Alle Artikel mit dem Schlagwort " Sprache"

Pegida und die Sprache der Politik: Redet so, dass wir euch verstehen! (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 31. Januar 2015 von Paul-Josef Raue.

Ob man die Demonstranten mag oder nicht: Pegida hat den Unmut in die öffentliche Debatte befördert. Wir sprechen wieder über Politik.

Aber hat der Unmut nur mit dem Inhalt von Politik zu tun, mit Fremden, dem Islam und anderen Themen? Oder auch mit der Sprache der Politiker?

Die Ebert-Stiftung hat über dreißigtausend Jugendliche befragt: Warum tut ihr euch so schwer mit der Politik? Warum gehen immer weniger zur Wahl?

Das Interesse an der Politik ist viel höher, als wir vermuten. Acht von zehn jungen Leuten stimmen dem Satz zu: „Ich finde es wichtig, dass sich Menschen mit Politik auseinander setzen“. Und woran scheitert das Interesse? An der Sprache der Politiker: Unverständlich, mit Fremd- und Kunstwörtern sowie Beschönigungen durchsetzt; so klagen fast achtzig Prozent der jungen Frauen und fast siebzig Prozent der Männer. Dies sind einige der Beispiele, die Berufsschüler wählten:

> Das heißt nicht Nullwachstum, das heißt Stagnation. 
> Warum heißen Hausmeister Facility Manager?
> Früher hat man von einem Ausländeranteil gesprochen und jetzt spricht man von Migrationsanteil. Wofür jetzt diese Schönrednerei?

Spricht Pergida verständlicher? Schauen wir uns die Forderungen an:
>  Was ist „christlich-jüdisch geprägte Abendlandkultur“?
> Was sind „Parallelgesellschaften“?
>  Was bedeutet „Genderisierung“? 

„Redet so, dass wir euch verstehen!“, fordern nicht nur junge Leute – auch von Zeitungen. Knapp die Hälfte hält die Sprache der Redakteure für zu kompliziert.  

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Thüringer Allgemeine, Friedhof der Wörter, 16. März 2015

Was sind Leserbriefe wert ? Was verändern sie?

Geschrieben am 7. Dezember 2014 von Paul-Josef Raue.

Vor allem eifrige Leserbrief-Schreiber fragen immer wieder: „Was verändern unsere Leserbriefe? Werden Leserbriefe seitens der Redaktion ernst genommen?“ In der aufgewühlten Atmosphäre vor der Wahl Bodo Ramelows (Die Linke) zum Ministerpräsidenten Thüringens fragt zudem ein Leser der Thüringer Allgemeine nach der „Kultur der Kommunikation“, wenn er die Leserbriefe liest:

Ich kann mich des Eindrucks nicht verschließen, dass seit Wochen und Tagen – insbesondere was die Regierungsbildung in unserem Land betrifft – Hasstiraden zu lesen sind. Es ist aus meiner Sicht lediglich eigene Frustbewältigung in der Öffentlichkeit?! Die Wortwahl total daneben, die gute Schule der Manieren vergessend? In was für einer Gesellschaft leben wir?“

In seiner Samstag-Kolumne „Leser fragen“ antwortet der TA-Chefredakteur:

Es gibt meines Wissens keine Zeitung in Deutschland, die jeden Tag ihren Lesern eine komplette Seite zur Verfügung stellt – als Seite für die Leser und von den Lesern. So wertvoll sind uns unsere Leser, so wertvoll sind unsere Leser und Bürger für die Gesellschaft – und so wertvoll sind die Bürger und ihre Gedanken für unsere Demokratie.

Was sie verändern? Wir sind uns sicher: Sie verändern viel in den Köpfen der Mächtigen, die schon lauschen, wie das Volk denkt – vor allem um ihre Macht zu sichern oder die Macht zu bekommen.

Veränderung hat immer etwas mit der großen Zahl zu tun: Den größten Einfluss nimmt der Bürger, der sich direkt in der Politik engagiert – ob in seinem Ortsteil oder im Kreis, im Landtag oder im Bundestag. Wer abstimmen kann, der regiert mit und hat die Macht. Die Chance mitzuregieren hat jeder.

Wer nicht regieren will, der kann seine Stimme erheben – aber er hat nur die Macht der Argumente auf seiner Seite und die Macht der Überzeugung, so andere sich überzeugen lassen. Die Macht des freien Wortes ist in einer Demokratie so wichtig wie die Kontrolle der Macht. Deswegen ist sie so wertvoll in der Zeitung der Bürger.

Und die Kultur der Kommunikation? So ist es eben: In dieser Gesellschaft mit ihren vielen Stimmen leben wir. Und wir verändern sie nicht, wenn wir die Frustbewältiger nicht zur Kenntnis nehmen. Im Übrigen ist auch die Sprech-Kultur der Volksvertreter nicht immer vorbildlich.

„Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch, mit Verlaub!“, pöbelte sagte Joschka Fischer im Bundestag. Also halten wir es mit Martin Luther und schauen dem Volk, dem „Pöbel“, aufs Maul.

Und – in einer Demokratie hat eben jeder eine Stimme – nicht nur bei der Wahl.

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Thüringer Allgemeine 6. Dezember 2014

Bitte tauschen Sie Ihr Kind um! (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 23. November 2014 von Paul-Josef Raue.

Nach dem „Krisenfrühstück“ kommt mit der „Kindertauschbörse“ das nächste zusammengesetzte Hauptwort auf den Seziertisch. Armin Burghardt, Lokalredakteur der Thüringer Allgemeine in Sömmerda, war es aufgefallen, als die Gemeinde Ostramondra zu solch einem Basar einlud.

In der „Guten Morgen“-Kolumne, der Lokalspitze, dachte er über die Tücken der deutschen Sprache nach: „Schon klar dass da keine Kinder getauscht werden sollen, können, dürfen. Dass es auf einem Kuchenbasar Backwerk gibt, versteht sich von selbst. Dass auf einem Babybasar dagegen kein Handel mit Neugeborenen betrieben wird, ist auch jedem klar. Nur der Begriff unterstellt anderes.“

Ach ja, wenn unsere Sprache immer logisch wäre! Gerade die Möglichkeit, Hauptwörter endlos zusammensetzen zu können, unterscheidet die deutsche Sprache von den meisten anderen und führt zu sinnvollen wie „Elterngeld“, umstrittenen wie „Unrechtsstaat“, widersprüchlichen wie „Jägerschnitzel“ und „Kalbsschnitzel“, praktischen wie „Hausschlüssel“, langen wie „Heuschreckenkapitalismus“, scherzhaften wie „Liebestöter“, schönen wie „Liebstöckel“ und zärtlichen wie „Lächelmund“, den Goethe erfunden hat.

Eindeutig ist keine Zusammensetzung, weder die „Kindertauschbörse“ noch das „Kindbett“, denn in dem liegt nicht das Kind, sondern die Mutter. Als jüngst in Dresden die witzigste Karikatur des Jahres gesucht wurde, zeigte eine den Arzt, der ein Haus abhorcht. Eine Frau fragt ihn: „Was machen Sie denn da?“ Er antwortet: „Ich bin der Hausarzt.“

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Thüringer Allgemeine Geplant für den 1. Dezember 2014, Kolumne „Friedhof der Wörter“ / nur in überarbeiteter Fassung Ende März 2015 erschienen

Die Zeitung der Zukunft, die Zukunft des Journalismus und der Wert des Lokalen – Ein Interview

Geschrieben am 2. November 2014 von Paul-Josef Raue.

Wie würde Ihre Traumredaktion aussehen?, fragte mich Monika Lungmus vor dem Verbandstag des DJV in Weimar. Auf der Online-DJV-Seite ist die redigierte Fassung des Interviews zu lesen; hier die erweiterte Fassung.

Wie sehen Sie die Zukunft des Journalismus? Hat der Journalismus überhaupt noch eine Zukunft?

Paul-Josef Raue: Der Journalismus muss eine Zukunft haben. Denn eine Demokratie ohne gut recherchierenden, tiefgehenden Journalismus hat keine Chance. Wir reden hier nicht nur darüber, ob es weiterhin gedruckte Zeitungen geben wird.

Für eine Demokratie ist ein starker Journalismus unerlässlich. Das ist also auch eine Forderung an die Politiker. Sie müssen die Bedingungen erhalten, dass es einen Journalismus gibt, der die Mächtigen kontrollieren kann.

In der Branche wird ja bereits über Alternativen zur marktwirtschaftlichen Finanzierung des Journalismus diskutiert. Was halten Sie von der Diskussion?

Ich finde die Diskussion richtig, auch wenn ich glaube, dass die marktwirtschaftliche Konstruktion der Presse noch relativ lange, also in den nächsten zehn, zwanzig Jahren, Bestand haben wird. Ich sehe allerdings an den Rändern durchaus Probleme: Wir haben heute schon Landkreise, in denen sich eine Zeitung nicht mehr finanzieren kann. Hier funktioniert also die Kontrolle der Politiker nicht mehr ausreichend, obwohl gerade im Lokalen ein starker Journalismus notwendig ist.

Welche Förderung könnten Sie sich hier vorstellen?

Ich könnte mir auch private Initiativen vorstellen, sei es in Form von Stiftungen, von Vereinen oder mit Recherche-Stipendien von großen Organisationen; ich denke auch an vorbildliche Projekte wie „Zeitungszeit“ in Nordrhein-Westfalen, wo Land und Verlage gemeinsam Schüler an die Zeitung heranführen. Man müsste auch schauen, was andere europäische Staaten an Presseförderung betreiben.

Ich bin aber überzeugt, dass private Initiativen allein nicht reichen. Auch die Verlage haben die Möglichkeiten, die alte wie neue Medien bieten, noch lange nicht ausgereizt. Verleger, Manager und wir Redakteure müssen Konzepte entwickeln, wie wir den Inhalt – gerade im Lokalen und Regionalen – am besten an die Bürger und auch an verschiedene Zielgruppen bringen.

Mit dem lokalen und regionalen Inhalt haben wir einen kostbaren Schatz, den selbst Google und andere Mega-Digitalen nicht besitzen. Wir müssen viel intensiver über die Bedürfnisse der Menschen forschen: Was wollt ihr lesen – wann und in welcher Form?

Wir machen uns in Leitartikeln lustig etwa über die Bahn, wenn sie ihre Kunden nicht zufrieden stellt. Kennen Sie Verlage, die regelmäßig die Zufriedenheit der Leser ermittelt? Das ist auch ein Appell an Manager, denen mehr einfallen will als Sparen, aber auch an uns Journalisten: Wie sehen wir denn die Zukunft? Zudem ist es endgültig Zeit, die Mauer zwischen Verlag und Redaktionen einzureißen.

Wenn Sie mal aufs Handwerk schauen: Wie können und müssen sich Journalisten heute für die Zukunft aufstellen? Was erwarten Sie von künftigen Journalisten?

Das Bewusstsein für Qualität ist bei den Lesern enorm gestiegen. Der normale Leser ist nicht mehr abzuspeisen mit einer 0815-Berichterstattung.

Ganz vorne muss stehen, dass Journalisten wieder öfter zur Recherche kommen. Das ist nicht nur Sache des Spiegel oder der Süddeutschen Zeitung. Weit ins Lokale hinein müssen wir wieder tiefer und besser recherchieren und dafür auch die neuen Möglichkeiten des Datenjournalismus nutzen.

Was wäre für Sie noch wichtig?

Als ich Journalismus gelernt habe, mussten wir uns keine Gedanken machen, wie sich der Journalismus finanziert. Das ist heute anders. Die neue Journalisten-Generation, aber auch die der Älteren, muss über Geschäfts-Modelle nachdenken. Wir nutzen noch lange nicht unsere Möglichkeiten, wenn ich zum Beispiel an regionale Magazine denke, an Bücher, an Zielgruppen-Newsletter und vieles mehr.

Wir müssen die Strukturen aufbrechen: Muss die Zeitung immer und überall jeden Tag erscheinen? Oder zusätzlich am Sonntag? Wie können wir gezielt ganz bestimmte Zielgruppen erreichen? Das heißt: Wir müssen unser Spektrum an Möglichkeiten, wie wir unseren Inhalt ans Publikum bringen, deutlich erweitern.

Kommen wir zur Funke-Gruppe, zu der Ihre Zeitung gehört. Hier wird derzeit darüber diskutiert, ob alle zur Gruppe gehörigen Titel ihren Mantel künftig aus Essen erhalten sollen. Was halten sie von der Idee?

Wir führen unter den Chefredakteuren derzeit die Debatte, was wir zentralisieren können – um sowohl den Lesern mehr Qualität bieten als auch Redakteure wie Geld effektiv einsetzen zu können (zum Beispiel in die digitale Zukunft, die viel Geld fordert aber noch wenig einbringt). Die Konzern-Führung hat diese Aufgabe in die Redaktionen gegeben: Das ist der richtige Weg. Verlage, die es von oben verordnet haben, sind gescheitert, zu Recht.

Für unsere drei Zeitungen in Thüringen ist ein zentraler Mantel beispielsweise kein Thema. Wir haben gar keinen Mantel mehr im alten Sinne. Wir schreiben in unserer Thüringer Allgemeine von der ersten bis zur letzten Seite weitgehend aus der Perspektive der Leser. Wir haben nicht mehr den typischen Politikteil, den typischen Wirtschaftsteil – das ist bei uns alles sehr stark auf Thüringen bezogen, eben auf den Alltag und das Leben unserer Leser

Wir können in Erfurt, Weimar und Gera, wir können im Osten keinen Mantel aus Essen anbieten. Wir haben auch gar keinen Platz für einen fremden Mantel. Wir bieten unseren Lesern – und in erster Linie nicht aus Spargründen – eine relativ schmale Zeitung an, meist 24 oder 28 Seiten. Wir haben von unseren Lesern gelernt: Sie wollen eine Zeitung, die übersichtlich ist und ihnen das Wesentliche in hoher Qualität bietet, das sie in ihrer knappen Zeit bewältigen können. Sie wollen nicht suchen und blättern, sie wollen lesen.

Wir haben alles rausgeworfen, was aus Sicht der Leser nicht zur Kernkompetenz gehört. Wir verzichten etwa auf eine endlose Tagesschau-Wiederholung und komprimieren sie auf eine Seite.

Das Herz der Regionalzeitung ist das Lokale. Und dennoch wird hier vielfach gespart. Sie kennen dies selbst. Ihre Redaktion arbeitet ja im Lokalen – zum Beispiel in Weimar – mit der Thüringischen Landeszeitung zusammen. Wie passt das zusammen?

Zunächst: Unsere Lokalredaktionen sind nicht kleiner geworden. Wir haben im Lokalen denselben Personalstamm wie vor fünf Jahren, als ich in Erfurt angefangen habe.

Kleiner geworden ist die Zentralredaktion, so dass wir den Personalstamm in den Lokalredaktionen zusammen mit dem Thüringen-Desk halten konnten. Gleichwohl machen die Reporter in der Zentrale einen großartigen Job, holten vier Jahre hintereinander einen der Deutschen Lokaljournalistenpreise, darunter einmal den ersten für die exzellent recherchierte Treuhand-Serie; eine Reihe anderer renommierter Preise kam hinzu, auch für unsere Lokalredaktionen. Ich übertreibe also nicht, wenn ich die TA-Redaktion zu einer der besten in Deutschland zähle.

Zur Thüringischen Landeszeitung (TLZ), unserer Konkurrenz: Sie erscheint sowohl im Verbreitungsgebiet der Thüringer Allgemeinen(TA) als auch in dem der Ostthüringer Zeitung (OTZ). Die TLZ, eine frühere Zeitung der LDPD, ist eine relativ kleine Zeitung, aber sie hat eine große Bedeutung. Denn sie versammelt alle Leser, die kein früheres SED-Organ lesen möchten. Die Unterscheidung zur TA und OTZ spielt sich heute hauptsächlich in der Kommentierung von Thüringer und überregionalen Themen ab. Hier hat die TLZ eine klare eigene Positionierung.

Im Lokalen, das haben wir von den Lesern erfahren, können wir gut zusammenarbeiten. Die Redaktionen sprechen sich bei normalen Terminen wie Pressekonferenzen ab, wer was macht. Das betrifft zum Beispiel nicht unbedingt die Stadtratssitzungen, da behält jeder Titel sein eigenes Profil. Die Kooperation soll also dazu dienen, die Qualität im Lokalen zu erhalten.

Anfang der 90er Jahre erschienen in Thüringen noch 24 Tageszeitungen bei 2,5 Millionen Einwohnern, heute gibt es nur noch sechs Titel: Drei gehören zur Funke-Mediengruppe, drei zur Südwestdeutschen Medienholding. Was bedeutet diese eingebüßte Pressevielfalt für den Journalismus in Thüringen?

Das war in den Revolutions-Wirren eine besondere historische Situation. Ich habe ja selbst seinerzeit eine Zeitung gegründet: die Eisenacher Presse. Das war in jeder Hinsicht Wahnsinn – und in dieser Zeit richtig und wichtig.

Aber es war auch klar, dass das so nicht auf die Dauer funktionieren würde. Das bekommt man gar nicht finanziert: 24 Zeitungen,davon allein 7 in Eisenach, einer Stadt mit 50.000 Einwohnern! Ich halte heute sechs Zeitungen in einem Bundesland mit 2,2 Millionen Einwohnern für viel.

Die drei Titel unserer Funke-Gruppe arbeiten eigenständig. Jeder von uns freut sich, wenn er einen eigenen Coup gelandet hat. Natürlich kämpfen wir nicht so sehr gegeneinander. Wir kämpfen aber um das Interesse und die Zeit der Leser. Das ist das Entscheidende.

Und wenn jemand mit meiner Zeitung unzufrieden ist, dann geht er zur TLZ – oder umgekehrt. Er geht aber nicht in die Nicht-Leserschaft. Das ist der Vorteil unserer Konstruktion.

Wie würde Ihre Traumredaktion aussehen?

Ich würde mir eine Redaktion zusammenstellen, in der Recherche an erster Stelle steht. Ich würde mir junge Leute holen, die diesen „embedded journalism“, also die Nähe zu den Honoratioren, überhaupt nicht kennen.

Dann würde ich Mitarbeiter engagieren, die mit Daten umgehen können, die sich bestens mit der Technik auskennen.

Als Drittes wäre mir Verständlichkeit wichtig; die Leser müssen unsere Texte verstehen. Das Handwerk des verständlichen Stils müssen Redakteure perfekt beherrschen, sonst nutzt all der Recherche-Aufwand nichts. Und sie schreiben auch schön in dem Sinne, dass die Leser Lust aufs Lesen bekommen.

Viertens: Die Mitarbeiter meiner Traumredaktion gehen auf die Menschen zu, reden mit ihnen, nehmen wahr, wo deren Bedürfnisse liegen. Sie respektieren, ja sie mögen ihre Leser und lassen sie das spüren.

fünftens: Es müssten Leute sein, die ein Bauchgefühl für Überraschungen haben, die also Neues wagen, auch wenn Leserforschung und Leserbriefe anderes angeben.

Und der sechste Punkt hieße: Die Traumredaktion hat genügend Personal…

Auf jeden Fall. Wir sind derzeit an einem Scheidepunkt, wo Quantität und Qualität oft nicht mehr zusammenpassen. Aber generell glaube ich, dass Quantität nicht zwangsläufig Qualität bedeutet. Journalismus ist ein Beruf, für den man brennen muss. Jeder Beamte in einer Redaktion ist mir ein Graus.

Kulturbanausen beim Krisenfrühstück (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 19. Oktober 2014 von Paul-Josef Raue.

Was ist ein Krisenfrühstück? Wenn das Ei am Sonnabend statt der gewünschten drei Minuten steinhart gekocht  ist; wenn der Prosecco am Sonntagmorgen aus der Dose eingeschenkt wird statt  aus der Flasche-.

Und was ist ein Krisenfrühstück, wenn sich Putin und Merkel treffen? Ist dann der Espresso zu kalt? Oder sind die Brötchen zu labbrig? Nein, dann ist nicht das Frühstück die Krise, sondern die Krise das Thema beim Frühstück. 

Zusammengesetzte Hauptwörter sind eine Spezialität der deutschen Sprache: Wir können nach Herzenslust neue Wörter bilden – und tun es unentwegt. Doch Regeln unterliegt die Zusammensetzung nicht, wie gesagt: Sie geschieht nach Herzenslust.

Der Holunderbeersaft ist aus Holunderbeeren, aber der Hustensaft nicht aus Husten.  Die Feuerwehr bekämpft das  Feuer – und die Bundeswehr?

Ein Wortgeselle des Krisenfrühstücks ist das Arbeitsessen (drei zusammengesetzte Hauptwörter!): Ist das Essen die Arbeit? Oder arbeitet man beim Essen? Was wir auch immer darunter verstehen: Es ist ein Kulturbruch!

Jahrtausendelang hat der Mensch gegessen, um zu arbeiten. Als es ihm besser ging und er Kultur erschuf, hat er auch gegessen, um sich des Lebens zu erfreuen und mit netten Menschen zu plaudern. Platon  sprach beim „Symposion“, dem Gastmahl, mit Freunden über die Götter und die Welt. Christus feierte seinen Abschied mit seinen Freunden beim Abendmahl.   

Und wir Kulturbanausen erfinden das Krisenfrühstück und das steuerlich begünstigte Arbeitsessen. 

Noch einmal der Deppenapostroph: „Andrea’s Haarstübchen“ ist doch richtig

Geschrieben am 11. Oktober 2014 von Paul-Josef Raue.

„Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, mir Ihre Ansichten in Sachen Sprache nicht weiter Quell des Ärgers sein zu lassen“, schreibt mir ein Leser des „Friedhofs der Wörter“ und ärgert sich über „Freud und der Deppenapostroph“. Die „Tatsachenbehauptungen, die einfach falsch sind“ lassen ihn nicht ruhen:

• „Andrea’s Haarstübchen“ ist keineswegs die einzig korrekte Form. Es gibt auch kein Standardwerk (sei es die Amtliche Regelung, der Duden, oder, sagen wir, der Wahrig), das diese Ihre Behauptungen deckt.

• Vielleicht können Sie mir noch insoweit auf die Sprünge helfen, indem Sie mir nur die leiseste Begründung dafür lieferten, warum es in den beiden Fällen „Ableitungen mit sch und Genitiv von Eigennamen“ überhaupt einer solch apostrophalen Reform bedurft hätte.

Nun ist das Regelwerk unserer Sprache ein Labyrinth. Wer kennt schon alle Irrungen und Wirrungen? Und wer kennt sich aus beim Apostroph, dem – salopp ausgedrückt – nach oben gerutschtem Komma?

Der Apostroph ist das Auslassungszeichen. Wir schreiben: „Geht es gut“, aber sagen „Geht’s gut?“. Das verschluckte „e“ im „es“ markieren wir mit dem Auslassungszeichen.

Der Apostroph, nach der Rechtschreibreform, ist aber nicht nur das Auslassungszeichen, sondern auch ein Trennungszeichen, um den Sinn eines Begriffs zu verdeutlichen. So war es schon üblich vor hundert Jahren. Wir lesen heute in Regel 16 des „Duden“:

„In Verdeutlichung der Grundform eines Personennamens wird der Apostroph gelegentlich gebraucht: Vor der Adjektivendung -sch. Beispiel: die Grimm’schen Märchen (neben: die grimmschen Märchen).“

Als weiteres Beispiel für den Apostroph vor dem Genetiv-s gibt der Duden an: „Andrea’s Blumenecke (zur Unterscheidung vom männlichen Vornamen Andreas).“

Der „Wahrig“, ein geachteter Konkurrent des „Duden“, tauft Andrea um in Christina und schreibt in seiner Ausgabe von 2013: „Der Apostroph wird gesetzt „zur Verdeutlichung von Eigennamen: Christina’s Blumenshop“.“

Mein Kritiker schreibt noch: „Schillersche Verse waren von Schiller, dagegen schillersche wie von Schiller. Mag sein, dass diesen Unterschied nicht jeder deuten konnte. Aber jene, die es konnten, waren es wert, ihn zu machen.“

Diese Unterscheidung kann ich nirgends entdecken. Doch zur Schreibweise:

Der „Wahrig“ von 1975 kennt noch die „Schillerschen Dramen“, also ohne Apostroph, aber er beugte sich der Rechtschreibreform und verlangte ihn 2013 auch. Der „Wahrig“ tauscht 2013 Schiller gegen den Komponisten Schubert und legt – wie der Duden – diese Schreibweisen verbindlich fest – als Regel für Ableitungen von Namen, die mit -sch gebildet werden: „Schubert’sche Lieder“ und gleichrangig „schubertsche Lieder“.

Deutschlehrer müssen sich danach richten. Alle anderen, auch Journalisten, dürfen sich wundern.

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Überarbeitete Fassung von „Leser fragen“ in der Thüringer Allgemeine 11. Oktober 2014

Volontariat der Zukunft (1): Wie könnte die Ausbildung aussehen – am Beispiel der TA

Geschrieben am 28. September 2014 von Paul-Josef Raue.

„Der Traumberuf Journalist braucht vor allem Respekt vor den Menschen“ ist ein TA-Artikel überschrieben über die Ausbildung der Volontäre – in einer Extra-Ausgabe des „Thüringen Sonntag“, der Wochenend-Beilage. „Grenzgänger“ nennen die Volontäre ihr Gesellenstück: Zum Abschluss ihrer Ausbildung recherchieren sie eine Woche lang im deutsch-polnisch-tschechischen Dreiländereck und erzählen Geschichten von Menschen, die Grenzen überwinden – auch ihre eigenen. Am heutigen Montag (29.9.14) werden die fünf Nachwuchs-Redakteure der TA in Dresden mit einem der deutschen Lokaljournalisten-Preise ausgezeichnet.

Wer vor fünfzig Jahren Journalist werden wollte, verbrannte sich die Finger, buchstäblich. Der Lehrling, der in einer Redaktion Volontär heißt, ging an seinem ersten Tag in die Druckerei: Das, was er geschrieben hatte, wurde von Maschinen in Blei gegossen, Buchstabe für Buchstabe, Satz für Satz, Artikel für Artikel.

So verschwand das, was ein Redakteur dachte und schrieb, nicht in unsichtbare Computer-Sphären, sondern war fassbar: Geist wurde zu Materie – was für eine wunderbare Welt! „Schau Dir an, was Du geschrieben hast!“, sagte der Mann an der Bleisetzmaschine und forderte auf: „Greif zu!“

Der Volontär griff zu und packte die in Blei gesetzten Zeilen – und ließ sie sofort auf den Boden fallen, wo der schöne Artikel heillos zerwirbelte. Das Blei war heiß, viel zu heiß, um es gleich in die Hand nehmen zu können.

Die Setzer lachten über das alte Spiel, das schon ihre Vorfahren getrieben hatten, und bestanden auf dem Einstand: Ein Kasten Bier.

Mit beweglichen Lettern, also Buchstaben aus Blei – so druckte man Zeitungen und Bücher ein halbes Jahrtausend lang, erfunden von Johannes Gutenberg in Mainz. In wenigen Jahrzehnten am Ende des vergangenen Jahrhunderts verschwanden Blei und schwere Druckplatten, die man spiegelverkehrt lesen musste: Heute ist alles digital, fast digital. Nur den Redakteur gibt es selbstverständlich noch, doch aus dem Denker und Schreiber ist auch ein Setzer geworden dank perfekter Computer-Programme.

Die Revolution der Technik spiegelt sich auch in der Ausbildung wieder: Heute verbrennt sich kein Volontär die Finger mehr, heute braucht er nur noch seinen kleinen Computer und kann schreiben und fotografieren und filmen und telefonieren, wo immer er sich auch aufhält – und Seiten bauen für die Zeitung und das Internet.

So entstand eine Sonderausgabe des „Thüringen Sonntag“ nicht in den TA-Redaktions-Räumen, sondern in einem Kloster an der polnischen Grenze – in einer Recherche-Werkstatt zum Abschluss des Volontariats.

Es ist das Gesellenstück einer neuen Redakteurs-Generation, ein Stück das gleichzeitig für das Internet, die sozialen Netze und die Zeitung produziert wird.

Schon zu Beginn ihrer Ausbildung haben die Volontäre in einer Reportage-Woche ihr Können gezeigt: Sie porträtierten Menschen und ihre Arbeit in der Landwirtschaftsgesellschaft in Bad Langensalza – und wurden dafür gleich mit zwei Preisen für Nachwuchsjournalisten geehrt.

Was ist neu an der Ausbildung? Sie ist komplett multimedial. Die Volontäre probieren die neuen Möglichkeiten des Journalismus aus, sie wühlen und schreiben in sozialen Netzen und üben sich beispielsweise im Daten-Journalismus – der mehr ist als Googeln, der im Internet schürft und in großen, allgemein zugänglichen Datenbanken.

Doch die eigentliche Revolution spielt sich nicht nur in der Technik ab, sondern in unserer Gesellschaft: Noch nie war Kommunikation so einfach, so laut, so überwältigend und so teuer wie heute.

Wer durch die Straßen flaniert, sieht nur noch Menschen, die telefonieren oder auf ihrem Smartphone die neuesten Mitteilungen studieren. Die Welt ist zum Marktplatz geworden. Noch vor einigen Jahrzehnten war es der Journalist, der Nachrichten entdeckte und weitergab und seine Meinung dazu verkündete. Heute kann es jeder. Wird der Journalist überflüssig?

Nein, im Gegenteil – er ist wichtiger denn je, aber seine Aufgaben verändern sich.

> Der Redakteur hilft den Menschen, sich nicht hilflos in der Fülle der Informationen zu verirren: Er findet das Wichtige und sortiert das Unwichtige aus; er scheidet wirkliche Nachrichten von Gerüchten, Vermutungen und nutzloser Plauderei.

> Er erklärt intensiv, was die Welt seiner Leser und die große Welt zusammenhält; er schaut noch tiefer in die Kulissen unserer aufgeregten Zeit und erzählt Geschichten aus dem Leben statt nur sachliche und oft schwer verständliche Nachrichten weiterzugeben; er entdeckt mit List und Geschick, was die Mächtigen verheimlichen wollen.

> Er weiß, dass die Leser – und nicht nur die jungen – von Konsumenten zu Mitdenkern und Mitmachern geworden sind; sie wollen ihre Meinung sichtbar machen, sie wollen – gerade im Osten – die neue Meinungsfreiheit nutzen und genießen: Wie organisiere ich eine faire und unterhaltsame Beteiligung der Menschen? Wie entdecke ich originelle, mutige, gar kostbare Ideen und Meinungen, damit sie nicht eingehen wie Wassertropfen in dem Ozean, den wir Internet nennen?

Unsere Volontäre schauen vor allem auf die lokale Welt, auf den Alltag der Menschen, für die sie schreiben, auf die Nachbarschaft, die Heimat: Wie können wir – ob in der Zeitung oder im Internet – die Bedürfnisse der Menschen und ihre Wünsche, auch die heimlichen, erfüllen? Unsere Volontäre arbeiten mit der Lese-Forschung: Wie lesen die Menschen? Was lesen sie – und wann?

Kurzum: Die Volontäre lernen die Fähigkeit, den Veränderungen von Gesellschaft und Medien mit Engagement und Können zu folgen. Zuallererst lernen sie allerdings, was den Journalismus seit altersher ausmacht: Gescheit die Mitmenschen zu informieren, verständlich zu schreiben – und so unterhaltsam, dass sie die Lust aufs Lesen entzünden.

Ach, werden manche Leser klagen (nicht nur Studienräte und Liebhaber unserer schönen Sprache): Lernen Sie denn auch die Beherrschung unserer Sprache?

Ja, aber wir können im Volontariat nicht alle Defizite von Schule und Hochschule ausgleichen. Wir sind nicht die einzigen, die klagen: An der größten Schweizer Journalistenschule ist vor Kurzem ein neues Fach eingerichtet worden – Grammatik.

Auch wenn böse Zungen das Gegenteil beschwören: Journalist ist ein Traumberuf – und bleibt ein Traumberuf. Wer davon träumt, sollte aber mitbringen: Respekt, wenn nicht gar Liebe zu den Menschen; Lust am Schreiben und eine große Portion Können; Erfahrung als Freier in einer Redaktion oder Inhaber eines Blogs, der ständig gefüllt und kommentiert wird.

Wer sich also bewerben will, dem sei geraten: Zeige Leidenschaft für einen der schönsten Berufe der Welt! Das Handwerk kann man erlernen, das Brennen der Leidenschaft nicht.

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Thüringer Allgemeine 27. September 2014

Facebook Kommentar von Wolfgang Kretschmer (30.9.14)

Habe als Volontär selber noch zu Schreibmaschinenzeiten „Bleisatz“ gelernt. Auf dem Arbeitstisch stand ein Töpfchen mit Pinsel und Leim („Elefantensperma“, falls man im Schreibeifer Bewässerung vergaß), um Agenturnachrichten und eigene Texte,teils in der Eile mit Sauklaue geschrieben, zusammenzuschneiden und zusammenzukleben. Bis dann der „Sätzer“, ehemaliger TAZ-Jargon, mit den Druckfahnen kurz vor Redaktionsschluss erschien und einem bewies, dass man Zeilenanschläge falsch berechnet und sich überhaupt in manchen Details geirrt hatte.

Raue rückt den „Traumberuf Journalist“ in die Nähe von Hohen Priestern demokratisch gesinnter Menschenfreundlichkeit. Wenn dem nur so wäre. Volontäre (m/w) werden in der Regel über Jahre hinweg nach Gutdünken der jeweiligen Verlage miese bezahlt und lange hingehalten mit der Aussicht auf Festanstellung. Sie erleben entweder im eigenen Verlag oder sehen an anderen Blättern das fortlaufende Zeitungssterben und fühlen sich derzeit hineingeworfen in den Orkus von Print und Online. Darauf lässt sich keine Lebensplanung aufbauen, die einem freien Geist seit jeher zu produktiver journalistischer Arbeit Raum schuf.

Erinnert sei nur an Schiller, den Publizisten, ständig bemüht, neue Einkommensquellen aufzutun. Ohne die verlässliche Zulieferung von Texten freier Mitarbeiter, den eigentlichen Seitenfüllern nicht nur in Lokalzeitungen, wäre selbst deren Redaktionsleiter oder Chefredakteur verratzt. Diee eigentliche Frage wäre also, was treibt einen überhaupt an, Volontär zu werden? Heutzutage wieder eine fast brotlose Kunst wie einmal in früheren Zeiten, obwohl immer bessere Qualifikationen erwartet werden. Ich gebe zu, als Redakteur in besseren Zeiten auch gewerkschaftlich orientiert und sehr neugierig auf Menschen unterwegs gewesen zu sein.

Wenn die Sprache Zickzack läuft: „Geistlich“ oder „geistig“?

Geschrieben am 19. September 2014 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 19. September 2014 von Paul-Josef Raue in Aktuelles, D. Schreiben und Redigieren.

Ein Leser wunderte sich, als er am gestrigen Freitag auf der dritten Seite der Thüringer Allgemeine vom neuen Erfurter Bischof las als dem „geistigen Oberhaupt“: „Ich kam ins Grübeln über „geistige“ und „geistliche“ Oberhäupter. Ein flüchtiges Suchen im Internet brachte mir noch keine Erleuchtung, ob ich den neuen Bischof als mein geistiges oder geistliches Oberhaupt ansehen soll. Vielleicht können Sie ja tiefer in die Materie einsteigen?“

TA-Chefredakteur antwortete in seiner Samstag-Kolumne „Leser fragen“:

Eigentlich müsste es „geistliches Oberhaupt“ heißen. In unserem Sprachgebrauch hat „geistlich“ die Bedeutung von „religiös“; so sprechen wir auch vom Dalai Lama als dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter. Im engeren Sinne meint es bei uns „christlich“ oder „katholisch“; so nennen die Katholiken ihre Priester auch „Geistliche“.

„Geistig“ hingegen hat wenig mit der Religion zu tun: Es bedeutet in der Regel „intelligent“. Wer ein Kopfmensch ist, logisch denken kann, der ist „geistig gesund“ – im Gegensatz zu geistig behinderten oder geistig verwirrten Menschen.

Allerdings geht es auch heute, nicht nur auf der dritten TA-Seite, munter durcheinander: mal geistig, mal geistlich – wobei die Statistik das „geistliche Oberhaupt“ klar vorne sieht.

Auch in der Geschichte unserer Sprache wechselte die Bedeutung von Jahrhundert zu Jahrhundert: Mal wurden die beiden Wörter sinngleich benutzt, dann verschwand – beispielsweise vor fünfhundert Jahren – das Wort „geistig“ nahezu komplett aus unserer Sprache. Luther definierte etwa: „Das muss ja geistlich heißen, was der Geist tut und vom Geist kommt“; das nennen wir heute eben „geistig“ und nicht geistlich.

Und Goethe schrieb aus Weimar an seinen Freund Herder, als der sich in Italien herumtrieb: „Deine Frau besuche ich von Zeit zu Zeit und öfter, wenn der geistliche Arzt nötig sein will.“ Aber da meinte der Geheimrat keinen religiösen Seelentrost, sondern seinen Trost des Geistes.

Es gibt noch eine Bedeutung von „geistig“, die wir scherzhaft heute noch bei einem Glas Wein oder Bier nutzen. In einem Leipziger Lexikon von 1731 finden wir sie schon: „Einige Brauer decken den Kessel fest zu, damit das Bier geistiger und stärker bleibe.“

Vielleicht ist der neue Erfurter Bischof ja all dies zusammen: Geistlich und geistig – und ein Freund edler geistiger Getränke.

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Thüringer Allgemeine 20. September 2014

Es lebe der Superlativ! Was ist die Steigerung von „knapp“ und „sehr knapp“?

Geschrieben am 17. September 2014 von Paul-Josef Raue.

ntv am frühen Morgen: Der Moderator schaltet nach Schottland, es geht um die Abstimmung zur Unabhängigkeit. Es wird wohl „knapp“, meint der Moderator, und fügt hinzu „sehr knapp“. Und was sagt der Korrespondent in Schottland? „Ja, es wird wahnsinnig knapp.“ Was für ein Wahnsinn!

Journalisten lieben den Superlativ und steigern ihn in den Wahnsinn. Es begann mit dem GAU, dem größten anzunehmenden Unfall. Es liegt in der Natur des Endlichen, dass der „größte“ Unfall nicht mehr der größte ist, wenn ein anderer noch größer ist. Der bekommt dann den Ehrentitel „Gau“.

Wie nannten wir Journalisten ihn? „Super-Gau“. Der nächste, der noch größer ist? „Mega-Gau“. Welche Steigerungen sind noch möglich: „Super-Mega-Gau“ und „Mega-Mega-Gau“ oder „Wahnsinns-Gau“.

Nach der Rettung des Genitivs sollten wir uns an die Rettung des Superlativs wagen.

Ein journalistisches Prinzip: „Wir müssen auf die Präzision der Sprache achten“

Geschrieben am 12. September 2014 von Paul-Josef Raue.

„Eine Lichtung, von Wald umgeben“ schrieb Annette Milz, Chefredakteurin des Medium Magazin , in einem ihrer ersten Artikel. Ihr Chef fragte sie: „Wo hast Du schon einmal eine Lichtung gesehen, die nicht von Wald umgeben ist?“. Sie antwortete reflexartig: „Natürlich gibt’s das!“

Der Chef blieb ungerührt: „Wenn Du mir diese Lichtung nennst, die nicht von Wald umgeben ist, darfst Du das schreiben. Wenn nicht, streichst Du ,Von Wald umgeben'“. Das erzählte Milz in einem Interview mit Wolfram Kiwit, dem Chefredakteur der Ruhr-Nachrichten.

Das Erlebnis prägte Milz in zweierlei Hinsicht:

1. Wir müssen als Journalisten auf Präzision der Sprache achten.
2. Wir müssen auf eine präzise Information achten.

Ein Glück, wer solch einen Chef hatte. Hochachtung vor dem, der solch eine Lektion wirklich lernte – und nach ihr lebte.

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