Schneiders Lebensstil: Kein Yoga – kein Joghurt

Geschrieben am 8. Februar 2012 von Paul-Josef Raue.

Wolf Schneider, einer der beiden Handbuch-Autoren,  erhielt am 6. Mai 2011 den Henri-Nannen-Preis für sein Lebenswerk. Im ersten Teil seiner Dankesrede sagte er:

„Ich bedanke mich und bin stolz auf diesen Preis. Er trifft insofern nicht ganz den Falschen, als ich unter den Preisträgern der erste (und in diesem Haus vermutlich der letzte) bin, der Henri Nannen in seiner größten Zeit erlebt und noch direkt von ihm gelernt hat – mehr als von jedem anderen Men-schen; und unbefangen füge ich hinzu: Es hat auch kein anderer Mensch von ihm so viel gelernt wie ich.

„Lebenswerk“ freilich – das klingt ein bisschen nach „gewesen“, nach Plusquamperfekt. Deshalb hänge ich mich nicht ungern an das an, was mir heute früh im Fahrstuhl Helmut Markwort vorgeschlagen hat: doch einfach von einem „Lebensabschnittspreis“ zu sprechen.

In der Tat, ich habe noch viel vor – beflügelt von den journalistischen Generaltugenden Neugier, Misstrauen und Ungeduld – gestützt auf vier Kinder, auf die ich stolz bin – Arm in Arm mit meiner Frau. Ohne sie stünde ich nicht hier. Gemeinsam betreiben wir ein florierendes Kleinunternehmen für gehobene Prosa. Und einig sind wir uns auch über unsern Lebensstil: Kein Yoga – kein Joghurt – Dampf in der Hütte – und einen Hauch von Leichtsinn bis zum Schluss. Danke, Lilo.

Henri Nannen! „Dieser überwältigende, lastende Mann“ – so hat Gerd Bucerius ihn genannt: diesen großen Zámpano der deutschen Presse – den Renaissance-Fürsten, fröhlichen Leute-Schinder und Baum von einem Mann! Zugunsten der Leser warf er mit Millionen um sich und schaufelte dabei seinen Verlegern Milliarden in die Tasche. Ein launisches Kraftpaket, von den Redakteuren gefürchtet, bewundert, gehasst, geliebt. Meldete er sich in den Urlaub ab, ging ein Aufatmen durch die Redaktion – dasselbe aber, wenn er wiederkam.

Wir keuchten unter ihm, wir strampelten in dem Hochdruckkessel, den er lustvoll beheizte – und entgegen einem populären Fehlurteil ist Druck etwas Wunderbares für alle, die etwas schaffen wollen.

Natürlich, es war viel Frust in der Redaktion: Denn sie produzierte ja immer Stoff für zwei bis drei „Sterne“, aus denen Nannen den einen herausknetete, der dann erschien. Aber es zog auch ein Hauch von Begeisterung durch die Räume, wenn wir es wieder mal gestemmt hatten, dieses unglaubliche Blatt, das das heißeste Medium deutscher Sprache war, die größte, erfolgreichste, renommierteste Illustrierte der Welt! Und ich kann sagen: Ich bin dabeigewesen.

Wie man den bloßen Blätterer permanent überrascht und förmlich hineinreißt in die Geschichten: Das wusste Nannen besser als jeder andere, das lehrte er, das setzte er um. Dass drei pakistanische Eigennamen in zwei Zeilen den Leser zuverlässig verscheuchen – dass ein schwerfälliger zweiter Absatz alle folgenden Absätze sinnlos macht – und natürlich, dass jeder Text mit einem Satz beginnen oder auf einen Satz zulaufen muss, den der Leser so schön oder so verblüffend findet, dass es ihn drängt, ihn seiner Frau zuzurufen: der Küchenzuruf in Nannens Bildersprache! Ich lehre ihn seit 32 Jahren, fast gerührt habe ich in wiedergefunden als Mahnung in den „Textstandards“ von Spiegel online.

Das Erstaunliche ist nun, dass alles, was Nannen erspürte, praktizierte, lehrte und erzwang, noch ungleich wichtiger geworden ist, als es zu seiner Zeit war. Denn dramatisch gestiegen ist ja das Angebot an gedrucktem und gesendetem Text – gleichzeitig gesunken die Bereitschaft zu gründlicher, gar geruhsamer Lektüre – gewachsen schlechthin die Kurzatmigkeit, die Ungeduld! Wer erreicht auf dem Bildschirm noch die letzte Zeile? Ist der typische Blogger nicht ein Mensch, der erst mal protestiert, ehe er gelesen hat? (Wenn überhaupt.)“

Diskussion der neuen Kapitel zum Onlinejournalismus

Geschrieben am 7. Februar 2012 von Raphael Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 7. Februar 2012 von Raphael Raue in Aktuelles.

Das neue Handbuch des Journalismus und Online-Journalismus wird zur Zeit rege diskutiert. Vor allem die neuen Kapitel zum Onlinejournalismus werden kritisch hinterfragt. Diese Beiträge sind sicher auch für die Leser dieses Blogs interessant:

Auf die kritischen Betrachtungen antwortet Wolf Schneider in einem  MEEDIA-Interview:

Und Stefan Niggemeier kritisiert die Kritik:

Weitere Kritik, Anregungen und Links zur Diskussion können sie gerne als Kommentar schreiben oder per Mail senden.

 

Eine Liebeserklärung an die Lokalzeitung

Geschrieben am 7. Februar 2012 von Paul-Josef Raue.
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Wolfgang Gropper war eine halbe Ewigkeit Intendant des Staatstheaters in Braunschweig. Im Ruhestand zieht es ihn nach Bayern, wo ihn morgens beim Brötchenholen die grantige Resi erwartet – „an den groben Ton und den derben Humor muss auch ich mich erst wieder gewöhnen“.

Eine Liebeserklärung an die Lokalzeitungen folgt, gerade an die in Braunschweig, die ihm sein Theaterleben nicht immer leicht gemacht hat. Der Kolumnist Biegel und der Kulturredakteur Berger kommen sogar in den Genuss, in Tätigkeitswörter verwandelt zu werden:

„Das intellektuelle Niveau der Chiemgau-Zeitung wäre allerdings – natürlich ganz im Gegensatz zur Braunschweiger Zeitung – noch ausbaufähig, aber der Unterhaltungswert, zumindest zwischen den Zeilen, bietet schon oft feinste bayerische Satire.

Natürlich vermissen wir hier das Biegeln und Bergern… ebenso vermissen wir die kundenfreundliche Leserbrief- und Ratgeberseite, weil wir nun nicht mehr wissen, was wir vom Borkenkäfer lernen können, wie man sein Kaninchen beim Abnehmen unterstützt und ob man Heimweh schneller und nachhaltiger mit Ohrenschützern oder mit rosa Kontaktlinsen bekämpft.“

aus: „Vier-Viertel-Kult“, Zeitschrift der Stiftung Braunschweiger Kulturbesitz, Winter 2011

(zu: Handbuch-Kapitel 55 „Der neue Lokaljournalismus“)

Geschwätzige Verdoppelung (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 6. Februar 2012 von Paul-Josef Raue.

Im Februar begraben wir die wirklichen Unwörter, also unbrauchbare, missglückte, abgenutzte und aufgeblähte, die wir dennoch immer wieder hören und lesen.

Missglücktes Attentat
„Missglücktes Attentat am Times Square: Autobomber handelte offenbar allein“ lautete die Schlagzeile einer Zeitung im Mai 2010. Für wen wäre es ein Glück gewesen, wenn das Attentat gelungen wäre? Nicht für über 99 Prozent der Zeitungsleser.
Ein Attentat kann misslingen, scheitern, verhindert werden; „missglücken“ kann nur etwas, bei dem das Glücken vom normalen Leser als Glück empfunden worden wäre.

Attentatsversuch
„Landeskriminalamt weiß doch von Attentatsversuch“, war im November in den Radionachrichten zu hören über einen Sprengsatz in Stadtroda, der 1997 misslungen war.
Das „Attentat“, seit 500 Jahren auch ein deutsches Wort, bedeutet: Der Versuch. „Adtemptatio“, lateinisch, war der Versuch, das Recht zu brechen. Seit dem 19. Jahrhundert haben wir im Deutschen die Bedeutung eingeschränkt: Das Attentat ist der Versuch, einen politischen Gegner zu töten.
Attentatsversuch ist also eine geschwätzige Verdoppelung von „Attentat“. Ein Mordanschlag kann scheitern; ein Attentat bleibt er doch.

_____ (Thüringer Allgemeine, 6. Februar 2012, Kolumne „Friedhof der Wörter“)

(zu: Handbuch Kapitel 16 „Lexikon unbrauchbarer Wörter“)

Berichtigung

Geschrieben am 3. Februar 2012 von Paul-Josef Raue.
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Auf S. 32 des Handbuchs des Journalismus und des Online-Journalismus ist uns ein Fehler unterlaufen. Ex-Handelsblatt-Redakteur Thomas Knüwer wird hier mit dem Satz zitiert: „Online-Redakteure sind die dummen Textschrubber, die nichts können.“ Tatsächlich hat er – gegenüber dem journalist online – gesagt, Online-Redakteure seien „aus Sicht vieler Printkollegen nur die dummen Textschrubber, die nichts können.“ Er hat die Online-Kollegen also nicht angreifen, sondern vielmehr in Schutz nehmen wollen. Wir bedauern das Versehen.

Schreiben wie mir der Schnabel gewachsen ist?

Geschrieben am 3. Februar 2012 von Paul-Josef Raue.
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Ein Leser wehrt sich gegen die Anglizismen („Pauer off se mooschen“) und fragt sich, ob man die Wörter nun schreiben soll, wie man sie spricht.

„Mache ich einen Fehler, wenn ich weiter von Chancengleichheit schreibe – oder ist Schangsengleichheit richtig? Ist nur das Hochdeutsche erlaubt oder kann ich schreiben, wie mir der Schnabel gewachsen ist? Eines ist auf jeden Fall sicher: Goethe würde sich wie ein Propeller im Grabe drehen, wenn er uns heute beim Umgang mit seiner Muttersprache beobachten könnte.“

Soll man schreiben, wie man spricht?, fragt auch Wolf Schneider. Er meint nicht die Lautschrift als Alternative zur Duden-Schreibweise – sondern die Alltagssprache als Grundlage der journalistischen Sprache. In „Deutsch für junge Profis“ schreibt er: Ja, man soll so schreiben, wie man spricht. „Die Basis für alles, was wir schreiben, sei unsere natürliche Rede. Wir sollten dann nur

– unsere Sätze zu einem grammatisch korrekten Ende bringen;
– von unseren Wörter die flapsigen wägen, die vulgären tilgen und das treffendste noch suchen;
– auf schiere Wiederholungen verzichten (falls sie nicht zur schönen Redundanz gehören);
– das mutmaßliche Übermaß an Füllwörtern beseitigen: Liest man die Abschrift einer freien Rede, so erschrickt man unwillkürlich über die vielen „ja“ und „doch“ und „nun“.

(zu: Handbuch-Kapitel 8 „Podcast – Fürs Hören schreiben“ und die Kapitel 11 bis 14 „Schreiben und Redigieren“)

Speed-Desk

Geschrieben am 2. Februar 2012 von Paul-Josef Raue.

Ein neuer Begriff für das Lexikon journalistischer Fachausdrücke, gefunden in einer Stellenanzeige von „Bloomberg“:  Redakteur am Speed-Desk.

„Aufgabe:  Speed-Desk-Redakteure/innen senden bei Breaking News aus Deutschland und aller Welt die jeweils ersten Schlagzeilen und Kurzmeldungen an Bloomberg- Terminal-Kunden und Medienkunden. – Voraussetzungen sind Universitätsabschluss, journalistische Berufserfahrung in Deutschland, Nordamerika oder anderen Weltregionen sowie sehr gute Englischkenntnisse.“

 

(zu: Handbuch Service „Lexikon journalistischer Fachausdrücke“)

Gottgleiche Politiker

Geschrieben am 1. Februar 2012 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 1. Februar 2012 von Paul-Josef Raue in Aktuelles.

Dieser Scherz, nahe der Wirklichkeit, kursiert über Politiker und Funktionäre, die über mehrere Wahlperioden ganz oben sind, sei es als Oberbürgermeister, Ministerpräsidenten oder Landräte:

 „In der ersten Amtszeit sind sie gottesfürchtig; in der zweiten werden sie gottgleich; in der dritten fragen sie: Wer ist Gott?“

Ähnliches soll auch für Chefredakteure gelten, die Jahrzehnte regieren.

 

(zu: Handbuch, Kapitel 46 „Die Redaktion: Wer hat die Macht“ und das geplante Kapitel „Politiker und Journalisten“)

Blog-Gebote: Fairness, Sorgfalt, Überprüfen aller Fakten

Geschrieben am 31. Januar 2012 von Paul-Josef Raue.
0 Kommentare / Geschrieben am 31. Januar 2012 von Paul-Josef Raue in Online-Journalismus, Presserecht & Ethik.

Arianna Huffington (61) ist der Star unter den Bloggern. In die „Huffington Post“ lockte sie Legionen von Bloggern, ohne ihnen ein Honorar zu zahlen, machte die Post zur stärksten Nachrichten-Seite im US-Internet und verkaufte sie 2011 für über 300 Millionen Dollar an AOL.
In einem Focus-Interview nennt sie die Grundregeln für Blogger:

„Unsere goldenen Gebote heißen: Fairness, Sorgfalt, Überprüfen aller Fakten. Wie heißt es so schön: Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung, aber nicht auf seine eigenen Fakten.“

Die Themen, über die die Menschen am meisten sprechen: „Politik, Kunst, Bücher, Essen oder Sex.“

(Focus 4/2012, Seite 91)

(zu Handbuch-Kapitel 10 „Was Journalisten von Bloggern lernen können“)

Deutscher Rekord: 85-Buchstaben-Wort (Friedhof der Wörter)

Geschrieben am 30. Januar 2012 von Paul-Josef Raue.

Die englische Sprache hat ihre Vorzüge. Ihre Wörter sind in der Regel kürzer als die deutschen. So haben sich lange vor Erfindung der Anglizismen schöne Einsilber in die deutsche Sprache eingenistet: Die „Bar“ zum Beispiel, das „Steak“ und der „Toast“.

Bei Bar und Steak fällt niemandem, selbst dem eingefleischten Englisch-Hasser, ein deutsches Wort ein, das sich mit dem englischen messen könnte. „Toast“ oder „Röstbrot“? Freunde der deutschen Sprache, die den „Anglizismen-Index“ herausgeben, können sich das „Röstbrot“ durchaus vorstellen; und den „Toaster“ als „Brotröster“.

Auch das „Röstbrot“ ist ein kurzes, sogar bildhaftes Wort. Doch es taugt nicht für den Alltag. Wer im Restaurant einen Salat bestellt mit Röstbrot, der wird den verdutzten Blick der Kellnerin aushalten müssen. „Ach so, Sie meinen einen Toast!“

Den Ehrgeiz der Deutschen, sehr lange Wörter zu bilden, teilen Engländer und Amerikaner nicht. Ein Wort mit 85 Buchstaben ist im Englischen unmöglich. 85 Buchstaben – das ist deutscher Rekord, vor zehn Jahren entdeckt von der Duden-Redaktion in der „Neuen Zürcher Zeitung“.

Das längste Wort, das mindestens vier Mal belegt ist, hat 67 Buchstaben. Mit diesen Bandwurm-Wörtern endet diese Kolumne. Mehr Qual soll nicht sein:

85: Schauspielerbetreuungsflugbuchungsstatisterieleitungsgastspielorganisationsspezialist

67: Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung

Journalisten-Handbuch.de ist ein Marktplatz für journalistische Profis. Wir debattieren über "Das neue Handbuch des Journalismus", kritisieren, korrigieren und ergänzen die einzelnen Kapitel, Thesen und Regeln, regen Neues an, bringen gute und schlechte Beispiele und berichten aus der Praxis.

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