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Journalisten in der Ehe – ein Ausnahmezustand?

Geschrieben am 15. August 2012 von Paul-Josef Raue.
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Der Schauspieler Christian Redl sagt: Der Beruf des Schauspielers ist ein Ausnahmezustand, der sich, wenn in einer Ehe beide Schauspieler sind, verdoppele. „Ich war die längste Zeit meines Lebens in Schauspielerbeziehungen, und das war nicht nur gut. Heute bin ich es nicht mehr, und ich kann sagen: Es geht mir besser.“

Als Stern-Autor Michael Stoessinger die bewegende Geschichte von Susanne Lothar aufschrieb, das tragische Ende und das tragische Leben, da ist Christian Redl einer seiner Informanten, der zweimal das Sein einer Schauspielerin mit dem des Journalisten vergleicht. Da ist zum einen die Journalisten-Ehe, die offenbar ähnlich „ungut“ verlaufen könne wie eine Schauspieler-Ehe, wenn der Beruf zum Dauerthema werde und es einen ungesunden Wettbewerb gebe. „Nicht, dass einem der eigene Partner den Rang abläuft. Es geht um Anerkennung: Wie werde ich wahrgenommen?“

Zum anderen ist es die Überwundung von Schüchternheit und Unsicherheit, die einem Schauspieler so unendlich viel Kraft koste. In Stoessingers Nachruf lesen wir:

„Umsonst gibt es das nicht“, sagt Redl und meint damit den rezeptfreien Tranquilizer, „den wir doch in diesen Berufen Schauspielerei, Journalismus, Medizin und Schriftstellerei so schätzen“. Das Belohnungs- und das Runterkommglas, das Seelentröster-, Nur-mal-so- und Lustglas. Schließlich das Abhängigkeitsglas.“

(zu: Handbuch-Kapitel 2-4 Die Journalisten)

Googeln macht blöd und lässt das Gehirn schrumpfen

Geschrieben am 15. August 2012 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 15. August 2012 von Paul-Josef Raue in Aktuelles, Online-Journalismus.

Die dunklen Seiten von Online werden im Sommer seitenweise beschrieben; die Warnungen vor dem Computer, der unsere Kinder verdirbt und Familien zerstört, haben Konjunktur. Erst schreibt der Stern seine Titelgeschichte zu „iSolation – Immer online, aber sprachlos: Wie die digitale Welt unser Familienleben verändert“ (33/2012 vom 9. August), dann füllt die Süddeutsche in einem Spezial sieben Seiten ihrer Wochenend-Beilage, schließlich warnt der Ulmer Gehirnforscher Manfred Spitzer unentwegt, Kinder zu früh vor den Computer zu setzen. Er warnt in seinem neuen Buch „Digitale Demenz“, er warnt in Bild (13. August) „Bringt uns das Internet um den Verstand“, und er warnt in einem Interview mit dem Kurier (Österreich) „Macht googeln blöd“:

Wenn wir geistige Arbeit an Maschinen abgeben – und digitale Medien sind nichts anderes als Denkmaschinen – findet die geistige Arbeit nicht mehr in unserem Hirn statt. Beispiel: Wer Auto fährt, benutzt nicht seine Muskeln zur Fortbewegung, sondern einen Motor. Wenn man nun mit Navi fährt, erledigt nicht unser Gehirn das Navigieren, sondern das kleine Kästchen. Beim einen schrumpfen die Muskeln, beim anderen schrumpft das Gehirn.

VERBLÖDUNG: In Alabama wurden 15.000 Computer an Schüler verteilt. Hoffnung: Ihre Bildung zu verbessern. Das Experiment wurde nach drei Jahren abgebrochen, weil der Bildungsstand der Schüler sich gegenüber jenen deutlich verschlechtert hatte, die keine Computer hatten.

MULTI-TASKING: Angeblich müssen wir das Multitasking lernen, damit wir in der modernen, digitalen Welt erfolgreich sein können. Doch die Menschen sind schlichtweg nicht dafür gebaut, mehr als einem Handlungsstrang zu folgen. Versuchen Sie mal zwei Unterhaltungen gleichzeitig zu führen! Es geht nicht! Tut man es trotzdem, trainiert man sich eine Aufmerksamkeitsstörung an. Multitasker beherrschen alle geistigen Fähigkeiten, die sie zum Multitasken brauchen (Unwichtiges wegdrücken, Aufgabenwechsel) schlechter als Leute, die nicht Multitasken. Und: Sie haben nachweislich Probleme bei der Kontrolle ihres Geistes.
 

Bild bringt Spitzers sieben Thesen:

1. Wir denken weniger selbst
2. Wir verlernen, uns zu orientieren
3. Wir merken uns weniger
4. Wir lernen schlechter
5. Wir werden einsamer
6. Wir werden unkonzentrierter
7. Wir verlieren die Selbstkontrolle

(zu: Handbuch-Kapitel 5 Die Internet-Revolution)

Unbedingt am Donnerstag anschauen: Bednarz‘ „Wickelfront“

Geschrieben am 1. Mai 2012 von Paul-Josef Raue.
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Wie ergeht es einem Spiegel-Redakteur mit Karriere-Ambitionen, aber schon nahe der 50, wenn nach vielen Fehlversuchen plötzlich Zwillinge ein spätes Vaterglück bescheren? Dieter Bednarz ist der Spiegel-Experte für den Nahen Osten, vor allem Iran und Israel. Er nimmt mehr als zwei Jahre Auszeit, überlässt seiner Frau, einer erfolgreichen Anwältin, die Karriere und zieht an die „Wickelfront“.

Gerade beim SPIEGEL sollte meine Sorge, die Teil-Auszeit könnte dem beruflichen Weiterleben schaden, unbegründet sein. Zwar herrschte schon immer ein eher rauer Ton im Haus. Aber es stimmt einfach nicht, dass einer unserer Chefredakteure je handgenähte Schuhe aus der Haut seiner Redakteure getragen hätte…

Richtig ist aber, dass manche Kollegen vorne gratulieren und hinten sticheln.. Es geht auch darum, dass all jene Kollegen und Kolleginnen umdenken, die sich bewusst für ihre Karriere statt für eine Familie entscheiden, denen ihre Geschichten nun mal wichtiger sind als die Geburt ihrer Kinder.

So Dieter Bednarz in seinem Bestseller „Überleben an der Wickelfront“, das er nach den Vaterjahren geschrieben hat und das am Donnerstag um 20.15 Uhr im ZDF als TV-Film zu sehen ist. Es ist ein gelungener Journalisten-Film, in dem endlich Journalisten nicht als Karikaturen wie Baby Schimmerlos oder als gierige Paparazzi gezeigt werden – sondern als verletzliche Wesen, besonders die späten Väter, als verletzende, besonders im Karriere-Kampf, um überhebliche, besonders in leitenden Positionen.

Die anrührendste Szene des Films, in dem Uwe Ochsenknecht den Bednarz gibt, spielt im Garten der iranischen Botschaft in Berlin. Da der Wickel-Vater vom Schreiben nicht lassen kann, macht er heimlich ein Interview mit dem iranischen Aussenminister aus. Er findet keinen Babysitter, verzweifelt und nimmt einfach die Zwillinge in die Botschaft mit. Die Sicherheitsleute sind entsetzt, der Außenminister aber entzückt. Er geht mit den Dreien in den Garten und gibt ein exzellentes Interview.

Also: unbedingt anschauen. Der Film ist gute Unterhaltung, weil er schwere Themen leicht, aber nicht oberflächlich serviert: Schlaflose Nächte, nervende Kinder, alltägliche Katastrophen, schwerste Ehekrisen, schlechtes Gewissen der „Rabenmutter“, Karriere-Entzug mit schwersten Symptomen, Mobbing der Kollegin, die ihre Chance wittert, nervende und besserwissende Schwiegermutter usw.

Dieter Bednarz lobt den Film, zumal er eine 3-Sekunden-Statistenrolle spielt – als glatzköpfiger Kellner.

Und wie war’s danach? Die Karriere war vergessen, aber Bagdad gab’s noch immer:

Es muss sein, weil ich nach 30 Monaten Windelduft und Muttermilcharoma raus will aus der Papa-Mama-Kind-Symbiose, die mit den Atem raubt: Sie war höchstes Glück, weil ich mich nie zuvor so innig, zärtlich und offen erlebt habe; sie war tiefste Verunsicherung, weil ich nie zuvor so verletzlich, so dünnhäutig war; beides schnürt mir die Kehle zu.

Der „Stern“ gibt in seinem TV-Magazin nur drei Punkte und schreibt: „Kann das wahr sein? – Nee, aber ganz lustig.“ Demnächst bitte mal wieder das Buch zum Film lesen oder gar mit dem Kollegen von der Konkurrenz sprechen.

Überleben an der Wickelfront, ZDF, Donnerstag, 3. Mai, 20.15 Uhr

BUCH: Dieter Bednarz, Überleben an der Wickelfront. DVA, 17.95 (Taschenbuch 9.95; E-Book 8.99 €)

Die Jungen wollen nicht mehr wissen, was auf der Welt los ist

Geschrieben am 10. Februar 2012 von Paul-Josef Raue.
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Was ist nur mit den jungen Leuten los?, fragt Wolf Schneider im zweiten und abschließendem Teil seiner Dankesrede, nachdem ihm im Mai 2011 der Henri-Nannen-Preis für sein Lebenswerk verliehen worden war (erster Teil: 8. Februar in diesem Blog):

„Dazu kommt nun eine schlimme Entwicklung, die noch wenig beredet wird. Dass alles Gedruckte bedroht ist, das wissen wir ja. Die viel schlechtere Nachricht lautet: Eine wachsende Zahl von unter 30jährigen (Allensbach behauptet: schon die Hälfte!) will gar nicht mehr wissen, was auf der Welt los ist!

Peter Frey vom ZDF sieht es so: „In einer Art Slalom zappt die Klientel um alles herum, was nach Information riecht.“ Matthias Müller von Blumencron vom Spiegel sagt: „Viele Leute lassen sich eher bei Facebook durch ihre Freunde informieren als durch die Medien – das ist unsere neue Konkurrenz.“ Schon hört man von Redaktionen, die die Auswahl und die Aufmachung ihrer Stoffe danach ausrichten, dass sie die Chance haben, via Facebook möglichst oft weiterempfohlen zu werden. „Es ist Facebook, das den ,Küchenzuruf’ organisiert“, sagt der Chef von stern.de.

Und Rupert Murdoch hat gerade The Daily auf den Markt gebracht, eine Tageszeitung fürs iPad: Texte, Bilder, Töne – Nachrichten, Klatsch und vie-le Spiele. Die gute Nachricht lautet: Bisher ist The Daily ein Misserfolg. Und dabei durften und sollten die Nutzer der Redaktion dauernd schreiben, was sie sich wünschen.

Was sie sich wünschen! Eben. Damit wird die journalistische Tugend torpediert, den Bürgern auch Informationen zu vermitteln, die sie haben sollten, ob sie sie sich gewünscht haben oder nicht. Und es wird obendrein eine große journalistische Chance verspielt: nämlich zu wittern, wofür sie sich morgen interessieren werden! Selbst Leser alten Stils wissen das bekanntlich nie – anbieten muss man ihnen, was sie mögen werden! So, wie Henri Nannen Anfang der 60er Jahre dem Sternleser plötzlich Politik zumutete – zum Entsetzen von Bucerius und mit der Wirkung, dass der Stern dramatisch an Gewicht gewann, die Auflage steigerte und dem Weltruhm zustrebte.
Also: Begnadete Journalisten gesucht, die erschnuppern, womit man 18jährige zurückgewinnen kann! „Rastloser Planet sucht neuen Journalismus“, inseriert die Welt Kompakt, und sie hat recht: einen Journalismus, dessen Küchenzurufe bis in Clubs und Discos schallen.

Dabei würde uns jene Gesinnung helfen, die mir an Henri Nannen am meisten imponiert hat – er beschrieb sie nicht so, aber er strahlte sie ab, er lebte sie vor, er forderte sie ein: „Dass wir die Größten und die Großartigsten sind – das ist uns selbstverständlich viel zu wenig! Leute, krempelt die Ärmel auf!“

Und so rufe ich allen Journalisten (und zumal den hier Versammelten) zu: Dass Sie guten, dass sie brillanten Journalismus machen, das ist zu wenig, wenn der Journalismus überleben soll: Ideen müssen her! Krempeln wir die Ärmel auf!“

(zu Handbuch: Kapitel 54 „Die neue Seite 1 (Küchenzuruf)“ und Kapitel 46 „Die Redaktion: Wer hat die Macht“ und Schlußkapitel „Welche Zukunft hat der Journalismus“)

Schneiders Lebensstil: Kein Yoga – kein Joghurt

Geschrieben am 8. Februar 2012 von Paul-Josef Raue.

Wolf Schneider, einer der beiden Handbuch-Autoren,  erhielt am 6. Mai 2011 den Henri-Nannen-Preis für sein Lebenswerk. Im ersten Teil seiner Dankesrede sagte er:

„Ich bedanke mich und bin stolz auf diesen Preis. Er trifft insofern nicht ganz den Falschen, als ich unter den Preisträgern der erste (und in diesem Haus vermutlich der letzte) bin, der Henri Nannen in seiner größten Zeit erlebt und noch direkt von ihm gelernt hat – mehr als von jedem anderen Men-schen; und unbefangen füge ich hinzu: Es hat auch kein anderer Mensch von ihm so viel gelernt wie ich.

„Lebenswerk“ freilich – das klingt ein bisschen nach „gewesen“, nach Plusquamperfekt. Deshalb hänge ich mich nicht ungern an das an, was mir heute früh im Fahrstuhl Helmut Markwort vorgeschlagen hat: doch einfach von einem „Lebensabschnittspreis“ zu sprechen.

In der Tat, ich habe noch viel vor – beflügelt von den journalistischen Generaltugenden Neugier, Misstrauen und Ungeduld – gestützt auf vier Kinder, auf die ich stolz bin – Arm in Arm mit meiner Frau. Ohne sie stünde ich nicht hier. Gemeinsam betreiben wir ein florierendes Kleinunternehmen für gehobene Prosa. Und einig sind wir uns auch über unsern Lebensstil: Kein Yoga – kein Joghurt – Dampf in der Hütte – und einen Hauch von Leichtsinn bis zum Schluss. Danke, Lilo.

Henri Nannen! „Dieser überwältigende, lastende Mann“ – so hat Gerd Bucerius ihn genannt: diesen großen Zámpano der deutschen Presse – den Renaissance-Fürsten, fröhlichen Leute-Schinder und Baum von einem Mann! Zugunsten der Leser warf er mit Millionen um sich und schaufelte dabei seinen Verlegern Milliarden in die Tasche. Ein launisches Kraftpaket, von den Redakteuren gefürchtet, bewundert, gehasst, geliebt. Meldete er sich in den Urlaub ab, ging ein Aufatmen durch die Redaktion – dasselbe aber, wenn er wiederkam.

Wir keuchten unter ihm, wir strampelten in dem Hochdruckkessel, den er lustvoll beheizte – und entgegen einem populären Fehlurteil ist Druck etwas Wunderbares für alle, die etwas schaffen wollen.

Natürlich, es war viel Frust in der Redaktion: Denn sie produzierte ja immer Stoff für zwei bis drei „Sterne“, aus denen Nannen den einen herausknetete, der dann erschien. Aber es zog auch ein Hauch von Begeisterung durch die Räume, wenn wir es wieder mal gestemmt hatten, dieses unglaubliche Blatt, das das heißeste Medium deutscher Sprache war, die größte, erfolgreichste, renommierteste Illustrierte der Welt! Und ich kann sagen: Ich bin dabeigewesen.

Wie man den bloßen Blätterer permanent überrascht und förmlich hineinreißt in die Geschichten: Das wusste Nannen besser als jeder andere, das lehrte er, das setzte er um. Dass drei pakistanische Eigennamen in zwei Zeilen den Leser zuverlässig verscheuchen – dass ein schwerfälliger zweiter Absatz alle folgenden Absätze sinnlos macht – und natürlich, dass jeder Text mit einem Satz beginnen oder auf einen Satz zulaufen muss, den der Leser so schön oder so verblüffend findet, dass es ihn drängt, ihn seiner Frau zuzurufen: der Küchenzuruf in Nannens Bildersprache! Ich lehre ihn seit 32 Jahren, fast gerührt habe ich in wiedergefunden als Mahnung in den „Textstandards“ von Spiegel online.

Das Erstaunliche ist nun, dass alles, was Nannen erspürte, praktizierte, lehrte und erzwang, noch ungleich wichtiger geworden ist, als es zu seiner Zeit war. Denn dramatisch gestiegen ist ja das Angebot an gedrucktem und gesendetem Text – gleichzeitig gesunken die Bereitschaft zu gründlicher, gar geruhsamer Lektüre – gewachsen schlechthin die Kurzatmigkeit, die Ungeduld! Wer erreicht auf dem Bildschirm noch die letzte Zeile? Ist der typische Blogger nicht ein Mensch, der erst mal protestiert, ehe er gelesen hat? (Wenn überhaupt.)“

Seiten:«12

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