Wie eine Lokalzeitung diskutiert, was ins Blatt kommt

Geschrieben am 25. Januar 2012 von Paul-Josef Raue.
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„Warum am Samstag kein Platz für den Terror in Nigeria war“,  überschreibt Nachrichtenredakteur Henning Wandel einen Blog-Eintrag des Mindener Tageblatts. Er erläutert, wie in einer Redaktion Entscheidungen fallen:

„Sieben Tote, viele Verletzte – diese Zahlen meldete die Nachrichtenagentur DPA noch am späten Freitagabend nach Anschlägen auf mehrere Polizeistationen in Nigeria. Gegen die Themen, die zu diesem Zeitpunkt auf der außenpolitischen Seite des MT für Samstag vorgesehen waren, konnte sich der wiederholte Terror in Westafrika nicht durchsetzen.

Nicht einmal 17 Stunden später war bereits von 120 Toten die Rede, bis Samstagabend stieg die Zahl auf 165, letztlich verloren an diesem Wochenende wohl fast 200 Menschen in Nigeria bei den Anschlägen ihr Leben. War die Entscheidung am Freitagabend also eine Fehleinschätzung?

Jede dieser Entscheidungen fällt schwer, doch sie sind trauriger Alltag in der Nachrichtenredaktion, die sich unter anderem um die politischen Themen kümmert.

  • – Wann wird ein Anschlag zur Meldung?
  • – Ist es nur die Zahl der Toten?
  • – Ist es die Nähe zu Deutschland? Oder zu Europa? Bei Angriffen auf deutsche Soldaten gibt es ausführliche Berichte – auch wenn es keine Verletzten gibt. Aber Bomben in Nigeria?
  • – Sind Attacken auf Polizeistationen weniger schlimm als Anschläge gegen Christen, mit denen wir uns kulturell eher verbunden fühlen?
  • – Und die wiederum sind nicht zu vergleichen mit Horrormeldungen aus Ägypten, wo viele Deutsche schon einmal Urlaub gemacht haben?

Die Entscheidung von Freitag war in erster Linie nüchtern abgewogen und damit wohl weder falsch noch richtig. Allenfalls unglücklich.

Unglücklich ist in diesem Zusammenhang zudem, dass auch in Zukunft immer wieder ähnliche Entscheidungen getroffen werden müssen und damit so mancher Krisenherd an den Rand gedrängt wird, der eigentlich laut aufschreien lassen müsste. Vor allem, da ein umstrittener Bundespräsident und eine (wohl vorübergehende) Finanzkrise im Angesicht von Terror, Krieg und Hunger bemerkenswert klein erscheinen.“

(zu: Handbuch Kapitel 23 „Was ist eine Nachricht?“ und Kapitel 22 „Warum alles Informieren so schwierig ist“)

Presserabatte und Schnäppchenjäger

Geschrieben am 24. Januar 2012 von Paul-Josef Raue.
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„Eine der wichtigsten Aufgaben von Journalisten ist es, Sachverhalte auch moralisch zu bewerten. Aber wer bewertet eigentlich die Moral der Journalisten?

Man kann verstehen, wenn das Publikum in diesen Tagen gleich doppelt genervt ist: vom Staatsoberhaupt, das sich ans Amt klammert. Und von Journalisten, die nun »enthüllen«, dass die Präsidentengattin zu bestimmten Anlässen kostenlose Abendgarderobe trug – als ob die Medien nicht selbst ein Problem mit Presserabatten und Schnäppchenjägern hätten. Journalisten werfen Politikern ja gern so etwas wie Volksverdummung vor. Aber leider tragen die Medien manchmal genau dazu bei.“

(Marc Brost in „Die Zeit“ vom 12.  Januar „Die Machtprobe“)

 

zu: Handbuch-Kapitel 49 „Wie Journalisten entscheiden sollten“

Schlecker-Pleite: „For you vor Ort“ (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 23. Januar 2012 von Paul-Josef Raue.

Tragen vier einsilbige Wörter einen Teil der Schuld, warum der Drogerie-Supermarkt „Schlecker“ Pleite geht? Diese vier Wörter sind das neue Unternehmensmotto, vor einem Jahr getestet und für gut bewertet: „For you vor Ort“.

Ist dieser englisch-deutsche Zwitter ein törichtes Motto? Ein Anglizismus, der noch mehr zu verachten ist, weil er Deutsches und Englisches mischt?

Immerhin hat eine große Werbeagentur das Motto vielen vorgeführt; es hätte durchfallen können – und ist es nicht. „For you vor Ort“ nutzt zwei englische Wörter, die jeder versteht, ohne die englische Sprache zu sprechen.

Dies „For you“ ist ein Gruß, den nicht nur junge Leute gerne nutzen, wenn sie zu einem Menschen besonders freundlich sind: „Für Dich“ ist Liebe, „for you“ ist liebevoll, also ein Grad kühler im Ton. Liebevoll wollte sich „Schlecker“ zeigen, da sich der Konzern einen schlechten Ruf eingefangen hatte wegen des Umgang m it seinen Mitarbeitern.

„Vor Ort“ , die beiden deutschen Wörter, sind die schwächeren. Im Lexikon unbrauchbarer Wörter, im „Neuen Handbuch des Journalismus“, Kapitel 16  zu finden, steht:

„Vor Ort – Fachwort der Bergmannsprache, zum regierenden Modewort geworden statt:
1. ,an Ort und Stelle‘,
2. ,da‘ (Meyer war auch da),
3. gar nichts (,Der Minister war an der Unglücksstelle vor Ort‘).

Der halbe Anglizismus brachte einige deutsche Sprachpfleger in Rage, noch mehr aber eine Rechtfertigung des Schlecker-Pressesprechers: Wir wollen mit dem Motto Menschen auf „niedrigeren bis mittleren Bildungsniveau“ anziehen und nicht die fünf Prozent Akademiker, die über die Sprache nachdenken.

Es war wie beim Bundespräsidenten: Die Reaktion war schlimmer als die Aktion. (Thüringer Allgemeine, 23. Januar 2012;  Kultur-Kolumne „Friedhof der Wörter“)

 

(Zu: Handbuch-Kapitel 16 „Lexikon unbrauchbarer Wörter)

Kommentare, Hinweise, Fundsachen – bitte!

Geschrieben am 20. Januar 2012 von Paul-Josef Raue.
2 Kommentare / Geschrieben am 20. Januar 2012 von Paul-Josef Raue in Aktuelles, Vorbildlich (Best Practice).

Ein Klassiker: Tiefpunkt der Interviewtechnik (Welt am Sonntag, 19. 12. 1982)

Die IG Metall fordert in einigen Tarifgebieten, die Löhne im nächsten Jahr um bis zu 7,5 Prozent anzuheben. Die Metall-Lohnrunde hat Signalwirkung für die Lohnerhöhung auch in anderen Branchen und im öffentlichen Dienst.
WELT am SONNTAG fragte Dieter Kirchner, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall: In der schwersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit solche Forderungen aufzutischen, ist doch wohl ein Scherz?
Kirchner: Da haben Sie ein mildes Wort gewählt.
WELT am SONNTAG: Warum verhandeln Sie überhaupt über solche unsinnigen Forderungen?
Kirchner: Wir müssen verhandeln. Dazu sind wir vertraglich verpflichtet. Die Firmen und ihre Belegschaften würden ein anderes Verhalten
auch nicht verstehen.

 So steht es im Kapitel 26 „Das Interview“ im neuen Handbuch. Das Beispiel ist exzellent, aber bald dreißig Jahre alt. In diesem Blog bitte ich um neue Beispiele zu allen Themen: Einfach „Kommentare“ anklicken.

Erwünscht sind Hinweise auf bemerkenswerte Artikel in Zeitungen und Zeitschriften, besonders solche, die – positiv wie negativ – das Zeug zum Klassiker haben; Sprachperlen und Sprachsünden; vorbildliche Aktionen und  Checklisten; Buchhinweise usw.

Die Artikel in diesem Blog bekommen bei Facebook manches „Gefällt-mir“-Zeichen, aber die Leserinnen und Leser geizen mit Kommentaren. „O Kommentare“ steht unter der Überschrift; ich würde mich freuen, wenn der eine oder andere Aufgeregte, Begeisterte, Neugierige auf „Kommentare“ klicken würde.

 

 

Katholische Journalistenschule sucht Volontäre

Geschrieben am 19. Januar 2012 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 19. Januar 2012 von Paul-Josef Raue in Aktuelles, Ausbildung, Service & Links.

Den Service-Teil haben wir im „Neuen Handbuch“ nahezu verdoppelt. Unter den Ausbildungsstätten finden Sie auch das  „Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp)“,  das bis zum 1. März Bewerber für die Ausbildung in katholischen Medien sucht; Ausbildungsbeginn ist im Oktober.

Die Volontäre durchlaufen eine zweijährige Ausbildung in der katholischen Presse oder im privaten Hörfunk und nehmen an der überbetrieblichen multimedialen Ausbildung des Instituts teil. Außerdem vermittelt das „ifp“. Voraussetzung für das Volontariat ist entweder das Abitur oder die Mittlere Reife sowie eine abgeschlossene Berufsausbildung.

Zu den Absolventen gehören Bettina Schausten (ZDF), Thomas Gottschalk, Dr. Heribert Prantl (SZ), Stefan von Kempis (Radio Vatikan) und Klaus Brinkbäumer (Der Spiegel).

Kontakt und Informationen:

E-Mail: engelke@ifp-kma.de

Internet: www.ifp-kma.de

 

(zu:  Handbuch Service F „Journalistenschulen“)

„Handbuch“ an der Spitze der Bestenliste

Geschrieben am 19. Januar 2012 von Paul-Josef Raue.
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In der Amazon-Bestseller-Liste „Journalistische Praxis“ steht „Das neue Handbuch des Journalismus und Online-Journalismus“ schon auf dem ersten Platz. Sogar in der Liste „Handbücher & Lexika für Marketing & Verkauf“ steht das Handbuch auf den vorderen Plätzen,  an einigen Tagen stand es sogar auf dem ersten Platz.

 

Wolf Schneider: Journalistische Texte werden schludriger

Geschrieben am 18. Januar 2012 von Paul-Josef Raue.
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Die  „Drehscheibe“, das Lokaljournalisten-Magazin,  veröffentlicht auf ihrer Webseite Interviews mit den Autoren des Handbuchs. Stefan Wirner sprach mit Wolf Schneider. Auszüge aus dem Interview:

Die Entwicklung im Online-Bereich ist rasant. Finden Sie, dass deutsche Zeitungen damit geschickt umgehen?

Nein. Eine alte Krankheit großer Blätter – an zwei von drei Tagen ist ihr Aufmacher identisch mit der ersten Nachricht der „Tagesschau“ – ist im Online-Zeitalter geradezu grotesk geworden. Die Sportjournalisten liefern schon seit 50 Jahren keine Überschrift mehr von der Art „Bayern siegt 3 : 1“, sie haben aus dem Fernsehen beizeiten gelernt. Die nackte Nachricht gibt keinen Aufmacher mehr her.

Glauben Sie, die Verlage sollten ihre Präsenz in sozialen Foren wie Facebook, Google oder Twitter intensivieren? Muss man alles mitmachen?

Intensivieren müssen sie wohl. Alles mitmachen müssen sie nicht.

Raufen Sie sich eigentlich zuweilen die Haare, wenn Sie den flapsigen Umgang mit Sprache in sozialen Foren beobachten?

Ja.

Wie hat sich die sprachliche Qualität von journalistischen Texten in den vergangenen Jahren entwickelt?

Sie werden schludriger.

(zu: Handbuch-Kapitel 54 „Die neue Seite 1“ +  Kapitel 5 „Die Internet-Revolution“ + Kapitel 11ff „Verständliche Wörter“

Vom „Dönermord“ zum „Neonazi-Mord“ (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 17. Januar 2012 von Paul-Josef Raue.

In der TA (Thüringer Allgemeine)-Kolumne „Friedhof der Wörter“ stand dieser Text am 5. Dezember:

Der „Dönermord“ wird das Unwort des Jahres, so fürchte ich.

Es ist ein grässliches Wort, spätestens, wenn aus dem Dönermord ein Dönermörder wird. Es ist ein Unwort, wenn man die wahren Täter kennt. Doch viele sprachen vom „Dönermord“, als der Abgrund des braunen Landesverrats nicht offen vor uns lag. Wer widersprach damals?

Sicher hätte uns auffallen können, dass der „Dönermord“ die Gewalt verniedlicht oder sogar verachtend gemeint war, dass wir jedem kleinen Döner-Griller Mafia-Verbindungen unterstellten oder, wie die Polizei argwöhnte, ein Banden-Mord wahrscheinlich sei. Da ließen wir schon deutsche Arroganz spüren, als wir das Wort prägten und nutzten. Vom Vorurteil zur Fremdenfeindlichkeit ist ein gerader Weg, den wir zuerst mit Worten gehen – oder wieder verlassen.

Gleichwohl ist die Selbstgerechtigkeit derer, die auf die „Dönermord“-Erfinder zeigen, unaufrichtig. Über Wörter sollen wir sprechen, wir müssen erklären, wie der Untergrund der Wörter beschaffen ist. Wer mit Wörtern richten will statt aufzuklären, der baut mit Sprache keine Brücken der Verständigung, sondern reißt sie ab.

Solange wir über die Wörter streiten, verhindern wir das Schlimmste. Der „Dönermord“ gehört heute, da wir die Täter kennen, auf den Friedhof der Wörter. Wir wissen es genau: Es sind Neonazi-Morde − und die Opfer waren Menschen, die ermordet wurden, weil sie Fremde waren.

US-Verhältnisse nach der Wulff-Affäre

Geschrieben am 17. Januar 2012 von Paul-Josef Raue.
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Es dürfte bald kein unveröffentlichtes Details mehr geben in Wulffs Amts- und Privatleben, vor allem in der Vermischung der Leben. Es gibt einen Grund, warum die Opposition so milde ist in der Verurteilung Wulffs: Kein Politiker will dasselbe erleben und erleiden wie der Bundespräsident.

In den USA ist es normal, dass die Medien das Unterste nach oben kehren, wenn ein Politiker Karriere machen will. Wahlkämpfe sind nach unserem Verständnis immer schmutzige Wahlkämpfe.

Diese moralischen Kehrwochen der US-Medien haben zwei Funktionen:

  • Sie zeigen, worauf die Bürger anspringen und was sie tolerieren;
  • sie ermitteln, ob der Kandidat die Nerven hat für ein hohes Amt.

Nach der Wulff-Affäre, ob mit oder ohne Rücktritt, werden wir wohl US-Verhältnisse haben. Das Internet ist nicht die Ursache: Amerikanische Medien hatten die Kehr-Woche schon immer auf der Tagesordnung.

Allerdings beschleunigt das Internet die Einführung in Deutschland:
• Journalisten sind nicht mehr die einzigen Akteure, die über Berichten oder Verschweigen entscheiden;
• die Bedenkzeit ist extrem kurz geworden, da sich Nachrichten in Minutenschnelle vervielfältigen – ob mit oder ohne die klassischen Medien.

(zu: Handbuch Kapitel 5 „Internet-Revolution (Das Internet wirbelt die Mächtigen durcheinander)“ und Kapitel 10 „Was Journalisten von Bloggern lernen können“ und Kapitel 48 „Wie Journalisten entscheiden“)

Scheibchen-Journalismus

Geschrieben am 16. Januar 2012 von Paul-Josef Raue.
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So wie der Bundespräsident die Wahrheit in Scheibchen serviert, tun dies auch einige Zeitungen. Nehmen wir die FAZ. Aus einem Seite-3-Beitrag von Eckart Lohse, „Christian Wulffs Gratwanderung“, in der Sonntagszeitung lässt sich diese Chronik zusammenstellen:

28. November: Die Bildzeitung fragt beim Bundespräsidenten wegen der Finanzierung seines Hauses.
ca. 10. Dezember: Der Bundespräsident bittet die Bildzeitung um Aufschub; er wird gewährt.
12. Dezember: Der Bundespräsident spricht dem Chefredakteur der Bildzeitung auf die Mailbox; er bittet, droht und spricht von „Krieg führen“.
16. Dezember: Die Sonntagszeitung der FAZ schreibt Olaf Glaeseker, dem Sprecher des Bundespräsidenten, eine SMS, wünscht eine Stellungnahme zum Mailbox-Anruf und erwähnt Worte aus dem Anruf wie: „Krieg führen“ und „der Rubikon ist überschritten“.
„Danach“: Olaf Glaeseker informiert die Bildzeitung über die FAZ-Anfrage.
Erst danach“: Glaeseker schreibt eine SMS an die FAS: „Es gab Differenzen. Diese sind zwischen Christian Wulff und Kai Diekmann sollständig ausgeräumt.“

Offenbar wollte die Bildzeitung nicht direkt mit dem Wulff-Anruf in die Öffentlichkeit. Ihr Chefredakteur hatte offenbar Skrupel (was ihn ehrte); wenn man davon ausgeht, dass Kai Diekmann alle Fäden in der Hand hält, ist zu folgern: Er ließ in aller Eile eine Informations-Brücke zur FAZ bauen. Sie war und ist offenbar stabil, auf jeden Fall war die FAZ gut über die Kontakte zwischen Wulff, der Bildzeitung und der Spitze des Springer-Verlags informiert.

Dies „über-die-Bande-spielen“ ist ein eingeübtes Verfahren unter Rechercheuren:

• Ist der Geschäftsführer oder Verleger gegen eine Veröffentlichung (oder denkt man, er sei es), dann steckt man die Fakten einem bekannten Journalisten;
• versucht ein Chefredakteur eine Recherche zu verhindern, spricht man mit einem Kollegen und bekommt so seine Geschichte doch noch ins Blatt (wenn auch unter einem anderen Namen: „Nach Informationen des SP-Magazins…“);
• will ein Chefredakteur oder Verleger den delikaten Erpressungs-Versuch eines Politikers öffentlich machen, tut er dies in der Regel nicht im eigenen Blatt, sondern nimmt den Politiker noch genauer in den Blick und erzählt den Vorfall anderen; er aber kann nur bei Staatsaffären davon ausgehen, dass andere Journalisten dies veröffentlichen und eine Debatte anstoßen.

Es dürfte für Politiker in Deutschland nahezu unmöglich sein, die stimmige Recherche eines Journalisten zu unterdrücken. Dass er sie in Scheibchen serviert, hat mit der Sorge zu tun, von Richtern gestoppt zu werden.

Es ist für geübte Rechtsanwälte einfach, gegen eine Tatsachen-Behauptung eine Unterlassung zu erwirken mittels einer einstweiligen Verfügung. Da ist es hilfreich, noch weitere Fakten und Vorwürfe recherchiert zu haben, denn Verfügungen können nicht vorbeugend erlassen werden. Da helfen nur Drohungen mit Anwälten, wie es offenbar auch der Bundespräsident in seinem Anruf auf die Diekmann-Mailbox getan hat: Ich werde gegenüber Journalisten Strafanträge stellen; die Rechtsanwälte sind beauftragt.

Erfahrene Rechercheure kennen den Grundsatz: Habe bei schwierigen Recherchen immer noch einen Pfeiler im Köcher. Dies trifft sich übrigens mit der Kriegs-Metapher des Bundespräsidenten: Einige Politiker sehen sich im ständigen „Krieg“ mit Journalisten (umgekehrt aber auch).

Der Unterschied zwischen dem Scheibchen-Journalismus und der Scheibchen-Wahrheit des Bundespräsidenten liegt auf der Hand: Die einen wollen aufklären, der andere will verhindern – alles dazwischen ist Taktik.

(zu: Handbuch Kapitel 17 „Die eigene Recherche“)

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