Geschwätzige Verdoppelung (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 6. Februar 2012 von Paul-Josef Raue.

Im Februar begraben wir die wirklichen Unwörter, also unbrauchbare, missglückte, abgenutzte und aufgeblähte, die wir dennoch immer wieder hören und lesen.

Missglücktes Attentat
„Missglücktes Attentat am Times Square: Autobomber handelte offenbar allein“ lautete die Schlagzeile einer Zeitung im Mai 2010. Für wen wäre es ein Glück gewesen, wenn das Attentat gelungen wäre? Nicht für über 99 Prozent der Zeitungsleser.
Ein Attentat kann misslingen, scheitern, verhindert werden; „missglücken“ kann nur etwas, bei dem das Glücken vom normalen Leser als Glück empfunden worden wäre.

Attentatsversuch
„Landeskriminalamt weiß doch von Attentatsversuch“, war im November in den Radionachrichten zu hören über einen Sprengsatz in Stadtroda, der 1997 misslungen war.
Das „Attentat“, seit 500 Jahren auch ein deutsches Wort, bedeutet: Der Versuch. „Adtemptatio“, lateinisch, war der Versuch, das Recht zu brechen. Seit dem 19. Jahrhundert haben wir im Deutschen die Bedeutung eingeschränkt: Das Attentat ist der Versuch, einen politischen Gegner zu töten.
Attentatsversuch ist also eine geschwätzige Verdoppelung von „Attentat“. Ein Mordanschlag kann scheitern; ein Attentat bleibt er doch.

_____ (Thüringer Allgemeine, 6. Februar 2012, Kolumne „Friedhof der Wörter“)

(zu: Handbuch Kapitel 16 „Lexikon unbrauchbarer Wörter“)

Berichtigung

Geschrieben am 3. Februar 2012 von Paul-Josef Raue.
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Auf S. 32 des Handbuchs des Journalismus und des Online-Journalismus ist uns ein Fehler unterlaufen. Ex-Handelsblatt-Redakteur Thomas Knüwer wird hier mit dem Satz zitiert: „Online-Redakteure sind die dummen Textschrubber, die nichts können.“ Tatsächlich hat er – gegenüber dem journalist online – gesagt, Online-Redakteure seien „aus Sicht vieler Printkollegen nur die dummen Textschrubber, die nichts können.“ Er hat die Online-Kollegen also nicht angreifen, sondern vielmehr in Schutz nehmen wollen. Wir bedauern das Versehen.

Schreiben wie mir der Schnabel gewachsen ist?

Geschrieben am 3. Februar 2012 von Paul-Josef Raue.
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Ein Leser wehrt sich gegen die Anglizismen („Pauer off se mooschen“) und fragt sich, ob man die Wörter nun schreiben soll, wie man sie spricht.

„Mache ich einen Fehler, wenn ich weiter von Chancengleichheit schreibe – oder ist Schangsengleichheit richtig? Ist nur das Hochdeutsche erlaubt oder kann ich schreiben, wie mir der Schnabel gewachsen ist? Eines ist auf jeden Fall sicher: Goethe würde sich wie ein Propeller im Grabe drehen, wenn er uns heute beim Umgang mit seiner Muttersprache beobachten könnte.“

Soll man schreiben, wie man spricht?, fragt auch Wolf Schneider. Er meint nicht die Lautschrift als Alternative zur Duden-Schreibweise – sondern die Alltagssprache als Grundlage der journalistischen Sprache. In „Deutsch für junge Profis“ schreibt er: Ja, man soll so schreiben, wie man spricht. „Die Basis für alles, was wir schreiben, sei unsere natürliche Rede. Wir sollten dann nur

– unsere Sätze zu einem grammatisch korrekten Ende bringen;
– von unseren Wörter die flapsigen wägen, die vulgären tilgen und das treffendste noch suchen;
– auf schiere Wiederholungen verzichten (falls sie nicht zur schönen Redundanz gehören);
– das mutmaßliche Übermaß an Füllwörtern beseitigen: Liest man die Abschrift einer freien Rede, so erschrickt man unwillkürlich über die vielen „ja“ und „doch“ und „nun“.

(zu: Handbuch-Kapitel 8 „Podcast – Fürs Hören schreiben“ und die Kapitel 11 bis 14 „Schreiben und Redigieren“)

Speed-Desk

Geschrieben am 2. Februar 2012 von Paul-Josef Raue.

Ein neuer Begriff für das Lexikon journalistischer Fachausdrücke, gefunden in einer Stellenanzeige von „Bloomberg“:  Redakteur am Speed-Desk.

„Aufgabe:  Speed-Desk-Redakteure/innen senden bei Breaking News aus Deutschland und aller Welt die jeweils ersten Schlagzeilen und Kurzmeldungen an Bloomberg- Terminal-Kunden und Medienkunden. – Voraussetzungen sind Universitätsabschluss, journalistische Berufserfahrung in Deutschland, Nordamerika oder anderen Weltregionen sowie sehr gute Englischkenntnisse.“

 

(zu: Handbuch Service „Lexikon journalistischer Fachausdrücke“)

Gottgleiche Politiker

Geschrieben am 1. Februar 2012 von Paul-Josef Raue.
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Dieser Scherz, nahe der Wirklichkeit, kursiert über Politiker und Funktionäre, die über mehrere Wahlperioden ganz oben sind, sei es als Oberbürgermeister, Ministerpräsidenten oder Landräte:

 „In der ersten Amtszeit sind sie gottesfürchtig; in der zweiten werden sie gottgleich; in der dritten fragen sie: Wer ist Gott?“

Ähnliches soll auch für Chefredakteure gelten, die Jahrzehnte regieren.

 

(zu: Handbuch, Kapitel 46 „Die Redaktion: Wer hat die Macht“ und das geplante Kapitel „Politiker und Journalisten“)

Blog-Gebote: Fairness, Sorgfalt, Überprüfen aller Fakten

Geschrieben am 31. Januar 2012 von Paul-Josef Raue.
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Arianna Huffington (61) ist der Star unter den Bloggern. In die „Huffington Post“ lockte sie Legionen von Bloggern, ohne ihnen ein Honorar zu zahlen, machte die Post zur stärksten Nachrichten-Seite im US-Internet und verkaufte sie 2011 für über 300 Millionen Dollar an AOL.
In einem Focus-Interview nennt sie die Grundregeln für Blogger:

„Unsere goldenen Gebote heißen: Fairness, Sorgfalt, Überprüfen aller Fakten. Wie heißt es so schön: Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung, aber nicht auf seine eigenen Fakten.“

Die Themen, über die die Menschen am meisten sprechen: „Politik, Kunst, Bücher, Essen oder Sex.“

(Focus 4/2012, Seite 91)

(zu Handbuch-Kapitel 10 „Was Journalisten von Bloggern lernen können“)

Deutscher Rekord: 85-Buchstaben-Wort (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 30. Januar 2012 von Paul-Josef Raue.

Die englische Sprache hat ihre Vorzüge. Ihre Wörter sind in der Regel kürzer als die deutschen. So haben sich lange vor Erfindung der Anglizismen schöne Einsilber in die deutsche Sprache eingenistet: Die „Bar“ zum Beispiel, das „Steak“ und der „Toast“.

Bei Bar und Steak fällt niemandem, selbst dem eingefleischten Englisch-Hasser, ein deutsches Wort ein, das sich mit dem englischen messen könnte. „Toast“ oder „Röstbrot“? Freunde der deutschen Sprache, die den „Anglizismen-Index“ herausgeben, können sich das „Röstbrot“ durchaus vorstellen; und den „Toaster“ als „Brotröster“.

Auch das „Röstbrot“ ist ein kurzes, sogar bildhaftes Wort. Doch es taugt nicht für den Alltag. Wer im Restaurant einen Salat bestellt mit Röstbrot, der wird den verdutzten Blick der Kellnerin aushalten müssen. „Ach so, Sie meinen einen Toast!“

Den Ehrgeiz der Deutschen, sehr lange Wörter zu bilden, teilen Engländer und Amerikaner nicht. Ein Wort mit 85 Buchstaben ist im Englischen unmöglich. 85 Buchstaben – das ist deutscher Rekord, vor zehn Jahren entdeckt von der Duden-Redaktion in der „Neuen Zürcher Zeitung“.

Das längste Wort, das mindestens vier Mal belegt ist, hat 67 Buchstaben. Mit diesen Bandwurm-Wörtern endet diese Kolumne. Mehr Qual soll nicht sein:

85: Schauspielerbetreuungsflugbuchungsstatisterieleitungsgastspielorganisationsspezialist

67: Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung

Aktion zur Leser-Blatt-Bindung: 500 Funklöcher und mehr

Geschrieben am 27. Januar 2012 von Paul-Josef Raue.

Die Redaktion der „Thüringer Allgemeine“ hatte die Idee: Leser, meldet die Orte, an denen Eure Handys keinen Empfang haben! 500 Leser meldeten die Funklöcher, die Zeitung brachte auf einer Panoramaseite eine Thüringen-Karte mit allen Löchern in allen Netzen. Und die Netzbetreiber kamen ins Schwitzen und kündigten an: Bald wird es keine Funklöcher mehr geben.

Einsam schrieb ein Leser; „Danke für diese detaillierte Karte der Funklöcher Thüringens. Jetzt weiß ich wenigstens, wo ich dem ununterbrochenen Gesabbel entkommen kann, das allerorts über mich hereinbricht. Ein bissel neugierig bin ich ja auch, aber über Hautkrankheit fremder Personen, über Eheprobleme junger Frauen, über Rheuma-Attacken anderer, über Seitensprünge von Ehemännern oder über die Ereignisse und Folgen nächtlicher Orgien möchte ich doch nicht unbedingt informiert werden…“

(zu: Handbuch-Kapitel 56 „Service und Aktionen“)

Wulff-Affäre: Medien haben Ansehen und Vertrauen verloren

Geschrieben am 26. Januar 2012 von Paul-Josef Raue.
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„Es gibt bei diesen Vorgängen rund um den Bundespräsidenten keine Gewinner. Alle haben an Ansehen und Vertrauen verloren: der Amtsinhaber, das Amt selbst sowie die Medien. Das ist bedauerlich.“ (Saarlands Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer, CDU, im Focus 4/2012)

(zu: Handbuch Kapitel 3 „Warum die Gesellschaft bessere Journalisten braucht“)

Wie eine Lokalzeitung diskutiert, was ins Blatt kommt

Geschrieben am 25. Januar 2012 von Paul-Josef Raue.
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„Warum am Samstag kein Platz für den Terror in Nigeria war“,  überschreibt Nachrichtenredakteur Henning Wandel einen Blog-Eintrag des Mindener Tageblatts. Er erläutert, wie in einer Redaktion Entscheidungen fallen:

„Sieben Tote, viele Verletzte – diese Zahlen meldete die Nachrichtenagentur DPA noch am späten Freitagabend nach Anschlägen auf mehrere Polizeistationen in Nigeria. Gegen die Themen, die zu diesem Zeitpunkt auf der außenpolitischen Seite des MT für Samstag vorgesehen waren, konnte sich der wiederholte Terror in Westafrika nicht durchsetzen.

Nicht einmal 17 Stunden später war bereits von 120 Toten die Rede, bis Samstagabend stieg die Zahl auf 165, letztlich verloren an diesem Wochenende wohl fast 200 Menschen in Nigeria bei den Anschlägen ihr Leben. War die Entscheidung am Freitagabend also eine Fehleinschätzung?

Jede dieser Entscheidungen fällt schwer, doch sie sind trauriger Alltag in der Nachrichtenredaktion, die sich unter anderem um die politischen Themen kümmert.

  • – Wann wird ein Anschlag zur Meldung?
  • – Ist es nur die Zahl der Toten?
  • – Ist es die Nähe zu Deutschland? Oder zu Europa? Bei Angriffen auf deutsche Soldaten gibt es ausführliche Berichte – auch wenn es keine Verletzten gibt. Aber Bomben in Nigeria?
  • – Sind Attacken auf Polizeistationen weniger schlimm als Anschläge gegen Christen, mit denen wir uns kulturell eher verbunden fühlen?
  • – Und die wiederum sind nicht zu vergleichen mit Horrormeldungen aus Ägypten, wo viele Deutsche schon einmal Urlaub gemacht haben?

Die Entscheidung von Freitag war in erster Linie nüchtern abgewogen und damit wohl weder falsch noch richtig. Allenfalls unglücklich.

Unglücklich ist in diesem Zusammenhang zudem, dass auch in Zukunft immer wieder ähnliche Entscheidungen getroffen werden müssen und damit so mancher Krisenherd an den Rand gedrängt wird, der eigentlich laut aufschreien lassen müsste. Vor allem, da ein umstrittener Bundespräsident und eine (wohl vorübergehende) Finanzkrise im Angesicht von Terror, Krieg und Hunger bemerkenswert klein erscheinen.“

(zu: Handbuch Kapitel 23 „Was ist eine Nachricht?“ und Kapitel 22 „Warum alles Informieren so schwierig ist“)

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