Alle Artikel mit dem Schlagwort " Spiegel"

Warum ist Viagra blau? Wie Reportagen entstehen

Geschrieben am 7. August 2012 von Paul-Josef Raue.

Wie lange recherchiert ein Journalist für seine Reportagen? Gab es Schwierigkeiten bei den Recherchen? Wie kam er überhaupt auf das Thema? Was dachte er vor einem Gespräch von dem Menschen, den er porträtiert?

Leser interessiert nicht nur die Reportage, sondern – wenn sie gut ist – auch das Drumherum. Auf DVD von Filmen gibt es meist einen Bonus: „Making of“. Über das Making-of, das Entstehen einer Reportage erzählt der Spiegel schon auf der ersten redaktionellen Seite im Heft. Wer mit Redakteuren in Hamburg spricht, kommt oft und schnell zur „Hausmitteilung“; so dürfte der Redakteur, der die „Hausmitteilung“ schreibt, auch der am meisten kritisierte sein, also ein Höllenjob.

Vorbildlich macht das Making-of das SZ-Magazin: Am Ende einer Reportage sieht der Leser nicht nur das gezeichnete Porträt der Reporterin oder des Reporters, sondern liest auch das Making-of, beispielsweise in der aktuellen Ausgabe zur Titelgeschichte „Wege der Hoffnung / Wann muss das Jugendamt Kinder von ihren Eltern trennen?“ (31 – 3. August 2012):

Auf dem Weg zu dieser Geschichte fragte der Berliner Reporter ANDREAS WENDEROTH bei Dutzenden Jugendämtern in Deutschland an. Meist wurde er vertröstet, man werde nach geeigneten Fällen suchen, ja, wir rufen zurück. Zuweilen gab es begründete Absagen, etwa wenn die Familien nicht mitspielen wollten. Und hin und wieder erfuhr man, man habe keine Lust auf Presse, zu viele schlechte Erfahrungen. Umso erstaunter war Wenderoth, als sich nach Monaten erfolgloser Vorarbeit in Regensburg die Türen weit öffneten.

In derselben Ausgabe erzählt die Reporterin von ihrem Friseur und was er mit dem Gespräch zu tun hat, das sie mit Ulrike Meyfahrt geführt hatte:

GABRIELE HERPELL war 1972 voll vom Ulrike-Meyfahrt-Virus erfasst – wie ihre halbe Klasse übrigens. Sie sprangen im Sportunterricht nur noch den Flop und baten den Friseur um den Haarschnitt von Ulrike Meyfahrt. Das war nicht bei allen so eine tolle Idee.

In diesem Fall dürfte sich mancher Leser gewünscht haben, dass sich der Zeichner (oder der Friseur) ein wenig mehr Mühe gegeben hätte mit dem Bild der Reporterin.

Bisweilen ist das Making-of auch kein Making-of, sondern nur eine Anekdote aus der Recherche, die der Reporter nicht in seinem Text unterbringen konnte – wie über einen 92-jährigen Verleger im Gesundheits-Heft vom 29. Juni:

Am Anfang seiner Recherche hörte ROLAND SCHULZ das Gerücht, die Mitarbeiter der Apotheken Umschau trinken bevorzugt Champagner. Stimmt, zumindest am 5. Juni: Gewöhnlich schenkt Verleger Rolf Becker jedem Mitarbeiter an seinem Geburtstag eine Flasche Veuve Clicquot.

In demselben Heft erzählt eine SZ-Reporterin, wie sie auf die Idee kam zum Interview über die Farbe von Tabletten: („Weiß sind am billigsten.Warum ist Viagra blau?“):

MEIKE MAI kam die Idee zu diesem Interview, als sie in einer Damien-Hirst-Ausstellung vor einer Vitrine voller bunter Pillen stand. Sie fragte sich, wer kreativer war: Hirst oder die Designer der Pillen für das Werk Lullaby Spring.

(zu: Handbuch-Kapitel 32-33 Die Reportage + 39 ff „Wie man Leser gewinnt“ + der Idee, nicht nur „Zeitschriften-Vorspänne“ zu zitieren, sondern auch „Zeitschriften-Nachspänne“ im Kapitel 36 „Der Zeitschriftenjournalismus“).

Regionalisierung ist töricht (dapd-Interview 4)

Geschrieben am 5. August 2012 von Paul-Josef Raue.
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Ist Regionalisierung das Allheilmittel?

fragt dapd-Redakteur Ulrich Meyer. Raue antwortet:

Regionalisierung ist töricht, wenn darunter verstanden wird: Wir errichten 50 Kilometer vor unserer Stadt eine Mauer und schauen nur noch drüber, wenn ein Gewitter aufzieht. Regionalisierung ist klug, wenn sich Redakteure die Welt anschauen und aus der Perspektive ihrer Leser die Informationen ordnen, verständlich machen und kommentieren.

Wir haben eine Arbeitsteilung, die es Lokalzeitungen einfach macht: Die „Tagesschau“ hat die Welt, Brüssel und Berlin im Fokus; für die Leser ist sie die Instanz der Informationen aus der Welt, die sie unbedingt wissen müssen. „FAZ“ und „Spiegel“ leuchten in die Kulissen der Welt. Wir leuchten in die Nachbarschaft.

Für Redakteure sind die Nachrichtenagenturen entscheidend, um im Tagesgeschäft die Welt-Nachrichten zu entdecken, die Nutzen für das Leben ihrer Leser haben:

  • Das kann in einer kleinen Stadt die Nachricht aus dem Westen Chinas sein, wenn eine örtliche Firma dort einen Schlachthof baut;
  • das  ist eine Entscheidung aus Brüssel, die das Leben der Menschen verändert;
  •  das ist eine Menschenrechtsverletzung auf dem Balkan, wenn der Redakteur sowohl Zahl wie Ort von Flüchtlingen erfährt, denen die Abschiebung droht.

Kein Schaden droht unserer Demokratie, wenn Redakteure von Regionalzeitungen nicht mehr die Lage in Aserbeidschan kommentieren, ohne jemals das Land bereist zu haben.

(aus dapd-Interview vom 3. August 2012)

(zu: Handbuch-Kapitel 55 „Der neue Lokaljournalismus“)

Ohne seriösen Journalismus gerät unsere Demokratie ins Wanken (dapd-Interview 2)

Geschrieben am 4. August 2012 von Paul-Josef Raue.
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Wie beurteilen Sie die Lage und vor allem die Zukunft der Zeitungsbranche? Ist der Untergang nahe?
fragt Ulrich Meyer, Redakteur der Nachrichtenagentur dapd. Raue antwortet:

Wir fahren nicht auf der Titanic! Wir kennen unser Schiff, das stabil gebaut ist und schon einige Orkane überstanden hat. Wir kennen die Eisberge, auch ihre gefährliche Schönheit unterhalb der Oberfläche. Aber wir sind Opfer unserer Lust auf Untergang, Tragödie und Katastrophe. Wir lieben das Wort „noch“: Noch gibt es die Zeitung! Noch greifen die meisten zur gedruckten Zeitung! Noch schätzen viele Menschen anspruchsvollen Journalismus! Noch gibt es uns Journalisten und noch nicht nur Blogger! Noch, noch, noch.

Wir haben aber allen Grund, selbstbewusst zu sein: Ohne seriösen Journalismus, ohne Hunderte von Lokalzeitungen, „Zeit“ und „Spiegel“, gerät unsere Demokratie ins Wanken.

Was uns Sorgen macht, ist das Geschäftsmodell. Der Zeitungsmarkt wird ein reiner Lesermarkt, das heißt: Die Leser müssen immer mehr für unabhängigen Journalismus bezahlen. Nur – begeistern wir die Leser mit unserer Untergangs-Sehnsucht? Rauben wir uns nicht viel Kraft, wenn wir jammern statt handeln?

(zu: Handbuch-Kapitel 5 „Die Internet-Revolution“, darin Seite 26: Das Internet wirbelt die Märkte durcheinander)

Die weibliche Form des „Arschlochs“ (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 1. Juli 2012 von Paul-Josef Raue.
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Wie gehen wir mit den Frauen um? Sprachlich, wohlgemerkt.

Eine Leserin aus dem thüringischen Schloßvippach findet es übertrieben, wenn von „Leserinnen und Lesern“ geschrieben wird, von „Bürgerinnen und Bürgern“, „von Patientinnen und Patienten“. Und sie vermutet: „Damit soll wohl das weibliche Geschlecht nicht diskriminiert werden!?“

Nicht jede und jeder bekennt sich als Feministin oder Anhänger der Feministen, der in einer Anrede beide Geschlechter begrüßt – Frauen und Männer. Dies ist eine Frage der mitteleuropäischen Höflichkeit.

Wer unentwegt beide Formen nutzt, gar das große „I“ wie bei „LeserInnen“ schreibt, der gibt unsere Sprache der Lächerlichkeit preis. So berichtete der „Spiegel“ vor 25 Jahren über einen Prozess in München mit dem einleitenden Satz: „Auch Feministinnen neigen zu „hinterfotzigen Kampfmethoden“.

Angeklagt war die 56-jährige Hannelore Mabry, Chefin der Zeitschrift „Der Feminist“. Sie hatte, so die Anklage, auf einer Gewerkschafts-Tagung „DGB-Huren“ einfach „Arschlöcher“ genannt.

Der Amtsrichter, der mit Nachnamen auch noch Anke hieß, fragte die Angeklagte: „Finden Sie es richtig, andere Frauen als Arschlöcher zu bezeichnen?“

Die Kämpferin für die Rechte der Frauen entgegnete: „Erstens mache ich keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern; zweitens muss in manchen Fällen etwas im Interesse der Öffentlichkeit deutlich gesagt werden; und drittens habe ich nicht Arschlöcher, sondern Arschlöcherinnen gesagt.“

Recht hat sie, zumindest in den beiden ersten Punkten: Die Sprache macht keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern (und kennt beispielsweise nur den Sündenbock und keine Sündenziege); und deutlich muss unsere Sprache sein und immer und überall verständlich.

Vielleicht hat deshalb Richter Anke das Verfahren gegen die Kämpferin eingestellt – wegen Geringfügigkeit. Aber dies hat unsere Sprache nun nicht verdient.

Bednarz-Interview: Überleben an der Wickelfront

Geschrieben am 2. Mai 2012 von Paul-Josef Raue.
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In seiner Elternzeit schrieb Dieter Bednarz, „Spiegel“-Experte für den Nahen Osten, einen Bestseller: „Überleben an der Wickelfront“, den das ZDF verfilmte und mit Uwe Ochsenknecht am  Donnerstag um 20.15 Uhr ausstrahlt. Hier das Gespräch mit Bednarz (TA vom 28. April 2012):

Sie packen plötzlich ihren Koffer, um in den Iran zu fliegen. Sie schreiben Bücher. Sie sind ein glücklicher, aber auch geforderter Vater von drei Kindern. Wie kriegen Sie das hin?

Bednarz: Meine Frau Esther und ich bemühen uns, der Hektik des Alltags mit Gelassenheit beizukommen. Wir versuchen immer wieder, auch für uns selbst, Zeit freizuschlagen, in der wir nicht Eltern, nicht Juristin und Journalist sind, sondern wieder das Paar, das dankbar ist, sich gefunden zu haben. Diese Momente der Glückserneuerung sind leider rar.

Sie schreiben unterhaltsam, aber lassen auch kein Problem aus: Karriere und Kinder! Kinderzeugen aus dem Labor! Schwierige Schwiegermutter! Taucht dies auch im Film auf? Oder ist er pure Unterhaltung?

Bednarz: Der Film spart das alles nicht aus. Aber Uwe Ochsenknecht und Valerie Niehaus spielen es unter der Regie von Titus Selge wirklich so wunderbar, dass es trotz der Ernsthaftigkeit ein richtig schöner Film geworden ist, der bestimmt vielen Ihrer Leser gefallen wird.

Journalisten sind mitunter garstige Zeitgenossen, vor allem Kollegen. Wurden Sie nach dem Buch und vor dem Film oft gehänselt, ironisch traktiert oder gar ausgelacht?

Bednarz: Dass mir ein Kollege schon Mal „Allzeit volle Brust!“ gewünscht hat, war wohl unvermeidlich. Aber eigentlich waren alle sehr hilfsbereit. Ältere haben bedauert, dass sie solche Chancen nicht hatten, jüngere haben sich selbst geschworen, auch eine Auszeit zu nehmen, wenn sie Vater werden.

Hatten Sie vor der Elternzeit, die Sie genommen haben, Sorge um Ihre Karriere? Und wie war’s danach?

Bednarz: Ehrgeizig war ich schon, es gab auch ein Liebäugeln mit einem Aufstieg in der Hierarchie. Aber das sollte dann nicht sein. In der Elternzeit habe ich mich erst gefreut: Hurra, ich bin draußen und frei, während andere in der Redaktion gegrillt werden.
Nach einiger Zeit kam dann die Unsicherheit, vielleicht doch abgeschrieben zu werden, als Würstchen durch den Rost zu fallen. Heute – mit Blick auf drei wunderbare Kinder und eine großartige Frau sowie den schönen Erfolg mit der „Wickelfront“ – bin ich sehr dankbar, dass alles so gekommen ist.

Macht der Film älteren Männern Mut aufs Kinderkriegen?

Bednarz: Der Film zeigt nicht nur einen Mann, der kämpft, mitunter auch mit seinen eigenen Erwartungen und Ansprüchen, sondern auch ein Paar, das in seiner Überforderung dann auch miteinander ringt. Aber Esther und Dieter verlieren nicht den Glauben an sich selbst – und damit machen sie sicher vielen Menschen Mut.

Den Dieter im Film spielt Uwe Ochsenknecht. Der sieht verdammt gut aus. Ist das ein Problem für Ihre Frau?

Bednarz: Ich beneide Uwe Ochsenknecht um seine – verglichen mit mir – Löwenmähne. Und ich habe ihn auch als sehr guten Typen kennengelernt. Ich glaube, Esther würde ihn mögen. Valerie Niehaus ist aber auch sehr attraktiv…

Im Vertrauen: Ist Uwe Ochsenknecht besser als Dieter Bednarz?

Bednarz: Als Uwe mich vor ein paar Tagen in Berlin bat, ihm ein Buch zu signieren, habe ich zumindest als Widmung hineingeschrieben:
„Für Uwe – den besseren Dieter…“

Gefällt Ihnen der Film?

Bednarz: Der Film trifft die Atmosphäre sehr gut. Das beste Kompliment für den Film stammt von meiner Schwiegermutter. Sie hat ihn mit Esther und mir gemeinsam gesehen und meinte lächelnd: „Tja, so könnte es gewesen sein.“

Sprechen wir nun mit dem wohl besten Iran-Kenner im Journalismus. Sie kennen viele mächtige Leute in Iran, sind oft durch das Land gereist. Müssen wir Angst haben vor dem Iran?

Bednarz: Was im Iran geschieht, ist bedrohlich. Besonders in Israel haben viele Menschen Angst vor der Vernichtung durch eine iranische Bombe; das verstehe ich daher gut. Niemand möchte eine weitere Atommacht – weder in der Region noch anderswo. Doch eine akute Bedrohung des Weltfriedens durch den Iran sehe ich nicht. Das Regime pocht auf sein gutes Recht zur friedlichen Nutzung der Urananreicherung – und will dabei nicht einsehen, dass es durch sein eigenes Verhalten dieses Recht so gut wie verwirkt hat.

Kurz vor dem heftig debattierten Grass-Gedicht haben Sie mit Ihrem Kollegen Erich Follath eine lange, tief gründende Titelgeschichte im Spiegel geschrieben zu Israel und dem Iran. Was ist los in unserer Gesellschaft, dass ein mäßig kluges und von Vorurteilen durchsetztes Gedicht mehr aufregt als eine gründliche Analyse?

Bednarz: Wenn es um den Iran und Israel geht, fällt vielen Menschen eine sachliche Diskussion schwer. Da gibt es die ganz Verbissenen, die Emotionen schüren und instrumentalisieren, die Gutmenschen, denen kritische Distanz fehlt und jede Menge Uninformierte, die trotzdem laut mitreden. Und die Person Grass ist selbst nicht unumstritten – und eher Katalysator als Erklärer.

Gibt es Krieg?

Bednarz: Dies weiß niemand – vielleicht wissen es noch nicht einmal jene, von denen wir annehmen, dass sie diesen Krieg vielleicht auslösen. Ich kann nur hoffen, dass niemand glaubt, einen Krieg führen zu müssen, nur weil er damit gedroht hat. Das Letzte, was die Krisenregion Nah- und Mittelost braucht, ist ein neuer Waffengang.

  • „Überleben an der Wickelfront“ – Donnerstag, 3. Mai, 20.15 Uhr, ZDF

 

(zu: Handbuch-Kapitel 2-4 „Die Journalisten“)

Unbedingt am Donnerstag anschauen: Bednarz‘ „Wickelfront“

Geschrieben am 1. Mai 2012 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 1. Mai 2012 von Paul-Josef Raue in Aktuelles.

Wie ergeht es einem Spiegel-Redakteur mit Karriere-Ambitionen, aber schon nahe der 50, wenn nach vielen Fehlversuchen plötzlich Zwillinge ein spätes Vaterglück bescheren? Dieter Bednarz ist der Spiegel-Experte für den Nahen Osten, vor allem Iran und Israel. Er nimmt mehr als zwei Jahre Auszeit, überlässt seiner Frau, einer erfolgreichen Anwältin, die Karriere und zieht an die „Wickelfront“.

Gerade beim SPIEGEL sollte meine Sorge, die Teil-Auszeit könnte dem beruflichen Weiterleben schaden, unbegründet sein. Zwar herrschte schon immer ein eher rauer Ton im Haus. Aber es stimmt einfach nicht, dass einer unserer Chefredakteure je handgenähte Schuhe aus der Haut seiner Redakteure getragen hätte…

Richtig ist aber, dass manche Kollegen vorne gratulieren und hinten sticheln.. Es geht auch darum, dass all jene Kollegen und Kolleginnen umdenken, die sich bewusst für ihre Karriere statt für eine Familie entscheiden, denen ihre Geschichten nun mal wichtiger sind als die Geburt ihrer Kinder.

So Dieter Bednarz in seinem Bestseller „Überleben an der Wickelfront“, das er nach den Vaterjahren geschrieben hat und das am Donnerstag um 20.15 Uhr im ZDF als TV-Film zu sehen ist. Es ist ein gelungener Journalisten-Film, in dem endlich Journalisten nicht als Karikaturen wie Baby Schimmerlos oder als gierige Paparazzi gezeigt werden – sondern als verletzliche Wesen, besonders die späten Väter, als verletzende, besonders im Karriere-Kampf, um überhebliche, besonders in leitenden Positionen.

Die anrührendste Szene des Films, in dem Uwe Ochsenknecht den Bednarz gibt, spielt im Garten der iranischen Botschaft in Berlin. Da der Wickel-Vater vom Schreiben nicht lassen kann, macht er heimlich ein Interview mit dem iranischen Aussenminister aus. Er findet keinen Babysitter, verzweifelt und nimmt einfach die Zwillinge in die Botschaft mit. Die Sicherheitsleute sind entsetzt, der Außenminister aber entzückt. Er geht mit den Dreien in den Garten und gibt ein exzellentes Interview.

Also: unbedingt anschauen. Der Film ist gute Unterhaltung, weil er schwere Themen leicht, aber nicht oberflächlich serviert: Schlaflose Nächte, nervende Kinder, alltägliche Katastrophen, schwerste Ehekrisen, schlechtes Gewissen der „Rabenmutter“, Karriere-Entzug mit schwersten Symptomen, Mobbing der Kollegin, die ihre Chance wittert, nervende und besserwissende Schwiegermutter usw.

Dieter Bednarz lobt den Film, zumal er eine 3-Sekunden-Statistenrolle spielt – als glatzköpfiger Kellner.

Und wie war’s danach? Die Karriere war vergessen, aber Bagdad gab’s noch immer:

Es muss sein, weil ich nach 30 Monaten Windelduft und Muttermilcharoma raus will aus der Papa-Mama-Kind-Symbiose, die mit den Atem raubt: Sie war höchstes Glück, weil ich mich nie zuvor so innig, zärtlich und offen erlebt habe; sie war tiefste Verunsicherung, weil ich nie zuvor so verletzlich, so dünnhäutig war; beides schnürt mir die Kehle zu.

Der „Stern“ gibt in seinem TV-Magazin nur drei Punkte und schreibt: „Kann das wahr sein? – Nee, aber ganz lustig.“ Demnächst bitte mal wieder das Buch zum Film lesen oder gar mit dem Kollegen von der Konkurrenz sprechen.

Überleben an der Wickelfront, ZDF, Donnerstag, 3. Mai, 20.15 Uhr

BUCH: Dieter Bednarz, Überleben an der Wickelfront. DVA, 17.95 (Taschenbuch 9.95; E-Book 8.99 €)

„Auch mit Bloggen kann man etwas werden“

Geschrieben am 17. April 2012 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 17. April 2012 von Paul-Josef Raue in Aktuelles, Online-Journalismus.

Blogger preisen das Netz, weil sich jeder darin frei bewegen, schreiben und austoben kann. Gleichzeitig tobt die Gemeinde, wenn sich einer aus der Sphäre heraus bewegt, mit sich und seinem Leben experimentiert, sich nicht mehr nur unter Seinesgleichen bewegen will.

„Was dann kam, war schwer zu verdauen“, erinnert sich Katharina Borchert, die Chefin von Spiegel online. Als sie nicht mehr nur die Edel-Bloggerin Lyssa bleiben wollte, sondern umstieg zur Chefin von WAZ-Online (www.der-westen.de), kam nicht nur die erwartete Kritik, sondern kamen „heftigste und persönlichste Anfeindungen ausgerechnet aus den eigenen Reihen, aus der Blogosphäre“.

Dieser Abschnitt ihres Lebens nimmt einen breiten Raum ein im Porträt, das Yvonne Ortmann in „t3n.de“ geschrieben hat:

Da wurde sie plötzlich mit Schmeicheleien wie „Peitschen-Borchert“ überschüttet, ein Anklang auf ihr manchmal etwas strenges Aussehen mit straffem Pferdeschwanz und dunkler Brille. Der Jubel darüber, dass man auch mit Bloggen etwas werden kann, blieb aus.“

Katharina Borchert sorgte, so sagt sie, für einen „kulturellen Wandel“ in der Essener Online-Redaktion. So war es:

„Frustriert, unterbesetzt, unterfinanziert, ohne Konzept und Strategie, nicht ernst genommen: ein echt tragischer Zustand“.

Was geschah?

„Ich habe mühsam gegen die Auffassung angearbeitet, dass Onlineredakteure Content-Schubser sind, die einfach nur Inhalte von A nach B heben.“


Katharina Borchert definierte die Aufgaben von Online-Redakteuren so:
1. Profis für Multimedia
2. eigene Geschichten schreiben
3. Social Media vorantreiben
4. In Sprache und Inhalt auf die Leserschaft einstellen.

(Zu: Handbuch-Kapitel 7 „Die Online-Redaktion“ und Kapitel 10 „Was Journalisten von Bloggern lernen können“)

Nur geträumt: Wie Frank Plasberg mit Fehlern umgeht

Geschrieben am 8. März 2012 von Paul-Josef Raue.

Wie die New York Times vorbildlich mit Fehlern umgeht, davon berichtete Arthur S. Brisbane in „The Error Iceberg“,  in diesem Blog vorgestellt am 29. Februar.

Und wie geht Frank Plasberg mit Fehlern um? Ein Griff in den Zettelkasten brachte einen Artikel der FAZ-Sonntagszeitung ans Licht. Im „Teledialog ultra“ vom 27. Dezember 2009 steht unter der Überschrift „Nur geträumt“ ein längeres Zitat von Frank Plasberg , der – so der Traum – zu Beginn seiner Sendung „Hart, aber fair“ die vergangene Sendung reflektiert:

„Wir hatten uns der Pharma-Industrie gewidmet und dabei auch eine angebliche Wundersalbe gegen Neurodermitis vorgestellt. Wir sind dafür scharf angegriffen worden, und nach einer genauen Überprüfung muss ich Ihnen sagen: nicht zu Unrecht. Der Eindruck, den wir erweckt haben, dass zahlreiche wissenschaftliche Studien die Wirkung dieser Salbe bestätigen, war falsch.“

Dann folgt ein Satz,  auch nur geträumt:

„Zu meinem Verständnis von verantwortungsvollem, kritischem Journalismus, für den ich seit Jahren nicht zuletzt mit dieser Sendung stehe, gehört es auch, eigene Fehler einzuräumen, und deshalb wollen wir uns jetzt noch einmal eine Viertelstunde lang selbstkritisch mit dem Thema beschäftigen. Übrigens kann ich Ihnen versprechen, dass diesmal auch kritische Zuschauerkommentare in unserem Sendungsforum im Internet nicht gelöscht werden.“

Zu dieser Sendung von Frank Plasberg schrieb Stefan Niggemeier im FAZ-Fernsehblog. Im „Spiegel“ räumte Plasberg handwerkliche Fehler im Ablauf der Sendung ein.

 

 

„Schweinejournalismus“

Geschrieben am 28. Februar 2012 von Paul-Josef Raue.

So nannte Jürgen Trittin den Vorwurf der „taz“ über Joachim Gauck, er habe den Holocaust verharmlost – zu sehen in Maybrit Illners Talkshow am 23. Februar. Das Wort prägte wohl Oskar Lafontaine. 1995 schrieb Hans-Werner Kilz, einst Chefredakteur von  „§piegel“ und „Süddeutscher Zeitung, im immer noch empfehlenswerten „Spiegel Spezial“ über Journalisten:

„Lafontaine und andere Mitglieder der saarländischen Landesregierung gerieten in Verdacht, sich zu eng mit Saarbrücker Kiez-Größen eingelassen zu haben. Diesem Umstand verdankt die Öffentlichkeit eine Lafontaine-Wortschöpfung, die das Berufsfeld der Medienschaffenden um eine neue Gattung bereichert – den „Schweinejournalismus“. Falsches stand nicht in den Blättern, nur Unangenehmes.

Doch seitdem denkt der Sozialdemokrat darüber nach, was er als Politiker gegen verwilderte Sitten im Journalismus tun kann, jedenfalls dort, wo er bestimmen kann. Und natürlich ist ihm etwas eingefallen: Das Saarland hat seit einigen Monaten ein neues, schärferes Pressegesetz, von dem der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Ernst Benda, sagt, daß damit „an der Freiheit der Presse genagt“ werden soll.

Nun muß nicht alles, was dazu gedacht ist, böse Journalisten zu zügeln, gleich als Attentat auf die Pressefreiheit empfunden werden. Auch Journalisten sündigen. Doch wenn Oskar Lafontaine überlegt, „wie der investigative Journalismus in seine ethischen Schranken zurückverwiesen werden kann“, ist Vorsicht geboten. Da fühlen sich Rechercheure und Autoren bei anderen besser aufgehoben.

Geht es nach dem Saarländer, werden Zeitungen künftig nach politischen Enthüllungen maßlos lange Gegendarstellungen drucken müssen, die sowieso schon ohne Rücksicht auf den Wahrheitsgehalt abgefaßt werden können. Ein erläuternder Zusatz der Redaktion ist an gleicher Stelle nicht erlaubt.“

Dies  saarländische Pressegesetz wurde vom Bundesverfassungsgericht kassiert.

Rücktritt nach Redaktionsschluss: Wie es der „Spiegel“ machte

Geschrieben am 21. Februar 2012 von Paul-Josef Raue.

Ein Meisterstück präsentierte der „Spiegel“, der wegen des Rosenmontags schon am Samstag erschien: Als Wulff seinen Rücktritt erklärte, wurde die aktuelle Ausgabe schon gedruckt mit dem Titel „Der unvermeidliche Rücktritt“. Gleichwohl negert die Redaktion nicht, tut nicht so, als habe sie seinen Rücktritt erlebt (was ja gewaltig ins Auge gehen kann). Wer den glänzend geschriebenen Aufmacher liest, liest ihn mit dem Wissen des tatsächlichen Rücktritts; aber an keiner Stelle arbeitet die Redaktion unsauber, sie spricht nur von der Möglichkeit und Unvermeidlichkeit des Rücktritts. Eine Lehrstunde des Konjunktivs!

„Focus“ brachte auf dem Titel zwar auch etwas über Trennung und Abschied, aber nichts über Wulff: „Die 25 härtesten Scheidungstricks“.

Die Bundestags-Wochenzeitung „Das Parlament“ wurde vom Rücktritt offenbar kurz vor Redaktionsschluss überrascht. Sie brachte zwei Titelseiten: Die eigentliche zum Rücktritt „Bellevue sucht Nachmietert“; die dritte Seite zeigte die ursprünglich produzierte Titelseite zur EU: „Schluss mit den Zweifeln!“

 

 

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