht mehr in Herrschaftszeiten leben…

Seehofer suchte nach Ausreden. Und er fand sie nicht. Statt klar zu sagen: Ich entschuldige mich beim ZDF und vor der gesamten deutschen Öffentlichkeit für diese Fehlleistung meines Sprechers. – So löst man solche Krisen. Seehofer war gerade in seinen Umfragen endlich mal auf einen Baum geklettert, und es herrschte eine gewisse Entspannung in der Koalition in Berlin aus CDU/CSU und FDP. Jetzt ist er wieder runtergefallen. Aus eigener Schuld.

Dabei ist er selbst ein Profi aus der alten Garde – nicht anders als Vogel und – wie man sieht – nicht anders in der Rolle gefärbt. Jetzt kriegt er die Zähne nicht auseinander zu drei einfachen deutschen Hauptsätzen: „Das war Mist. Es tut mir leid. Es wird nie wieder vorkommen.“

Die Presse ist frei – Punkt. So steht’s im Gesetz. Ihre Freiheit war essenzielle Forderung der friedlichen Revolution hier zu Lande. Wer davor keinen Respekt hat, muss Konsequenzen ziehen. Das weiß man eigentlich in der Bundesrepublik seit der Spiegel-Affäre mit Franz-Josef Strauß. Sie liegt gerade 50 Jahre zurück, wie die TLZ berichtete.

Das beruhigende an solchen Affären ist, dass die schlimmsten herauskommen. So auch hier. Das belegt: Die Demokratie ist – doch – intakt.

Wenn Wörter schmelzen (Friedhof der Wörter – Apostroph)

Geschrieben am 4. September 2012 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 4. September 2012 von Paul-Josef Raue in Friedhof der Wörter.

Die Liberalen in Thüringen, so sie in der FDP organisiert sind, wollen zu den Liebhabern der deutschen Sprache zählen. Zumindest engagieren sie sich für unsere Kinder in der Schule: Sie sollen besser lernen. So haben sie ein großes Plakat entworfen: „Schule für’s Leben“.

Ein wahrer Liebhaber der deutschen Sprache, der Redakteur Thorsten Büker von der Thüringischen Landeszeitung (TLZ), hat die Plakate entdeckt – und gleich einen Schreibfehler. „Für’s Leben“ ist falsch, laut Duden ist „fürs Leben“  richtig. Und der Duden ist der Gott der Deutschlehrerinnen, er bestimmt, wann sie ihren Rotstift anzusetzen haben.

Der Apostroph ist aber ein windiger Geselle, ein Häkchen, das manche mühsam auf der Tastatur suchen, das selten und meist falsch benutzt wird und das nur wenige beherrschen – auch der Duden nicht.

Der Apostroph, so die Duden-Regel, zeigt an, wenn in einem Wort Buchstaben ausgelassen werden. Würde sich der Duden auf diese einfache Regel beschränken, hätte nicht nur Thüringens FDP ein Problem weniger, sondern jeder Schreiber der deutschen Sprache – erst recht wenn der Duden seine zweite, menschenfreundliche Regel selber beherzte:

„In vielen Fällen können die Schreibenden selbst entscheiden, ob sie einen Apostroph setzen wollen oder nicht.“

Die Ausnahmen, die er bestimmt, sind ebenso unlogisch wie unfreundlich. Trüb statt trübe ist auch korrekt ohne Häkchen, ebenso heut statt heute – mit der Begründung, es sei gut lesbar und unmissverständlich.

Das soll laut Duden für „allgemein übliche Verschmelzungen von Präpositionen“ nicht gelten. Das verstehe, wer will: Die  „fürs“ und „hinters“ und „unters“ sind zwar üblich, aber in der Schriftform eben nicht unmissverständlich.

Wer das „das“ in „für das Leben“  verschlucken will, ist kein Banause; wenn er aber, um Verständlichkeit bemüht, das Verschlucken kenntlich machen will, sollte er das Häkchen setzen dürfen. Und er darf es auch, wenn er keiner Deutschlehrerin ausgeliefert ist.

Thüringer Allgemeine, 3. September 2012

Welche Zeitung schreibt auch über Politiker-Drohungen?

Geschrieben am 6. Januar 2012 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 6. Januar 2012 von Paul-Josef Raue in Aktuelles.

Wer als Journalist mit Politikern zu tun hat, kennt die Anrufe, in denen gedroht und geschrien wird. Nach der Bildzeitungs-Enthüllung hat in der gestrigen Ausgabe der „Thüringischen Landeszeitung“ Chefredakteur Hoffmeister aufgezählt, welche Landespolitiker ihm in seiner langen Amtszeit schon gedroht hätten oder den Geschäftsführer angerufen. Er nennt Namen, erzählt Geschichten.
Wer hat auch solche Anrufe in seiner Zeitung dokumentiert? Wer hat solche Artikel gelesen? Ich bitte um Hinweise, entweder als Kommentar oder per Mail:
mail@journalisten-handbuch.de

Wenn Politiker drohen

Geschrieben am 5. Januar 2012 von Paul-Josef Raue.
2 Kommentare / Geschrieben am 5. Januar 2012 von Paul-Josef Raue in Aktuelles, Presserecht & Ethik.

Rollt eine Lawine von Entlarvungen auf uns zu?  Redaktionen drucken (endlich?), welche Politiker ihnen schon gedroht haben. Den Anfang macht jedenfalls Hans Hoffmeister,  Chefredakteur der „Thüringischen Landeszeitung“, in der heutigen Ausgabe mit einem „Schlüsselloch – extra“ (5. Januar 2012, Seite 3):

 

„Da denkt man glatt, das gibt’s doch nicht. Nicht bei uns in Thüringen!

Sie, verehrte Leser, glauben bestimmt, bei uns sei die Welt noch in Ordnung. Also so eine Nummer, dass ein Spitzenpolitiker den Chefredakteur anruft und bedroht, mit dieser speziellen Berichterstattung über ihn werde jetzt der sprichwörtliche Rubikon überschritten – doch, das gab’s. Auch bei uns.

Zum Beispiel Herr Kaiser. Der Regierungssprecher, den wir – nun ja – recht nett, doch etwas fahrlässig zu dessen 50. Geburtstag Bernhard Vogels besten Mann genannt hatten, gebärdete sich zwar selten, aber dann doch noch viel schlimmer als unser aller Bundespräsident.

Irgendetwas Schreckliches stand auf der Titelseite, und der Kaiser brüllte ins Telefon – so unartikuliert, dass man fast nichts verstand. Dann – man hatte gerade zum Zurückbrüllen angesetzt – brach seine Stimme ab. Die Heiserkeit hatte ihn übermannt, der Sprecher sprach nicht mehr. Er kriegte darauf gegen die entzündeten Mandeln eine vom eigenen runden Geburtstag übriggebliebene Flasche Château-neuf-du- Pape, um die es einem heute noch leidtut, per Kurier abgegeben mit guten Genesungswünschen bei der Wache in der Staatskanzlei. Ob er sie je wirklich gekriegt hat, hat er nie bestätigt. Der Kaiser dachte wohl, der Rotwein sei viel teurer als Geschenke, die solchen wie ihm erlaubt seien. Da war Wulff nicht so pingelig – er nahm einfach. Zum Beispiel das besondere Vorteilsdarlehen.

Dass so ein Spitzenpolitiker dann auch noch den Verlagsgeschäftsführer der Zeitung anruft, der ja mit dem Inhalt eben dieser Zeitung überhaupt nichts zu tun hat, gell?, um den Chefredakteur von der Seite unter Druck zu setzen, damit der also mal diesen Herrn so richtig unter vier Augen stramm stehen lässt, das gibt’s nicht, denken Sie?

Doch, gibt’s auch. Der große weise Bernhard Vogel machte sicher manches, aber d a s nie. Vermeintlicher Meister auf dem Gebiet bleibt unerreicht Kulturminister Christoph Matschie – in bleibender Erinnerung mit seinem Manöver wg. der TLZ-Aktion pro Seemann. Auch Wirtschaftsminister Matthias Machnig ist da nicht bange. Überhaupt – die Thüringer Obersozis sind gar nicht pingelig und baggern schon mal wie blöde.

Dass ein Spitzenpolitiker sodann auch noch den Oberchef des Chefredakteurs, also gaaaanz oben, anspricht, um den Druck ins Unermessliche zu steigern, das, denken Sie, gibt’s bestimmt nicht – nicht bei uns in Thüringen? Wieder Irrtum. Der frühere Vize-MP Gerd Schuchardt (auch SPD) brachte das fertig – steckte einen Stapel gesammelter unliebsamer TLZKommentare in einen Umschlag, schön ordentlich versehen mit einer Büroklammer, um sie nach Essen zu schicken. Der Chef der SPD-nahen Friedrich- Ebert-Stiftung in Erfurt, Werner Rechmann, hinderte ihn – und führte stattdessen ein Gespräch mit dem Chefredakteur im „Elephant“ in Weimar bei zwei groooßen Hennessy. Über Schuchardt wurde milde gelächelt, und eine Freundschaft entstand: Die TLZ hatte mit Rechmann fortan über Jahre einen Horchposten in der SPD.

Den größten Hammer leistete sich dann ein CDU-Spitzenmann. Nicht etwa Bernhard Vogel überschritt den Rubikon, sondern Dieter Althaus. Er verlangte gaaaanz oben die Ablösung des TLZ-Chefredakteurs – und holte sich eine Fahrkarte. Am Ende vergeigte Althaus trotz solch verzweifelter Manöver seine Wahl. Vorher ließ er noch schnell in der illustrierten Postille „Tolles Thüringen“ in Millionenauflage auf Seite 9 grau unterlegt verbreiten, der TLZ-Chefredakteur sei ja krank und werde gehen. Was ihm den Rest gab: Die tollen Leser fanden das nicht toll, sondern widerwärtig.

Die ein bisschen pharisäerhafte Einstellung „Gut, dass wir nicht sind wie diese da in Berlin“ ist also auf Thüringen nicht durchgängig anzuwenden.Übrigens: Entschuldigt hat sich hier zu Lande nie jemand der Herren für solche Übergriffe auf die freie Presse, anders als Wulff.

Weil das (fast) alles mittlerweile Historie ist, unterliegt es heute – lang ist’s her – nicht mehr einer gewissen Rücksicht, die wir uns gern auferlegt hatten.“

 

Seiten:«12

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