Noske-Interview „Journalismus – Was man wissen muss“

Geschrieben am 14. Februar 2012 von Paul-Josef Raue.

Paul-Josef Raue sprach mit Henning Noske über ein „Lehr- und Lernbuch“, das er gerade  herausgegeben hat: „Journalismus. Was man wissen und können muss“ (Klartext Verlag, Essen, 234 Seiten, 17.95 Euro).  Noske, Jahrgang 1959,  ist Lokalchef Braunschweig der „Braunschweiger Zeitung“ und Lehrbeauftragter an der Technischen Universität Braunschweig.

Raue: Es gibt zwei große Bücher über den Journalismus in unserer Zeit, die sich auch in Ihrer Handbibliothek finden: Den La-Roche und, ohne Bescheidenheit, „Das neue Handbuch des Journalismus“. Was treibt den Redakteur einer Regionalzeitung an, noch ein Journalismus-Buch zu schreiben – statt an einer Serie, die den nächsten Preis holt?

Noske: Ich würde noch „Die Reportage“ von Michael Haller hinzufügen. Mein Buch setzt setzt aber ganz anders an als diese „Klassiker“. Und zwar bei vielen Fragen, die nicht nur ganz am Anfang stehen, sondern noch vor dem Anfang:
– Welche Haltung müssen Journalisten haben?
– Wie engagiert müssen sie sein?
– Welche Tugenden braucht man denn eigentlich, um Themen zu finden, gründlich zu recherchieren – und möglichst wenige Fehler zu machen?
– Warum will ich das eigentlich machen?

Entstanden ist mein Projekt aus Seminaren mit unzähligen Studenten, bei dem ich mich selbst immer gefragt habe: Warum ist Journalist bloß ein Traumberuf für die? Umgekehrt kam nach meinem aufrüttelnden Tugend- und-Themen-Tremolo oft die Frage auf: Kann man das so eindrucksvoll nicht mal nachlesen?

Raue: Sie arbeiten bei einer großen Zeitung, die das Lokale schätzt. Nicht wenige sagen: Der arbeitet in der Provinz – und lächeln leicht. Kränkt Sie das?

Noske:  So wenig wie Sie. Daraus erwächst gerade mein Selbstbewusstsein. Es ist – mit Verlaub – nicht der leichteste Job, den wir in der „Provinz“ tun. Aber im Journalismus der wichtigste. Schon der Begriff Provinz ist seit jeher blödsinnig, denn er qualifiziert die normalen Leute ab. Es ist ein Begriff, mit dem schon immer das Entrücktsein einer Kaste von Eingebildeten verknüpft war. Hoffentlich sind nicht so viele Journalisten dabei. Denn sie sollen direkt neben den Leuten sitzen und das echte Leben aufspüren. Davon handelt mein Buch.

Raue: Was haben Sie in Ihr Buch genommen, was in den anderen Büchern fehlt?

Noske: Die Kapitel über das Schreiben und die Präsentation sind zentral und dann eben sehr praxisorientiert.

Wie anfangen? Mit konkreten Beispielen. Dranbleiben, Übergänge, Tricks für einen eigenen Stil. Mit konkreten Beispielen. Wie versetzt man sich in den Leser hinein? Wie packt man ihn. Zum Beispiel mit einer ganz einfachen Dreifingerregel: Reizen – Informieren – Unterhalten.

Wie bastelt man wirklich eine gute Überschrift? Hier findet man mal einen richtigen Baukasten.

Und was heißt eigentlich „Augenhöhe“ wirklich, von der immer die Rede ist? Da war mal eine kleine Psychologie unseres Lesers fällig.

Und ein eigenes großes Kapitel nur über Fehler und Fehler-Vermeidung? Dazu gehört das Eingeständnis, dass wir täglich regelmäßig Fehler produzieren. Ich zeige: So kriegen wir sie weg.

Raue: Legen Sie Ihre mal Ihre Bescheidenheit beiseite: Warum sollen junge Leute Ihr Buch lesen?

Noske: Wenn es um den Berufswunsch geht, hören wir doch immer wieder: Irgendwas mit Journalismus! Unser Beruf hat immer noch eine magische Anziehungskraft. Und das ist auch gut so. Doch in der Praxis sehen wir ja doch oft auch, wie sehr Vorstellung, Anspruch und Wirklichkeit immer mehr auseinanderklaffen. Dazu gehören ja immer zwei. Da ist die Zeitung beziehungsweise der Verlag, der einen Rund-um-die-Uhr-Job mit viel Stress, Routine und ungesunder Lebensweise zu bieten hat. Und da sind junge Leute, die eben zunehmend auch manches an Einstellung und Qualitäten mitbringen müssen.

Wer rauskriegen will, ob das also wirklich etwas für ihn ist, der sollte mein Buch lesen. In aller Bescheidenheit: Das konnte man bislang noch nirgendwo so gut lesen.

Raue: Sie haben seit Jahren einen Lehrauftrag an der Braunschweiger Universität. Sie entdecken immer wieder Talente, fördern sie. Welche Erfahrungen mit den Studenten sind in Ihr Buch geflossen?

Noske: Das knüpft an das eben Gesagte an. Mir geht es darum, die Leute auch wirklich zu finden, die wir meinen und die wir brauchen. Es gibt sie nicht wie Sand am Meer. Am Ende sind es tatsächlich Talente, die wir entdecken müssen. Wie sie dazu geworden sind, wissen wir nicht wirklich. Sie lesen viel, schreiben tatsächlich zum Spaß, pflegen vielfältige Kontakte, haben was zu sagen, eigene Hobbys, Projekte, eine eigene Haltung.

Ich habe immer gedacht: Das kann ich doch keinem jungen Menschen zwischen 20 und 30 Jahren mehr beibringen. Ich habe mich geirrt. Ein schöner kleiner Werkzeugkasten mit dem nötigen Handwerkszeug und den richtigen Tipps kann zumindest manchmal Wunder wirken. Die Studenten haben sich im Zuge von Bachelor und Master stark verändert: Sie wollen an die Hand genommen werden, warten ab, was ihnen geboten wird. Das nervt, aber es lehrt auch, die Flinte nicht zu früh ins Korn zu werfen.

Raue: Und warum sollten Ihre Kollegen und andere Journalisten Ihr Buch lesen?

Noske: Weil wir uns immer an den Zauber des Anfangs erinnern müssen! Weil wir uns vergewissern müssen, wie weit wir uns möglicherweise von unserem Ideal entfernt haben. Eine Kollegin in der Redaktion hat mir nach der Lektüre meines Buches gesagt: Schön und gut, ich habe es gern gelesen – aber ich komme nicht dazu, so zu arbeiten. Dieser Satz ist wahr, er ist ehrlich. Und er ist Sprengstoff für Redaktionen.

Warum schaffen wir es oft nicht, unsere Träume vom Journalismus im täglichen Redaktionsalltag zu verwirklichen. Und warum tun wir es nicht endlich, verdammt nochmal? Darum habe ich das Buch auch für meine Kollegen geschrieben. Es können nicht nur Anfänger lesen, sondern auch gestandene Redakteure. Mit einer Bedingung: Ich bin scharf auf ihre Reaktionen. Ich will die Diskussion.

Der zweite und dritte Teil des Interviews folgt: Teil 2 – Teil 3

Örtliche Aufheiterungen (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 13. Februar 2012 von Paul-Josef Raue.

Zum zweiten Mal begraben wir die wirklichen Unwörter, also unbrauchbare, missglückte, abgenutzte und aufgeblähte, die wir dennoch immer wieder hören und lesen:

Abgesehen davon, dass

„Abgesehen davon, dass Griechenland, Irland und Spanien inzwischen bis an die Schmerzgrenze sparen: Die Märkte testen die Widerstandsfähigkeit der Europäer mit brutaler Konsequenz.“

Eine junge Chinesin, des Deutschen kundig, versteht diesen Satz nicht, den sie in einer Zeitung gelesen hat. Dabei ist der Satz leicht zu verstehen, wenn sich der Autor ein wenig Mühe gegeben hätte: Er streicht das „Abgesehen davon, dass“ und formuliert einfach zwei Hauptsätze und setzt zwischen ihnen einen Punkt oder, noch besser, ein Semikolon.
„Abgesehen davon, dass“ ist stets entweder eine Anmaßung („Von örtlichen Aufheiterungen abgesehen…“, sagt der Wetterbericht. Woher weiß er aber, dass ich gerade vom einzig Erfreulichen am Wetter abzusehen wünsche?) – oder eine Antinachricht: Alles, wovon der Leser absehen soll, sollte man schlüssigerweise weglassen.

Bereich

„Feuerwehr: Brandherd wohl im Bereich der Kinderzimmer“, lesen wir in der Zeitung nach dem Feuer in einem Aachener Haus, bei dem im Januar drei Kinder starben. Sprechen wir so? Nein, wir rufen zu: Der Brand ist in den Kinderzimmern ausgebrochen! Der „Bereich“ ist überflüssig, wird oft gebraucht, ist aber stets nutzlos.
„Der Wagen verunglückte im Kurvenbereich?“ Nein, in einer Kurve.

„Im innerschulischen Bereich nimmt die Gewalt zu.“ Nein, in der Schule nimmt die Gewalt zu. „Bereich“ ist ein Blähwort: Acht Silben für den abstrakten „innerschulischen Bereich“, vier für das bildhafte „in der Schule“. (Thüringer Allgemeine, 13. Februar 2012, Kolumne „Friedhof der Wörter“)

(zu: Handbuch Kapitel 16 „Lexikon unbrauchbarer Wörter“)

Die Jungen wollen nicht mehr wissen, was auf der Welt los ist

Geschrieben am 10. Februar 2012 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 10. Februar 2012 von Paul-Josef Raue in Aktuelles.

Was ist nur mit den jungen Leuten los?, fragt Wolf Schneider im zweiten und abschließendem Teil seiner Dankesrede, nachdem ihm im Mai 2011 der Henri-Nannen-Preis für sein Lebenswerk verliehen worden war (erster Teil: 8. Februar in diesem Blog):

„Dazu kommt nun eine schlimme Entwicklung, die noch wenig beredet wird. Dass alles Gedruckte bedroht ist, das wissen wir ja. Die viel schlechtere Nachricht lautet: Eine wachsende Zahl von unter 30jährigen (Allensbach behauptet: schon die Hälfte!) will gar nicht mehr wissen, was auf der Welt los ist!

Peter Frey vom ZDF sieht es so: „In einer Art Slalom zappt die Klientel um alles herum, was nach Information riecht.“ Matthias Müller von Blumencron vom Spiegel sagt: „Viele Leute lassen sich eher bei Facebook durch ihre Freunde informieren als durch die Medien – das ist unsere neue Konkurrenz.“ Schon hört man von Redaktionen, die die Auswahl und die Aufmachung ihrer Stoffe danach ausrichten, dass sie die Chance haben, via Facebook möglichst oft weiterempfohlen zu werden. „Es ist Facebook, das den ,Küchenzuruf’ organisiert“, sagt der Chef von stern.de.

Und Rupert Murdoch hat gerade The Daily auf den Markt gebracht, eine Tageszeitung fürs iPad: Texte, Bilder, Töne – Nachrichten, Klatsch und vie-le Spiele. Die gute Nachricht lautet: Bisher ist The Daily ein Misserfolg. Und dabei durften und sollten die Nutzer der Redaktion dauernd schreiben, was sie sich wünschen.

Was sie sich wünschen! Eben. Damit wird die journalistische Tugend torpediert, den Bürgern auch Informationen zu vermitteln, die sie haben sollten, ob sie sie sich gewünscht haben oder nicht. Und es wird obendrein eine große journalistische Chance verspielt: nämlich zu wittern, wofür sie sich morgen interessieren werden! Selbst Leser alten Stils wissen das bekanntlich nie – anbieten muss man ihnen, was sie mögen werden! So, wie Henri Nannen Anfang der 60er Jahre dem Sternleser plötzlich Politik zumutete – zum Entsetzen von Bucerius und mit der Wirkung, dass der Stern dramatisch an Gewicht gewann, die Auflage steigerte und dem Weltruhm zustrebte.
Also: Begnadete Journalisten gesucht, die erschnuppern, womit man 18jährige zurückgewinnen kann! „Rastloser Planet sucht neuen Journalismus“, inseriert die Welt Kompakt, und sie hat recht: einen Journalismus, dessen Küchenzurufe bis in Clubs und Discos schallen.

Dabei würde uns jene Gesinnung helfen, die mir an Henri Nannen am meisten imponiert hat – er beschrieb sie nicht so, aber er strahlte sie ab, er lebte sie vor, er forderte sie ein: „Dass wir die Größten und die Großartigsten sind – das ist uns selbstverständlich viel zu wenig! Leute, krempelt die Ärmel auf!“

Und so rufe ich allen Journalisten (und zumal den hier Versammelten) zu: Dass Sie guten, dass sie brillanten Journalismus machen, das ist zu wenig, wenn der Journalismus überleben soll: Ideen müssen her! Krempeln wir die Ärmel auf!“

(zu Handbuch: Kapitel 54 „Die neue Seite 1 (Küchenzuruf)“ und Kapitel 46 „Die Redaktion: Wer hat die Macht“ und Schlußkapitel „Welche Zukunft hat der Journalismus“)

Schneiders Lebensstil: Kein Yoga – kein Joghurt

Geschrieben am 8. Februar 2012 von Paul-Josef Raue.

Wolf Schneider, einer der beiden Handbuch-Autoren,  erhielt am 6. Mai 2011 den Henri-Nannen-Preis für sein Lebenswerk. Im ersten Teil seiner Dankesrede sagte er:

„Ich bedanke mich und bin stolz auf diesen Preis. Er trifft insofern nicht ganz den Falschen, als ich unter den Preisträgern der erste (und in diesem Haus vermutlich der letzte) bin, der Henri Nannen in seiner größten Zeit erlebt und noch direkt von ihm gelernt hat – mehr als von jedem anderen Men-schen; und unbefangen füge ich hinzu: Es hat auch kein anderer Mensch von ihm so viel gelernt wie ich.

„Lebenswerk“ freilich – das klingt ein bisschen nach „gewesen“, nach Plusquamperfekt. Deshalb hänge ich mich nicht ungern an das an, was mir heute früh im Fahrstuhl Helmut Markwort vorgeschlagen hat: doch einfach von einem „Lebensabschnittspreis“ zu sprechen.

In der Tat, ich habe noch viel vor – beflügelt von den journalistischen Generaltugenden Neugier, Misstrauen und Ungeduld – gestützt auf vier Kinder, auf die ich stolz bin – Arm in Arm mit meiner Frau. Ohne sie stünde ich nicht hier. Gemeinsam betreiben wir ein florierendes Kleinunternehmen für gehobene Prosa. Und einig sind wir uns auch über unsern Lebensstil: Kein Yoga – kein Joghurt – Dampf in der Hütte – und einen Hauch von Leichtsinn bis zum Schluss. Danke, Lilo.

Henri Nannen! „Dieser überwältigende, lastende Mann“ – so hat Gerd Bucerius ihn genannt: diesen großen Zámpano der deutschen Presse – den Renaissance-Fürsten, fröhlichen Leute-Schinder und Baum von einem Mann! Zugunsten der Leser warf er mit Millionen um sich und schaufelte dabei seinen Verlegern Milliarden in die Tasche. Ein launisches Kraftpaket, von den Redakteuren gefürchtet, bewundert, gehasst, geliebt. Meldete er sich in den Urlaub ab, ging ein Aufatmen durch die Redaktion – dasselbe aber, wenn er wiederkam.

Wir keuchten unter ihm, wir strampelten in dem Hochdruckkessel, den er lustvoll beheizte – und entgegen einem populären Fehlurteil ist Druck etwas Wunderbares für alle, die etwas schaffen wollen.

Natürlich, es war viel Frust in der Redaktion: Denn sie produzierte ja immer Stoff für zwei bis drei „Sterne“, aus denen Nannen den einen herausknetete, der dann erschien. Aber es zog auch ein Hauch von Begeisterung durch die Räume, wenn wir es wieder mal gestemmt hatten, dieses unglaubliche Blatt, das das heißeste Medium deutscher Sprache war, die größte, erfolgreichste, renommierteste Illustrierte der Welt! Und ich kann sagen: Ich bin dabeigewesen.

Wie man den bloßen Blätterer permanent überrascht und förmlich hineinreißt in die Geschichten: Das wusste Nannen besser als jeder andere, das lehrte er, das setzte er um. Dass drei pakistanische Eigennamen in zwei Zeilen den Leser zuverlässig verscheuchen – dass ein schwerfälliger zweiter Absatz alle folgenden Absätze sinnlos macht – und natürlich, dass jeder Text mit einem Satz beginnen oder auf einen Satz zulaufen muss, den der Leser so schön oder so verblüffend findet, dass es ihn drängt, ihn seiner Frau zuzurufen: der Küchenzuruf in Nannens Bildersprache! Ich lehre ihn seit 32 Jahren, fast gerührt habe ich in wiedergefunden als Mahnung in den „Textstandards“ von Spiegel online.

Das Erstaunliche ist nun, dass alles, was Nannen erspürte, praktizierte, lehrte und erzwang, noch ungleich wichtiger geworden ist, als es zu seiner Zeit war. Denn dramatisch gestiegen ist ja das Angebot an gedrucktem und gesendetem Text – gleichzeitig gesunken die Bereitschaft zu gründlicher, gar geruhsamer Lektüre – gewachsen schlechthin die Kurzatmigkeit, die Ungeduld! Wer erreicht auf dem Bildschirm noch die letzte Zeile? Ist der typische Blogger nicht ein Mensch, der erst mal protestiert, ehe er gelesen hat? (Wenn überhaupt.)“

Diskussion der neuen Kapitel zum Onlinejournalismus

Geschrieben am 7. Februar 2012 von Raphael Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 7. Februar 2012 von Raphael Raue in Aktuelles.

Das neue Handbuch des Journalismus und Online-Journalismus wird zur Zeit rege diskutiert. Vor allem die neuen Kapitel zum Onlinejournalismus werden kritisch hinterfragt. Diese Beiträge sind sicher auch für die Leser dieses Blogs interessant:

Auf die kritischen Betrachtungen antwortet Wolf Schneider in einem  MEEDIA-Interview:

Und Stefan Niggemeier kritisiert die Kritik:

Weitere Kritik, Anregungen und Links zur Diskussion können sie gerne als Kommentar schreiben oder per Mail senden.

 

Eine Liebeserklärung an die Lokalzeitung

Geschrieben am 7. Februar 2012 von Paul-Josef Raue.
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Wolfgang Gropper war eine halbe Ewigkeit Intendant des Staatstheaters in Braunschweig. Im Ruhestand zieht es ihn nach Bayern, wo ihn morgens beim Brötchenholen die grantige Resi erwartet – „an den groben Ton und den derben Humor muss auch ich mich erst wieder gewöhnen“.

Eine Liebeserklärung an die Lokalzeitungen folgt, gerade an die in Braunschweig, die ihm sein Theaterleben nicht immer leicht gemacht hat. Der Kolumnist Biegel und der Kulturredakteur Berger kommen sogar in den Genuss, in Tätigkeitswörter verwandelt zu werden:

„Das intellektuelle Niveau der Chiemgau-Zeitung wäre allerdings – natürlich ganz im Gegensatz zur Braunschweiger Zeitung – noch ausbaufähig, aber der Unterhaltungswert, zumindest zwischen den Zeilen, bietet schon oft feinste bayerische Satire.

Natürlich vermissen wir hier das Biegeln und Bergern… ebenso vermissen wir die kundenfreundliche Leserbrief- und Ratgeberseite, weil wir nun nicht mehr wissen, was wir vom Borkenkäfer lernen können, wie man sein Kaninchen beim Abnehmen unterstützt und ob man Heimweh schneller und nachhaltiger mit Ohrenschützern oder mit rosa Kontaktlinsen bekämpft.“

aus: „Vier-Viertel-Kult“, Zeitschrift der Stiftung Braunschweiger Kulturbesitz, Winter 2011

(zu: Handbuch-Kapitel 55 „Der neue Lokaljournalismus“)

Geschwätzige Verdoppelung (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 6. Februar 2012 von Paul-Josef Raue.

Im Februar begraben wir die wirklichen Unwörter, also unbrauchbare, missglückte, abgenutzte und aufgeblähte, die wir dennoch immer wieder hören und lesen.

Missglücktes Attentat
„Missglücktes Attentat am Times Square: Autobomber handelte offenbar allein“ lautete die Schlagzeile einer Zeitung im Mai 2010. Für wen wäre es ein Glück gewesen, wenn das Attentat gelungen wäre? Nicht für über 99 Prozent der Zeitungsleser.
Ein Attentat kann misslingen, scheitern, verhindert werden; „missglücken“ kann nur etwas, bei dem das Glücken vom normalen Leser als Glück empfunden worden wäre.

Attentatsversuch
„Landeskriminalamt weiß doch von Attentatsversuch“, war im November in den Radionachrichten zu hören über einen Sprengsatz in Stadtroda, der 1997 misslungen war.
Das „Attentat“, seit 500 Jahren auch ein deutsches Wort, bedeutet: Der Versuch. „Adtemptatio“, lateinisch, war der Versuch, das Recht zu brechen. Seit dem 19. Jahrhundert haben wir im Deutschen die Bedeutung eingeschränkt: Das Attentat ist der Versuch, einen politischen Gegner zu töten.
Attentatsversuch ist also eine geschwätzige Verdoppelung von „Attentat“. Ein Mordanschlag kann scheitern; ein Attentat bleibt er doch.

_____ (Thüringer Allgemeine, 6. Februar 2012, Kolumne „Friedhof der Wörter“)

(zu: Handbuch Kapitel 16 „Lexikon unbrauchbarer Wörter“)

Berichtigung

Geschrieben am 3. Februar 2012 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 3. Februar 2012 von Paul-Josef Raue in Aktuelles.

Auf S. 32 des Handbuchs des Journalismus und des Online-Journalismus ist uns ein Fehler unterlaufen. Ex-Handelsblatt-Redakteur Thomas Knüwer wird hier mit dem Satz zitiert: „Online-Redakteure sind die dummen Textschrubber, die nichts können.“ Tatsächlich hat er – gegenüber dem journalist online – gesagt, Online-Redakteure seien „aus Sicht vieler Printkollegen nur die dummen Textschrubber, die nichts können.“ Er hat die Online-Kollegen also nicht angreifen, sondern vielmehr in Schutz nehmen wollen. Wir bedauern das Versehen.

Schreiben wie mir der Schnabel gewachsen ist?

Geschrieben am 3. Februar 2012 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 3. Februar 2012 von Paul-Josef Raue in Friedhof der Wörter.

Ein Leser wehrt sich gegen die Anglizismen („Pauer off se mooschen“) und fragt sich, ob man die Wörter nun schreiben soll, wie man sie spricht.

„Mache ich einen Fehler, wenn ich weiter von Chancengleichheit schreibe – oder ist Schangsengleichheit richtig? Ist nur das Hochdeutsche erlaubt oder kann ich schreiben, wie mir der Schnabel gewachsen ist? Eines ist auf jeden Fall sicher: Goethe würde sich wie ein Propeller im Grabe drehen, wenn er uns heute beim Umgang mit seiner Muttersprache beobachten könnte.“

Soll man schreiben, wie man spricht?, fragt auch Wolf Schneider. Er meint nicht die Lautschrift als Alternative zur Duden-Schreibweise – sondern die Alltagssprache als Grundlage der journalistischen Sprache. In „Deutsch für junge Profis“ schreibt er: Ja, man soll so schreiben, wie man spricht. „Die Basis für alles, was wir schreiben, sei unsere natürliche Rede. Wir sollten dann nur

– unsere Sätze zu einem grammatisch korrekten Ende bringen;
– von unseren Wörter die flapsigen wägen, die vulgären tilgen und das treffendste noch suchen;
– auf schiere Wiederholungen verzichten (falls sie nicht zur schönen Redundanz gehören);
– das mutmaßliche Übermaß an Füllwörtern beseitigen: Liest man die Abschrift einer freien Rede, so erschrickt man unwillkürlich über die vielen „ja“ und „doch“ und „nun“.

(zu: Handbuch-Kapitel 8 „Podcast – Fürs Hören schreiben“ und die Kapitel 11 bis 14 „Schreiben und Redigieren“)

Speed-Desk

Geschrieben am 2. Februar 2012 von Paul-Josef Raue.

Ein neuer Begriff für das Lexikon journalistischer Fachausdrücke, gefunden in einer Stellenanzeige von „Bloomberg“:  Redakteur am Speed-Desk.

„Aufgabe:  Speed-Desk-Redakteure/innen senden bei Breaking News aus Deutschland und aller Welt die jeweils ersten Schlagzeilen und Kurzmeldungen an Bloomberg- Terminal-Kunden und Medienkunden. – Voraussetzungen sind Universitätsabschluss, journalistische Berufserfahrung in Deutschland, Nordamerika oder anderen Weltregionen sowie sehr gute Englischkenntnisse.“

 

(zu: Handbuch Service „Lexikon journalistischer Fachausdrücke“)

Journalisten-Handbuch.de ist ein Marktplatz für journalistische Profis. Wir debattieren über "Das neue Handbuch des Journalismus", kritisieren, korrigieren und ergänzen die einzelnen Kapitel, Thesen und Regeln, regen Neues an, bringen gute und schlechte Beispiele und berichten aus der Praxis.

Kritik und Anregungen bitte an: mail@journalisten-handbuch.de

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