Alle Artikel der Rubrik "B. Die Journalisten"

Die Leiden des Chefredakteurs in seiner Redaktion (Zitat der Woche)

Geschrieben am 30. Mai 2013 von Paul-Josef Raue.

Ich habe (einen Leser) eingeladen, sich persönlich in der Redaktion davon zu überzeugen, dass auch der Chefredakteur nur einer unter vielen Redakteuren ist und mit lauter Redakteuren zusammenarbeitet, die sich von ihm nichts sagen lassen, sondern eine eigene Meinung haben.

Joachim Braun, Chefredakteur des Nordbayerischen Kurier (Bayreuth) in seinem Blog „Angekommen in Bayreuth“, als zu einem öffentlichen Treffen mit dem Chefredakteur gerade mal zwei Leser gekommen waren.

Journalismus der Zukunft: Blogs, lousy Pennies, Arbeitsverdichtung, geringere Gehälter

Geschrieben am 17. Mai 2013 von Paul-Josef Raue.

Joachim Braun, Chefredakteur in Bayreuth, hat den Gewerkschaftsmitgliedern in Bayern einiges zugemutet, als er am 11. Mai über die Zukunft der Zeitungen und Journalisten sprach:

1. Neue digitale Kanäle (Blogs, Social Media)
2. Diversifizierte Geschäftsfelder (Lousy Pennies)
3. Arbeitsverdichtung (Kleinere Redaktionen)
4. Geringere Gehälter (Ausstieg aus dem Tarif)
5. Höhere Qualifikation (Multikanalität)

Oder:Der Zusammenbruch des Mediensystems!

Ich kenne nur die Powerpoint-Präsentation, aber ahne: Joachim Braun wird kaum neue Freunde unter den Journalisten gefunden haben – auch nicht mit einem Zitat von Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo:

Wir müssen uns fragen, ob wir eigentlich die Berichterstattung machen, die die Lebenswirklichkeit unserer Leser trifft. (2011 auf der Jahrestagung des Netzwerk Recherche)

Wie treffen wir den Leser:

1. Sei näher am Kunden! (Perspektive)
2. Erkläre die Welt! (Neugierde)
3. Gehe hin, wo‘s weh tut! (Haltung)
4. Kommuniziere! (Reflektion)
4. Werde mobil! (Veränderung)
5. Frage Dich, wer Du bist (Rollenverständnis)

Das ist zwar nicht neu, aber provokant auf einige Merksätze konzentriert. Ob Braun wohl Beifall bekommen hat?

Sport-Interviews auf einem Teppich aus Schleim (Zitat der Woche)

Geschrieben am 12. Mai 2013 von Paul-Josef Raue.

Seine Fragen sind keine Fragen, sondern ein einziger Teppich aus Schleim.

So Detlef Esslinger in der SZ zur Interview-Technik des ZDF-Sportredakteurs Boris Büchler, pünktlich zu den Meister-Jubelfeiern in München und (vielleicht) in Dortmund. Esslinger hat auch in den großen Topf der kostbarsten Büchler-Fragen gegriffen:

  • Ihr Tor war Fußballkost vom Feinsten. Wie würde der Kommentator Hanke diesen Treffer kommentieren? (zu Mike Hanke von Gladbach)
  • Wenn man sich das 1:0 von Sahin anguckt, das hatte richtig Champions-League-Klasse – würden Sie das unterschreiben? (zu BVB-Trainer Jürgen Klopp)
  • Wie intensiv schlägt Ihr BVB-Herz an einem solchen Freudentag? (zu Klopp nach einem Sieg gegen Bayern; der antwortete: Ja, Gott, da habe ich mir noch keine Gedanken gemacht)

Im ZDF-Sportstudio fragte Michael Steinbrecher den Schalker Julian Draxler: „Können Sie sich noch an den Schalker Uefa-Cup-Sieg von 1997 erinnern?“ Draxler war damals vier Jahre alt. Nachdem Draxler Steinbrecher auf seine Jugend hingewiesen hatte, schaute der Moderator zur nächsten Frage auf seinem Zettel „Wer war denn damals Ihr Schalker Idol“ und stellte sie auch.

Quelle: SZ 11.Mai 2013

Der NSU-Prozess: Offener Brief aus der Provinz gegen die hochmütige FAZ

Geschrieben am 5. Mai 2013 von Paul-Josef Raue.

Sehr geehrter Herr Schäffer,
verehrter Kollege (wenn Sie diese Anrede nicht als Anmaßung verstehen, denn ich schreibe nicht für eine überregionale Zeitung, sondern für eine Provinzzeitung),

Sie schreiben in der FAS zum NSU-Prozess:

Wie soll Öffentlichkeit in einem Verfahren, in dem die Grundfeste unseres Gemeinwesens verhandelt werden, anders hergestellt werden als durch eine Berichterstattung in überregionalen Tageszeitungen und Wochenzeitungen?

Sie erkennen, dass dies Hochmut ist gegenüber den Regional- und Lokalzeitungen, und sie geben dies auch zu:

Das ist kein Dünkel gegen regionale und lokale Zeitungen. Sie haben ihre Stärke und ihre Funktion. Sie bieten hohe journalistische Qualität, die unsere deutsche Zeitungskultur prägt. Aber wie der NSU-Prozess verläuft, wird auch und gerade jenseits der deutschen Grenzen beobachtet. Das Bild, das sich die Welt von Deutschland macht, wird durch die überregionalen Zeitungen bestimmt.

Das ist ein vergiftetes Lob: Provinzzeitungen sind für Provinzler da, wir schreiben für die Welt. Also stellt Euch in die Ecke, Ihr Lokalzeitungen und Provinz-Redakteure!

Mit Verlaub, geschätzter FAZ-Redakteur, dies ist ein Prozess für die Provinz,  vor allem für die ostdeutsche Provinz. Aus Jena kommen die meisten der jungen Leute, die des Terrorismus angeklagt sind; sie sind im Osten aufgewachsen und haben in Thüringen und Sachsen ihre Unterstützer gefunden.

Die Menschen in der Ex-DDR, die einer unglaublichen Revolution zum Erfolg verhalfen, sind durch die NSU in den Generalverdacht geraten: Im Osten sei der Nährboden des braunen Terrors! Im Osten lebten die Menschen, welche die Mord-Serie erst möglich machten!

Die Regional- und Lokalzeitungen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg haben intensiv über die NSU und die Neonazis recherchiert, haben viele Details ans Licht befördert. Die Lausitzer Rundschau beispielsweise hat einen der Nannen-Preise gewonnen, weil sie sich den braunen Kämpfern entgegen stellte, sich nicht einschüchtern ließ und weiter recherchierte.

Für solch eine Recherche in der Lausitz braucht ein Lokalredakteur kein klimatisiertes Büro und keinen internationalen Vertrieb: Er braucht Mut, weil die Neonazis seine Gesundheit bedrohen, er braucht Zivilcourage, weil er auch einige seiner Leser überzeugen muss, und er braucht eine Chefredaktion, die ihm den Rücken stärkt.

Wenn die FAZ über den Osten berichtet, dann reitet sie nicht selten auf den Vorurteilen durchs Land, die wir in der Provinz überwinden wollen und auch überwunden glaubten. Ich erinnere mich an eine ganzseitige Reportage in der FAZ, in der ein türkischer Arbeiter aus Rüsselsheim durch den Osten fuhr und in der ihn Ihre Reporterin aufforderte, breit anzuprangern, wie grau, schlimm und abstoßend dieser Teil Deutschlands ist.

Mir graut davor, dass Ihr Bild vom Osten in der Welt verbreitet wird. Es sind die Regionalzeitungen aus Thüringen und Sachsen, die wohl am besten, am genauesten und am fairsten über den Prozess in München berichten können. Wir kennen die Milieus, die Eltern, Verwandten
und Freunde der Angeklagten – und wir schreiben für die Menschen, die in eine Art Kollektivschuld genommen werden.

Ja, Sie haben Recht: Es geht um die Grundfeste unseres Gemeinwesens, die aber nicht für das Ausland verhandelt werden, sondern zuerst für die Menschen in Jena und Eisenach, Zwickau und Oberweißbach und den Rest der Republik.

Die Thüringer Allgemeine wird nicht in „rund neunzig Ländern verbreitet“ wie die FAZ. Sie wird nur von knapp einer Million Menschen in Thüringen gelesen, wenn wir unsere beiden Schwesterzeitungen dazu rechnen, für die wir auch über den Prozess berichten – wie auch für ein paar Millionen Leser im Ruhrgebiet, im Sauerland und am Niederrhein, in Braunschweig und Wolfsburg und in Österreich,wo eine Reihe von Zeitungen um unsere Berichte bittet, weil wir die braunen Terroristen und ihr Umfeld kennen.

Sie, verehrter Herr Schäffer, suggerieren in Ihrem offenen Brief an den Präsidenten des Oberlandesgerichts: Nur überregionale Zeitungen und ihre „erfahrenen Berichterstatter“ können den Lesern „ein vielfältiges Bild verschaffen, können vergleichen, können ihre Schlüsse ziehen“.

Bei allem Respekt vor Ihrer Überheblichkeit: Das können wir in der Provinz auch, und wahrscheinlich in diesem Prozess besser als Sie.

Kommentar per Mail am 10. Mai von
Dr. med.Lutz Langenhan

Sehr geehrter Herr Raue, mit teils ambivalentem Interesse verfolge ich aufmerksam Ihre gelungenen Beiträge mit überregionaler Wertschätzung. Hochmut war im frühen deutschen Wortsinn eine Tugend. Herr Schäffler ist eben schlichtweg arrogant! Hoffentlich erinnern sich die Redakteure der FASZ an ihren Lateinunterricht.

Wie Redakteure arbeiten: Herdentrieb und Kleinmut

Geschrieben am 5. Mai 2013 von Paul-Josef Raue.

Was ist der journalistische Herdentrieb? Detlef Esslinger hat ihn im Leitartikel der SZ beschrieben:

1. Jede Zeitungs-oder Fernsehredaktion arbeitet grundsätzlich nach der Devise: „Dazu müssen wir auch was haben.“
2. Autoren reihen sich lieber gefahrloser in einen Chor ein, als eine Solostimme zu wagen.

Was Esslinger nicht aufgreift: Auch das Publikum, ob Leser oder Zuschauer, verlangt nach dem, was alle haben. Fahren sie in der Zeitung eine Affäre klein, die die Tagesschau groß gezeigt hat, kommen Leser, die Manipulation vermuten: Warum enthält die Redaktion uns diese Affäre vor?

Quelle: Süddeutsche 4.Mai 2013: „Prangerland“

Chefredakteure und Verlagsmanager wählen vorzugsweise Grün

Geschrieben am 1. Mai 2013 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 1. Mai 2013 von Paul-Josef Raue in Aktuelles, B. Die Journalisten.

Wie ginge eine Bundestagswahl unter Verlagsmanagern und Chefredakteuren aus? Die Grünen siegen mit 13 Prozent knapp vor der CDU mit 12 Prozent; deutlich dahinter die SPD mit 8 und die FDP mit 5 Prozent; alle anderen Parteien liegen unter einem Prozent.

Allerdings sagt fast die Hälfte, sie fühle sich keiner Partei verbunden. Ermittelt haben dies Professor Klaus-Dieter Altmeppen und andere von der Katholischen Universität Eichstätt in einer Umfrage unter rund 750 Managern und Chefredakteuren in Deutschland.

Die Grünen sind mittlerweile tief im bürgerliche Milieu angekommen, zu dem sich Manager und Chefredakteure zählen; so begründet Altmeppen mit Bezug auf andere Studien den Erfolg der Grünen. Auch die Nähe von Grünen und CDU überrasche nicht. Er zitiert den Parteienforscher Franz Walter aus Göttingen: „Bei den formal Hochgebildeten kamen die Grünen zuletzt bei den Landtagswahlen etwa in Baden-Württemberg auf 34 Prozent der Stimmen, die CDU lag drei Prozentpunkte dahinter.“

Fast alle Manager und Chefredakteure sind im Christentum verwurzelt, gleich aufgeteilt nach Katholiken und Protestante.

Journalist – ein Traumberuf ohne Festanstellung

Geschrieben am 28. April 2013 von Paul-Josef Raue.

Online! Online! Online! Nein, am Lehrplan der Deutschen Journalistenschule hat sich grundlegend nichts geändert:

Eine Nachricht ist eine Nachricht, ein Kommentar ist ein Kommentar, ganz gleich, für welches Medium man arbeitet.

sagt Jörg Sadrozinski, Leiter der Journalistenschule und Ex-Chef von tagesschau.de, in einem FAZ-Interview . Was ist neu im Lehrplan?

  • Selbstvermarktung von freien Journalisten, weil nur noch 30 Prozent der Abgänger eine feste Stelle bekommen;
  • Tipps zur Gründung von Redaktionsbüros;
  • Online-Technik (CMS), denn „ohne Technik geht im Journalismus nichts mehr“.

Immerhin bewerben sich jedes Jahr noch 1500 junge Leute für einen der 45 Plätze an der Schule, ein Viertel weniger als vor einigen Jahren. Also, sagt Jörg Sadrozinski, „Journalist ist nach wie vor ein Traumberuf“.

Es gibt laut Sadrozinski viele Freie, die gut leben können; die meisten arbeiten ein Drittel ihrer Zeit in einer Nachrichtenredaktion, ein Drittel an Buchprojekten, ein Drittel an Magazingeschichten.

Auf die Frage von Julia Löhr, ob es ihm weh tue, wenn Journalisten PR machten und für Unternehmen arbeiteten, kommt die Antwort „relativ gelassen“:

Wichtig ist, dass sie ihren Job gut machen, also präzise recherchieren, verständlich schreiben und mit Begeisterung bei der Sache sind. Die Kundenmagazine einiger großer Unternehmen unterscheiden sich in ihrem Anspruch und ihrer Aufmachung kaum von den klassischen Publikumszeitschriften. Das ist mitunter richtig guter Journalismus.

Quelle: FAZ, Beruf und Chance, 27. April 2013

Anton Sahlender hat auf Facebook kommentiert:

Eine Nachricht ist zwar eine Nachricht, aber ihre Online-Präsentation, ihre Sprache und ihr Aufbau sollten in vielen Fällen wohl anders aussehen. An dem, was j
journalistische Sorgfalt betrifft, darf sich nichts ändern…

*

Ich denke, es lohnt sich auch über eine Veränderung der „Ansprache“ in meinungsbetonten Beiträgen ernsthaft nachzudenken.

Razzia im Haus des Spiegel-Reporters Osang

Geschrieben am 24. April 2013 von Paul-Josef Raue.

Alexander Osang, einer der berühmten Reporter Deutschlands, schaut zu, wie Steuerfahnder sein Haus durchsuchen. Dabei denkt er über das Wesen des Journalismus nach:

Ich schrie und bockte ein bisschen herum, schließlich nahm ich mir ein Notizbuch, ließ mir die Namen der Menschen in meiner Wohnung geben, beobachtete sie bei der Arbeit und schrieb alles auf. Ich war ein Reporter in eigener Sache.

Das half, weil Journalisten ja von oben auf die Welt schauen und sich, wie Hanns Joachim Friedrich eins festgestellt hatte, mit keiner Sache gemeinmachen dürfen. Auch nicht mit einer guten.

Man bekommt einen kühlen Blick, wenn man von außen auf seine Objekte schaut, auch auf sich selbst. Es ist ein seltsamer Beruf manchmal.

Über die Razzia reportiert Osang im aktuellen Spiegel 17/2013, Seite 56f.

„taz am wochenende“: Fällt der Weltuntergang sonntags aus?

Geschrieben am 21. April 2013 von Paul-Josef Raue.

Am Wochenende darf man sich doch auch mal des Lebens freu’n,oder?

Ines Pohl, taz-Chefredakteurin.

Das Zentralorgan des deutschen Weltuntergangs bringt in der 3,20 Euro teuren Wochenend-Ausgabe zwei Seiten nur mit „Fortschritts“-Nachrichten, Positives eben, unglaubliche zwei Seiten Positives – um neue Leser ans Blatt zu binden.

(Quelle: SZ 20. April 2013, „Die Entdeckung der Langsamkeit“)

Annika Bengtzon (7): Journalisten als Gewerkschaftler – quengelig, unbegabt, arbeitsscheu

Geschrieben am 7. April 2013 von Paul-Josef Raue.

Wer wird neuer Betriebsrats-Vorsitzender? Ein Politikredakteur wird vorgeschlagen. Der besitzt doch keine Eigenschaft dafür, sinniert der Chefredakteur. „Sjölander war smart, witzig und beliebt. Solche Leute blieben nie lange Gewerkschaftsfunktionäre. Wer sich entschied, die Gewerkschaftsarbeit zum Hauptberuf zu machen, war meistens quengelig, unbegabt oder arbeitsscheu.“
(Lebenslänglich, 206)

Und das im Roman von Liza Marklund, einer schwedischen Autorin!

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