Alle Artikel mit dem Schlagwort " Bednarz (Dieter)"

Interviews mit Despoten: Auf die eigene Haltung kommt es an (Gespräch mit Dieter Bednarz)

Geschrieben am 5. August 2016 von Paul-Josef Raue.
Dieter Bednarz ist der Nahost-Experte des Spiegel

Dieter Bednarz ist der Nahost-Experte des Spiegel. Foto: Marc Fraser

Politiker in Europa wollen die Gespräche mit der Türkei abbrechen: Mit Diktatoren niemals! Gilt das auch für Journalisten? Franz Josef Wagner, Kolumnist der Bildzeitung, meint: „Gott, für ein Interview lächelte ich selbst mit dem Teufel.“ Auch Dieter Bednarz, Nahost-Experte des Spiegel, interviewt jeden: „Ich hätte keine Scheu, morgen auch nach Nord-Korea zu reisen, wenn ich dort einen Termin bekommen könnte. Wichtig ist doch, die richtigen Fragen zu stellen.“

Wohl kein anderer Reporter hat so viele Interviews mit Despoten geführt wie Bednarz. Im Kress-Gespräch, veröffentlicht in meiner Journalismus!-Kolumne, geht er auf die Haltung ein, die ein Reporter mitbringen sollte:

Wer sich so mit dem Land auseinandersetzt, geht natürlich mit einer eigenen Position in einen solchen Termin, kommt als kritischer Frager und scheut auch den Schlagabtausch nicht. Auf diese eigene Haltung kommt es – neben Fachwissen – an…. Meine einzige Sorge ist mitunter, dass eine zu harte Frage, womöglich wie bei Motakki gleich als Einstieg, zum Abbruch des Termins führt.

Bednarz hatte das Interview mit dem iranischen Außenminister Motakki mit der Frage begonnen: „Herr Außenminister, Sie sind der oberste Diplomat der Islamischen Republik Iran. Sie vertreten eine Nation, die sich einer Kulturgeschichte von über 2500 Jahren rühmt. Beschämt es Sie nicht, dass in Ihrem Land Menschen gesteinigt werden?“ Manutschehr Motakki hatte die Frage auch bei der Autorisierung nicht gestrichen.

Für Bednarz sind solche Interviews auch ein Grund, warum er Journalist geworden ist:

Mich interessieren politische Entwicklungen sowie Menschen und deren Schicksale. Das gilt nicht nur für die Mächtigen, sondern auch für Oppositionelle. Eine großartige menschliche Bereicherung waren die zwei Stunden Interview mitten in der Nacht, die mir Ahmadinedschad-Gegenspieler Mehdi Karroubi, der unter Hausarrest stand, gewährt hat. Und wenn Sie zweieinhalb Stunden mit einem wie dem ägyptischen Staatschef Sisi reden, dann bekommen Sie schon eine Ahnung davon, wie diese Person tickt und welche Botschaft sie zum Beispiel an die Bundesregierung übermitteln will. Wenn das Gespräch gut geführt wird, dann erschließt sich das auch dem Leser und ist ein Gewinn für ihn.

„Ein Journalist scheut den Schlagabtausch nicht“ ist das Gespräch überschrieben, das in voller Länge bei kress.de nachzulesen ist.

 

„Trutzburg des wahren Journalismus“: Blick ins Innere der „Spiegel“-Redaktion

Geschrieben am 27. Dezember 2013 von Paul-Josef Raue.

Spiegel-Redakteure sind Plaudertauschen, die nichts für sich behalten können – vor allem wenn es um Konferenzen mit dem Chefredakteur geht. Das hat einen Vorteil: Der neue Chef kann sich die Stelle des Pressesprechers sparen, braucht weder Pressekonferenzen noch Pressemitteilungen. Er wäre immer zweiter Sieger, es sei denn, er sammelte vor den Konferenzen alle I-Phones ein.

Wochenlang jagten die Redakteure den neuen Chefredakteur, noch vor seinem Amtsantritt, durch befreundete oder weniger befreundete Zeitungen, weil sie mit einer Personalentscheidung haderten. Anfang Dezember erzählten die nationalen Zeitungen aus einer Montags-Konferenz, dass der Spiegel ab Neujahr 2015 zwei Tage früher, also samstags, erscheinen werde. Die unbekannten Whistleblower aus der Spiegel-Redaktion werden ausführlich in der Süddeutschen zitiert, der Chefredakteur wird offenbar nicht gefragt – dafür aber der Chefredakteur des Focus.

Bei der Süddeutschen haben gleich zwei Reporterinnen recherchiert, bei der FAZ nur ein Reporter – aber der hat immerhin beim Spiegel selber gefragt und sogar mehr erfahren. So viel zu investigativen Recherchen im Medien-Milieu.

Kommen wir zur Fiktion: Spiegel-Reporter investigieren nicht nur, sie schreiben auch Bücher, in denen ein Magazin vorkommt, das dem Spiegel verdammt ähnlich ist. „Trutzburg des wahren Journalismus“ nennt Spiegel-Reporter Dieter Bednarz das Verlagshaus – in seinem gerade erschienenen Roman „Mann darf sich doch mal irren – Unser Leben nach der Wickelfront“. Klar: Das Buch ist Fiktion; aber die ist recht nah an der Wirklichkeit gebaut.

Mimosen sind die Reporter, feilschen um jedes Wort, das sie geschrieben haben – meint die Ehefrau des Reporters, im Roman selbstverständlich:
„Dieter“ – so heißt der Autor, der im wahren Leben Spiegel-Reporter ist, und der Reporter im Buch.

Dieter neigt zur Melodramatik. Wenn sie ihm in der Redaktion in seinen Geschichten „rumfummeln“, wie er das nennt, legt er in Gedanken gleich das ganze Blatt in Schutt und Asche, will kündigen oder sich umbringen. Mal reagiert er aggressiv, mal depressiv, je nach Stimmung. Aber dann macht er doch nichts von alledem. Er beruhigt sich vergleichsweise schnell und sieht sich ganz sachlich an, was an seinen Texten verändert wurde. Manches, räumt er dann ein, sei wirklich besser geworden. Und an vielen Stellen… hat tatsächlich einer seiner Chefs nur wieder mal zeigen wollen, wer der Herr der Texte ist.

Das Redigieren der Texte dürfte eines der großen Themen sein in der schönen neuen Spiegel-Kantine direkt am Wasser – wenn nicht gerade der Chefredakteur in einer Konferenz gesprochen hatte. Der größte Schrecken für einen Reporter, so man dem Roman glaubt, dürfte eine redigierende Frau sein – wie Saskia, die Dieter Lindemann als Ressortleiterin vorgezogen wird:

Saskia ist so typisch für unsere Redaktion und wie das Blatt tickt. Die Dame ist erst seit drei Jahren bei uns, aber in den Konferenzen ergreift sie das Wort, als sei sie die Enkelin unserer Verlegerin. Sie hat die Chuzpe, die größten Belanglosigkeiten mit gewaltiger Gewichtigkeit und Schärfe zu vertreten.
Saskia, eine „Quotenfrau“, fühlt sich als die Zukunft des Journalismus: Weniger verkrampft schreiben, flüssigere Texte, persönlicher, in einer eigenen Sprache – „Story telling, Lindemann.“
Sie schaut mir in die Augen, nickt und seufzt, als müsse sie einem Kind die Welt erklären. „Unsere Geschichten müssen ein Lagerfeuer sein, Lindemann, an dem die Leser gerne sitzen möchten.“

Volontärs-Väter sollten ihren Volontären nie mehr vom Lagerfeuern erzählen!

Bleibenden Schaden hat bei den Spiegel-Redakteuren offenbar die Streichung des Kaffee-Service hinterlassen. Diesem einmaligen Service am Nachmittag widmet der Roman-Dieter auch einige Zeilen:

Früher hatten wir nette Studentinnen, die uns Essen oder Trinken in unsere Büros brachten. Unser Verleger, damals einer der ganz großen und legendären, meinte es noch gut mit uns. Immer volle Kühlschränke, alles frei und Snacks am Schreibtisch serviert…
Heute regieren seine Erben. Jetzt steht auf jeder Etage so ein Monstrum für Coke oder Kaffee. Moderne Zeiten. Wer kein Kleingeld hat, kann auf dem Klo den Kopf unter den Wasserhahn hängen. Auch wir müssen sparen.

Um nicht Mythen entstehen zu lassen: Auch beim Spiegel kommt aus dem Wasserhahn kein Kaffee.

Dieter Bednarz: Mann darf sich doch mal irren – Unser Leben nach der Wickelfront. Verlag Langen-Müller, 286 Seiten, 19.99 Euro

Bednarz‘ Roman erzählt erst von einem Seitensprung, dann von der Scheidung, die buchstäblich auf den letzten Buch-Seiten vereitelt wird. In Hamburgs Journalisten-Bars geht der Spruch um: „Die dritte Ehe klappt.“ Bednarz rettet die erste.

Spiegel-Redakteur Dieter Bednarz zum Überleben nach der Wickelfront – in der Redaktion wie auch zu Hause

Geschrieben am 23. Dezember 2013 von Paul-Josef Raue.

Ein Geschenk-Tipp in letzter Minute: Spiegel-Redakteure schreiben nicht nur im Heft, sie schreiben auch fleißig Bücher – wie Dieter Bednarz, dessen Interview mit Syriens Diktator Assad eine der großen Titelgeschichten in diesem Jahr war. In seinem zweiten Buch zieht er nicht in den Nahen und Mittleren Osten, sein Reporter-Hauptgebiet, sondern bleibt in Hamburg und beschreibt sein „Leben nach der Wickelfront“ (so der Titel seines ersten Buchs):

Dieter Bednarz: Mann darf sich doch mal irren: Unser Leben nach der Wickelfront. Verlag Langen-Müller, 19.99 Euro

In der Thüringer Allgemeine erschien am 14. Dezember ein ausführliches Interview mit Dieter Bednarz:

In „Überleben an der Wickelfront“, Ihrem ersten Buch, schrieben Sie über das Glück eines späten Vaters, der einen tollen Job eintauscht und in die Elternzeit geht. In Ihrem zweiten Buch erzählen Sie schon von der Scheidung. Ist das heute der normale Lauf der Liebe?

Das will ich nicht hoffen. Richtig ist jedoch, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein Drahtseil-Akt ist und ich gerne einräume, dass Esther und ich da schon mitunter schwer aus der Balance geraten sind. Und da ist es schön, wenn man als Autor die Möglichkeit hat, das wahre Leben überspitzt wiederzugeben. Das kann für den Leser erhellend und heiter sein – dem Autor selbst tut es oft gut, hat vielleicht sogar eine gewisse therapeutische Wirkung. Im Idealfall nicht nur für den Schreiber, sondern auch für den Leser.

Sie kriegen ja noch die Kurve: Erst Seitensprung, dann eine Scheidung, die buchstäblich auf den letzten Buch-Seiten vereitelt wird. Ist das glückliche Ende nicht reichlich aufgesetzt? Hatten Sie Furcht vor einem schrecklichen Ende?

Ich bin zu sehr Romantiker, um den Dieter Lindemann und seine Esther scheitern zu lassen. Das habe ich nicht übers Herz gebracht – und vor allem viele Leserinnen haben mir gesagt oder geschrieben, dass sie es schön finden, dass unser Paar im Buch die Kurve kriegt. Es ist doch schon traurig genug, dass im wahren Leben zu viele Ehen an der enormen Belastung im Alltag scheitern. Oder?

Ist Ihr Buch auch ein Ehe-Ratgeber, in eine frisch erzählte Geschichte verpackt?

Da kann ich mich nur auf einige Testleserinnen und Leser im Freundeskreis berufen. Einige haben mir zugeraunt, dass ihnen beim Lesen das eine oder andere bewusst geworden wäre. Auch wenn sich das – wie bei einer lieben Freundin unserer Familie – vielleicht erst einmal nur darin zeigt, dass sich jene Freundin einen neuen Bademantel kaufte, nachdem sie eine bestimmte Passage im Buch gelesen hatte.

Und hat es geholfen?

Ihr Mann hat sich gefreut – und dann hat er selbst gemerkt, dass auch er arg nachlässig geworden war. Er hat sich einen neuen Pyjama zugelegt, einen schicken Anzug für die Nacht sozusagen. Darüber wiederum hat sich seine Frau gefreut. Ich finde, das ist immerhin ein Anfang auf dem Weg zu mehr Achtsamkeit in der Beziehung.

Und Ihre Botschaft für Eheleute, deren Liebe kleiner und deren Kinder größer werden?

Sich auf ihre guten Zeiten zu besinnen , die sie hatten, bevor sie Eltern wurden, sich ihrer früheren Zuneigung wieder bewusst zu werden, einander wieder mit der einstigen Aufmerksamkeit zu begegnen. Als Partner sollten wir einander geben, was wir als Eltern auch den Kindern schenken: Zeit, Zuneigung, Aufmerksamkeit. Dazu fehlt bei der heutigen Doppelbelastung der Paare durch Beruf und Familie natürlich oft die Zeit, weil der verbleidende Freiraum völlig von den Kindern aufgezehrt wird. Kids first. Das ist grundsätzlich völlig richtig, aber wenn für einander als Paar kein Zeit-Raum mehr bleibt, wird es beziehungsmäßig nun mal sehr eng.

„Die arme Esther, denke ich, unser Freud und Leid als Buch“, lese ich in Ihrem Buch. Wie hält Ihre Frau das aus, wenn ihre Freunde und Kolleginnen fragen: Sag mal, stimmt das alles, was Dein Mann da schreibt?

Esther hält die Frage zu dem neuen Buch viel besser aus, als jene zum Erscheinen der „Wickelfront“ vor vier Jahren. Das war damals ein weitgehend autobiographisches Buch. „Mann darf sich mal irren!“ hingegen ist ein Roman, ist Fiktion. Zudem war Esther meine erste Leserin, meine Schwiegermutter Hannelore war die zweite. Beide haben dem Manuskript ihren Segen gegeben. Sonst wäre es nicht erschienen. Ich riskiere doch nicht die Scheidung – egal, was für ein Bestseller dann ungedruckt bleiben muss.

„Mann darf sich doch mal irren“ ist eine Fast-Scheidungsgeschichte, die aus zwei Perspektiven erzählt wird: Dem Mann und der Frau. Ist es leicht, sich in das Denken einer Frau zu schleichen?

Überhaupt nicht. Meine Verlegerin Brigitte Fleissner-Mikorey hatte von Anfang an keinen Zweifel, dass mir das gelingen würde. Sie meint, ich sei „ein Frauen-Versteher“. Ich bin allerdings nicht sicher, ob Esther diese Einschätzung immer so teilt.

Eigentlich mögen Sie Frauen nicht, vor allem wenn Sie Ihnen den Job vermiesen: „Die Weiberfraktion“ ist zickig und unfähig, alles nur „Quotenfrauen“. Ist das Ihre Erfahrung?

Das weise ich mit größtmöglicher Empörung zurück. Und ich bitte um Nachsicht, dass Dieter Lindemann so denkt und spricht. Haben Sie Verständnis für einen Mann, der mit Mitte 50 so seine Probleme hat mit dem schütteren Haar, dem Bauchansatz und seinen immer jünger werdenden Vorgesetzten. Und wer das Buch liest, wird mir bestimmt zustimmen: Diese Sakia, die ihm vorgesetzt wird, ist nun wirklich ein Biest.

Die Mutter der Roman-Ehefrau heißt Hannelore. Haben Sie dabei an die künftige Kanzlerkandidatin der SPD gedacht?

Ich wette, dass Hannelore Kraft niemals ins Kanzleramt einzieht. Aber meine Schwiegermutter heißt Hannelore, war schon in der „Wickelfront“ dabei, auch in der Verfilmung durch die Berliner Erfolgsproduzentin Regina Ziegler gab es den Part der Hanneloren, und in dem jetzt erschienen Roman darf sie daher auch nicht fehlen. Wenn ich an eine starke Hannelore gedacht habe, dann an die wahre Hannelore in unserer Familie. Ich hoffe sehr, dass meine Schwiegermutter uns weit über ihre jetzt 80 Jahre hinaus erhalten bleibt. Hannelore, wir brauchen dich, besonders wenn eines der Kinder krank wird und betreut werden muss.

Welche ist Ihre Lieblingsszene, die Ihnen immer noch feuchte Augen beschert?

Als ich die Stelle geschrieben habe, in der Lindemann sich von seine Su verabschiedet, musste ich weinen. Ich war völlig überwältigt, so nah ist mir das gegangen. Und nicht anders erging es mir, als ich das Ende von Esther und ihrer Liebe zu Constantin ins Laptop gehackt habe. Da schäme ich mich nicht für meine Tränen.

Und die Szene, die Sie immer noch zum Lachen bringt?

Das sind vor allem jenen Szenen aus der Anfangszeit des Paares, in denen Lindemann versucht, Esther zu imponieren und sie ihn absolut lässig auflaufen lässt. Er will so cool sein und merkt nicht, dass er schon am Fliegenfänger hängt. Und wenn ich Ihnen ganz im Vertrauen etwas verraten darf: Im echten Leben erging es mir nicht anders.

Also doch nicht alles Fiktion?

Da kann ich mich nur retten, indem ich Dieter Lindemann zitiere: Werther musste sterben, damit Goethe leben konnte.

Offen gesagt: Wir Menschen im Osten sind empfindlich, wenn wir auf unser Ost-Sein angesprochen werden. In Ihrem Buch charakterisieren Sie den Ressortleiter bei einem Magazin, das dem Spiegel ähnelt: „Ich habe schon Titelgeschichten geschrieben, während er bei seiner Volkszeitung im Osten auf die Wende nicht mal zu hoffen wagte.“ Gucken Sie auf uns Ostdeutsche hinunter?

Nein, ganz und gar nicht. Silvester1991 auf ´92 habe ich mit einem sehr geschätzten Kollegen aus Ost-Berlin und dessen Familie verbracht. In dieser langen Nacht hat er mir sein Leben und das seiner Liebsten geschildert, ihr Ringen mit der SED, mit dem Apparat, und er hat mir ihre Sehsucht nach Freiheit und Demokratie geschildert. In jenen Stunden habe ich großen Respekt vor den Menschen in der einstigen DDR bekommen, mehr als durch alle Berichte unserer Kollegen. Der Ost-Verweis ist daher nur ein Trick, um wirklich deutlich zu machen, dass es sich auch nicht im Entferntesten um einen Ressortleiter handelt aus dem Leben des Autors Bednarz, denn ich hatte beim Spiegel zu keiner Zeit einen Ressortleiter, der einmal bei einer Volkszeitung im Osten gearbeitet hat.

Zwischen meinen tatsächlichen Vorgesetzten einst wie auch jetzt und den Buchfiguren gibt es absolut keine Ähnlichkeit. Und wer eine Ähnlichkeit zwischen Dieter Lindemanns „Blatt“ und dem Spiegel sieht, der will das so sehen – aber tatsächlich haben die beiden so wenig miteinander gemein wie der Lindemann mit mir.

Ungekürzte Fassung des Interviews (Thüringer Allgemeine, 14. Dezember)

Bedingungen fürs Interview: Fotos löschen bei Missgefallen

Geschrieben am 9. Oktober 2013 von Paul-Josef Raue.

Alle Fotos sind vorzulegen; bei Missgefallen dürfen die Porträts nicht gedruckt werden. Das ist Bedingung 1 fürs Interview. Unanständig? Ja, und der Spiegel würde sie nicht akzeptieren, wenn Angela Merkel oder Udo Lindenberg zum Interview erschiene. Aber ein Diktator, über den die ganze Welt spricht?

Bei Assad akzeptierte der Spiegel – und so hätte wohl jeder Journalist entschieden. Dieter Bednarz und Klaus Brinkbäumer, die das Interview führten, akzeptierten auch Bedingung 2: Keine Fotos von Giftgasopfern auf der Interview-Strecke im Blatt.

Vorbildlich erzählen die Reporter ihren Lesern, unter welchen Bedingungen das Interview zustande kam: Drei Stunden dauerten die Verhandlungen am Tag vor dem Interview.

Die Reporter stellten alle Fragen, auch alle harte Fragen, die zu Assad einfallen: „Wären Sie ein aufrichtiger Patriot, dann würden Sie zurücktreten…“ und „Die Legitimität Ihrer Präsidentschaft bestreiten nicht nur wir…“ und „Zurück zu den Chemiewaffen… Chemiewaffen sind kein Grund zum Lachen…“

Assad autorisierte das Interview ohne Änderungen. Ein starkes Interview!

Quelle: Spiegel 41/21ß

Bednarz-Interview: Überleben an der Wickelfront

Geschrieben am 2. Mai 2012 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 2. Mai 2012 von Paul-Josef Raue in Aktuelles.

In seiner Elternzeit schrieb Dieter Bednarz, „Spiegel“-Experte für den Nahen Osten, einen Bestseller: „Überleben an der Wickelfront“, den das ZDF verfilmte und mit Uwe Ochsenknecht am  Donnerstag um 20.15 Uhr ausstrahlt. Hier das Gespräch mit Bednarz (TA vom 28. April 2012):

Sie packen plötzlich ihren Koffer, um in den Iran zu fliegen. Sie schreiben Bücher. Sie sind ein glücklicher, aber auch geforderter Vater von drei Kindern. Wie kriegen Sie das hin?

Bednarz: Meine Frau Esther und ich bemühen uns, der Hektik des Alltags mit Gelassenheit beizukommen. Wir versuchen immer wieder, auch für uns selbst, Zeit freizuschlagen, in der wir nicht Eltern, nicht Juristin und Journalist sind, sondern wieder das Paar, das dankbar ist, sich gefunden zu haben. Diese Momente der Glückserneuerung sind leider rar.

Sie schreiben unterhaltsam, aber lassen auch kein Problem aus: Karriere und Kinder! Kinderzeugen aus dem Labor! Schwierige Schwiegermutter! Taucht dies auch im Film auf? Oder ist er pure Unterhaltung?

Bednarz: Der Film spart das alles nicht aus. Aber Uwe Ochsenknecht und Valerie Niehaus spielen es unter der Regie von Titus Selge wirklich so wunderbar, dass es trotz der Ernsthaftigkeit ein richtig schöner Film geworden ist, der bestimmt vielen Ihrer Leser gefallen wird.

Journalisten sind mitunter garstige Zeitgenossen, vor allem Kollegen. Wurden Sie nach dem Buch und vor dem Film oft gehänselt, ironisch traktiert oder gar ausgelacht?

Bednarz: Dass mir ein Kollege schon Mal „Allzeit volle Brust!“ gewünscht hat, war wohl unvermeidlich. Aber eigentlich waren alle sehr hilfsbereit. Ältere haben bedauert, dass sie solche Chancen nicht hatten, jüngere haben sich selbst geschworen, auch eine Auszeit zu nehmen, wenn sie Vater werden.

Hatten Sie vor der Elternzeit, die Sie genommen haben, Sorge um Ihre Karriere? Und wie war’s danach?

Bednarz: Ehrgeizig war ich schon, es gab auch ein Liebäugeln mit einem Aufstieg in der Hierarchie. Aber das sollte dann nicht sein. In der Elternzeit habe ich mich erst gefreut: Hurra, ich bin draußen und frei, während andere in der Redaktion gegrillt werden.
Nach einiger Zeit kam dann die Unsicherheit, vielleicht doch abgeschrieben zu werden, als Würstchen durch den Rost zu fallen. Heute – mit Blick auf drei wunderbare Kinder und eine großartige Frau sowie den schönen Erfolg mit der „Wickelfront“ – bin ich sehr dankbar, dass alles so gekommen ist.

Macht der Film älteren Männern Mut aufs Kinderkriegen?

Bednarz: Der Film zeigt nicht nur einen Mann, der kämpft, mitunter auch mit seinen eigenen Erwartungen und Ansprüchen, sondern auch ein Paar, das in seiner Überforderung dann auch miteinander ringt. Aber Esther und Dieter verlieren nicht den Glauben an sich selbst – und damit machen sie sicher vielen Menschen Mut.

Den Dieter im Film spielt Uwe Ochsenknecht. Der sieht verdammt gut aus. Ist das ein Problem für Ihre Frau?

Bednarz: Ich beneide Uwe Ochsenknecht um seine – verglichen mit mir – Löwenmähne. Und ich habe ihn auch als sehr guten Typen kennengelernt. Ich glaube, Esther würde ihn mögen. Valerie Niehaus ist aber auch sehr attraktiv…

Im Vertrauen: Ist Uwe Ochsenknecht besser als Dieter Bednarz?

Bednarz: Als Uwe mich vor ein paar Tagen in Berlin bat, ihm ein Buch zu signieren, habe ich zumindest als Widmung hineingeschrieben:
„Für Uwe – den besseren Dieter…“

Gefällt Ihnen der Film?

Bednarz: Der Film trifft die Atmosphäre sehr gut. Das beste Kompliment für den Film stammt von meiner Schwiegermutter. Sie hat ihn mit Esther und mir gemeinsam gesehen und meinte lächelnd: „Tja, so könnte es gewesen sein.“

Sprechen wir nun mit dem wohl besten Iran-Kenner im Journalismus. Sie kennen viele mächtige Leute in Iran, sind oft durch das Land gereist. Müssen wir Angst haben vor dem Iran?

Bednarz: Was im Iran geschieht, ist bedrohlich. Besonders in Israel haben viele Menschen Angst vor der Vernichtung durch eine iranische Bombe; das verstehe ich daher gut. Niemand möchte eine weitere Atommacht – weder in der Region noch anderswo. Doch eine akute Bedrohung des Weltfriedens durch den Iran sehe ich nicht. Das Regime pocht auf sein gutes Recht zur friedlichen Nutzung der Urananreicherung – und will dabei nicht einsehen, dass es durch sein eigenes Verhalten dieses Recht so gut wie verwirkt hat.

Kurz vor dem heftig debattierten Grass-Gedicht haben Sie mit Ihrem Kollegen Erich Follath eine lange, tief gründende Titelgeschichte im Spiegel geschrieben zu Israel und dem Iran. Was ist los in unserer Gesellschaft, dass ein mäßig kluges und von Vorurteilen durchsetztes Gedicht mehr aufregt als eine gründliche Analyse?

Bednarz: Wenn es um den Iran und Israel geht, fällt vielen Menschen eine sachliche Diskussion schwer. Da gibt es die ganz Verbissenen, die Emotionen schüren und instrumentalisieren, die Gutmenschen, denen kritische Distanz fehlt und jede Menge Uninformierte, die trotzdem laut mitreden. Und die Person Grass ist selbst nicht unumstritten – und eher Katalysator als Erklärer.

Gibt es Krieg?

Bednarz: Dies weiß niemand – vielleicht wissen es noch nicht einmal jene, von denen wir annehmen, dass sie diesen Krieg vielleicht auslösen. Ich kann nur hoffen, dass niemand glaubt, einen Krieg führen zu müssen, nur weil er damit gedroht hat. Das Letzte, was die Krisenregion Nah- und Mittelost braucht, ist ein neuer Waffengang.

  • „Überleben an der Wickelfront“ – Donnerstag, 3. Mai, 20.15 Uhr, ZDF

 

(zu: Handbuch-Kapitel 2-4 „Die Journalisten“)

Unbedingt am Donnerstag anschauen: Bednarz‘ „Wickelfront“

Geschrieben am 1. Mai 2012 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 1. Mai 2012 von Paul-Josef Raue in Aktuelles.

Wie ergeht es einem Spiegel-Redakteur mit Karriere-Ambitionen, aber schon nahe der 50, wenn nach vielen Fehlversuchen plötzlich Zwillinge ein spätes Vaterglück bescheren? Dieter Bednarz ist der Spiegel-Experte für den Nahen Osten, vor allem Iran und Israel. Er nimmt mehr als zwei Jahre Auszeit, überlässt seiner Frau, einer erfolgreichen Anwältin, die Karriere und zieht an die „Wickelfront“.

Gerade beim SPIEGEL sollte meine Sorge, die Teil-Auszeit könnte dem beruflichen Weiterleben schaden, unbegründet sein. Zwar herrschte schon immer ein eher rauer Ton im Haus. Aber es stimmt einfach nicht, dass einer unserer Chefredakteure je handgenähte Schuhe aus der Haut seiner Redakteure getragen hätte…

Richtig ist aber, dass manche Kollegen vorne gratulieren und hinten sticheln.. Es geht auch darum, dass all jene Kollegen und Kolleginnen umdenken, die sich bewusst für ihre Karriere statt für eine Familie entscheiden, denen ihre Geschichten nun mal wichtiger sind als die Geburt ihrer Kinder.

So Dieter Bednarz in seinem Bestseller „Überleben an der Wickelfront“, das er nach den Vaterjahren geschrieben hat und das am Donnerstag um 20.15 Uhr im ZDF als TV-Film zu sehen ist. Es ist ein gelungener Journalisten-Film, in dem endlich Journalisten nicht als Karikaturen wie Baby Schimmerlos oder als gierige Paparazzi gezeigt werden – sondern als verletzliche Wesen, besonders die späten Väter, als verletzende, besonders im Karriere-Kampf, um überhebliche, besonders in leitenden Positionen.

Die anrührendste Szene des Films, in dem Uwe Ochsenknecht den Bednarz gibt, spielt im Garten der iranischen Botschaft in Berlin. Da der Wickel-Vater vom Schreiben nicht lassen kann, macht er heimlich ein Interview mit dem iranischen Aussenminister aus. Er findet keinen Babysitter, verzweifelt und nimmt einfach die Zwillinge in die Botschaft mit. Die Sicherheitsleute sind entsetzt, der Außenminister aber entzückt. Er geht mit den Dreien in den Garten und gibt ein exzellentes Interview.

Also: unbedingt anschauen. Der Film ist gute Unterhaltung, weil er schwere Themen leicht, aber nicht oberflächlich serviert: Schlaflose Nächte, nervende Kinder, alltägliche Katastrophen, schwerste Ehekrisen, schlechtes Gewissen der „Rabenmutter“, Karriere-Entzug mit schwersten Symptomen, Mobbing der Kollegin, die ihre Chance wittert, nervende und besserwissende Schwiegermutter usw.

Dieter Bednarz lobt den Film, zumal er eine 3-Sekunden-Statistenrolle spielt – als glatzköpfiger Kellner.

Und wie war’s danach? Die Karriere war vergessen, aber Bagdad gab’s noch immer:

Es muss sein, weil ich nach 30 Monaten Windelduft und Muttermilcharoma raus will aus der Papa-Mama-Kind-Symbiose, die mit den Atem raubt: Sie war höchstes Glück, weil ich mich nie zuvor so innig, zärtlich und offen erlebt habe; sie war tiefste Verunsicherung, weil ich nie zuvor so verletzlich, so dünnhäutig war; beides schnürt mir die Kehle zu.

Der „Stern“ gibt in seinem TV-Magazin nur drei Punkte und schreibt: „Kann das wahr sein? – Nee, aber ganz lustig.“ Demnächst bitte mal wieder das Buch zum Film lesen oder gar mit dem Kollegen von der Konkurrenz sprechen.

Überleben an der Wickelfront, ZDF, Donnerstag, 3. Mai, 20.15 Uhr

BUCH: Dieter Bednarz, Überleben an der Wickelfront. DVA, 17.95 (Taschenbuch 9.95; E-Book 8.99 €)

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