Twitter-Chronik: In Sekunden erschien das erste Foto vom Flugzeug-Crash
Dreißig Sekunden nach dem Flugzeug-Unglück in San Francisco postet @KristaSeiden das erste Foto über Twitter. Sie ist eine Google-Mitarbeiterin und wartete auf ihren Flug. Das Foto erschien in den folgenden 24 Stunden in 4500 Nachrichten-Artikeln; es zeigt im Hintergrund dichten Rauch auf dem Rollfeld des Flughafens.
Omg a plane just crashed at SFO on landing as I’m boarding my plane pic.twitter.com/hsVEcVZ2VS
— Krista Seiden (@kristaseiden) July 6, 2013
Warum und wie sie so schnell reagierte, beschreibt Krista Seiden in einem Blog.
Am nächsten Tag twittert Cory S. voll Respekt:
You broke the news before the News broke the news.
Achtzehn Minuten später schickt der erste Passagier vom Rollfeld sein Foto der brennenden Maschine und der fliehenden Passagiere über Facebook und Twitter; David Sun ist Samsung-Mitarbeiter:
I just crash landed at SFO. Tail ripped off. Most everyone seems fine. I’m ok. Surreal…
Elf Minuten später fragt ein norwegischer Journalist, ob er das Foto nutzen darf. Viele Anfragen folgen.
Erst zwei Stunden nach dem Unglück gibt es per Twitter die erste Mitteilung von Boeing.
Vier Stunden nach dem Unglück folgt Asiana Airline.
Eine Dokumentation findet sich hier – auch mit dem vernichtenden Urteil über das Krisenmanagement der Fluglinie: Wenn Fluggäste über soziale Netzwerke verbunden sind, hast du keine 20 Minuten mehr, um zu reagieren, sondern gerade mal 20 Sekunden.
Asiana brauchte vier Stunden.
Was Kinderzeugen mit dem Fernsehen zu tun hat (Zitat der Woche / Wickert-Preis)
Weshalb haben Sie mit Ihrer Frau 14 Kinder gezeugt?
Aus Langeweile. Zu der Zeit hatten wir noch keinen Fernseher.
Aus dem Hörfunk-Feature des freien Journalisten Andreas Boueke: „Patti und ihre 13 Geschwister – eine Familiengeschichte aus Guatemala“. Diese SWR-2-Sendung zeichnete die Jury des Ulrich-Wickert-Preises für Kinderrechte mit dem Gewinn in der Sparte „National“ aus.
Carolin Emcke, Preisträgerin 2012 und Jurymitglied, lobt das siegreiche Feature: „Andreas Boueke erzählt in seiner Hörfunkreportage für SWR 2 Tandem einfühlsam und ohne jedes falsche Pathos vom Leben der 19-jährigen Ana Patricia, Tochter einer kinderreichen Familie in Guatemala. Er beschreibt wie sich Rollenbilder von Frauen als Müttern in patriarchalischen Gesellschaften tradieren und wie junge Mädchen wie Patti andere Bilder und Leben dagegen setzen. Ein großartiges Radiofeature.“
Aus der Pressemitteilung des Kinderhilfswerks Plan, die zum UN-Welt-Mädchentag am 10.Oktober in Berlin die Preisverleihung ausrichtet:
Den Preis in der Sparte International geht an die Reporterinnen Gloriose Isugi und Noella Nbihogo in Ruanda. Mit dem Sonderpreis wird das Kinder-Medienprojekt „Bal Sansar“ von Plan in Nepal ausgezeichnet.
Stifter und Plan-Unterstützer Ulrich Wickert: „Die Sieger des Ulrich Wickert Preises für Kinderrechte 2013 verstehen es, uns mit ihren Beiträgen zu fesseln und den Blick auf die Probleme von Mädchen in Entwicklungsländern zu lenken. Es sind Geschichten, die unglaublich erscheinen, aber in vielen Regionen der Welt leider traurige Realität sind. Darum ist ein Medienprojekt wie „Bal Sansar – Die Welt der Kinder“ in Nepal so wichtig. Es macht jungen Menschen Mut, sich eine eigene Meinung zu bilden und für die Entwicklung ihrer Gemeinden einzusetzen.“
Jurymitglied Renate Meinhof, Süddeutsche Zeitung, sagt: „Gloriose Isugi und Nolla Nbihogo zeigen, wie leicht es für Männer in Ruanda ist, nicht aufgeklärte Teenager zum Sex zu überreden. Ihr Online-Beitrag „Sugar daddies prey on female students headed home for holiday“ berührt durch seine Eindringlichkeit. Die Reporterinnen des Global Press Institute erzeugen Nähe, bewahren jedoch die erforderliche journalistische Distanz.“
Für den Ulrich Wickert Preis für Kinderrechte 2103 wurden Print-, Online-, Hörfunk und TV-Beiträge aus 14 Ländern eingereicht. Mitglieder der Jury sind außerdem Karl Günther Barth (Hamburger Abendblatt), Marko Brockmann (RadiJojo), Karen Heumann (thjnk), Brigitte Huber (Brigitte / brigitte.de), Rudi Klausnitzer (Medienmanager), Christoph Lanz (Deutsche Welle), Markus Lanz (ZDF), Renate Meinhof (Süddeutsche Zeitung), Paul-Josef Raue (Thüringer Allgemeine – der Autor dieses Blogs), Ulrich Wickert sowie Dr. Werner Bauch (Plan International Deutschland).
Ulrich Wickert unterstützt das Kinderhilfswerk Plan seit 1995. 2011 gründete er die Ulrich Wickert Stiftung unter dem Dach der „Stiftung Hilfe mit Plan“. Sie vergibt den Journalistenpreis für Berichte und Reportagen, die in herausragender Weise auf die Kinderrechte (Preis International) und insbesondere auf die Situation von Mädchen (Preis Deutschland / Österreich) aufmerksam machen. Ein Sonderpreis würdigt die Medienarbeit von Kindern in den Partnerländern von Plan.
Der 17. Juni, BILD – und die „DDR“ in Tüttelchen (Friedhof der Wörter)
Sprache fällt nicht vom Himmel und nur selten aus dem Maul des Volks. Sprache wird öfter von Politikern, aber auch von Journalisten manipuliert; sie ist selber ein Politikum.
Wer in Artikel von westdeutschen Zeitungen schaut, die nach dem 17. Juni 1953 erschienen, liest selten von der „DDR“, sondern von der „Sowjetzone“, der „SBZ“, der „ Ostzone“ oder einfach von der „Zone“. Das Wörterbuch der Akademie der Wissenschaften in Berlin-Brandenburg nennt die Wörter Ostzone und Zone „derb“, der Duden nennt sie „veraltet, oft abwertend“.
Der Duden hat Recht. Wer von der „Zone“ schrieb oder sprach, der meinte: Die Bürger sind nicht frei, leiden noch unter der Knute der sowjetischen Besatzer – im Gegensatz zur freien Republik im Westen, die sich weitgehend von den Besatzern abgenabelt hat. Sprache verrät die Haltung.
In der Bildzeitung oder in der „Welt“ schrieben die Journalisten bis in den Sommer 1989 hinein die „DDR“ mit Tüttelchen – als ein Zeichen, so der Chefredakteur, „für unseren Standpunkt zu Freiheit und Selbstbestimmung“. Deutlicher kann man nicht festlegen, dass Wörter politisch sind und ein Mittel im Meinungs-Streit – auch gegen die Wirklichkeit.
Als „Welt“ und „Bild“ im August 1989 die „DDR-Tüttelchen“ abschafften, schrieb Altbundeskanzler Helmut Schmidt: Der Versuch hat sich überlebt habe, Journalismus gegen die Wirklichkeit zu betreiben.
Die Süddeutsche Zeitung konnte ihre Ironie nicht halten und kommentierte „Den Staatslenkern des real existierenden Sozialismus wird schon etwas fehlen, wenn sie zum ersten Male ungeschützt in ‚Bild‘ entdecken werden – die DDR, ganz nackt!“ Die Bildzeitung blieb
ungerührt: „Wir ändern die Schreibweise, nicht die Überzeugung.“
Die DDR-Staatsführung und die SED-Zeitungen wehrten sich auf ihre Weise und nannten den Westen: „BRD“. Und wer im Westen „BRD“ schrieb, wurde überführt als Kommunist und Verfassungsfeind.
Und das Volk, dem wir abschließend aufs Maul schauen, sprach schlicht von „drüben“ – was auf beiden Seiten funktionierte und richtig war und ist, bis heute.
Thüringer Allgemeine 17. Juni 2013 (Kolumne Friedhof der Wörter)
Der Blog oder das Blog? Und viele Liveticker – sogar von der Kreisliga
Woran erkennt man einen richtiger Blogger? Er sagt: Das Blog. Macht einer den Blog zu einem männlichen Substantiv, wird er belächelt und als digitaler Staatenloser an den Katzentisch gesetzt.
Philipp Ostrop, Lokalchef der Ruhr-Nachrichten in Dortmund, dürfte der agilste Onliner in deutschen Lokalzeitungen sein. Bei der Jahreskonferenz des Netzwerk Recherche tapste er in die Falle:
Der Blog, nee, das Blog, glaube ich… Sonst krieg ich wieder Ärger auf Twitter
David Schraven von der konkurrierenden WAZ stellte einige Coups des Dortmunders vor, der in seiner Redaktion Zeitung und Online zusammen organisiert an einem fünfköpfigen Desk, dem 15 Reporter zuliefern:
+ Der Live-Ticker zu einer Giraffe im Zoo, die umgefallen war (nebst Shitstorm: Seid Ihr bekloppt – so was als Liveticker);
+ Live-Ticker von einem plötzlichen Unwetter am Abend, der vor allem hundert Tweets von Lesern nutzte und auch unbestätigte mitnahm, weil die Redaktion sie als wichtig ansah: „Offenbar Wasser in der U-Bahn-Haltestelle Stadtgarten. Wir können es nicht verifizieren. Hier der Tweet von Kevin. Danke!“;
+ Liveticker von der Räumung wegen einer Fliegerbombe;
+ „Lokalredaktion London“ während des Champion-League-Finales; nach diesem Vorbild soll es in einem schwierigen Dortmunder Gebiet ab 1. Juli die „Lokalredaktion Nordstadt“ geben;
+ „Wir livetickern sogar Kreisliga“ (Ostrop).
Fotos bearbeiten: Wieviel Manipulation darf sein?
Wie stark darf man ein Foto digital bearbeiten? Wann wird die Wahrheit eines Bildes verfälscht? Nahezu jedes Jahr wird die Debatte geführt, wenn die besten journalistischen Bilder des Jahres gekürt werden, die Worldpress-Fotos – so auch in diesem Jahr über das Foto, das einen Trauerzug in Gaza zeigt.
Auch im Blog der Nachrichtenagentur AP ist die Fotobearbeitung ein Thema; in den internen Richtlinien von AP ist festgelegt, dass geringfügige Anpassungen in Photoshop erlaubt sind. Allerdings ist verboten: Nachträgliche Änderung von Belichtung, Kontrast, Farbwerten und -sättigung, die die Aufnahme entscheidend verändert.
Wie viel Manipulation darf sich eine Lokalredaktion erlauben, zumal viele Redakteure mit Photoshop arbeiten und im Volontariat die Technik gelernt haben. Die THÜRINGER ALLGEMEINE hat in der Wochenend-Beilage ein Interview mit ihren Fotografen Marco Kneise und Alexander Volkmann geführt über ethische Grenzen bei der Bildbearbeitung:
Den Möglichkeiten zur nachträglichen Bildbearbeitung in der Digitalfotografie sind ja kaum Grenzen gesetzt. Wie aber stelle ich sicher, dass die Fotos in meiner Zeitung authentisch sind?
Volkmann: Bei uns Fotografen der Thüringer Allgemeine gilt ein strenger Kodex, wonach Bildbearbeitung nur in dem Rahmen erlaubt ist, wie er auch in der Dunkelkammer hätte gemacht werden können.
Also beispielsweise die Farbstimmung verändern?
Kneise: Ja genau. Im Fotolabor können wir – anders als bei digitalen Fotos – an dem Negativbild ja keine Details mehr verändern. Möglich ist dort allenfalls Helligkeit, Kontraste oder Farbe über die Wahl von Belichtungszeiten, Fotopapier oder Entwicklungszeiten zu verändern. Auch das so genannte Abwedeln ist im Labor möglich und damit in der digitalen Bildbearbeitung erlaubt.
Was ist Abwedeln?
Kneise: Das bezeichnet eine moderate Veränderung der Kontrastumfänge in einzelnen Bildbereichen. Wenn eine Person im Schatten vor einer hellen Lichtquelle kaum zu sehen ist, kann ich diese Person auf dem Bild sichtbarer machen, wenn ich den Bereich im Labor nicht so stark belichte wie den Rest des Bildes. Das geht natürlich auch in der digitalen Nachbearbeitung am Computer.
Mehr Veränderung ist nicht erlaubt?
Volkmann: Wenn wir bei der Thüringer Allgemeine Veränderungen an den Bildern vornehmen, die darüber hinausgehen, müssen wir das als Fotomontage oder als nachbearbeitet kenntlich machen.
Als Manipulation bekannt geworden ist ja das Bild von der winkenden Bundeskanzlerin Angela Merkel, der die Schweißflecken unter den Achseln wegretuschiert wurden. Sollte so etwas nicht doch erlaubt werden?
Kneise: Nochmal, wenn man das Bild als bearbeitet kennzeichnet, geht das in Ordnung. Aber wo würde Manipulation anfangen und wo aufhören, wenn alle möglichen begründbaren Ausnahmen zugelassen wären. Das Bild mit Achselflecken ist nun einmal die Realität. Und der Wahrheit ist der Journalismus nun einmal verpflichtet.
Zeitungen werden von Agenturen beliefert. Wie kann man sicherstellen, dass die Bilder dort nicht zuvor bearbeitet wurden?
Volkmann: Zum einen gilt solch ein Kodex auch für jede seriöse Nachrichtenagentur. Manch internationale Agentur geht sogar so weit, die stellen nur die Rohdaten der Bilder ein. Ob die Kunden dann an der Farbe, der Helligkeit oder den Kontrasten ändern, liegt dann in deren Ermessen.
Und selbst haben Sie noch nie das Bedürfnis verspürt, etwas wegzuretuschieren?
Kneise: Nein. Manchmal schießt man ein tolles Bild aus der Situation heraus. Und dann läuft im Hintergrund jemand durch das Bild. Das ist dann ärgerlich. Aber nicht zu ändern.
Volkmann: Da denkt man nicht dran. Wenn solche Manipulationen nachträglich herauskommen würden, wären sie sofort Gesprächsthema auf allen Fotografenstammtischen.
So wie das Worldpress-Foto 2012. Das soll ja auch bearbeitet worden sein.
Kneise: Ist es auch. Die Farbe und die Kontraste vor allem. Aber das ist, wie gesagt, erlaubt. Ich denke, das Bild – es zeigt einen Trauerzug durch Gaza-Stadt – wird zu Unrecht kritisiert.
THÜRINGER ALLGEMEINE, 1. Juni 2013 (Thüringen Sonntag)
Sport-Interviews auf einem Teppich aus Schleim (Zitat der Woche)
Seine Fragen sind keine Fragen, sondern ein einziger Teppich aus Schleim.
So Detlef Esslinger in der SZ zur Interview-Technik des ZDF-Sportredakteurs Boris Büchler, pünktlich zu den Meister-Jubelfeiern in München und (vielleicht) in Dortmund. Esslinger hat auch in den großen Topf der kostbarsten Büchler-Fragen gegriffen:
- Ihr Tor war Fußballkost vom Feinsten. Wie würde der Kommentator Hanke diesen Treffer kommentieren? (zu Mike Hanke von Gladbach)
- Wenn man sich das 1:0 von Sahin anguckt, das hatte richtig Champions-League-Klasse – würden Sie das unterschreiben? (zu BVB-Trainer Jürgen Klopp)
- Wie intensiv schlägt Ihr BVB-Herz an einem solchen Freudentag? (zu Klopp nach einem Sieg gegen Bayern; der antwortete: Ja, Gott, da habe ich mir noch keine Gedanken gemacht)
Im ZDF-Sportstudio fragte Michael Steinbrecher den Schalker Julian Draxler: „Können Sie sich noch an den Schalker Uefa-Cup-Sieg von 1997 erinnern?“ Draxler war damals vier Jahre alt. Nachdem Draxler Steinbrecher auf seine Jugend hingewiesen hatte, schaute der Moderator zur nächsten Frage auf seinem Zettel „Wer war denn damals Ihr Schalker Idol“ und stellte sie auch.
Quelle: SZ 11.Mai 2013
NSU-Prozess: Wenn Zschäpe vom Teufel besessen ist, geht sie uns nichts mehr an (Friedhof der Wörter)
„Der Teufel hat sich schick gemacht“ – lautete am Dienstag die Schlagzeile der Bildzeitung. Beate Zschäpe wird als Teufel identifiziert, wobei die Boulevardzeitung die Geschlechtsumwandlung nicht stört: Der Teufel wird zur Frau.
Die Redaktion spielt auf einen erfolgreichen Film an: „Der Teufel trägt Prada“. Meryl Streep spielt die von Macht berauschte und schöne Chefredakteurin, die feine Sache trägt, nicht nur Prada. Der Film ist eine Satire.
Der NSU-Prozess ist Wirklichkeit. Erst Elitz, Kommentator der Bildzeitung, schreibt: „Das Böse hat ein Gesicht. Beate Zschäpe“; der Kommentator war immerhin Intendant von Deutschlandradio Kultur, einem angesehenen Sender in Deutschland.
Dürfen wir einen Menschen einen „Teufel“ nennen? Im Alltag denken wir uns wenig dabei. „Teufel“ ist leicht jeder, der seine Macht offen zeigt. Selbst Kinder, die ihren Willen testen, nennen wir „kleine Teufel“ – und nicht selten lächeln wir dabei.
Aber ein „Teufel“ auf der Anklagebank? Das ist nicht mehr zum Lachen, das ist Vorverurteilung, das ist Zerstörung, Dämonisierung eines Menschen, der nicht verurteilt ist. Das ist eines Rechtsstaates unwürdig.
In seinem Roman „Der Name der Rose“ lässt Umberto Eco seinen Helden, den Mönch William, mit einem Abt über das Wirken des Teufels diskutieren. Kann es sein, so William, dass die Richter und das ganze Volk sehnlichst eine Präsenz des Bösen wünschen? „Vielleicht ist das überhaupt der einzige wahre Grund für das Wirken des Teufels: die Intensität, mit welcher alle Beteiligten in einem bestimmten Augenblick danach verlangen, ihn am Werk zu sehen.“
Wer vom Teufel besessen ist, ist von einer fremden bösen Macht gesteuert. Dann können wir uns zurücklehnen und sagen: Sie ist keine von uns, das geht uns nichts an.
Thüringer Allgemeine, geplant für die Kolumne „Friedhof der Wörter“ am 13. Mai 2013
NSU-Prozess: Wie viel Vorverurteilung darf sein?
Wenn die Presse die Rolle von Inquisitoren übernimmt, kennt sie keine halben Sachen
schreibt ed2murrow2 in seinem Blog „Heute schon exorziert?“ und lenkt den Blick von der Gerichts-Tombola zur Vergabe der Presseplätze auf ein zentrales Thema von Gerichtsberichten: Wie viel Vorurteilung darf sein?
Keine – das ist die korrekte Antwort. Aber dann dürften nur noch Protokolle einer Verhandlung in den Zeitungen stehen und vorab die Veröffentlichung der Anklageschrift (wobei das Zitieren daraus immer noch verboten ist) nebst Gegenrede der Verteidiger.
Jede Auswahl von Fakten, jedes Porträt eines Angeklagten oder Opfers, jede Reportage zeichnet ein Bild, das sich ins Bewusstsein der Leser brennt. Wo sind die Grenzen?
Überschritten hat sie die Bildzeitung mit der Schlagzeile „Der Teufel hat sich schick gemacht“ und den Zeilen:
Als Beate Zschäpe (38) den Saal betritt, stehen wir Journalisten auf unseren Sitzen. Einen Blick erhaschen auf den Teufel, der kurz in unsere Richtung blickt. Was ist das, das da in ihren Augen blitzt? Reue? Angst?
ed2murrow2 berichtet über den Aufmacher im Magazin von Österreich Eins – „allerdings nicht als lobende Erwähnung, sondern mit dem eigenen Statement von der ‚Vorverurteilung auf den ersten Blick'“:
In dem knapp 2 Minuten langen Feature wurden zwei weitere Beispiele angeführt:
+ Das der in Wien im vergangenen Jahr verurteilten Mörderin Estabiliz-Carranza, die sich im Gerichtssaal mit einem „kleinen grauen Kleid“ präsentiert hatte.
+ Und das der Amanda Knox, nach einem nicht rechtskräftigen Freispruch in Italien auf freien Fuß gesetzt, die mit „Engel mit den eiskalten Augen“ tituliert wurde.
Das Fazit des ORF: „Egal ob schuldig oder nicht, vorveruteilt wurde sie alle, ihre Beinamen werden sie nie wieder los.“
Erwähnt wird in dem Blog das Urteil des Bundesgerichtshofs vom März 2013, in dem die Stigmatisierung eines Angeklagten durch Medienberichte als rechtswidrig bezeichnet wird, und formuliert wird in einem Satz das eherne Prinzip eines Rechtsstaats: „Unschuldsvermutung ist keine Frage von Solidarität, sondern Prinzip einer zivilen Gesellschaft.“
Die folgende Frage des Bloggers muss jedem Journalisten allerdings peinlich sein: Könnte ein gewisses Unbehagen Kommentatoren davon abhalten, für Zschäpe die Unschuldsvermutung zu reklamieren?
ed2murrow2 ist auch ein Kenner der Philosophie-Geschichte: Er liest die „Betrachtungen über die Öffentlichkeit und Mündlichkeit der Gerechtigkeitspflege“ von Anselm von Feuerbach (1775 – 1833), in denen es – wie bei der Bildzeitung – um Teufel und Hexen geht. Feuerbach kannte noch die Prozesse der Inquisition und fragt sich, ob „es hinsichtlich der beglaubigenden Handlungen, und überhaupt räthlich sey, die Thüren blos einem auf Gerathewohl sich darbietenden Publikum zu öffnen, oder bestimmte, vom Volk zu erwählende Gerichtszeugen, in gesetzlicher Zahl, den Gerichten beizuziehen?“
NSU-Prozess: Warum es eine ostdeutsche Sicht gibt – oder: Die Neonazis sind noch da!
Im Schwurgerichtssaal A101 sitzt auch Thüringen auf der Anklagebank, weil dies nun einmal das Land ist, aus dem die Täter kamen.
Das schrieb mein TA-Kollege Martin Debes vor einigen Wochen, kurz bevor der NSU-Prozess eigentlich beginnen sollte. Er erntete in unserer Thüringer Leserschaft einige empörte Reaktionen: Wir haben doch mit den Neonazis nichts zu tun; es ist eine Frechheit, uns mit denen in einen Topf zu werfen!
Auch in den Kommentaren nach meinem Offenen Brief an die FAZ klang Unverständnis bis Ärger durch: Was soll denn eine thüringische Sicht? Ist „Kollektivschuld“ nicht eine maßlose Übertreibung?
„Tingtong“ beispielsweise schrieb:
Allerdings finde ich befremdlich, dass Sie auf eine “ostdeutsche Sicht” hinweisen.
Was ist in diesem speziellen Fall (NSU-Morde) das Besondere an dieser “ostdeutschen Sicht”?
Martin Debes kommentierte parallel zu meinem „Offenen Brief“ seinen „Zwischenruf“ für die Zeitung, das ist der montägliche Wochenkommentar des TA-Reporters:
„Was der NSU-Prozess immer noch mit Thüringen zu tun hat und weshalb wir nicht verdrängen sollten, was offensichtlich ist“:
Es geht darum, dass wir nicht neuerlich verdrängen, was doch so offensichtlich ist. Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe wurden zu einer Zeit erwachsen, als nahezu wöchentlich Ausländer in Jenaer Straßenbahnen verprügelt wurden, als Neonazis in Süd- oder Ostthüringen national befreite Zonen ausriefen und CDs mit nationalsozialistischem Liedgut auf vielen thüringischen Schulhöfen zu bekommen waren.
Ich lebte damals, vor 15, 20 Jahren, in dieser Stadt, studierte vor mich hin und schrieb für Zeitungen. Einige Kommilitonen wohnten in Lobeda, da passte man bei Besuchen auf. Ansonsten ging man den Glatzen, die eher selten im Stadtzentrum auftauchten, einfach aus dem Weg.
Bis auf die langen Haare, die ich damals noch besaß, hatte ich wohl nichts an mir, was sie provozierte. Ich war ja Deutscher.
Für eine Weile wohnte ich zwei Häuser neben der Evangelischen Jugendgemeinde, die sich mit einem eisernen Tor gegen die Angriffe der Rechtsextremen schützte und die, zumindest zuweilen, auch nicht zimperlich gegen die Neonazis vorging. In manchen Nächten herrschte in manchen Gegenden Kriegszustand.
Doch die Lokalpolitik, vom Oberbürgermeister bis zum Stadtrat, ignorierte das alles, genauso wie der Rest der Welt. Als der Spiegel eine Geschichte über Jena schrieb, titelte er von der „Hauptstadt der Intelligenz“. Niemand wollte sich das von Lothar Späth und anderen gepflegte Image der Boomtown Jena kaputt machen lassen.
1998 flüchteten die Drei, um in Sachsen Terroristen zu werden. Das war auch ungefähr die Zeit, als die Neonazis ihre Strategie änderten. Ralf Wohlleben, dem auch in München der Prozess gemacht wird, ließ sich in den Ortschaftsrat in Winzerla wählen.
In Alt-Lobeda bezog er eine alte Kneipe und machte sie zum Braunen Haus. Die Gewalt nahm ab, die Präsenz zu. Die NPD etablierte sich.
Der Sohn meiner Schwester, er ist 18, geht ab und an in den „Hugo“ in Winzerla. Der Club wurde vor einigen Jahren neu gebaut, an Stelle der alten Baracke, in der Beate Zschäpe ihre Uwes kennenlernte.
Der Neffe sagt, selten, jedenfalls nicht oft, kämen einige, wenige Rechte vorbei. Sie fielen kaum auf, weder optisch noch sonstwie.
Aber sie sind noch da.
Thüringer Allgemeine vom 6. Mai 2013
Der NSU-Prozess: Offener Brief aus der Provinz gegen die hochmütige FAZ
Sehr geehrter Herr Schäffer,
verehrter Kollege (wenn Sie diese Anrede nicht als Anmaßung verstehen, denn ich schreibe nicht für eine überregionale Zeitung, sondern für eine Provinzzeitung),
Sie schreiben in der FAS zum NSU-Prozess:
Wie soll Öffentlichkeit in einem Verfahren, in dem die Grundfeste unseres Gemeinwesens verhandelt werden, anders hergestellt werden als durch eine Berichterstattung in überregionalen Tageszeitungen und Wochenzeitungen?
Sie erkennen, dass dies Hochmut ist gegenüber den Regional- und Lokalzeitungen, und sie geben dies auch zu:
Das ist kein Dünkel gegen regionale und lokale Zeitungen. Sie haben ihre Stärke und ihre Funktion. Sie bieten hohe journalistische Qualität, die unsere deutsche Zeitungskultur prägt. Aber wie der NSU-Prozess verläuft, wird auch und gerade jenseits der deutschen Grenzen beobachtet. Das Bild, das sich die Welt von Deutschland macht, wird durch die überregionalen Zeitungen bestimmt.
Das ist ein vergiftetes Lob: Provinzzeitungen sind für Provinzler da, wir schreiben für die Welt. Also stellt Euch in die Ecke, Ihr Lokalzeitungen und Provinz-Redakteure!
Mit Verlaub, geschätzter FAZ-Redakteur, dies ist ein Prozess für die Provinz, vor allem für die ostdeutsche Provinz. Aus Jena kommen die meisten der jungen Leute, die des Terrorismus angeklagt sind; sie sind im Osten aufgewachsen und haben in Thüringen und Sachsen ihre Unterstützer gefunden.
Die Menschen in der Ex-DDR, die einer unglaublichen Revolution zum Erfolg verhalfen, sind durch die NSU in den Generalverdacht geraten: Im Osten sei der Nährboden des braunen Terrors! Im Osten lebten die Menschen, welche die Mord-Serie erst möglich machten!
Die Regional- und Lokalzeitungen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg haben intensiv über die NSU und die Neonazis recherchiert, haben viele Details ans Licht befördert. Die Lausitzer Rundschau beispielsweise hat einen der Nannen-Preise gewonnen, weil sie sich den braunen Kämpfern entgegen stellte, sich nicht einschüchtern ließ und weiter recherchierte.
Für solch eine Recherche in der Lausitz braucht ein Lokalredakteur kein klimatisiertes Büro und keinen internationalen Vertrieb: Er braucht Mut, weil die Neonazis seine Gesundheit bedrohen, er braucht Zivilcourage, weil er auch einige seiner Leser überzeugen muss, und er braucht eine Chefredaktion, die ihm den Rücken stärkt.
Wenn die FAZ über den Osten berichtet, dann reitet sie nicht selten auf den Vorurteilen durchs Land, die wir in der Provinz überwinden wollen und auch überwunden glaubten. Ich erinnere mich an eine ganzseitige Reportage in der FAZ, in der ein türkischer Arbeiter aus Rüsselsheim durch den Osten fuhr und in der ihn Ihre Reporterin aufforderte, breit anzuprangern, wie grau, schlimm und abstoßend dieser Teil Deutschlands ist.
Mir graut davor, dass Ihr Bild vom Osten in der Welt verbreitet wird. Es sind die Regionalzeitungen aus Thüringen und Sachsen, die wohl am besten, am genauesten und am fairsten über den Prozess in München berichten können. Wir kennen die Milieus, die Eltern, Verwandten
und Freunde der Angeklagten – und wir schreiben für die Menschen, die in eine Art Kollektivschuld genommen werden.
Ja, Sie haben Recht: Es geht um die Grundfeste unseres Gemeinwesens, die aber nicht für das Ausland verhandelt werden, sondern zuerst für die Menschen in Jena und Eisenach, Zwickau und Oberweißbach und den Rest der Republik.
Die Thüringer Allgemeine wird nicht in „rund neunzig Ländern verbreitet“ wie die FAZ. Sie wird nur von knapp einer Million Menschen in Thüringen gelesen, wenn wir unsere beiden Schwesterzeitungen dazu rechnen, für die wir auch über den Prozess berichten – wie auch für ein paar Millionen Leser im Ruhrgebiet, im Sauerland und am Niederrhein, in Braunschweig und Wolfsburg und in Österreich,wo eine Reihe von Zeitungen um unsere Berichte bittet, weil wir die braunen Terroristen und ihr Umfeld kennen.
Sie, verehrter Herr Schäffer, suggerieren in Ihrem offenen Brief an den Präsidenten des Oberlandesgerichts: Nur überregionale Zeitungen und ihre „erfahrenen Berichterstatter“ können den Lesern „ein vielfältiges Bild verschaffen, können vergleichen, können ihre Schlüsse ziehen“.
Bei allem Respekt vor Ihrer Überheblichkeit: Das können wir in der Provinz auch, und wahrscheinlich in diesem Prozess besser als Sie.
Kommentar per Mail am 10. Mai von
Dr. med.Lutz Langenhan
Sehr geehrter Herr Raue, mit teils ambivalentem Interesse verfolge ich aufmerksam Ihre gelungenen Beiträge mit überregionaler Wertschätzung. Hochmut war im frühen deutschen Wortsinn eine Tugend. Herr Schäffler ist eben schlichtweg arrogant! Hoffentlich erinnern sich die Redakteure der FASZ an ihren Lateinunterricht.
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