Alle Artikel der Rubrik "B. Die Journalisten"

Ein Lob auf die Freiheit der Presse

Geschrieben am 21. Juli 2013 von Paul-Josef Raue.

Was würden Sie auch gegen eine Mehrheit durchsetzen?

Die Freiheit der Presse: Säfte, Zitronen, Kloßteig, Zeitungen, Bücher – alles darf ohne Zensur gepresst werden.

Annette Seemann im Fragebogen der Thüringer Allgemeine vom 20. Juli 2013. Sie ist Autorin und Übersetzerin und leitet seit zehn Jahren die „Gesellschaft Anna-Amalia-Bibliothek“ in Weimar.

Zeitung ist für die Bürger da – und nicht Bürger für die Zeitung

Geschrieben am 14. Juli 2013 von Paul-Josef Raue.

Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.
Markus, 2. Buch, Vers 27

Dies ist der Urtext des Respekts, er gilt für alles Denken und Handeln, das den Menschen ins Zentrum stellt und nicht Regeln, Gesetze und Ideologien, auch nicht Politiker, Gurus und Journalisten. Die biblische Geschichte erzählt von hungrigen Jüngern und Pharisäern: Die einen rupfen Ähren aus, um die Körner zu essen; die anderen verweisen auf das Gesetz Moses, am Sabbat prinzipiell nichts zu tun.

Man muss nicht gläubig sein, um den uralten Satz immer wieder zu nutzen:

+ Der Staat ist für die Bürger da, und nicht der Bürger für den Staat (beispielsweise in der Debatte um die Überwachung der Bürger).
+ Der Journalist ist für die Leser da, und nicht Leser für den Journalisten (beispielsweise in der Debatte, ob Redaktionen die Wünsche ihrer Leser zu erfüllen haben).

Der Mensch im Zentrum, der Bürger im Zentrum, der Leser im Zentrum – das ist die Idee der Demokratie, die Idee des Journalismus in der Demokratie. Eine Aufforderung zur Anarchie ist sie nicht: Es geht nicht darum, alle Regeln zu brechen; es geht darum, Regeln nicht absolut zu setzen.

FAZ enthüllt neuen Beruf: Enthüllungsjournalist

Geschrieben am 1. Juli 2013 von Paul-Josef Raue.

Hart aber fair Zu Gast: Günter Wallraff (Enthüllungsjournalist und Buchautor)

FAZ, 1. Juli 2013, Medienseite

Ist das Gewissen für Journalisten ein charakterliches Handicap? (Zitat der Woche)

Geschrieben am 28. Juni 2013 von Paul-Josef Raue.

Als Journalist hatte Henning Ritter mit einem charakterlichen Handicap zu kämpfen: Er war nur bereit zu schreiben, was er vor dem strengsten ihm bekannten Gerichtshof, seinem Gewissen, verantworten konnte, und so zögerte er oft, zu der in seinem Gewerbe als notwendig empfundenen Konklusion zu gelangen.

Martin Mosebach über Henning Ritter, der am 23. Juni in Berlin gestorben ist. Der FAZ-Redakteur redigierte die Seite „Geisteswissenschaften“, schrieb Sachbücher über Grausamkeit, Mitleid und sein großes Vorbild Rousseau. Er notierte sich unentwegt seine Gedanken und gab sie 2010 als Buch heraus: „Notizhefte“

Im FAZ-Essay berichtet Mosebach von seinen Begegnungen am Freitagnachmittag im Kaffeehaus, wo Ritter „unter einer Glasglocke der Konzentration“ seine Notizen schrieb. Sollte man vielleicht den Nachrichtenraum in einem Cafe einrichten?

Bei einem der letzten Gespräche mit Mosebach erzählte Ritter, wie er die Nachricht seines Arztes vom nahen Tod aufgenommen habe: „Ich fühlte eine ungeheure Erleichterung – du musst nie wieder schreiben.“

Quelle: FAZ vom 27. Juni „Unbedingter Glaube an die Kraft des Gedankens“

AP-Chef: Regierung muss Journalisten vor Abhör-Aktion warnen

Geschrieben am 24. Juni 2013 von Paul-Josef Raue.

Die amerikanische Regierung soll die Verfassung achten, vor allem die Pressefreiheit beachten, statt sie auszuhöhlen, schreibt AP-Chef Gary Pruitt im Blog seiner Nachrichtenagentur. Er reagiert auf das Abhören gegen AP-Journalisten im vergangenen Monat.

Pruitt stellt fünf Forderungen auf, um die Pressefreiheit dauerhaft zu sichern:

1. Das US-Justizministerium muss die Presse vor Abhör-Aktionen warnen und anhören, bevor es sich Zugriff auf ihre Aufzeichnungen verschafft.

2. Gerichte müssen sicherstellen, dass die Gewaltenteilung ebenso strikt eingehalten wird wie die Verfassung und journalistische Rechte nicht durch die Selbstermächtigung der Exekutive untergraben werden.

3. Die Richtlinien, die besagen, dass Journalisten keiner Auskunftspflicht unterliegen, müssen an die modernen Kommunikationsformen wie Mails oder SMS angepasst werden.

4. Zur Durchsetzung dieser journalistischen Schutzrechte brauchen wir ein strenges Bundesgesetz.

5. Das Justizministerium muss eine Vorschrift erlassen, die auch künftige Regierungen verpflichtet, keinen Reporter zu kriminalisieren, nur weil er seinen Job macht.

(Zusammenfassung und Übersetzung: Felix Voigt)

AP beruft sich auf den ersten Zusatz der US-Verfassung, verabschiedet im Dezember 1791:

Congress shall make no law respecting an establishment of religion, or prohibiting the free exercise thereof; or abridging the freedom of speech, or of the press; or the right of the people peaceably to assemble, and to petition the Government for a redress of grievances.

Der Kongress darf kein Gesetz machen, das die Einführung einer Staatsreligion zum Gegenstand hat, die freie Religionsausübung verbietet, die Rede- oder Pressefreiheit oder das Recht des Volkes einschränkt, sich friedlich zu versammeln und die Regierung um die Beseitigung von Missständen zu ersuchen.

(Übersetzung: Wikipedia)

Getriebene gegen Weichei: Streitgespräch über Frauen-Quote in Medien fiel aus

Geschrieben am 16. Juni 2013 von Paul-Josef Raue.

Journalisten schreiben lieber schlecht oder bissig über andere, als sich offen und öffentlich zu streiten. Sie haben Medienseiten nur erfunden, um über Kollegen, die sie nicht leiden können, Gericht halten zu erkennen – in der Regel, ohne sie zu Wort kommen zu lassen.

Oje, schreibe ich schon wie auf einer Medienseite? Aber bemerkenswert ist: Bei der Jahresversammlung von Netzwerk Recherche waren zwei Streitgespräche geplant, beide fielen aus. Über den ersten Ausfall habe ich hier schon geschrieben. Der zweite: Thomas Tuma und Annette Bruhns, beide in der Spiegel-Redaktion, wollten sich über die Frauen-Quote in Medien streiten. Abgesagt, schreibt die Süddeutsche.

Annette Bruhns ist Vorsitzende von „Pro Quote“, der Verein kämpft dafür, dass mindestens jede dritte Führungs-Position mit Frauen besetzt wird. Katharina Riehl nennt sie in der Süddeutschen eine Getriebene.

Tuma ist gegen die Quote, schrieb das auch in einem Spiegel-Essay, den er im Spiegel-Blog selber so zusammenfasste:

Pro Quote ist mit 150 zahlenden Mitgliedern ein ebenso kleiner wie sehr lauter Club, der sich schon qua Satzung anschickt, für die Durchsetzung seiner Interessen (30 prozentige Frauenquote in Führungspositionen deutscher Medien) die eigenen Medien als Transmissionsriemen zu missbrauchen.

Entsprechend droht unabhängiger Journalismus zu Propaganda zu verkommen, was…

… in der Folge zu einer Berichterstattung gerade über Frauen führt, die von Normalität weit entfernt ist, denn oft handelt es sich dabei um meiner Ansicht nach „positiv-affirmativen Quatsch“.

ProQuote e.V. droht deshalb das zu werden, was man den bösen Jungs immer vorwirft: „ein geschlechterdominierter Club bräsiger Wir-wissen-wo’s-langgeht-Buddys“.

Tuma konnte oder durfte oder wollte nicht beim Netzwerk Recherche debattieren, das taten andere für ihn und für die Quote. Tuma schreibt im Blog, er könne sich nun aussuchen, „ob ich eher ein reaktionäres Macho-Schwein sein will oder ein heulsusiges Weichei, das um seine Pfründe fürchtet“.

Streitgespräch über NSU: Die FAZ-Sonntagszeitung kniff

Geschrieben am 14. Juni 2013 von Paul-Josef Raue.

Provinz-Zeitung aus Thüringen gegen „Qualitätszeitung“ aus Frankfurt – auf dieses Streitgespräch hatte ich mich gefreut. Zwei Redakteure, die offene Briefe geschrieben hatten, sollten sich öffentlich bei der Jahreskonferenz des Netzwerk Recherche streiten. „Da können Sie nicht Nein sagen!“, lockte mich das Netzwerk. Ich sagte spontan zu.

Es sollte um meinen Blog zum NSU-Prozess gehen, der auf einen Offenen Brief des FAS-Redakteurs Schäffer reagierte, gerichtet an das Oberlandesgericht in München. Albert Schäffer schrieb in dem Brief:

Wie soll Öffentlichkeit in einem Verfahren, in dem die Grundfeste unseres Gemeinwesens verhandelt werden, anders hergestellt werden als durch eine Berichterstattung in überregionalen Tageszeitungen und Wochenzeitungen?

Meine Antwort:

Provinzzeitungen sind für Provinzler da, wir schreiben für die Welt. Also stellt Euch in die Ecke, Ihr Lokalzeitungen und Provinz-Redakteure!

Mit Verlaub, geschätzter FAZ-Redakteur, dies ist ein Prozess für die Provinz,  vor allem für die ostdeutsche Provinz. Aus Jena kommen die meisten der jungen Leute, die des Terrorismus angeklagt sind; sie sind im Osten aufgewachsen und haben in Thüringen und Sachsen ihre Unterstützer gefunden.

Dem Streitgespräch wollte sich der FAS-Redakteur laut Auskunft der Veranstalter nicht stellen. Immerhin wollte FAS-Redakteur Volker Zastrow zu einer Podiumsdiskussion kommen, musste aber in letzter Minute wegen Krankheit absagen. So kam es ersatzweise zu einer Podiumsdiskussion ohne große Kontroversen:

Hans Leyendecker von der Süddeutschen fand die Reaktionen der Journalisten übertrieben und überzogen, was das Losverfahren des Gerichts betraf. Er mahnte zudem, gerade Rahmi Turan von Sabah (Türkei), die rechtsstaatlichen Regeln des Verfahrens zu achten und für die Leser, auch in der Türkei, erkennbar zu machen – also ohne Vorverurteilung und mit Respekt vor dem Recht der Angeklagten, komplett schweigen zu dürfen.

Ulli Jentsch stellte seinen Blog NSU Watch vor, auf dem sämtliche Protokolle der Gerichts- und Ausschussverhandlungen zu finden sind. Diskussionsleiter Kuno Haberbusch (NDR) lobte diese Arbeit der freien Journalisten, die gut 200 Zuhörer applaudierten lange.

Die Leiden des Chefredakteurs in seiner Redaktion (Zitat der Woche)

Geschrieben am 30. Mai 2013 von Paul-Josef Raue.

Ich habe (einen Leser) eingeladen, sich persönlich in der Redaktion davon zu überzeugen, dass auch der Chefredakteur nur einer unter vielen Redakteuren ist und mit lauter Redakteuren zusammenarbeitet, die sich von ihm nichts sagen lassen, sondern eine eigene Meinung haben.

Joachim Braun, Chefredakteur des Nordbayerischen Kurier (Bayreuth) in seinem Blog „Angekommen in Bayreuth“, als zu einem öffentlichen Treffen mit dem Chefredakteur gerade mal zwei Leser gekommen waren.

Journalismus der Zukunft: Blogs, lousy Pennies, Arbeitsverdichtung, geringere Gehälter

Geschrieben am 17. Mai 2013 von Paul-Josef Raue.

Joachim Braun, Chefredakteur in Bayreuth, hat den Gewerkschaftsmitgliedern in Bayern einiges zugemutet, als er am 11. Mai über die Zukunft der Zeitungen und Journalisten sprach:

1. Neue digitale Kanäle (Blogs, Social Media)
2. Diversifizierte Geschäftsfelder (Lousy Pennies)
3. Arbeitsverdichtung (Kleinere Redaktionen)
4. Geringere Gehälter (Ausstieg aus dem Tarif)
5. Höhere Qualifikation (Multikanalität)

Oder:Der Zusammenbruch des Mediensystems!

Ich kenne nur die Powerpoint-Präsentation, aber ahne: Joachim Braun wird kaum neue Freunde unter den Journalisten gefunden haben – auch nicht mit einem Zitat von Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo:

Wir müssen uns fragen, ob wir eigentlich die Berichterstattung machen, die die Lebenswirklichkeit unserer Leser trifft. (2011 auf der Jahrestagung des Netzwerk Recherche)

Wie treffen wir den Leser:

1. Sei näher am Kunden! (Perspektive)
2. Erkläre die Welt! (Neugierde)
3. Gehe hin, wo‘s weh tut! (Haltung)
4. Kommuniziere! (Reflektion)
4. Werde mobil! (Veränderung)
5. Frage Dich, wer Du bist (Rollenverständnis)

Das ist zwar nicht neu, aber provokant auf einige Merksätze konzentriert. Ob Braun wohl Beifall bekommen hat?

Sport-Interviews auf einem Teppich aus Schleim (Zitat der Woche)

Geschrieben am 12. Mai 2013 von Paul-Josef Raue.

Seine Fragen sind keine Fragen, sondern ein einziger Teppich aus Schleim.

So Detlef Esslinger in der SZ zur Interview-Technik des ZDF-Sportredakteurs Boris Büchler, pünktlich zu den Meister-Jubelfeiern in München und (vielleicht) in Dortmund. Esslinger hat auch in den großen Topf der kostbarsten Büchler-Fragen gegriffen:

  • Ihr Tor war Fußballkost vom Feinsten. Wie würde der Kommentator Hanke diesen Treffer kommentieren? (zu Mike Hanke von Gladbach)
  • Wenn man sich das 1:0 von Sahin anguckt, das hatte richtig Champions-League-Klasse – würden Sie das unterschreiben? (zu BVB-Trainer Jürgen Klopp)
  • Wie intensiv schlägt Ihr BVB-Herz an einem solchen Freudentag? (zu Klopp nach einem Sieg gegen Bayern; der antwortete: Ja, Gott, da habe ich mir noch keine Gedanken gemacht)

Im ZDF-Sportstudio fragte Michael Steinbrecher den Schalker Julian Draxler: „Können Sie sich noch an den Schalker Uefa-Cup-Sieg von 1997 erinnern?“ Draxler war damals vier Jahre alt. Nachdem Draxler Steinbrecher auf seine Jugend hingewiesen hatte, schaute der Moderator zur nächsten Frage auf seinem Zettel „Wer war denn damals Ihr Schalker Idol“ und stellte sie auch.

Quelle: SZ 11.Mai 2013

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